Es schrieben: Otto Pick und Julius Mader

(3. 12. 2025)

Anlässlich des 150. Geburtstags Rainer Maria Rilkes (4.12.1875–29.12.1926) bringen wir zwei Texte, mit denen wir nicht nur an den Dichter erinnern, sondern auch an zwei journalistisch und übersetzerisch tätige Prager. Der erste von ihnen – Otto Pick – stand mit Rilke in persönlichem Kontakt, der zweite – Julius Mader – wirkte als kultureller Vermittler erst nach Rilkes Tod. Mit ihnen lassen sich vielleicht auch heute relevante Aspekte von Rilkes Wirken und verschiedene Thematisierungen seines Verhältnisses zur deutschen Dichtung wie auch zu seiner Heimatstadt Prag aufzeigen.

 

Der jüngere Zeitgenosse Rilkes, der vielseitige und publizistisch äußerst aktive Otto Pick (1887–1940), war Mitte der 1920er Jahre ein etablierter Übersetzer aus dem Tschechischen ins Deutsche (u. a. Otokar Březina, Karel und Josef Čapek, František Langer oder Fráňa Šrámek), Herausgeber und ebenfalls Autor. Auch in seinem eigenen Schaffen bezog er sich auf Rilke – z. B. den Titel für seinen Gedichtband Wenn wir uns mitten im Leben meinen (1926) übernahm er aus dem Buch der Bilder. Ins kulturelle Leben griff er als Redakteur der Prager Presse (1921–1938), für die er während ihres gesamten Bestehens vor allem Theaterkritiken schrieb, sowie als Mitarbeiter der Zeitschrift Die Wahrheit (1921–1938) deutlich ein. Von der Aufmerksamkeit, die er Rilke widmete, zeugen seine in den Jahren 1925–1935 veröffentlichten Artikel, in denen er Rilke gegen Invektiven deutscher Nationalisten verteidigte, sein Verhältnis zur bildenden Kunst oder seine theaterkritische Tätigkeit thematisierte und über Erinnerungstexte von Valerie David von Rhonfeld und Spiridon Drožžin berichtete; Rilke gedachte er schließlich in einem Nachruf vom 30.12.1926, einen Tag nach dessen Tod.

 

Julius Mader (1899–1990), den bereits ein Generationsabstand von Rilke trennte, gab Anfang der 1930er Jahre die sichere Laufbahn eines Bankangestellten auf, widmete sich der Übersetzung von Karel Čapek, Vladislav Vančura, Milo Urban und anderen ins Deutsche (vgl. das E*forum vom 21.11.2018) und schrieb zudem für die literatur- und filmkritische Rubrik der Zeitschrift Die Wahrheit. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Besatzung der sog. „Rest-Tschechei“ passte er sich allerdings den neuen Verhältnissen an, absolvierte in verkürzter Zeit ein Promotionsstudium an der Deutschen Universität in Prag bei Erich Trunz und tauchte später als deutscher Lektor an den Universitäten in Bratislava und Zagreb auf, um sich nach dem Krieg in Wien niederzulassen. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte er regelmäßig in der kulturellen Wochenschrift Die Furche, die katholisch geprägten Kulturkreisen nahestand. Mehrfach widmete er sich dort auch Prager Schriftstellern, doch bezog er sie fast nie auf (kultur-)politische Fragestellungen.

 

Beide „Gratulanten“ setzen in ihrer Bewertung Rilkes etwas unterschiedliche Akzente: Pick polemisiert Mitte der 1920er Jahre mit einigen nationalistischen Journalisten, die Rilke nicht verzeihen wollten, dass er sich nicht ausdrücklich als nationaler Dichter engagierte und vor allem, dass er sogar von der deutschen Sprache zum Schreiben auf Französisch „überlief“. Pick betont daher insbesondere, dass Rilke als Dichter die Möglichkeiten des Deutschen als Sprache der Poesie in einem Maße und auf eine Weise erfasst, genutzt und erweitert habe, wie es unter seinen Zeitgenossen kaum vergleichbar sei. Rilke habe – so Pick – mit seiner souveränen sprachlichen Kunst eine Reihe wichtiger zeitgenössischer wie vergangener Dichter erschlossen und dem deutschen Publikum vorgestellt – und auch durch die von ihm behandelten Themen trug er zur Entfaltung einer lebendigen europäischen Literatur bei. Ein Jahr später schrieb er im Rilke gewidmeten Nachruf vom Beispiel „vielleicht des reinsten europäischen Dichterlebens“ (O. Pick: Rainer Maria Rilke tot, in Prager Presse 6, 1926, Nr. 357, 30.12.1926, S. 3).

