Es schreibt: Hana Šmahelová
(6. 5. 2026)Durch eine neue Perspektive umherirren
Das germanobohemistische Team des Instituts für tschechische Literatur der Tschechischen Akademie der Wissenschaften (Ústav pro českou literaturu AV ČR) veröffentlichte im Jahr 2024 ein weiteres Großwerk, das auf dem Konzept einer transkulturellen Auffassung der Literaturgeschichte basiert. Der etwas rätselhafte Titel Tvořeni literaturou [Durch Literatur geformt] sagt nicht viel aus, doch glücklicherweise gibt der Untertitel mehr Aufschluss, der die „gemeinsame Geschichte“ beider sprachlicher Gemeinschaften avisiert, die in der Kultur der Böhmischen Länder im langen 19. Jahrhundert vertreten waren. Hinter dieser Formulierung lässt sich bereits das Bestreben erahnen, den Fokus vor allem auf die kulturelle Zweisprachigkeit zu legen und sich so von dem eng national-tschechischen Ansatz in der traditionellen Literaturgeschichte abzugrenzen. Im Übrigen handelt es sich um einen Ansatz, der dem langfristigen Trend in der Forschungsarbeit dieses Autorenkollektivs entspricht, dessen bisherige Ergebnisse sich nicht nur durch eine heuristische Präzision, sondern auch durch eine gewisse Bereitschaft zu methodologischen Experimenten auszeichnen. Die Erwartung, dass dies auch diesmal der Fall sein wird, wird zudem durch den einleitenden Abschnitt gestützt, in dem Václav Smyčka die Prämissen, Absichten und theoretischen Grundlagen dieses Gemeinschaftsprojekts erläutert.
Wie viele Historiker vor ihm ist sich auch Smyčka bewusst, dass die kulturelle Entwicklung in den Böhmischen Ländern in diesem Zeitraum nicht erklärt werden kann, ohne die Wechselwirkungen zwischen der tschechisch- und der deutschsprachigen Literatur sowie der jüdischen ethisch-konfessionellen Tradition zu berücksichtigen. Das Hindernis sei das „große historiografische Schisma“ (S. 13), das die ältere Geschichtsschreibung präge, die laut Smyčka in nationalen Rahmen gefangen erscheint, was zu unterschiedlichen Interpretationen ähnlicher Fakten, zu Unterschieden in der Periodisierung, Terminologie und Bedeutungshierarchisierung usw. führe. Auch wenn er in einigen neueren Arbeiten Ansätze zur Überwindung dieses „Schismas“ feststelle, finde er selbst in diesen keinen „Schlüssel zur Schaffung einer interkulturellen literaturhistorischen Synthese“ (S. 17). Im Bewusstsein, dass zur Erreichung dieses Ziels eine bloße Erweiterung der Faktenlage, eine vergleichende Gegenüberstellung beider Sprachräume usw. nicht ausreichen kann, wendet sich der Autor zunächst der theoretischen Ebene zu, den Möglichkeiten, die für die Etablierung eines „alternativen Modells“ zur Verfügung stehen, in dem beide sprachlich unterschiedlichen literarischen Traditionen zusammengeführt würden. Das Grundpfeiler dieses Modells soll eine „neue Perspektive“ sein, die in der Verknüpfung von Konzepten der Interkulturalität (M. Weinberg) und Foucaults Subjekttheorie bestehe, die A. Reckwitz in seiner Theorie der kulturhistorischen Entwicklung der bürgerlichen Subjektivität weiterentwickelt hat. Ein derart begründetes Subjektkonstrukt erscheint im Rahmen von Smyčkas theoretischen Überlegungen als eine sinnvolle Wahl: Einerseits lässt es sich auf literarische Werke und Methoden der interpretativen Analyse beziehen, andererseits erfasst es wesentliche Merkmale eines breiteren kulturhistorischen und gesellschaftlichen Feldes, unabhängig von sprachlichen und nationalen Unterschieden. Die moderne Subjektivität ist laut Smyčka der Ausgangspunkt für die Übertragung „politisch belasteter Problematik kollektiver Identitäten“ (S. 17) auf eine „elementarere anthropologische Ebene“. Aus der Perspektive eines neuen historiografischen Modells bedeutet dies, jene ersehnte neue Perspektive zu finden, die endlich von engen nationalen Rahmen und deren „Emanzipations- und Verteidigungsnarrativen“ (S. 18) befreit ist.
