Es schreibt Barbara Köpplová
(28. 11. 2025)Die Reichenberger Zeitung gehört zu den wenigen deutschen Tageszeitungen, die bis 1945 auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik erschienen und deren Bedeutung und Einfluss über den Ort ihrer Herausgabe hinausgingen. Es ist zweifellos verdienstvoll, dass Andreas Morgenstern dieser Zeitung Aufmerksamkeit schenkte und 2024 eine umfassende Studie mit dem Titel Deutsche in der Tschechoslowakei. Die Berichterstattung der Reichenberger Zeitung 1932–1935 publizierte. Er konzentriert sich hier auf das Bild der politischen Berichterstattung in der Reichenberger Zeitung, verfolgt sorgfältig die innenpolitischen Ereignisse und lässt andere Inhalte – Ausland, Kultur, Sport, Fortsetzungsromane, Werbung usw. – außer Acht. Die Absicht des Autors ist es, die Ereignisse zwischen 1932 und 1935 zu kommentieren und sie anhand einer historischen Analyse so darzustellen, wie die deutsche Tageszeitung sie ihren Lesern präsentierte.
Die Reichenberger Zeitung wurde 1860 gegründet und ging damit der Gründungswelle liberaler deutscher Zeitungen in den 1870er Jahren voraus. Sie erklärte sich zum unabhängigen Sprachrohr des deutschen „Volkes“. In ihrer Ausrichtung stand sie jedoch den deutschen Nationalen nahe. Die Leserschaft der Zeitung rekrutierte sich verständlicherweise aus der Region Nordböhmen, das Blatt wurde jedoch nach und nach auch in weiteren Grenzgebieten (bis nach Eger und Asch) gelesen. Die Leser der Reichenberger Zeitung gehörten eher zur Mittelschicht in einem typisch kleinstädtischen Umfeld, die Tageszeitung hatte vor allem in den Rubriken Außenpolitik und Kultur höhere Ambitionen. Sie versuchte jedoch nicht, mit den Prager deutschen Zeitungen wie dem Prager Tagblatt oder der Deutschen Zeitung Bohemia zu konkurrieren. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Lokal- und Regionalzeitungen verfügte die Reichenberger Zeitung über eine relativ starke Kapitalbasis, die es ihr ermöglichte, die Qualität der Redaktion zu verbessern und den Produktionsprozess zu modernisieren. In den 1930er Jahren betrug die tägliche Auflage an Werktagen rund 30.000 Exemplare und sonntags fast 70.000 Exemplare.
Es ist nicht verwunderlich, dass bereits zwei Wochen vor dem 30. September 1938 die Vertreter des Reichspresseamtes die Herausgeber der Tageszeitung aufsuchten, um die Möglichkeit eines Verkaufs der Reichenberger Zeitung an die NSDAP auszuloten. Wilhelm Stiepel jun. reiste daraufhin nach Wien und Linz, um sich zu informieren, wie die Übernahme privat geführter Zeitungen nach dem Anschluss Österreichs abgelaufen war. Nach Rücksprache mit einer Reihe von Verlegern kam er zu dem Schluss, dass es nicht ratsam sei, sich den Absichten der NSDAP zu widersetzen. Österreichische Verleger, die nach dem Anschluss zunächst abgelehnt hatten, ihre Titel an die NSDAP zu verkaufen, stellten schnell fest, dass ihnen unmittelbar der Verlust eines wesentlichen Teils ihrer Werbeeinnahmen drohte und dass sie auch in Zukunft nicht in der Lage sein würden, dem Wettbewerbsdruck der Parteipresse standzuhalten. Das wiederholte Angebot zum Abkauf privat geführter Zeitungen von Seiten der NSDAP war für die Besitzer dann schon weit weniger vorteilhaft. Stiepels Erkenntnisse bestätigten sich auch durch Verhandlungen mit Verlegern in Berlin und er beschloss, Gespräche mit Vertretern des Reichspresseamts aufzunehmen. Nach reiflicher Überlegung akzeptierten die Herausgeber der Reichenberger Zeitung den Verkauf der Verlagsrechte für 450.000 RM und bekamen die Garantie, dass die neue Zeitung in der bisherigen Kapazität der Firma Stiepel gedruckt werden würde. Um sein Gewissen zu beruhigen, fügte Wilhelm Stiepel jun. eine Klausel hinzu, wonach der neue Verleger „nach Möglichkeit“ die Redaktionsmitarbeiter übernehmen sollte, sofern diese nicht durch ihre politische Vergangenheit „belastet” waren. Zu diesem Zeitpunkt war die Redaktion natürlich bereits „judenfrei“. Der endgültige Kaufvertrag wurde am 6. November unterzeichnet, also nur sieben Wochen nach den ersten Verhandlungen. Mit dieser Geschichte beschäftigt sich Morgenstern jedoch nicht.
