Es schreibt Mirek Němec
(25. 2. 2026)Die im Folgenden besprochenen zwei Bände der Jenaer Germanisten und Pädagogen Ulrich Kaufmann und Harald Heydrich (erscheinen 2021 und 2022) weisen zweifellos darauf hin, dass das Leben und Werk von Louis Fürnberg (1909–1957) potenziell zum Gegenstand der modernen interdisziplinären Forschung zur deutschsprachigen Kultur in den Böhmischen Ländern werden könnte. Als deutschsprachiger Intellektueller und Ästhet jüdischer Herkunft, Dichter und Journalist, Emigrant, der nach der nationalsozialistischen Besatzung zurückkehrte, später Diplomat und Kulturschaffender in der kommunistischen Tschechoslowakei und ab 1954 in Ostdeutschland sollte Fürnberg sowohl für Germanisten, Bohemisten oder Komparatisten als auch für Historiker oder Politologen von Interesse sein. Im Laufe seines kurzen Lebens (er starb im Alter von 48 Jahren) erlebte er viele Ungerechtigkeiten und Leiden am eigenen Leib, die die politische Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit sich brachte. Andererseits stürzte er sich bereits 1928 selbst in den politischen Kampf auf der Seite des Kommunismus und engagierte sich sein ganzes Leben lang für diese Ideologie. Sein schwieriges Schicksal, seine Stimmungen, politischen Ansichten und Überzeugungen widerspiegeln sich in seinem literarischen, überwiegend lyrischen Werk. Der politisch engagierte Schriftsteller und Parteikader verbindet die politische, kulturelle bzw. literarische Sphäre und geografisch die Umgebung von Nordwestböhmen und Prag. Fürnberg wuchs in Karlsbad auf und begann dort seine Karriere als Dichter. Er setzte seine Aktivitäten in Prag fort, bis er 1939 verhaftet wurde und ins Exil ging. Nach dem Krieg und seiner Rückkehr aus dem palästinensischen Exil widmete er sich viel mehr dem Journalismus und vor allem den offiziellen Pflichten eines Beamten. Während seines kurzen, von zahlreichen Wendungen gekennzeichneten Lebens lernte Fürnberg verschiedene Welten kennen, die er jedoch stets durch die Brille seiner unerschütterlichen kommunistischen Überzeugung sah. Dadurch landete er, ebenso wie andere linke und kommunistische Schriftsteller dieser Zeit, nach 1989 außerhalb des Interesses der Forschung zum kulturellen Umfeld der Großstädte Prag oder Brünn bzw. zur Entdeckung unbekannter deutschsprachiger Literatur aus den Grenzregionen.
Gleich im ersten Absatz des Vorworts zum ersten Band versuchen die Herausgeber, die nach wie vor stark nachhallenden Vorurteile, die Fürnbergs politische Überzeugung hervorruft, zu zerstreuen, indem sie behaupten, Fürnbergs Werk und Person seien vor 1989 ideologisch vereinnahmt worden. Sie bezeichnen Fürnberg dann als einen „weltliche[n] Gläubige[n]“, der sich „unter dem Eindruck der sozialen Widersprüche in seiner böhmischen Heimat […] um die Wende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts der kommunistischen Idee verschrieben hatte und […] mit allen Fasern seines Herzens ein ganzes, kurzes Leben lang daran fest [hielt]. Sein Werk stand ebenso im Zeichen dieses politischen Engagements wie unter dem Stern der Menschlichkeit.“ (I/7)
Nach seinem frühen Tod wurde dieses Narrativ in der DDR gefördert, wo Fürnberg als ein Kommunist mit Charakter und als Opfer des Nationalsozialismus dargestellt wurde, das von den tschechoslowakischen Stalinisten aus seinem geliebten Prag vertrieben worden war. Sein literarisches Werk und seine Korrespondenz wurden seit den 1960er Jahren von der renommierten Deutschen Akademie der Künste zu Berlin in der DDR regelmäßig herausgebracht. Seine Gedichte fanden sogar Eingang in die damaligen Deutschlehrbücher in der Tschechoslowakei, und Fürnberg wurde als Vertreter und Vorreiter der tschechoslowakisch-ostdeutschen Freundschaft interpretiert.