Im nächsten Schritt (Unterkapitel Shrnutí hlavních tendencí [Zusammenfassung der wichtigsten Tendenzen], S. 22–25) definiert er vier Abschnitte der Entwicklung der bürgerlichen Subjektivität, was als Hinweis auf die chronologische Achse jener „gemeinsamen Geschichte“ verstanden werden dürfte. Der weitreichende Zeit-Raum – von der Aufklärung über die Krisenzeit am Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zum Ersten Weltkrieg – wird hier in einer etwas verschwommenen Form dargestellt, aus der nicht ersichtlich wird, durch welche Koordinaten und Meilensteine er als diskursives Feld im Verhältnis zur Entstehung und zum Wandel des bürgerlichen Subjekts definiert wird. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Leser also noch nicht, wie das Konstrukt der „neuen Perspektive“ in dem neuen Geschichtskonzept funktionieren wird, ob und wie es an der konkreten historischen Situation gemessen und korrigiert wird. Stattdessen präsentiert der Autor eine Auflistung soziokultureller Phänomene, die in vier (bzw. fünf) Abschnitten dann zum Thema einzelner Kapitel und Unterkapitel werden. Ihre Auswahl wird im Grunde nicht erläutert, sodass man auch über ihre Rolle bei der Erfassung der historischen Entwicklung in beiden Sprachräumen nur spekulieren kann. So führt beispielsweise im Zusammenhang mit der ersten Aufklärungsperiode der Weg zum Modell des aufklärerischen Subjekts über das Theater und die Romane und deren zunächst ausgeprägte „kultivierende und aufklärende Funktion“; in der nächsten Phase, die lediglich als „Anfang des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, sollte man nun auch die tschechisch sprachige Literatur schon mitbetrachten, und zwar vor allem unter dem Blickwinkel der „Würdigung der ländlichen Gesellschaft und des tschechischen ‚dávnověk‘ [das tschechische imaginierte goldene Zeitalter – Anm. des Übers.]“, in dieser Phase widerspiegle sich der Wertkodex des bürgerlichen Subjekts nicht nur in Satire und Tragik, sondern es tauche hier auch eine „transgressive Subjektivität“ in der Poetik romantischer Werke auf usw. Die 1850er Jahre nach der Revolution läuten eine neue Phase ein, in der die Erklärung historischer Wandlungen auf der Poetik literarischer Werke beruhen wird, die sich mit sozialen Themen, dem nationalen Kampf, politischen Programmen und Institutionen befassen, in denen die „bürgerliche Elite“ ihre Vorstellungen von Harmonie in der Gesellschaft und im modernen Subjekt zum Ausdruck bringt. Die letzte Phase (vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis 1920) wird durch Begriffe und Formulierungen charakterisiert, hinter denen sich die Realität bedeutender Veränderungen vermuten lässt, z. B.: „Triumph der bürgerlichen Kunst“, „Krise der bürgerlichen Subjektivität“ – und deren Lösung „in der Stärkung einer transgressiven Ästhetik“ und „in der Massenkultur nationaler Bewegungen“ usw.; der Erste Weltkrieg wird als „Katalysator“ verstanden, der den „Zerfall der alten Monarchie, aber auch der klassischen bürgerlichen Subjektivität“ beschleunigte (S. 35). Wie in den vorangegangenen Passagen bleibt es jedoch auch in diesem Fall bei Andeutungen, die leider am Rande eines semantischen Vakuums balancieren.
Die Absenz eines umfassenderen historischen Zusammenhangs, der für die Interpretation aller historischer Veränderungen unerlässlich ist, ist nicht die einzige fragwürdige Besonderheit von Smyčkas Einleitung. Problematisch ist ferner, dass der eingeschlagene Weg gar nicht hinterfragt wird, sowie die fehlende Reflexion über mögliche Fallstricke bei der Anwendung des Modells der bürgerlichen Subjektivität und des modernen Subjekts als neue Perspektive für die Konstituierung einer gemeinsamen Geschichte der tschechischen und deutschen Literatur. Der Verdacht, dass sich der Autor – anstatt sich selbst theoretisch mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Geschichte er eigentlich schreiben will – auf die Anwendung von Thesen anerkannter Theoretiker verlässt, wird durch seine apodiktischen Behauptungen verstärkt, die der Analyse konkreter Fakten vorgreifen, ohne die seine abstrakten Formulierungen nicht nur schwer verständlich, sondern vor allem schwer überprüfbar sind. Diese Art von Text steht üblicherweise am Ende als verallgemeinernde Zusammenfassung der vorangegangenen Teilbefunde. Wenn der Leser hier jedoch auf solche Passagen in der Form eines einleitenden Aufsatzes stößt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass alles durch ein durchdachtes Konzept in der Gliederung der einzelnen Blöcke und durch die Ausarbeitung der oben genannten Themen in den einzelnen Kapiteln in die richtige Perspektive gerückt wird.
