Es schrieb Rudolf Illový

(10. 4. 2026)

Der Text Pražští němečtí básníci [Prager deutsche Dichter] des Publizisten, Literaturhistorikers, Dichters und Übersetzers Rudolf Illový (1881–1943), der aus einem jüdischen Milieu in Mittelböhmen stammte und dessen Leben lang mit der Sozialdemokratischen Partei verbunden war (er schrieb u. a. für folgende Periodika: Akademie, Rudé květy, Právo lidu, Nová svoboda, Tribuna, aber auch für die deutschsprachigen Zeitschriften wie etwa Der Sozialdemokrat oder Die Büchergilde), ist ein typisches publizistisches Dokument der frühen Nachkriegszeit, in dem sich Literaturkritik mit politischer Agitation vermischt. Der Autor geht zwar von einem bemerkenswerten Phänomen aus – der starken Bindung der Prager deutschen Autoren an die Stadt –, doch seine Interpretation unterliegt von Anfang an einer nationalen Perspektive. Prag wird hier als „unsere“ Stadt verstanden, während deutsche Dichter nur insofern toleriert werden, als ihr Schaffen das tschechische Eigentumsrecht am kulturellen Raum bestätigt. Dadurch wird die literarische Analyse auf ein Instrument zur Legitimierung der staatlichen Ideologie reduziert. Illový hat die besondere Einbildungskraft der Prager deutschen Autoren – ihre Faszination für das Fantastische und Bizarre – richtig erkannt, interpretiert sie jedoch als Verzerrung der Realität und nicht als ästhetisches Programm der Moderne. Mit seiner Behauptung, dass dies „nicht mehr unser Prag“ sei, verrät er, dass das Kriterium der Wahrhaftigkeit nicht der künstlerische Wert ist, sondern die Übereinstimmung mit der Erfahrung des „tschechischen“, also des sich zum tschechischen Volk bekennenden Autors und Lesers. Illový bestreitet die Legitimität einer anderen kulturellen Sichtweise und erlegt den deutschsprachigen Autoren die politische Pflicht auf, staatsbürgerlich loyal zu sein – dabei ist er selbst ein typischer Vertreter der mehrsprachigen Kultur Prags, ihr langjähriger anerkannter Begleiter und Kommentator (seinen ehemaligen Kommilitonen Franz Kafka erwähnte er bereits 1913 und schrieb auch einen Nachruf auf ihn, Illovýs Frau Milena gehörte sogar zu Kafkas ersten Übersetzern). Mit seinen Standpunkten und Forderungen zeigt der Rezensent eigentlich die Unsicherheit der Akteure und die Instabilität der ersten Monate der neugegründeten Republik, die kulturelle Pluralität nur dann wünschte, wenn sie die Einheit des Staates bestätigte. Illový schrieb seinen Text zweifellos aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Literatur eine gesellschaftliche Verantwortung hat und dass die kulturellen Eliten politische Konflikte verhindern können. Heute lässt sich dies leicht als Paternalismus gegenüber der deutschen Minderheit lesen, aber 1919 war es auch Ausdruck der Angst vor einem weiteren Zerfall des Raumes, der noch ein Jahr zuvor als ein zwar innerlich zerrüttetes, aber dennoch nach außen hin einheitliches Ganzes existiert hatte. Vielleicht wirkt Illový gerade deshalb heute interessanter als radikalere Publizisten (wie z. B. Karel Jehlička, der Wieners Anthologie am 23. Mai 1920 in Národní listy als ein „Produkt [bezeichnete], das durch Handlungen von außen geschaffen wurde“ und dabei eine triumphalistische Position „eines Volkes, das mächtig um seine Rechte kämpft, eines leidenden Volkes, eines siegreichen Volkes“ einnahm): Er repräsentiert keinen siegreichen, sondern einen ängstlichen Nationalismus – das Bestreben, die fragile Realität schnell zu stabilisieren. Und damit verwandelt sich sein Text von einer zeitgenössischen Polemik in ein wertvolles Dokument des damaligen, keineswegs radikal nationalistischen Denkens: Er zeigt, wie auch ein relativ offener Intellektueller denkt, wenn der politische Rahmen sich schneller wandelt als die kulturelle Erfahrung.