Es wäre interessant zu untersuchen, ob Fürnbergs Werk auch jenseits des Eisernen Vorhangs Rezeption fand, beispielsweise in radikalen, vom Marxismus verblendeten Studentengruppen. Der Text des Hamburger Journalisten Jürgen Serke aus seinem Buch Böhmische Dörfer. Wanderung durch eine verlassene literarische Landschaft (erschienen in der BDR 1987), der sich mit Fürnberg beschäftigt, ist heute auch in tschechischer Übersetzung erhältlich. Serke betont darin u.a. Fürnbergs unerschütterliche Loyalität gegenüber der marxistisch-leninistischen Ideologie, stimmt aber insgesamt mit der Meinung der Herausgeber überein und behauptet: „Er war kein Schuldiger. Er war ein Opfer seines Glaubens, den die Machthaber längst missbraucht hatten.“ (S. 462)
Beide Herausgeber erklären in ihren Vorworten zu beiden Bänden, sie seien bestrebt, das spezifische Werk und die Tragödie des Lebens von Louis Fürnberg in dessen „widersprüchlicher Ganzheit“ (I/7) zu beleuchten und auf die ganze Bandbreite der Probleme und Konflikte hinzuweisen (II/7), in die er während seines Lebens verwickelt war. Das ist sicherlich ein begrüßenswertes und lobenswertes Vorhaben, das jedoch nicht leicht zu verwirklichen ist. Im Wesentlichen würde dies bedeuten, sich kritisch mit der bisherigen Sekundärliteratur auseinanderzusetzen, Archivquellen zu recherchieren und zu erschließen und sich dadurch von ideologisierten Diskursen und Erinnerungsnarrativen zu emanzipieren, die von Familienmitgliedern – früher von der Witwe Lotte und bis heute von den Kindern Michael und Alena Fürnberg – geprägt wurden und werden; und nicht zuletzt: den Forschungsfokus von den Tragödien des Privatlebens auf die Ästhetik literarischer Werke zu verlagern.
Bereits auf den ersten Blick ist jedoch klar, dass es den Herausgebern nicht gelungen ist, ein solches Programm zu verwirklichen. Der erste Band mit insgesamt 31 Beiträgen wird als „Erinnerungsband“ (bzw. Erinnerungsbuch) bezeichnet. Dem entsprechen nicht nur die im vierten Block versammelten Erinnerungen von Fürnbergs Weggefährten, die größtenteils, wenn auch manchmal nur kurz, von der kommunistischen Ideologie begeistert waren, obwohl viele von ihnen dieser Ideologie später mehr oder weniger kritisch gegenüberstanden (Franz Fühmann, Fritz Beer, Hans Mayer, Christa Wolf, schließlich auch Eduard Goldstücker). Auch die meisten anderen Beiträge aus den drei übrigen Blöcken, die sich entweder mit der Biografie (1. und 2. Block) oder dem literarischen Werk (3. Block) befassen, unterstreichen den Erinnerungscharakter des Bandes. Sie wurden nämlich bereits früher, teilweise sogar vor 1989, verfasst und veröffentlicht. Bis auf wenige Ausnahmen stammen sie von Autoren, die bereits in der DDR oder der ČSSR an der Rezeption von Fürnbergs Werk und Leben mitgewirkt haben. Damit ist der erste Band stark dokumentarisch ausgerichtet, wobei es problematisch ist, solche Texte als ideologisch neutral zu betrachten. Diese Feststellung gilt auch für den zweiten Band, obwohl von den 23 Beiträgen zehn von den Herausgebern selbst verfasst wurden. Aber auch Ulrich Kaufmann, der an neun Texten des zweiten Bandes mitgewirkt hat, kann sich nicht von dem früheren Diskurs der Viktimisierung und Verehrung distanzieren, den beide Bände weiterhin repräsentieren.