Der erste Abschnitt Osvícenství – emancipace a disciplinace člověka literaturou (1760–1805) [Die Aufklärung – Emanzipation und Disziplinierung des Menschen durch die Literatur (1760–1805)] wird diesen Erwartungen gerecht. Die Anfänge der modernen Literatur werden in den Kontext des Eindringens aufklärerischer Ideen in das konservative, überwiegend katholische Umfeld der Böhmischen Länder gestellt. Smyčka (Autor aller Kapitel dieses Abschnitts) verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung des literarischen Schaffens von J. J. Eberle. In dessen Werk sieht er als Novum eine Offenheit gegenüber Einflüssen der Literatur protestantischer Länder, vor allem in der Hinwendung zu neuen Gattungen, die Raum für Kritik an der gesellschaftlichen Hierarchie und den bisherigen Wertkonventionen boten. Die Wandlungen der Themen und Einstellungen im zeitgenössischen Diskurs verfolgt er auch anhand von Literaturkritik und Gelehrtenreflexionen, die Bildung, Rationalität sowie moralische und kulturelle Werte proklamierten (Voigt, Seibt, Cornova u. a.). Es besteht kein Zweifel daran, dass diese intellektuelle Gärung, getragen von universellen Ideen der Humanität und des allgemeinen Fortschritts, (zumindest anfangs) keinen Nährboden für national- und sprachemanzipatorische Tendenzen darstellte. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Anzeichen für die Herausbildung der kulturnationalen Frage als weiteres diskursives Thema gab. Durch das Übersehen dieser Tatsache verschließt sich der Autor einer umfassenden Reflexion der literarischen Kommunikation jener Zeit und ignoriert damit die Rolle, die später (und zunehmend deutlicher) auch tschechisch sprachige Werke spielen sollten.
Andererseits ist die Darstellung des Kommunikationsnetzwerkes im Zeitalter der Aufklärung in Form einer vielfältigen und reichhaltigen literarischen Tätigkeit positiv zu erwähnen, die sowohl von Institutionen (Universitätslehre, Gelehrtengesellschaften, Druckereien usw.) als auch vom individuellen Bedürfnis zu schreiben getragen wurde. Vor dem Hintergrund unzähliger Namen von Persönlichkeiten, die in Zeitschriften veröffentlichten (einschließlich „literarischer Tagelöhner“), von Autoren unterschiedlichster Aufklärungs- oder Proklamationsbroschüren usw. zeichnet sich das Bild eines regen literarischen Lebens in deutscher Sprache ab, das in der tschechischen Literaturgeschichtsschreibung bislang in dieser Gesamtheit noch nicht erfasst wurde. Wichtig ist auch die Akzentuierung der Vorstellungen von einer neuen moralischen und ästhetischen Norm des Bürgers der Aufklärung. Smyčka vertritt in diesem Zusammenhang (unter Bezugnahme auf Seibts Vorträge) sogar die These, dass „die Geschichte der politischen Emanzipation in der Habsburgermonarchie somit mit einer ästhetischen Emanzipation des Geschmacks beginnt“ (S. 56). Anknüpfend an das vielfältige Feld der Publizistik widmet sich Smyčka in mehreren weiteren Unterkapiteln einem nicht minder bedeutenden Mittel zur Gestaltung und Repräsentation des bürgerlichen Subjekts, nämlich dem Theater, einschließlich der Kritik in den Zeitschriften, die das dramatische Schaffen und den Theaterbetrieb aus den ideologischen Positionen der Aufklärung heraus verfolgte. Erneut überzeugend beweist Smyčka die mehr oder weniger konfliktfreie Koexistenz der tschechischen und deutschen Theaterbühnen. Das breite Spektrum der Theaterproduktion in beiden Sprachen und in verschiedenen dramatischen Gattungen (vom Trauerspiel und dem historischen Drama über das Lustspiel bis hin zur Burleske) vervollständigt den Einblick in die Art und Weise der Themenbearbeitung, in der bereits das Bewusstsein für den Wandel gesellschaftlicher Normen und die Stellung des Individuums zum Tragen kommt. Ein wichtiger Bestandteil des Gesamtbildes der literarischen Kommunikation ist die Darstellung des Schaffens von Autorinnen (Romane oder Dramen) sowie die