 

Illovys Text blieb nicht unbeantwortet. Otto Pick (1887–1940), sein deutschsprachiger Weggefährte, Publizist, Übersetzer und Dichter, reagierte bereits eine Woche später in der Zeitung Právo lidu (Nr. 268, 15. 11. 1919, Sobota, S. 10) darauf. Aus seiner Antwort, die ebenfalls eine Veröffentlichung verdient hätte, möchten wir folgende bezeichnende Sätze zitieren: „Ich spreche nur für mich selbst, nicht im Namen der Mehrheit (…). Ein Dichter muss sich gegen jeden Chauvinismus stellen. (…) Die deutschen Schriftsteller in Prag sind eo ipso Angehörige der Republik, und meines Wissens wurde von ihnen vom Staat keine besondere Wahl verlangt oder ihnen eine solche gestattet. Zweitens würde ein solches „Manifest“ den Eindruck erwecken, als hätten die deutschen Schriftsteller in Prag bisher eine feindliche Haltung gegenüber der Republik eingenommen. Drittens scheint jedoch nicht bekannt zu sein, dass ein Teil der deutschen Prager Schriftsteller in ihrem bürgerlichen Beruf tschechoslowakische Staatsbeamte sind.“ Pick teilt die ethische Dimension der Literatur mit Illový, gründet sie jedoch auf einem gegenteiligen Prinzip: Er lehnt es ab, für die Gesamtheit zu sprechen und schreibt der Gruppe keine einheitliche Haltung zu. Gerade diese Zurückhaltung – Unwilligkeit, zu verallgemeinern – wird bei ihm zu einer grundlegenden ethischen Geste.

 

vpb

 

 

Rudolf Illový: Prager deutsche Dichter

(Právo lidu 28, 1919, č. 262, 8. 11., S. [10])

 

„Ich liebe Prag, wie man nur seine Heimat lieben kann.“ Mit diesen Worten bekennt der deutsche Dichter Oskar Wiener sich im Vorwort seiner Anthologie „Deutsche Dichter aus Prag“ (herausgegeben von E. Strache in Varnsdorf und Prag) zu seiner Liebe zu Prag. Die deutschen Literaten hängen so sehr an Prag, dass es angesichts des Nationalismus der deutschen politischen und gesellschaftlichen Kreise geradezu verwunderlich ist. Die Prager Straßen, alle Winkel Prags, das gesamte barocke Ambiente der Stadt üben eine solche Anziehungskraft auf sie aus, dass sie, obwohl sie sich anderswo hingezogen fühlen, sich innerlich nicht von ihrer Heimat loslösen können, die sie – eben weil sie Dichter sind – lieben müssen. Die deutsche Minderheit in Prag, die eine winzige Insel im slawischen Meer darstellt und die zum Beweis ihrer unnatürlichen Künstlichkeit nur Hochdeutsch spricht, unterscheidet sich in jeder Hinsicht vom übrigen Deutschtum, weshalb aus ihr eine Reihe literarischer Talente hervorgegangen ist, Dichter, die gerade wegen ihrer spezifischen Prager Originalität unter den Deutschen einen guten Ruf genießen. So kam es, dass Prag das literarische Zentrum der Deutschen im ehemaligen Österreich war und nicht Wien.

