Es schreibt Václav Maidl

(8. 1. 2026)

Ich verwende ungern fremde Texte zur Charakterisierung eines Buches, das ich besprechen soll, aber im Falle der Publikation Sto let jedné židovské rodiny na českém venkově [Hundert Jahre einer jüdischen Familie auf dem tschechischen Land] ist der Text auf dem Buchumschlag so treffend, dass ich nicht widerstehen kann: „Drei Ego-Dokumente zeichnen das Schicksal von drei Generationen einer Familie nach. Im ersten Teil erinnert sich Adolf Ornstein an das Leben seiner Familie in der Vysočina-Region in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Text entstand nur wenige Jahre vor seiner Deportation nach Theresienstadt, wo er ums Leben kam. Die Erinnerungen der hundertjährigen Historikerin Wilma Abeles Iggers im zweiten Teil des Buches beschreiben ihre Kindheit und Jugend in Horšovský Týn [Bischofteinitz], von wo aus die ganze Familie 1938 ins kanadische Exil ging. Der dritte Teil enthält die einzigartige Korrespondenz ihres Vaters Karl Abeles aus den Jahren 1946–1952, der mit ehemaligen deutschen Nachbarn korrespondierte, die nach dem Krieg nach Bayern vertrieben worden waren. Das Buch enthält mehr als fünfzig Fotos aus dem Familienarchiv und weitere Dokumente.“

 

Das oben angeführte Zitat muss jedoch dahingehend präzisiert werden, dass die vorliegende Rezension leider bereits posthum ist (Wilma Iggers starb am 24. Februar 2025 im Alter von knapp 104 Jahren) und vor allem, dass mit „Familie“ im jüdischen Verständnis nicht nur die „eigene“ Familie gemeint ist, sondern der gesamte Familienclan, einschließlich Brüder, Schwestern und deren Familienangehörige. Erst dann wird klar, warum in einer Publikation über drei Generationen einer einzelnen Familie die Autobiografie von Adolf Ornstein enthalten ist, der der Bruder von Wilma Iggers’ Großvater und somit ihr Großonkel war. Was auf dem Umschlag mit Bescheidenheit verschwiegen wird, ist die wichtige Einleitung der Herausgeberin Kateřina Čapková, die ein Fünftel des eigentlichen Textes ausmacht (von Anmerkungen, Anhängen und Verzeichnissen abgesehen) und die Einzigartigkeit der veröffentlichten Ego-Dokumente vor dem historischen Hintergrund beleuchtet. Die besteht in deren Außergewöhnlichkeit – Zeugnisse über das Leben der jüdischen Bevölkerung in den ländlichen Gebieten der böhmischen Länder sind selten, da die jüdischen Gemeinden auf dem Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts infolge der rechtlichen Gleichstellung der Juden stark schrumpften und sogar nach und nach verschwanden – die Städte zogen die jüngere Generation mit größeren und attraktiveren Beschäftigungsmöglichkeiten an (man denke nur an Franz Kafkas Vater Hermann), es kam zu einer Art Exodus (nicht nur) der jüdischen Bevölkerung in die sich entwickelnden städtischen Ballungsräume.

 

In dieser Hinsicht stellt Wilma Iggers‘ Vater eine Ausnahme dar. Nach dem Vorbild seines Großvaters Israel Abeles und seines Vaters Richard Abeles verpachtete er in Südwestböhmen in der Nähe von Horšovský Týn landwirtschaftliche Flächen und wurde in der Zwischenkriegszeit zu einem wohlhabenden Gutsbesitzer. Sein Ruf als Landwirtschaftsexperte, was für einen Mann jüdischer Herkunft ungewöhnlich war, rettete ihm und seiner ganzen Familie sowie den Familien einiger seiner Angestellten und einiger Freunde, die bereit waren, mit ihm auszuwandern (insgesamt 40 Personen), das Leben, da das ausgewählte Asyl-Land Kanada im Grunde nur Landwirten eine Einwanderungsgenehmigung erteilte. (Übrigens: Die politische Weitsicht von Karl Abeles zeigt sich darin, dass er bereits im Mai 1938 diese Emigration zu organisieren begann.)