Reflexion von Briefwechsel und Tagebucheinträgen, in denen der Autor die Tendenz zur Natürlichkeit verfolgt. Zu der zusammenfassenden Feststellung über den Wandel der Lesergewohnheiten und der Lesart lässt sich noch hinzufügen, dass dadurch insgesamt ihre appellative und formative Funktion gestärkt wurde. In diesem Zusammenhang wäre es angebracht gewesen, zumindest eine kurze Betrachtung der Folgen der Theresianischen Schulreformen in Form einer steigenden Alphabetisierung und damit auch einer Stärkung der Zielgruppen für die Verbreitung von Meinungen mit gesellschaftlicher Tragweite durch die Literatur direkt in die Darstellung einzubeziehen (und nicht bloß nur durch einen Verweis auf Studien zu diesem Thema). Denn auch dies ist einer der Faktoren, die zum Zerfall des transnationalen kulturellen Diskurses der Aufklärung beigetragen haben. Der Verlauf dieses Prozesses wird jedoch weiterhin ausschließlich in der Prosa und im Drama des späten 18. Jahrhunderts verfolgt. Im Inhalt dieser Werke, in den Themen, Handlungen und im Verhalten der Figuren sieht der Autor die Verkörperung des bürgerlichen Subjekts (z. B. tatkräftige Räuber mit dem Verlangen nach Freiheit und zugleich einer „inneren Sentimentalität“, S. 100); auf dieselbe Weise leitet er aus einer anderen Art von Prosa („schwarze Romantik“) die Tendenz zur Skepsis gegenüber den ‚Wahrheiten‘ der Aufklärung, zu deren Verankerung in Rationalität und Ordnung, ab. In diesem Kontext erinnert er an Kants Philosophie, die zusammen mit den Gedanken weiterer Vorreiter der deutschen Romantik diese Positionen im Rahmen der Literatur vorwegnimmt. Mit diesem Kapitel, in dem unter anderem der Zusammenhang insbesondere zwischen der deutschen Ritter-, Abenteuer- und Geisterprosa (Ch. H. Spiess, A. G. Meissner, J. F. E. Albrecht) und der tschechischen Unterhaltungsliteratur gut herausgearbeitet wird, endet auch der gesamte Abschnitt, der der Aufklärung gewidmet ist.
Im folgenden Abschnitt Doba předbřeznová – kompenzace a revolty (1806–1848) [Der Vormärz – Kompensationen und Revolten (1806–1848)] kommt hinsichtlich der Umsetzung des deklarierten Konzepts bereits der Moment der Wahrheit. Zwar wurde im Diskurs der Aufklärung das bürgerliche Subjekt geboren, und hier liegen auch die Anfänge der modernen Literatur, doch die Problematik der untersuchten Zweisprachigkeit und der ethnisch abgegrenzten Identität steckt hier noch in den Anfängen. Diese Situation ändert sich allerdings im Laufe der ersten vier Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und erschwert die Arbeit des Historikers, der eine „gemeinsame Geschichte“ schreibt, erheblich. Nicht nur, dass die Verunsicherung der aufklärerischen Ordnung der Rationalität und des Vertrauens in die Wertehierarchie weiter voranschreitet, sondern unter dem Druck der Unsicherheit gegenüber der Außenwelt und dem eigenen Inneren wandelt sich auch das Subjekt selbst. Dabei geht es nicht nur um Prozesse innerhalb der Kultur, sondern um die Folgen der Umwälzungen, die seit der Großen Französischen Revolution und den darauffolgenden Napoleonischen Kriegen auf die Gesellschaft einwirkten. Es ist verwunderlich, dass die Autoren dieses Abschnitts es nicht für notwendig erachteten, die Auswirkungen dieser historischen Ereignisse auf den Wandel der diskursiven Kommunikationsbeziehungen, der sich besonders stark in der Literatur zeigt, zu reflektieren. Ich meine vor allem die Frage der Identität, die sowohl im tschechischen als auch im deutschen kulturellen Umfeld nachhallte und langsam immer schärfere nationale Formen annahm. Diese und andere wichtige kontextuelle Ausgangspunkte für das Verständnis dessen, was in der Literatur geschah (Philosophie, Ästhetik), sind hier zwar (vielleicht?) latent vorhanden, allerdings nur als eine Art vages allgemeines Bewusstsein, das nicht als Frage formuliert wird, die man konkret auf die untersuchten Fakten beziehen könnte.
