Es schreibt: Petr Mareš

(19. 3. 2026)

Der Sammelband Vielsprachigkeit der Sprache. Mehrsprachigkeit in den slavischen Literaturen (Tübingen: Narr Francke Attempto, 2025), herausgegeben von Anja Burghardt und Eva Hausbacher, demonstriert das aktuelle Interesse an der Problematik der Mehrsprachigkeit im Zusammenhang mit der Literatur. Literarische Mehrsprachigkeit war schon früher Gegenstand der Aufmerksamkeit (aus dem deutschsprachigen Kontext lassen sich etwa Monika Schmitz-Emans oder Georg Kremnitz nennen), doch zumindest in den letzten zehn Jahren hat die Konzentration auf dieses Thema wirklich zugenommen. Die im Folgenden besprochene Publikation ist der siebte Band der seit 2019 erscheinenden Reihe Literarische Mehrsprachigkeit / Literary Multilingualism (bislang wurden neun Bände veröffentlicht). Zahlreiche ähnlich orientierte Werke erscheinen auch in anderen Verlagen (u. a. Winter, transcript, Praesens). Auch die Beiträge, die in der Zeitschrift für interkulturelle Germanistik veröffentlicht werden, befassen sich wiederholt mit Mehrsprachigkeit. Es sei noch erwähnt, dass 2023 das internationale Journal of Literary Multilingualism gegründet wurde, das sich mit den Ausprägungen dieses Phänomens in verschiedenen Regionen und Epochen befasst.

 

Der deutliche „Wandel hin zur literarischen Mehrsprachigkeit“ wird zweifellos durch verschiedene Faktoren bedingt und gefördert. Auf der Ebene der theoretischen Reflexion übt das von Yasemin Yildiz proklamierte sogenannte postmonolinguale Paradigma (Beyond the Mother Tongue. The Postmonolingual Condition. New York: Fordham University Press, 2012) einen nicht unerheblichen Einfluss. Der traditionellen Vorstellung einer homogenen Muttersprache, die unser Sprachverhalten bestimmt und die Einsprachigkeit als natürliche Norm festlegt, steht die Dynamik und Wandelbarkeit der sprachlichen Kommunikation und der menschlichen Identitäten gegenüber. Den Status der Normalität erreicht somit die sprachliche und kulturelle Pluralität (damit verschwindet auch die Selbstverständlichkeit des Konzepts der nationalen Literatur). Im Gegensatz dazu entpuppt sich die Einsprachigkeit als Machtkonstrukt. Selbst das, was oberflächlich betrachtet als eine Sprache erscheint, ist in Wirklichkeit eine Sammlung von Sprachen.

 

Auf der anderen Seite spielen natürlich auch die laufenden sozialen Prozesse eine wichtige Rolle, die mit diversen Bewegungen, Grenzüberschreitungen, der Notwendigkeit, sich mit Andersartigkeit auseinanderzusetzen und sich in ein neues Ganzes zu integrieren, einhergehen. Viele Autoren haben einen sogenannten Migrationshintergrund, ändern unter dem Einfluss verschiedener Umstände die in künstlerischen Texten verwendete Sprache, sind in mehreren Sprachen „verankert”, zwischen denen jedoch asymmetrische Beziehungen herrschen, was zur Konstruktion von Wertgegensätzen führen kann. Die Vielfalt der Sprachen und Kulturen und ihre Konfrontation stellen gleichzeitig eine Herausforderung für die schriftstellerische Kreativität dar, für die Suche nach neuen Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks.

 

Der Untertitel des hier besprochenen Buches verweist auf die Situation in den slawischen Literaturen. Man kann jedoch eher sagen, dass es sich um eine Konzentration auf Schriftsteller mit slawischem Hintergrund handelt. Diese wählen dabei nicht selten (auch) andere Sprachen als Ausdrucksmittel; im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen dann vor allem diejenigen Schriftsteller, die sich durch die Wahl der Basissprache ihrer Werke in den deutschen Kulturkontext eingebunden haben. Auf einen einleitenden Überblick über die Problematik folgen dreizehn Studien, die hauptsächlich von Slawisten deutscher und österreichischer Universitäten, aber auch von einigen Forschern aus slawischen Ländern verfasst wurden. Die Beiträge sind vor allem analytisch und interpretativ ausgerichtet und konzentrieren sich auf konkretes Textmaterial. Mit Ausnahme des abschließenden Abschnitts, der den „historischen Dimensionen“ gewidmet ist, liegt der Schwerpunkt auf der Gegenwart, ein Großteil der behandelten Texte stammt aus der Zeit nach 2000. Interessant ist, dass Lyrik gegenüber Prosa und Drama überwiegt.