 

Im Unterschied zu Pick spricht Mader 1975 retrospektiv über Rilke – zu einer Zeit, in der seit dessen Tod nicht nur viel Zeit, sondern auch zahlreiche tiefgreifende historische Brüche vergangen waren. Offenbar bewogen Maders eigene „Prager Erfahrung“ und wohl auch die nach 1945 quer durch Mitteleuropa gezogenen neuen Grenzen ihn dazu, die Rolle Prags und der Kindheit als eine Art verbindendes Element in Rilkes Werk hervorzuheben sowie die Bedeutung des Dichters als Akteur und symbolische Figur des tschechisch-deutschen kulturellen Austauschs und Verständnisses zu betonen. Doch auch in Maders Darstellung überschreitet Rilke letztlich diese politische Dimension.

 

Štěpán Zbytovský

 

 

Otto Pick: Rilke, der Dichter und Mittler. Zu seinem 50. Geburtstage am 4. Dezember 1925

[Die Wahrheit 4, 1925, Nr. 23, S. 5f.]

 

Als neulich La Nouvelle Revue Française französische Originalverse des in Prag geborenen Dichters Rainer Maria Rilke veröffentlichte, begannen sudetendeutsche Blättchen prompt das Deutschtum dieses überragenden deutschen Lyrikers – der mit George und Werfel die heutige deutsche Dichtung vor dem Ausland und vor den Wissenden des Inlandes vertritt – anzuzweifeln und als „Französling“ einen Schaffenden zu verdächtigen, der ein Weltbürger im Sinne Goethes und ein Deutscher von so geklärter Gesinnung ist, daß er (in einem Briefe) über deutsches Wesen von gestern und heute urteilen durfte: „Ich konnte meinen Abstand zu den Äußerungen und Erscheinungen des deutschen Wesens nicht unbetont lassen; so wie es sich in den Wendungen der letzten Jahrzehnte gestaltet hat, ist es mir nie vertraut oder übereingestimmt gewesen. Meine unbeschreibliche Beziehung aber zu seinen älteren großen Grundlagen – wie sie zuletzt bei Goethe erkannt und baulich verwendet erscheinen – habe ich in keiner Weise verleugnen wollen: wie dürfte es mir, anders als aus solchen Zusammenhängen, gewährt sein, die deutsche Sprache in so reiner Bestimmung zu gebrauchen?“ [= Brief an Otto Pick, der ihn in der Prager Presse am 14.12.1924 veröffentlichte]

 

In Rilke verehren wir den reinen Europäer, dessen dichterische Sendung es ist, die Gegensätze zu versöhnen. Er durfte es wagen, als Zwanzigjähriger sich über der heimischen Nationen „wilden Streit“ [Band Larenopfer, Gedicht In dubiis] hinwegzusetzen. […]

 

[Der] Fünfzigjährige, dessen deutsche Ausdrucksform sich von der Unmittelbarkeit der Ersten Gedichte über das rhythmische Pathos des Stundenbuchs und des Buchs der Bilder zur plastischen Strenge der Neuen Gedichte emporentwickelt hatte, um in den Sonetten an Orpheus und den Duineser Elegien eine schier lateinische Klarheit und die Tiefe deutscher Mystik zu erlangen – er allein darf, gerade in diesen neuen, im Bereich der deutschen Sprache so gründlich mißverstandenen Werken unserer entseelten Maschinengegenwart mahnend entgegentreten, nicht ohne tröstliche Perspektiven zu eröffnen:

 

„Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert

Stellen ist es noch Ursprung. Ein Spielen von reinen

Kräften, die keiner berührt, der nicht kniet und bewundert.

Worte gehen noch zart am Unsäglichen aus…

Und die Musik, immer neu, aus den bebendsten Steinen,

baut im unbrauchbaren Raum ihr vergöttlichtes Haus.“

[Sonette an Orpheus, 2. Teil, Sonett X]

 

Wir grüßen heute in dankbarer Verehrung den großen deutschen Dichter, dessen vergeistigte Musik uns im unbrauchbaren Raum ihr vergöttlichtes Haus gewölbt hat. Und wir danken ihm nicht nur für sein eigenes Werk, sondern auch dafür, daß er dem deutschen Schrifttum die dauernden, bis dahin deutsch unsäglichen Dichtungen der Weltliteratur in unvergleichlichen Nachdichtungen einverleibt hat: die Gedichte von Paul Valéry, Jacobsen, Louise Labé, Michelangelo, Elisabeth Barett-Browning, die Prosa von Gide und Guérin.

 

*

 

Julius Mader: Verdrängung und Sublimierung. Rilke und Prag

[Die Furche 21, 1975, Nr. 47, 22.11., S. 13]

 

Hinterher verleugnete er die Stadt, „das schwüle, schlecht gelüftete Prag“ [= Rilkes Brief an die Tochter Ruth, 01.03.1924], das so gar kein „brauchbares Heimatbewußtsein“ auf kommen ließ, schämte er sich seiner frühen Gedichte und Gechichten, die „in keiner Weise den Anfang meiner Arbeit, vielmehr das höchst private Ende meiner kindlichen und jugendlichen Ratlosigkeit“ [= Brief an R. H. Heygrodt, 24.12.1921] waren. Rilkes Selbstauslegungen sind ein Thema für sich, und ein sehr schwieriges. Am liebsten hätte er die 21 Jahre von der mitternächtigen Frühgeburt des 4. Dezember 1875 bis 1896, das Jahr seiner Flucht nach München, vergessen lassen. Aber mehr als er je zugegeben hat, weisen sein Leben und Werk zum Ursprung zurück, waren die Rückwirkung auf die Herausforderung von Ort und Zeit seiner Herkunft. Sieht man dieses Leben und dieses Werk als ein Ganzes an, so kann man auf den Anfang nicht verzichten.