Umso mehr ist es zu würdigen, dass Václav Petrbok im Einführungskapitel zumindest ansatzweise diesen Weg eingeschlagen hat, indem er nach den Gründen für die prestigeträchtige Stellung der Literatur und den Wegen fragt, auf denen sie diese erreicht hatte, und indem er sich dafür interessiert, „in welcher Weise sich ähnliche Tendenzen auf Seiten ‚der Anderen‘, also der Persönlichkeiten, die sich mit dem deutschsprachigen Kulturraum identifizierten, manifestierten“ (S. 127–128). Im Einklang mit dieser Absicht richtet er seine Aufmerksamkeit zunächst auf die Institutionen (Schulen, kirchliche Einrichtungen, Salons), welche Einfluss auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen den beiden Sprachräumen hatten. Das Problem ist, dass der Autor, anstatt einer Antwort auf die oben gestellten Fragen nachzugehen, überwiegend nur eine pauschale Aneinanderreihung von Einzelheiten und Teilereignissen präsentiert – Fakten wie etwa Namen von Persönlichkeiten mit einer kurzen Charakterisierung von deren Tätigkeit und von deren gesellschaftlichen Beziehungen. Durch die Aufzeichnung all dieser Aktivitäten und Meinungen ohne interpretative Reflexion, ohne Feststellung der Rolle einzelner Persönlichkeiten in dem jeweiligen Bereich und damit im gesamten historischen Prozess der tschechisch-deutschen Koexistenz entsteht zwar ein buntes, aber undifferenziertes Mikro-Panorama des Geschehens, das gleichermaßen wichtig wie unbedeutend sein mag. So ist es vielleicht überflüssig zu fragen, warum beispielsweise in dem kleinen Kapitel über das Schulwesen die Gründung und die Bedeutung von Stolice české řeči a literatury (Lehrstuhls für tschechische Sprache und Literatur) an der Prager Universität mit keinem Wort erwähnt wird, warum der Name V. A. Svoboda, mit dem zahlreiche Aktivitäten zur Vermittlung zwischen der tschechischen und deutschen Literatur verbunden sind, nur eine unauffällige Erwähnung in Klammern findet, warum eine Reihe weiterer Persönlichkeiten (von Bolzano, Müller und Exner bis hin zu Palacký und Havlíček) wie verirrte Figuren aus einem Drama durch den Text ziehen, in dem der Vorhang längst gefallen ist. Dass die abschließende Zusammenfassung (S. 145) an den vielversprechenden Fragen vom Beginn dieses Kapitels völlig vorbeigeht, ist letztlich keine überraschende Feststellung.
Unter den Themen, die in der Einleitung der Publikation für die Zeit des Vormärz als zentral angesprochen werden, dominiert (neben der sog. dávnověkost) auch die Volksdichtung. Mit dieser Thematik befasst sich Ladislav Futtera im Kapitel Za ideály lidové kultury [Für die Ideale der Volkskultur]. Auch er stellt sich zu Beginn Fragen, die sich auf das künstlerische Wesen dieser Art von Schaffen, auf ihre Grenzen zur Literatur und auf das zeitgenössische Verständnis von Folklore im Verhältnis zum bürgerlichen Subjekt beziehen. Es fehlt nur eine einzige, dafür aber grundlegende Frage: Warum kam es überhaupt zu diesem Interesse an der Volksdichtung? Die umfangreiche Fachliteratur, die der Autor zweifellos gut kennt, bietet zahlreiche Anstöße zur Reflexion über die philosophischen und ästhetischen Grundlagen des Prozesses, in dem die Volksliteratur zu einem der markantesten Themen des kulturnationalen Diskurses wurde. Der Autor war sich sicherlich bewusst, dass die Überlegungen Herders, aber auch Fichtes, F. Schlegels, der Brüder Grimm, Görres’ und anderer für die Beschreibung der Gemeinsamkeiten, aber auch der wesentlichen Unterschiede in der Auffassung der Werte und der Bedeutung der Folklore bei beiden Volksgruppen unerlässlich sind. Futtera konzentriert sich jedoch, ebenso wie der Autor des vorangegangenen Kapitels, auf eine mehr oder weniger oberflächliche Darstellung vor allem des prosaischen Schaffens, auf das sich das Schema des bürgerlichen Subjekts leichter anwenden lässt. Dabei stützt er sich auch auf seine langjährigen und in vielerlei Hinsicht aufschlussreichen Forschungen zu deutschen Bearbeitungen von Sagen und Märchen, sodass er in faktischer Hinsicht wertvolle zusammenfassende Informationen über die Sammeltätigkeit deutscher Literaten sowie über deren Bearbeitungen der Volksdichtung in diesem Kapitel liefert. Bei den einzelnen Autoren verfolgt er vor allem formale Unterschiede in der Bearbeitung von prosaischen Stoffen und poetischen Gattungen und ergänzt diese Kommentare gelegentlich durch Zitate zeitgenössischer Meinungen zur Volksliteratur.