 

Der Persönlichkeit von Karl Abeles kann man sich in dieser Publikation aus drei Perspektiven nähern: Die erste Perspektive bietet die Einleitung von Kateřina Čapková, die sein individuelles Schicksal mit den historischen Prozessen der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kontextualisiert und Abeles‘ Beziehung zur Familie der Adressatin seiner Briefe erläutert. In der zweiten Perspektive wird Abeles in den Erinnerungen seiner Tochter dargestellt, und die dritte Perspektive entsteht im Kopf des Lesers selbst aus dem, was die Briefe über den Verfasser aussagen. In allen drei Perspektiven erscheint Karl Abeles als entschlossener, tatkräftiger Mann, der das wirtschaftliche und politische Geschehen verfolgt. Aus den Erinnerungen von Wilma Iggers entsteht das Bild nicht nur eines erfolgreichen Unternehmers, sondern auch eines Menschen, der zu leben wusste, in der Gesellschaft von Horšovský Týn beliebt war und freundschaftliche Kontakte knüpfte, unabhängig von Nationalität oder Religionszugehörigkeit. Noch als Siebzehnjährige, als sie ins Exil ging, sah seine Tochter in ihm eine unerschütterliche und starke Autorität, war sich aber gleichzeitig bewusst, dass auch seine Kräfte und Möglichkeiten begrenzt waren: „Mein großer, starker Vater hielt das Auto an, legte den Kopf auf das Lenkrad und weinte. Für mich, die ich so sehr an die Intelligenz und Kraft meines Vaters glaubte, schien bis dahin alles so fest und unveränderlich“ (S. 72).

 

Die Erinnerungen von Wilma Iggers konzentrieren sich jedoch nicht nur auf ihren Vater, wie aus den vorangegangenen Zeilen vielleicht hervorgehen könnte. Karl Abeles war zweifellos auch im Familienleben eine Autorität und eine prägende Persönlichkeit, doch das Leben auf dem Land hatte viele Facetten, die die Autorin (bzw. in Absprache mit ihr die Herausgeberin) aus der Rückschau in mehrere Abschnitte unterteilt: Die Firma Abeles und Popper (hier wird dem Leser zunächst das komplexe Geflecht familiärer Beziehungen erklärt, von dem aus dann auf die Geschichte des Familienunternehmens und dessen Besonderheiten eingegangen wird) – Horšovský TýnDas Gut Nový DvůrBildungJuden in TýnWie sah die Religionsausübung in unserer Familie aus?Emigration. Trotz dieser thematischen Gliederung folgt die Erzählung weitgehend einem chronologischen Prinzip – dies zeigt sich unter anderem darin, dass die jüdische Identität für die Familie Abeles bis Ende der 1930er Jahre im Grunde keine wichtige Rolle spielte, weshalb die Kapitel, die jüdische Themen behandeln, erst in der zweiten Hälfte der Publikation vorkommen und gleichsam das abschließende Thema der Emigration einleiten. In der Publikation Dva pohledy na historii [Zwei Blicke auf die Geschichte] äußerte sich Wilma Iggers dazu wie folgt: „Wir fühlten uns weniger als Teil der jüdischen Gemeinschaft, sondern vielmehr als Angehörige der deutschsprachigen Bürgerschaft von Horšovský Týn.“

 

Während man bei der Autobiografie von Adolf Ornstein davon ausgehen konnte, dass sie für ein bestimmtes Publikum geschrieben wurde (wahrscheinlich für Familienangehörige und deren Nachkommen), und im Fall der Memoiren von Wilma Iggers klar war, dass sie veröffentlicht werden würden, so handelt es sich bei der Nachkriegskorrespondenz von Karl Abeles mit der Familie Kotrba um Ego-Dokumente ganz privater Natur, bei der weder der Verfasser noch die Adressaten damit rechneten, dass die Briefe von jemand anderem gelesen werden würden. Aber auch diese Briefe sind in mehrfacher Hinsicht Zeugnisse. Sie zeugen natürlich von persönlichen Beziehungen. Sie zeugen jedoch auch sehr von der Zeit ihrer Entstehung – von der chaotischen Nachkriegszeit voller Umzüge und Unsicherheit darüber, wer wie überlebt hat oder in welcher Gefangenschaft er/sie sich befindet (z. B. der Sohn der Familie Kotrba). Sie zeugen von der trostlosen wirtschaftlichen Lage in Europa, insbesondere im besiegten und zerstörten Deutschland, aber vor allem von der Person Karl Abeles, der ebenso aufopferungsvoll und bereit war, Freunden in Not zu helfen wie in der Vorkriegszeit. Gerade diese Korrespondenz zeigt, dass seine gesellschaftlichen Kontakte in Horšovský Týn vor dem Krieg keineswegs oberflächlich waren. Sie zeugt von seinem menschlichen Interesse am Schicksal seiner ehemaligen deutschen Mitbürger, wenn er in einem Brief beiläufig erwähnt, mit wem er nach der Vertreibung korrespondiert (S. 79). Die veröffentlichte Korrespondenz ist also vor allem ein Zeugnis für Abeles‘ Charakter, dafür, wie er seine Zeit und ihre Probleme erlebt und wie er darauf reagiert, und auch dafür, wie er mit den Schwierigkeiten umgeht, die ihn persönlich getroffen haben (mit gesundheitlichen Problemen, mit dem Tod seiner Frau).