 

Gleichzeitig wird die Reflexion über theoretische, terminologische und methodologische Fragen zu einem zwar nur fragmentarischen, für den Leser jedoch wichtigen und notwendigen Bestandteil vieler Beiträge. Unter anderem zeigt sich, dass die Hinwendung zur Sprachenvielfalt auch zu einer Vielfalt, Heterogenität oder sogar semantischen Aufweichung der verwendeten Terminologie geführt hat, was manchmal das Verständnis der Darstellung erschweren mag. Während sich der Begriff „Mehrsprachigkeit“ meist auf das Vorhandensein mehrerer (National-)Sprachen in einem Text bezieht, erhält der im Buchtitel verwendete Begriff „Vielsprachigkeit“ eine viel breitere und weniger bestimmte Semantik und kann sich auch auf die Vielfalt (also „Mehrsprachigkeit”) innerhalb einer Sprache, aber auch auf Intertextualität, nonverbale Elemente im Text, also Sprachen im metaphorischen Sinne usw. beziehen. Einige Forscher führen – im Zusammenhang mit der Wahl der Sprache bei der Textproduktion – noch den Begriff Translingualität ein. Was die Typologie der Mehrsprachigkeit betrifft, so unterscheidet man zwischen manifester Mehrsprachigkeit (die an der „Oberfläche“ des Textes erkennbar ist), latenter, also „tiefgreifender“ Mehrsprachigkeit, bei der sich der Einfluss einer anderen Sprache versteckt manifestiert, z. B. in einer nicht standardmäßigen Phraseologie oder Syntax, und exkludierter Mehrsprachigkeit (die erwähnt, aber faktisch nicht realisiert wird). Daneben wird jedoch auch mit einer Reihe weiterer Unterscheidungen gearbeitet (Wechsel und Vermischung von Codes, Imitation und Emulation usw.).

 

Von besonderer Bedeutung sind die theoretischen und methodologischen Rahmenbedingungen, die die Autoren anwenden und damit auch deren Anwendbarkeit testen. Als angemessener Ausgangspunkt erscheinen Bachtins Polyphonie und Dialogizität, die die Heterogenität der Stimmen, Pluralität und Polyvalenz betonen, aber auch neu entwickelte Konzepte der interkulturellen Literaturwissenschaft oder der postkolonialen Studien. Speziell im Zusammenhang mit Schriftstellern aus postsowjetischen Staaten und allgemeiner mit „russischsprachiger“ Literatur wird auf die Auseinandersetzung mit Russisch als imperialer und kolonialer Sprache hingewiesen. Bei ukrainischen Autoren zeigt sich dies einerseits im allgemeinen Übergang vom Russischen zum Ukrainischen und andererseits dadurch, dass beide Sprachen kontrastiert werden – Russisch kann dann zu einer Sprache werden, die Bedrohung erzeugt, während Ukrainisch (aber auch Polnisch oder Jiddisch) Nähe, Kontinuität, familiäre und kollektive Identität repräsentiert (vgl. die Beiträge von Miriam Finkelstein oder Mariya Donskaya). Eine bedeutende Rolle spielen auch Erinnerungsstudien, da die Sprache des Herkunftslandes als Erinnerung und Verbindung zur Vergangenheit und Tradition fortbesteht (vgl. den Beitrag von Ivana Pajić über deutsch schreibende Schriftstellerinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien). Inspiration lässt sich aber auch in der Psychoanalyse finden, wie Eva Hausbacher zeigt, die die latente Mehrsprachigkeit in den Werken von Prosaautorinnen mit russischen Wurzeln durch die Anwendung der von Sigmund Freud festgelegten Mechanismen der Traumarbeit aufdeckt.