Über dieser faktenreichen, aus historischer Sicht jedoch leicht verwirrenden Darstellung schwebt unberücksichtigt die Frage, inwiefern das bürgerliche Subjekt mit dem Wandel der Beziehung zur Volkskultur in den vierziger Jahren und den zunehmenden national-emanzipatorischen Tendenzen zusammenhängt. Aus einer Reihe von Überlegungen zum Verhältnis zwischen Volksliteratur und Kunstliteratur – man denke beispielsweise an Erbens Ausführungen in einem Brief an S. Vráz, an die Aufsätze von V. B. Nebeský oder Havlíček, an Štúrs Auffassung von slawischer Folklore oder an Reflexionen über die nationale Kultur aus philosophischer Sicht (J. Fidrmuc, K. B. Štorch, Artikel von F. Čupr in Ost und West u. a.) – wird deutlich, dass es um eine Suche nach dem Wesen einer national emanzipierten Literatur ging. Es besteht kein Zweifel daran, dass die ethischen und ästhetischen Normen des aufklärerischen Modells, angepasst an die Ideen und den Geschmack der Biedermeierzeit, eine wichtige Rolle bei den Vorstellungen von Folklore und deren Umsetzung in Literatur in beiden Sprachen spielten. Es gilt jedoch zugleich, dass das Streben nach einem einzigartigen Charakter der aus dieser Quelle erwachsenden nationalen Literatur auf der tschechischen Seite anders verstanden wurde als auf der deutschen. Das Ignorieren oder Umgehen von Fragen, die auf einen Zusammenhang mit der sich wandelnden gesellschaftlichen Funktion der Literatur, mit kritischen und allgemeinen Reflexionen über Literatur/Kunst usw. hindeuten würden, ist nicht nur in diesem Kapitel erkennbar. Der gleiche Mangel zeigt sich auch in den folgenden Unterkapiteln dieses Abschnitts. Im Kapitel Historismus a hledání národních dějin [Historismus und die Suche nach nationaler Geschichte] (von Ladislav Futtera und Matouš Turek) wird zwar zu Beginn in leicht essayistischem Ton der gesellschaftspolitische Rahmen der historischen Epik und Prosa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts skizziert, doch verlagert sich der Schwerpunkt der Darstellung bald auf die Beschreibung einzelner deutscher Werke und deren Vergleich mit ähnlichen tschechischen Texten. Diese Methode füllt zweifellos die bisherigen Lücken auf der Landkarte des literarischen Geschehens im böhmischen Raum und erfasst in einzelnen Fällen Unterschiede in der Poetik, in der Gestaltung von Handlungssträngen usw. Für interpretatorische Schlussfolgerungen allgemeineren (geschichtsbildenden) Charakters ist dies jedoch nach wie vor ein zu eng gefasster und in gewisser Weise isolierter Ansatz, auch wenn die Autoren sich die Mühe geben, ihn durch Verweise auf die einschlägige Fachliteratur zu den jeweiligen Teilthemen zu erweitern.
Man könnte die Betrachtung des komplexen Weges, den das bürgerliche Subjekt sich durch die Kultur und Literatur des 19. Jahrhunderts bahnt, fortsetzen und dabei immer wieder auf dieselbe Art von Problemen stoßen, wie sie oben erwähnt wurden. Andererseits gilt es auch die positiven Aspekte hervorzuheben, vor allem die neuen Einblicke in das deutschsprachige Schaffen und die insgesamt wesentliche Erweiterung der kulturhistorischen Faktenlage, die sich insbesondere auf die Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bezieht. Zu erwähnen wäre etwa Smyčkas gelungene Verknüpfung von Máchas Werk mit den in Böhmen tätigen deutschen Romantikern sowie Petrboks breit angelegte Darstellung (Mladé Čechie a poetiky revolty, S. 267–290), die den gemeinsamen Aufbruch einer jungen, revolutionär gesinnten Generation tschechischer und deutscher Literaten nachzeichnet, jedoch auch die komplexe jüdische Thematik anspricht. Eine überzeugende Analyse der Verbindungen zwischen tschechischem und deutschem Kontext (z. B. Meissner – Sabina – Neruda; Svátek – Stifter) liefert auch das Kapitel Politizace literaturou a literatury [Politisierung durch Literatur und Politisierung der Literatur“] (S. 338–360) von Mirek Němec.