 

Es ist interessant zu beobachten, wie diese Deutschen Prag sehen. Sie betrachten es weder so nüchtern und realistisch wie wir, noch umgeben sie es mit einem Nimbus des Historismus, sondern sie suchen darin alles, was ihnen seltsam und fantastisch erscheint. „Prag, die Stadt der Sonderlinge und Phantasten“, so spricht Wiener über die Stadt. Max Brod, Gustav Meyrink und Paul Leppin sind in ihren Romanen bedeutende Vertreter dieser Richtung. Prag wächst in ihren Werken zu einer grotesken Fantasiewelt heran, es ist nicht mehr unser Prag, sondern eine Stadt, aus der sich diese Dichter alles herausgewählt haben, was ihren Vorlieben entsprach. Prag ist eine Stadt voller Orchideen und anderer exotischer Blumen, die Dichter wandeln durch dieses Ambiente, und alles, was sie sehen, wirkt bizarr, und alles, was sie fühlen, ist von einer Art magnetischem Zauber umgeben. Manchmal scheint es, als hätten sie in ihren Romanen ihr eigenes, besonderes Prag geschaffen, das unserem Empfinden fremd ist, das sie jedoch mit der besonderen Liebe sorgfältiger und künstlerisch empfindender Architekten erbaut haben.

 

In Wieners Anthologie finden sich unter fast 40 Dichtern viele Literaten, die auch bei uns einen guten Ruf genießen: Friedrich Adler, der mit seinen meisterhaften Übersetzungen der Gedichte von Vrchlický, die bei Reclam erschienen sind, bereits vor einigen Jahrzehnten die Deutschen mit unserer Poesie bekannt gemacht hat. Rainer Maria Rilke, ein subtiler Lyriker, der bei uns vor allem durch seine Erzählung über Omladina bekannt ist, und Franz Werfel, ein Dichter der ursprünglichen Freude, Güte und Frömmigkeit. Mit besonderer Liebe taucht Hugo Salus in die Welt des alten Prag ein. Er spaziert an einem Wintertag durch die Straßen Prags nach Hradschin, um sich an der winterlichen Pracht zu erfreuen und sich davon verzaubern zu lassen. Die St.-Veits-Kathedrale und die Burg, mächtig und reich, daneben Gassen und Treppen, und alles bedeckt von einer zarten Schneeschicht: Es gibt nichts Schöneres auf der Welt! So in dem Gedicht von Salus „Wintertag auf dem Hradschin“. Und weiter heißt es: Rundherum ein Wunder, durch das ich hier wandle, wie ein Märchen flüstert der Schnee vom Mittelalter, das hier stehen geblieben ist.“ Die tschechische Psyche charakterisierte Kamil Hoffmann in einem Gedicht, das er 1910 für Otakar Theer schrieb: „Es dehnt sich darin des Böhmerlands schwerkrumiger Acker in trägem Glanz, – die jungen Soldaten brennt es im Stillen, sie tragen des Kaisers Blick wider Willen.“ Der Zauber Prags spiegelt sich auch in Wieners Gedichten wider, selbst dort, wo er Prag nicht ausdrücklich erwähnt.

 

Alle Dichter in dieser Anthologie liefern mit ihren Werken einen neuen Beweis dafür, dass sie nur in Prag zu dem werden konnten, was sie geworden sind. Es war Prag, das sie großgezogen hat. Es war Prag, das sie zu Dichtern gemacht hat, und Prag hat ihnen allen den Stempel der Originalität aufgedrückt. Sie sind und bleiben Prager Dichter. Es wäre wünschenswert, dass sie diese Liebe auch unter den Deutschen verbreiten und ihnen beibringen, unsere Republik zu lieben.

 

Nur Menschen mit hohem kulturellem Ansehen können eine kulturelle Versöhnung zwischen zwei Völkern herbeiführen, und als solche wären vor allem die deutschen Dichter in Prag dazu berufen. Mit Bedauern müssen wir feststellen, dass diese Dichter seit dem Umbruch nichts unternommen haben, was sie uns nähergebracht hätte. Wir hätten erwartet, dass sie sich feierlich zur Republik bekennen und sich in einem Manifest an das deutsche Volk in unserer Republik gegen deutschen Fanatismus und Chauvinismus stellen. Das haben sie bisher nicht getan, und in dieser Zurückhaltung liegt ihre tragische Schuld. Von wem sonst könnte man verlangen, dass er als Erster die Hand zur Versöhnung ausstreckt, wenn nicht von einem Schriftsteller, der Prag liebt? Noch ist Zeit! Werden die deutschen Dichter diese historische Zeit verstehen und sich entsprechend verhalten? Wir erwarten von ihnen eine mutige Tat und hoffen, dass sie sich nicht mit Leuten wie K. H. Strobl und anderen Feinden des tschechischen Volkes verbünden.