 

Prag war für ihn die Stadt seiner Kindheit, die entscheidend geblieben ist für sein Verhältnis zur Welt. Als Grundthema seines Denkens und Dichtens kehrt sie in Gedichten und Briefen immer wieder. „Und da weiß ich, daß nichts vergeht... / dazu sind die Dinge zu schwer / meine ganze Kindheit steht / immer um mich her.“ In einem späten Fragment heißt es: „Laß dir, daß Kindheit war, diese namenlose Treue der Himmlischen nicht widerrufen vom Schicksal, / ...Denn zeitlos hält sie das Herz.“ [handschriftlicher Elegie-Fragment von 1920]

 

Kindheit war ihm beides: „Innigkeit“ und „Angst“ in einer alles Spätere übertreffenden Intensität. […]

 

Vom Mai 1892 bis zum Herbst 1896 reichte die Prager Periode des Dichters René Rilke. Dieser 17- bis 21jährige setzte sich nach außen hin mit aller Energie in Szene und überschwemmte die Prager literarische Provinz förmlich mit seinen Hervorbringungen. Kurz hintereinander veröffentlichte er vier Gedichtbände, dutzendweise Skizzen, einige Novellen und Dramen. Er gab eine Zeitschrift, Wegwarten („dem Volke geschenkt“) heraus, schrieb ein Operettenlibretto mit dem lustigen Sujet „Weltuntergang“*, veröffentlichte überallhin Buchbesprechungen, korrespondierte mit aller Welt und fiel berühmten Zeitgenossen sehr lästig.

 

In den beiden deutschen Künstlerklubs, der „Concordia“ und dem „Verein der bildenden Künstler“, war René ein häufiger und begeisterter Gast, ein kleines Kunststück, weil die beiden Zirkel verfeindet waren. Gleichzeitig aber betrieb er den Plan, beide durch eine radikale Neugründung, einen „Bund moderner Phantasiekünstler“ bzw.  „moderner Zopfverächter“ zu verdrängen. Daß Humor zentral zum Wesen Rilkes gehört, zeigen die im September 1896 geschriebenen Verse Krause Schnörkelgiebel spreiten... […]

 

Nach Prag und außer Prag hat Rilke keine Stadt mehr in Versen gefeiert. Über ihr standen die Strahlen „zweier Sonnen“, wie er den Doppelcharakter der Stadt in einer Rezension über den ihm befreundeten Maler Emil Orlik kennzeichnete. Jener „tschechischen Sonne“, die das Land liebt und begreift und eine lebensverbundene, nationale Kunst entstehen läßt, im Gegensatz zur kühlen „deutschen Sonne“, die einer „unnationalen“, einer „Mußestundenkunst“ leuchtet. [R. M. Rilke: Ein Prager Künstler, in Ver Sacrum 3, 1900, Nr. 7, 01.04., S. 101–114] […]

 

Ihm gebührt das Verdienst, „in der wüsten Existenz zwischen zwei fremden Völkern“ [so W. Handl: Der österreichische Mensch, in Neue Deutsche Rundschau 22, 1911, S. 123] zum erstenmal das gemeinsame Menschliche mit tiefstem Anteil, sozusagen ganz aus der Nähe, nachgefühlt zu haben. Was ihm die zwei inhaltlich zusammenhängenden Erzählungen [den Zwei Prager Geschichten], die lange viel zuwenig gewürdigt wurden, bedeuteten, sagt ein Kommentar vom Frühjahr 1899. Es war auf seiner ersten Reise nach Rußland, wohin ihn Lou Andreas-Salomé, jene genialische Frau, die den größten Einfluß auf ihn ausgeübt hat, begleitete. Aus Moskau schrieb Rilke damals: „Absicht dieses Buches war es, der eigenen Kindheit irgendwie näher zu kommen. Denn alle Kunst sehnt sich, um diesen vergangenen Garten... beredter zu werden. Vorwand waren nur zwei kleine Geschichten. – Ein paar Worte von dem Schicksal eines Volkes... Und in diesen fast zufällig laut gewordenen Worten scheint mir jetzt meines Buches bester Wert zu liegen. Denn alle seine Wärme kommt von dort her; und gerade, wo es tendenziös zu werden scheint, wird es weit und wissend und menschlich.“ [R. M. Rilke: Zwei prager Geschichten /Selbstanzeige/, in Die Zukunft 8, 1899, Nr. 37, 10.06., S. 486]


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