Im Einführungskapitel der letzten, vierten Abteilung reflektiert derselbe Autor über die doppelte Funktion der Modernität (Mezi organizovanou a transgresivní modernitou [Zwischen organisierter und transgressiver Modernität]), wobei er den Zerfall des Konzepts der bürgerlichen Kultur und die Transformation der bürgerlichen Subjektivität in Vereinsaktivitäten verfolgt, an denen Literaten, Künstler und Intellektuelle beider Nationalitäten beteiligt waren. Im darauffolgenden Kapitel (Literatura a představy národních společenství [Literatur und Vorstellungen von nationalen Gemeinschaften]) verfolgt Němec die literarischen Reaktionen auf den Wandel der Nationalität in der Zeit der Jahrhundertwende durch einen Vergleich der Prosa tschechischer und deutscher Autoren, einschließlich der sog. Grenzlandliteratur. Neben den sich abzeichnenden Tendenzen zu nationalistischem Radikalismus und Chauvinismus (H. Watzlik) beschreibt er jedoch auch kulturelle und literarische Äußerungen, die in die entgegengesetzte Richtung wiesen, hin zu Versöhnung und gegenseitiger Bereicherung (Masaryks Schrift Česká otázka [Tschechische Frage], das Manifest Česká moderna [Tschechische Moderne], die Erzählungen von R. M. Rilke u. a.). In diesem Kapitel wird das diskursive Thema der Nationalität erstmals im Zusammenhang mit seinen Anfängen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beleuchtet. Ein weiterer untersuchter Bereich der Moderne ist die sog. Fantastik, die in ihren künstlerischen Ausdrucksformen bis in die Kriegszeit hineinreicht. Die Autoren des Kapitels (Smyčka – Turek) stellen deren Verbindung zu Okkultismus, Dekadenz, Spiritismus und Psychoanalyse als kosmopolitischen Raum dar und werfen dabei die inspirierende Frage auf, ob „neben gemeinsamen Begegnungen […] auch so etwas wie eine gemeinsame Poetik entstand, die auf diese Facette der Krise des bürgerlichen Subjekts reagierte“ (S. 526). Ein weiteres Moment der Krise beleuchtet das abschließende Kapitel über den Naturalismus, den der Autor Jan Budňák als eine „Krise der anthropologischen Differenz“ auffasst (Kapitel Zvíře v člověku [Das Tier im Menschen], S. 547–269), was er durch eine detaillierte Beschreibung und einen Vergleich der Prosa von P. Langmann, J. Merhaut und M. Ebner-Eschenbach belegt. Derselbe Autor schließt das Buch mit einem Epilog betitelten Text ab. Auch wenn dessen Inhalt den letzten Abschnitt des gemeinsamen Weges der tschechischen und deutschen Literatur während des Krieges und kurz nach dessen Ende behandelt, zielt die Darstellung durch Teilschlussfolgerungen auch auf eine teilweise zusammenfassende Aussage über die Position des bürgerlichen Subjekts ab. Der Autor stützt sich auf die Analyse der Werke von vier Autoren (E. Weiß, F. Šrámek, F. Kafka, J. Hašek), in denen er eine Reihe von Anzeichen für den Zerfall „einer kulturellen Formation“ aufdeckt, „die nach Erziehung strebte, nach der Bildung eines autonomen, tatkräftigen und zugleich innerlich reichen Individuums – als Maß aller Dinge – und dies unter anderem durch die Literatur erreichen wollte“ (S. 586).