 

Beim Lesen von Wieners Sammlung „Deutsche Dichter aus Prag“ wünschen wir uns spontan, dass auch eine andere Anthologie herauskäme, nämlich eine, in der alles versammelt wäre, was deutsche Dichter über Prag geschrieben haben. Es wäre eine sehr interessante und wertvolle Sammlung und ein sehr umfangreiches Buch, denn es müsste alles enthalten, angefangen bei Ebert und Meissner bis hin zur jüngsten Generation. Eine solche Sammlung würde, unter den Deutschen verbreitet, ihre Aufgabe erfüllen.

 

Im Strache-Verlag in Varnsdorf wurde gleichzeitig ein weiteres Buch von Wiener veröffentlicht. Auch diesem wünschen wir bereits jetzt eine möglichst große Verbreitung in den deutschen Gebieten unserer Republik. Es handelt sich um „Böhmische Sagen“, deutsche Sagen aus Böhmen. In einer prächtigen Ausgabe wird hier eine Auswahl von Sagen aus unseren tschechischen und deutschen Regionen präsentiert. Dieses schöne Buch erzählt aus den Chroniken in der Aussig-Region oder dem Böhmerwald, Geschichten aus dem Erzgebirge, Geschichten aus dem alten Prag, Märchen in Versform (darunter auch eine Übersetzung von Erbens „Mittagshexe“) und es ist eine Freude, es zu lesen. Ob es sich nun um Geschichten aus den deutschen Regionen in Böhmen oder aus der Šárka-Region handelt, ob es sich um Legenden aus dem Prager Ghetto oder um Sagen über Horymír und Dalibor handelt, ob es sich um verschiedene Stücke aus der Gifthütte in Prag oder vom fröhlichen Dekan Hockewanzl aus Police handelt, bei allen diesen Geschichten spürt man, dass sie von jemandem geschrieben und bearbeitet wurden, der zwar selbst kein Tscheche ist, aber dennoch die Tschechen wirklich liebt. Dies Buch beweist außerdem, dass es kein sogenanntes „Deutschböhmen“ gibt, sondern dass Böhmen als Land eine einzige, unteilbare Einheit bildet, deren verschiedene Teile eng miteinander verbunden sind. Die Deutschen brauchen solche Bücher dringend, denn daraus würden sie erkennen, dass sie mit ihrem ganzen Wesen so stark in Böhmen verwurzelt sind, dass keine Irredentisten jemals in der Lage sein werden, die deutschen Gebiete von den tschechischen zu trennen. Die Deutschen in der Region Reichenberg, Trautenau und im Böhmerwald können nicht anders als tschechisch fühlen. Je früher sie sich dessen voll bewusstwerden, desto eher finden sie den Weg zu uns und desto besser wird es für sie sein.

 

Wenn sich die Prager deutschen Dichter gegen den Chauvinismus und die nationale Voreingenommenheit ihrer Landsleute stellen, beweisen sie damit, dass die Liebe zu Prag, die sie in ihren Werken so oft betonen, keine poetische Hyperbel ist, sondern Realität. Wenn die Prager deutschen Dichter tschechische Autoren ins Deutsche übersetzten, haben sie damit dem deutschen Volk den Dienst erwiesen, das nun aus der tschechischen Literatur die richtigen Informationen über uns holen kann, und wir fühlen uns nicht verpflichtet, ihnen deswegen besonders dankbar zu sein. Ebenso werden diese deutschen Prager Dichter nur dem deutschen Volk nützen, wenn sie sich nun gegen Nationalismus und Chauvinismus unter den Deutschen einsetzen.


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