 

Die Erinnerungen von Wilma Iggers tauchten nicht erst in der hier rezensierten Publikation auf. Bereits 2002 veröffentlichte sie zusammen mit ihrem Ehemann Georg in Deutschland die Doppelautobiografie Zwei Seiten der Geschichte (auf Tschechisch erschien sie 2006 im Verlag Lidové noviny unter dem Titel Dva pohledy na dějiny in der Übersetzung von Matěj Spurný). Sie umfasst nicht nur ihre Kindheit und Jugend in der Tschechoslowakei, sondern reicht bis zur Jahrtausendwende. Auf Anregung der deutschen Historikerin Monika Richarz erinnerte sich Wilma Iggers anlässlich ihres hundertsten Geburtstags im Jahr 2021 erneut in dem Buch Böhmische Juden. Eine Kindheit auf dem Lande. Dieser Text, den die Zeitzeugin in Zusammenarbeit mit der Herausgeberin ins Tschechische übersetzt hat, wurde – angereichert um weitere Erinnerungen, die sich aus zahlreichen Gesprächen zwischen der Autorin und K. Čapková ergaben – zur Grundlage des hier besprochenen Erinnerungsbuches (siehe Anmerkung der Herausgeberin, S. 122).

 

Obwohl es sich um dieselbe erinnernde Person handelt, sind die Erinnerungen nicht identisch. Diejenigen, die sich nur auf die Kindheit und Jugend konzentrieren, sind anders aufgebaut und detaillierter. Auffällig ist im Vergleich zu den Erinnerungen aus dem Jahr 2002 die Aufmerksamkeit, die der jüdischen Gemeinde in Horšovský Týn gewidmet wird, ebenso fehlten 2002 die Anmerkungen zum eher formellen religiösen Leben der Familie Abeles. Auch die Familie Coudenhove-Kalergi aus dem nahe gelegenen Poběžovice und der Gründer der Paneuropäischen Union, Richard Coudenhove-Kalergi, tauchen erst in diesen späteren Erinnerungen auf. Aber auch die Details der Erinnerungen unterscheiden sich. Während beispielsweise in der gemeinsamen Autobiografie als Grund für den Umzug der damals frisch verheirateten Großeltern nur allgemein die „nicht unerheblichen Sorgen“ ihrer Großmutter um die Zukunft erwähnt werden, ist Wilma Iggers zwanzig Jahre später direkter: „Großmutter Mina war in Vysoká Libyně, wo sie zunächst mit Richards Eltern lebten, nicht glücklich. Sie vermisste ihre Familie und wollte einen eigenen Haushalt führen“ (S. 45). Auch die einzelnen Lehrer am Gymnasium in Domažlice (Taus) werden ausführlich beschrieben – mit Ausnahme des Selbstmords von Professor Zástěra. In Zwei Seiten der Geschichte wird zwar erwähnt, dass er sich nach dem Münchner Abkommen erschossen hat, gleichzeitig wird jedoch relativierend hinzugefügt, dass er an einer unheilbaren Krankheit gelitten habe. Nun wird diese persönliche Tragödie kürzer, allerdings auch pointierter beschrieben: „Im Oktober 1938 erschoss er sich aus Protest gegen die Unterzeichnung des Münchner Abkommens vor dem Gebäude des tschechoslowakischen Parlaments in Prag.“ (S. 61) Die variierenden Erinnerungen sind natürlich auch auf das trügerische menschliche Gedächtnis zurückzuführen: Einmal wird angegeben, dass man angefangen habe, über die Auswanderung nach Kanada im Mai 1938 nachzudenken (siehe oben), ein anderes Mal soll das Juni 1938 gewesen sein; einmal heiraten die Großeltern von Wilma Iggers 1887, ein anderes Mal wieder 1889. Aus heutiger Sicht mindert dies jedoch nicht den Wert der Aussagen an sich.

 

Wilma Iggers beendet ihre ausführliche Erzählung über ihre Kindheit und Jugend mit einer Feststellung über die Zerstörung der ihr vertrauten Landschaft und den Bevölkerungsaustausch. Etwas hilflos fragt sie: „Wem soll ich erzählen, wie es damals war?“ (S. 76). Es ist jedoch gut, dass sie ihre Resignation überwunden und ihre Erinnerungen niedergeschrieben hat. So gibt sie uns die Möglichkeit, zu erfahren, wie diese Landschaft und das Leben darin einst waren. Wenn wir dies mit der Gegenwart vergleichen, klingt es für uns nicht schmeichelhaft.

 

 

Adolf Ornstein – Vilma Iggersová – Karl Abeles: Sto let jedné židovské rodiny na českém venkově. Praha: Nakladatelství Karolinum, 2022, 163 s.


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