Ein Beispiel dafür ist der einleitende Beitrag des Germanisten Henri Poschmann. Darin verfestigt dieser anhand einer Erinnerung aus dem Buch Erinnerungen an Brandt (2001) des linksorientierten Germanisten Hans Mayer, der 1964 aus der DDR geflohen war, das für beide Bände charakteristische Bild von Fürnberg: „[D]er liebenswerte Louis Fürnberg aus Böhmen, ein Jude, der ein begabter Dichter war und ein demokratischer Sozialist, der immer wieder versuchte, wider seine bessere Überzeugung, aus sich einen orthodoxen Stalinisten zu machen. Ohne Erfolg.“ (I/22)
Ist der Begriff „demokratischer Sozialist“ für einen überzeugten Kommunisten überhaupt angemessen? Fürnberg fühlte sich weder im nationalen noch im religiösen Sinne als Jude. Sowohl Religion als auch den politischen und kulturellen Zionismus lehnte er eindeutig und sehr entschieden ab. Es scheint sogar, dass sein Atheismus – ob wissenschaftlich begründet oder nicht – ihm half, sozusagen mit den Wölfen zu heulen. Keiner der Beiträge befasst sich überraschenderweise mit Fürnbergs Ansichten, seinem Konformismus oder Opportunismus während der Zeit des kommunistischen Terrors nach der Machtübernahme im Jahr 1948. Die Frage, wie er den Beginn der kommunistischen Tyrannei und die Verfolgung Andersdenkender beobachtete und wahrnahm, lässt sich anhand von Fürnbergs Tagebuch aus den letzten Monaten seines Lebens beantworten, das im zweiten Band veröffentlicht wurde. In der Aufzeichnung vom Ostersonntag in Prag, als er mit seiner Tochter die Pontifikalmesse in der St.-Veits-Kathedrale besuchte, wird das von Mayer und anderen Autoren geschaffene Idealbild erheblich erschüttert. Fürnberg beschreibt eine Szene, in der „wir [übrigens] in der Toreinfahrt des erzbischöflichen Palais den internierten Erzbischof in großer Pracht aus dem eleganten Wagen steigen [sahen].“ (II/23) Ob es sich wirklich um Josef Beran handelte, der zu dieser Zeit in völliger Isolation außerhalb von Prag festgehalten wurde, daran kann man sicherlich erfolgreich zweifeln. Aussagekräftig ist vor allem der Tonfall des Eintrags. Dieser deutet (genauso wie einige literarische Werke Fürnbergs) darauf hin, dass der Autor nicht nur den kommunistischen und stalinistischen Abscheu gegenüber der Kirche verinnerlicht hatte, sondern sich mit seiner Rhetorik auch Klement Gottwald und dessen verbalen Angriffen gegen den populären Vertreter der katholischen Kirche annäherte. Wie Fürnberg zur Verfolgung, Misshandlung und Hinrichtung nicht nur von Priestern, sondern auch von Gläubigen stand, bleibt ein Geheimnis. Die Herausgeber beschränken sich in ihrer nachfolgenden und unkritischen Interpretation auf einen zynisch klingenden Kommentar: „Er weiht den Leser in das Nachdenken über die historische und gegenwärtige Rolle der Religion ein. […] Der Atheist […] erweist sich als Kenner der Architektur und Religion.“ (II/41) Ebenso bleibt seine Tätigkeit in staatlichen Ämtern nach dem kommunistischen Putsch ein Rätsel. Jürgen Serke erwähnt in seinem Buch Fürnbergs Verwicklung in Parteisäuberungen, jedoch nicht in den „Staatsterrorismus“ (I/20), wie Poschmann die Ereignisse rund um den Slánský-Prozess von 1951/52 nennt. Der Beamte Fürnberg musste laut Serke wahrscheinlich eine Kaderbeurteilung seines Vorgesetzten Oskar Kosta (Pseudonym Peter Pont) verfassen. Diese fiel wohl negativ aus, da Kosta verhaftet und inhaftiert wurde. Hatte Fürnberg kein schlechtes Gewissen? Stellte er sich nicht die Frage, warum er weiterhin Kommunist blieb?