Abschließend bleibt nur noch zu überlegen, welche Geschichte dieses umfangreiche Buch eigentlich präsentiert. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht ist das Schreiben von Geschichte ein offenes Feld von Möglichkeiten, in dem verschiedene Formen der Gliederung diskutiert und erprobt werden. Auch Die gemeinsame Geschichte hat die traditionelle, linear strukturierte Darstellung, die von einer einheitlichen Idee getragen wird, hinter sich gelassen, ohne jedoch auf die gemeinsame „neue Perspektive“ zu verzichten, die mithilfe des Konstrukts des bürgerlichen Subjekts abgesteckt wurde. Die soziologisch-philosophischen Koordinaten dieses Modells wurden gewählt, um in der Geschichtsbetrachtung die alten (nach Ansicht der Autoren politischen und ideologischen) „nationalen Rahmen“ zu ersetzen. Wenn man etwas Altes ersetzt, muss man das Vorherige jedoch nicht gleich leugnen. Genau das ist jedoch geschehen. Es geht vor allem um eine Ablenkung der Aufmerksamkeit von den kulturell emanzipatorischen Aktivitäten auf tschechischer Seite, die sich bereits in der Wahl der Themen der Kapitel und Unterkapitel zeigt, sich im Ton der Darstellung und nicht zuletzt in einem gewissermaßen irreführenden Umgang mit der Terminologie manifestiert. Infolgedessen kommt es zu einer Zerstreuung und damit zu einer Schwächung der Möglichkeit, verschiedene Ausdrucksformen der Nationalität als einen der prägenden Faktoren der Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts in beiden Sprachen zu erfassen.
Um die zweite Grundstütze für die Untersuchung des Wandels in der Literatur haben sich die Autoren gebracht, indem sie die spezifischen Funktionen des künstlerischen (ästhetischen) Textes, die ebenfalls ihre eigene Geschichte haben, völlig außer Acht gelassen haben. Auf seinen eigenen Zeitreisen steht hier das poetische Subjekt im Zentrum, dessen Verhältnis zum bürgerlichen Subjekt bei weitem nicht so geradlinig ist, wie die Autoren zu suggerieren versuchen, wenn sie vorwiegend nur die Widerspiegelung des zeitgenössischen Denkens in Handlungssträngen und Motiven verfolgen. Unter dem Mangel an fortlaufender Reflexion leidet jedoch auch das Konstrukt des bürgerlichen Subjekts selbst, von dem die „neue Perspektive“ der gemeinsamen Geschichte abhängt. Seine Parameter und seine aufklärerische Konstellation blieben in dem Buch im Wesentlichen unverändert, obwohl sich die Welt um es herum veränderte und damit auch die Bedingungen für die literarische Kommunikation. Die Notwendigkeit eines solchen Ansatzes, der die Geschichtskonstruktion zusammenhält und ihre Kohärenz gewährleistet, ist besonders dringlich, wenn der Inhalt der Publikation aus einer Vielzahl von Teilabschnitten besteht, die von verschiedenen Autoren bearbeitet wurden, entweder eigenständig oder in Zusammenarbeit mit anderen. Die Lockerung von Zusammenhängen (sowohl zeitlicher als auch inhaltlicher Art) zwischen den einzelnen Themen und die Unausgewogenheit der einzelnen Kapitel verstärken die Unübersichtlichkeit und das Gefühl der Diskontinuität. Bis zu einem gewissen Grad hätte wahrscheinlich eine Schlussstudie die Folgen der Fragmentierung des Geschichtsbildes in Fallstudien abmildern können, in der auf allgemeiner Ebene und auf der Grundlage der Erkenntnisse aus den einzelnen Kapiteln genau jene Faktoren des literarischen und kulturellen Geschehens formuliert worden wären, die es ermöglichen, die historische Realität der Koexistenz tschechischer und deutscher Literatur besser zu verstehen. Auch wenn dies nicht geschehen ist, bleibt die Tatsache bestehen, dass die vorliegende Publikation die bislang umfassendste Darstellung der deutschsprachigen Literaturproduktion im Rahmen der Literatur des 19. Jahrhunderts in den Böhmischen Ländern darstellt. Auch ändert dies jedoch nichts an der Tatsache, dass die gemeinsame Geschichte des zweisprachigen literarischen Raumes bislang nun etwas ratlos in der „neuen Perspektive“ umherirrt, in die sie hineingeworfen worden ist.
Václav Smyčka – Václav Petrbok (Hgg.): Tvořeni literaturou. Společné dějiny česky a německy psané literatury českých zemí (1780–1920). Praha: Ústav pro českou literaturu AV ČR ve spolupráci s nakladatelstvím Filip Tomáš – Akropolis, 2024, 661 S.



