 

Insgesamt lassen sich die Beiträge in dieser Publikation, die von ihrer Art her sehr vielfältig sind, nach zwei grundlegenden Gesichtspunkten einteilen. Ausgehend von der Wahl des Themas haben wir einerseits eine Reihe von Studien, die sich hauptsächlich auf die sogenannte interne Mehrsprachigkeit konzentrieren, d. h. auf die Interaktion zwischen Sprachen innerhalb literarischer Werke, und andererseits Beiträge, die sich mit dieser Problematik auf andere Weise befassen. Es kann sich um Einflüsse handeln, die zu einer Veränderung der in literarischen Werken verwendeten Sprache führen (im Falle von Emigration, bei zweisprachigen Autoren usw.), worüber Natalia Blum-Barth zusammenfassend berichtet. In anderen Fällen kommt das bereits erwähnte breite Verständnis von Mehrsprachigkeit zum Tragen. So findet Bisera Dakova in der Poesie der bulgarischen Symbolisten eine Spannung zwischen dem gemeinsamen poetischen „Soziolekt“ und den Idiolekten der einzelnen Autoren, während Anja Burghardt in den Texten von Cyprian Norwid den latenten Einfluss der Konzepte der deutschen Romantiker aufdeckt.

 

Im zweiten Fall handelt es sich um Sprachen und (durch Mehrsprachigkeit natürlich problematisierte) nationale Literaturen, denen die Beiträge gewidmet sind. Der aktuellen Situation entspricht die Tatsache, dass die größte Aufmerksamkeit Autoren gewidmet wird, die mit dem postsowjetischen Raum verbunden sind (für viele von ihnen ist Deutsch dabei zum wichtigsten Mittel des sprachlichen Ausdrucks geworden), insbesondere ukrainischen Autoren. Den anderen Sprachen ist mehr oder weniger gleichmäßig jeweils ein Beitrag gewidmet (ausgenommen davon ist jedoch Mazedonisch). Der tschechischen Sprache widmet sich eine Studie, die am tiefsten in die Vergangenheit eintaucht: Agnes Kim befasst sich mit der Beziehung zwischen Tschechisch und Deutsch in den Stücken von Jan Nepomuk Štěpánek und Josef Kajetán Tyl; verdienstvoll an ihrer Interpretation ist zweifellos, dass sie die betreffenden Stücke mit Komödien österreichischer Dramatiker vergleicht, in denen  Repliken in tschechischer Sprache vorkommen (realisiert werden sie allerdings nur fakultativ, sofern ein sprachlich versierter Schauspieler zur Verfügung steht). Die tschechische Sprache wird auch in dem Beitrag von Anna Förster thematisiert, der zwar etwas vom vorherrschenden Schwerpunkt des Buches abweicht, aber dennoch eine interessante Perspektive bietet. Die Autorin reflektiert die zweisprachige Verlagspolitik des Verlags Archa in Bratislava, der in den 1990er Jahren Übersetzungen sowohl ins Slowakische als auch ins Tschechische veröffentlichte, um eine schnellere Verbreitung ausländischer philosophischer Literatur zu fördern.

 

Was die formale Qualität angeht, kann man die Publikation wegen einer nicht unerheblichen Anzahl von Druckfehlern und vor allem das Fehlen eines Registers kritisieren; dieses wäre in einem Buch, das voller Namen, Verweise auf Theorien und Begriffe ist, wirklich nützlich. Trotz dieser Schwierigkeit ist die Publikation Vielsprachigkeit der Sprache als lehrreiches Beispiel für verschiedene Ansätze zum Phänomen der literarischen Mehrsprachigkeit und als Informationsquelle über bemerkenswerte Ereignisse in Literaturen, die trotz ihrer sprachlichen Verwandtschaft bzw. geografischen Nähe im tschechischen Umfeld nicht sehr bekannt sind, beachtenswert.

 

 

Anja Burghardt – Eva Hausbacher (Hgg.): Vielsprachigkeit der Sprache. Mehrsprachigkeit in den slavischen Literaturen. Tübingen: Narr Francke Attempto, 2025 (Literarische Mehrsprachigkeit / Literary Multilingualism, Bd. 7), 377 S.


zurück | PDF