Jan Gerber befasste sich in seinem Beitrag mit dem berüchtigten Lied Die Partei hat immer recht, das die SED in den 1950er Jahren von Fürnberg als Parteihymne übernommen hatte. Gerber, der diese Umstände bereits in seiner Dissertation beschrieben hat, behauptet, Fürnberg habe mit den Worten des Liedes zwar seine Skepsis gegenüber der weiteren Ausrichtung der KSČ (Kommunistische Partei der Tschechoslowakei) zum Ausdruck bringen wollen, deren Führung ihn 1949 als Deutschen oder vielmehr als deutschsprachigen Juden mit palästinensischer Erfahrung zu ignorieren begann, gleichzeitig habe Fürnberg versucht, sich selbst parteipolitisch zu disziplinieren. Fürnberg besang die Parteilinie auch in vielen anderen Texten und unterwarf ihr ferner seine kulturellen oder vielmehr literaturhistorischen Skizzen. In einem veröffentlichten Tagebucheintrag, den er nach einem Gespräch mit dem Nicht-Parteimitglied Ludvík Kundera über die tschechische Literatur während seines letzten Besuchs in Prag am 25. April 1957 verfasste, bemerkt er erneut: „Die Unzufriedenheit so vieler Künstler mit der jetzigen Situation entspringt offensichtlich mangelnder Bindung an die Partei.“ (II/26) Die Anmerkung deutet eher darauf hin, dass der Dichter, der Oden an Ideologen, Vertreter und Helden der kommunistischen Parteien schrieb, der Partei tatsächlich treu geblieben ist. Aber wie kann man diese grenzenlose Loyalität verstehen?
Auf diese Frage geht jedoch keiner der beiden Bände ein. Eine gewisse Erklärung bietet die Erinnerung von Fritz Beer, einem Parteigenossen und Bewunderer Fürnbergs. Beer beschreibt zunächst die Atmosphäre der erfolgreichen Auftritte der Gruppe um Fürnberg Echo von links in den 1930er Jahren. Er schildert die katastrophalen Lebensbedingungen in den Industriegebieten Nordwestböhmens während der Wirtschaftskrise, als Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit und der Verlust des Glaubens an die Zukunft auch Beer die Antwort auf die Frage Warum wurde ich (nicht) Kommunist? gaben, die vielen Intellektuellen in der Presse gestellt wurde. Die Entwicklung der internationalen Lage im Jahr 1939, der Abschluss des Paktes zwischen der kommunistischen Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschland und die anschließende Teilung Polens motivierten Beer jedoch wohl dazu, umzudenken und sich von der Partei zu trennen. Nach seiner Flucht aus der Tschechoslowakei erreichte ihn im britischen Exil ein Brief von Fürnberg, in dem dieser seine leidvollen Erfahrungen im nationalsozialistischen Gefängnis schilderte. Fürnberg schreibt über Folter, seine angeschlagene Gesundheit und den Verlust seines Gehörs. Beer beendet seine einfühlsame Erinnerung mit einem Zitat aus dem Essay Tortur von Jean Améry: „Wer der Folterung erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen, [...] der gematert wurde, ist waffenlos der Angst ausgeliefert.“ (I/57)
Ob dies die Antwort ist, die Fürnbergs Mitlaufen oder sogar Mitwirken am kommunistischen Terror erklärt, lässt sich nicht sagen. Aber allein die Suche nach den Gründen wäre für seine Biografie und allgemein für die kollektive Biografie der kommunistischen Führer äußerst interessant. Auch die Herausgeber des Bandes fordern in ihrem Vorwort eine umfassende biografisch ausgerichtete Untersuchung der Mentalität und des Umfelds kommunistischer Funktionäre und Intellektueller – dies sowohl im Allgemeinen (II/7) als auch im konkreten Fall von Louis Fürnberg (I/9). Leider verwirklichen sie das unkritisch und selektiv. Nur zwischen den Zeilen findet sich beispielsweise die Information, dass Fürnberg 1956 den Nationalpreis der DDR erhielt. In der Begründung werden neben seinem literarischen Werk auch seine Liedtexte hervorgehoben, die „zu echten Volksliedern in unserer Republik [der DDR] geworden sind“. Informationen über die Begünstigung und Anerkennung durch Genossen der KSČ im Jahr 1953, als er als Propagator des von den Nazis hingerichteten kommunistischen Journalisten Julius Fučík eine Auszeichnung der Partei erhalten sollte, werden nicht thematisiert. Befürchteten die Herausgeber, dass das Wunschbild, das Fürnberg als ehrbaren und prinzipientreuen Kommunisten und Menschenfreund zeigt, gefährdet sein könnte? Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass sich das ehemalige Wohnhaus Fürnbergs, an dem eine Gedenktafel angebracht wurde, unweit des Denkmals für die politischen Opfer und Milada Horáková befindet?
Neben biografisch orientierten Beiträgen weisen auch literaturhistorische und literaturwissenschaftliche Beiträge zahlreiche Spuren zeitbedingter Interpretationen auf. Es wäre sicherlich angebracht, sich viel mehr mit der Ästhetik und dem Inhalt Fürnbergs Lyrik auseinanderzusetzen, ohne dabei die lobenden Verse über Ideologen oder Führer kommunistischer Regime zu vermeiden. Es stellt sich die Frage, ob sich Fürnbergs Texte, die fast immer subjektive Reflexionen der Zeit und Ausdruck seiner eigenen Stimmungen sind, in Abhängigkeit von politischen Umwälzungen verändern. Damit ist auch das Verhältnis Fürnbergs zu seinen literarischen Vorgängern verbunden. Die Herausgeber bezeichnen sein unveröffentlichtes Gedicht „Das Leben und Sterben von F.K.“ als „Perle“ („Die ‚Perle‘ des letzten Tagebuchs“, II/43). Heydrichs Interpretation im Kontext der persönlichen und damaligen Rezeption Franz Kafkas ist sehr inspirierend. Vor allem stellt sich die Frage, wie Fürnbergs ideologisch gefärbte Einstellung zu Kafka mit den späteren marxistischen Auseinandersetzungen um Franz Kafka zusammenhängt. Darüber stritten sich Fürnbergs Zeitgenossen und Freunde aus der DDR und der Tschechoslowakei wie Anna Seghers, Paul Reiman und natürlich Eduard Goldstücker. Fürnbergs Rezeption Rilkes hätte ebenfalls eine eingehende Untersuchung und einen Vergleich mit der damaligen germanistisch-bohemistischen Forschung verdient. Die überraschend scharfe Abgrenzung gegenüber dem jungen Peter Demetz, nachdem dieser sein Buch über den jungen Rilke veröffentlicht hat, ist erneut ein Beweis für Fürnbergs unerschütterliche politische Loyalität. In der Intimität seines Tagebuchs bezeichnet er Demetz, der nach dem kommunistischen Putsch aus Prag in die USA emigriert war, unverblümt als einen „Schwätzer, oberflächlichen Geist“ mit „Spatzenhirn“. Im Gegensatz dazu schätzt er sich selbst als jemanden ein, der die Probleme der deutschsprachigen Literaten in Prag versteht, denn „was er [Demetz] über Kafka, Werfel, Brod, Leppin sagt, [ist] unbeschreiblich platt und unwissend, dass er weder von Fuchs, F.C. Weisskopf, Kisch oder von mir weiß, versteht sich von selbst.“ (I/18)
Beide Bände weisen aufgrund ihres dokumentarischen Charakters und beim Lesen sozusagen zwischen den Zeilen auf viele heikle Stellen in Fürnbergs Biografie hin, aber bis auf wenige Ausnahmen gelingt es den Autoren der Beiträge nicht, sich kritisch mit der früheren selektiven Rezeption auseinanderzusetzen. Sie wagen keine neuen, originellen Fragen, die sie beispielsweise auf der Grundlage von Archivmaterialien und in einem breiteren gesellschaftlichen oder literaturwissenschaftlichen Kontext untersuchen würden. Die Rätsel um Fürnbergs Leben, aber auch die Interpretation seines literarischen Werks bleiben ungelöst und sind somit eine Aufgabe für künftige Generationen von Forschern. Im Bereich der Literaturgeschichte regen die Bände zur Erforschung der Diskussionen tschechischer und ostdeutscher kommunistischer Intellektueller an, die nach 1989 in Vergessenheit geraten sind, die aber auch zur Gestaltung einer multikulturellen und politisch pluralistischen Gesellschaft in den Böhmischen Ländern beigetragen haben. Es ist mehr als bezeichnend, dass gerade die Jahre bis zur Besetzung im Jahre 1938 auf der Grundlage der Beiträge in beiden Bänden als die besten in Fürnbergs Leben erscheinen.
Kaufmann, Ulrich / Heydrich, Harald (Hg.): „Hier ist ein Dichter, hört nur!“ Louis Fürnberg. Texte zu Leben und Werk. Unter Mitarbeit von Michael und Alena Fürnberg. Bucha bei Jena: quartus-Verlag, 2021, 352 S. (I)
Kaufmann, Ulrich / Heydrich, Harald (Hg.): Das schöne Weimar? Louis Fürnbergs letzte Jahre. Bucha bei Jena: quartus-Verlag, 2022, 207 S. (II)



