Nach dem Vorwort von Jaroslav Rudiš und der Einleitung des Autors über die Stellung und die kurze Geschichte von Liberec/Reichenberg und der Reichenberger Zeitung folgen sieben Hauptkapitel, die ihrerseits in thematische Unterkapitel unterteilt sind. Dann folgen ein Schlusswort, ein Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Ortsregister. Das Buch enthält mehrere Bildbeilagen, die Morgenstern mit wenigen Ausnahmen aus der umfangreichen und hervorragend gestalteten Jubiläumsausgabe der Reichenberger Zeitung von 1935 übernommen hat; diese diente dem Autor auch als Hauptgrundlage für die Zusammenfassung der Geschichte der Zeitung. Die interpretativen Kapitel konzentrieren sich auf die Jahre 1932 bis 1935, die Zeit der Wirtschaftskrise, Hitlers Machtübernahme und die wachsende Unzufriedenheit der deutschsprachigen Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik – bis zum Sieg der Sudetendeutschen Partei bei den Parlamentswahlen 1935. Wie Morgenstern in der Einleitung erwähnt, hat er die gesamte Zeitung von ihrer Gründung bis zu ihrem Ende durchgesehen und kommentiert und belegt ausgewählte Ereignisse aus der betroffenen Zeitspanne mit Zitaten. Es ist nicht klar, warum der Autor gerade die Jahre 1932–1935 gewählt hat und ob er die Ereignisse im Voraus festgelegt oder sie aufgrund der Aufmerksamkeit, die ihnen in der Zeitung gewidmet wurde, nominiert hat. Interessant ist, wie groß der geografische Bereich war, den die Reichenberger Zeitung abdeckte. Prag wurde konsequent gemieden, kommentiert wurde dafür aber aufmerksam der westliche Teil der Tschechoslowakei.
Die historische Darstellung der Tschechoslowakei, die als Abbild der politischen Ereignisse auf den Seiten der Reichenberger Zeitung suggeriert wird und eher sparsam durch fachliche historische Literatur korrigiert wird, vermittelt einen interessanten zeitgenössischen Blickwinkel, wobei eher Morgensterns Bemühungen als sein Ansatz zu würdigen wären. Der heutige Leser hat so die Möglichkeit, anhand der Ereignisse jener Zeit die Komplexität der Veränderungen in der Haltung der deutschsprachigen Bevölkerung in der ersten Hälfte der 1930er Jahre zu verstehen. Die Reichenberger Zeitung war trotz ihrer Neigung zu der Nationalpartei im Grunde genommen liberal und keine voreingenommene nationale Parteizeitung. Aus der Haltung des Autors geht jedoch sein Bestreben hervor, eindeutig auf der Seite der deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei zu stehen. Anstatt eine Studie über eine der bedeutendsten Regionalzeitungen zu schreiben, verfasste Andreas Morgenstern die Geschichte der Sudetendeutschen Bewegung. Die Reichenberger Zeitung ist somit eigentlich nur ein Spiegelbild der damaligen Ereignisse und vor allem ein Spiegelbild der Einstellungen und weitverbreiteten Meinungen und Überzeugungen der deutschsprachigen Bevölkerung in der Tschechoslowakei und eines bedeutenden Teils ihrer Repräsentation. Für die tschechischen Leser ist es zweifellos eine nützliche Konfrontation mit der zeitgenössischen Meinung, die die einseitige Glorifizierung der Ersten Republik als eine Insel der Demokratie in Mitteleuropa stört und relativiert und die Fehler und Irrtümer der Nationalpolitik im Zeitraum 1918–1938 hervorhebt.
Natürlich ist es möglich, mit dem Autor zu polemisieren und zu beweisen, dass eine Reihe von Meinungen, die in der Reichenberger Zeitung und anderen deutschen Regionalzeitungen präsentiert wurden, einen rationalen Kern vermissten oder tief verwurzelte Vorurteile und emotional gefärbte Einstellungen widerspiegelten, die in der langen Geschichte der deutsch-tschechischen Miteinanders und Gegeneinanders geformt worden waren. Tatsache bleibt jedoch, dass diese Ansichten und Haltungen – auf deren Grundlage sich die Grundeinstellung zur Eingliederung der deutschsprachigen Minderheit in den neuen Staat entwickelte – von der deutschsprachigen Bevölkerung weithin geteilt und als Fakten wahrgenommen wurden. Kann man nicht übersehen, dass die tschechische Mehrheit nach 1918 die Euphorie des nationalen Sieges nicht bewältigte, ihr fehlte die notwendige Großzügigkeit und die Fähigkeit, die Mentalität zu überwinden, die in der langjährigen Konkurrenz beider Nationen gepflegt wurde. Ein Teil der tschechischen Öffentlichkeit und ihrer politischen Vertretung konnte sich die kleinlichen Akte des Heimzahlens für das tatsächliche oder nur scheinbar erlittene Unrecht nicht verkneifen, setzte die kampfbereite Rhetorik fort und konnte nicht umhin, der deutschen Minderheit unverblümt vorzuführen, wer der endgültige Sieger in diesem langen Streit sei. Die deutschsprachige Öffentlichkeit, die über Nacht aus der „staatstragenden Nation“ zu einer nationalen Minderheit geworden war, konnte diese Situation wiederum nur schwer verkraften und war nicht in der Lage, ihre eigenen Vorurteile und falschen Mythen aufzugeben, und versuchte mit ebenso kleinlichen Beispielen (wie dies der tschechische Nationalismus tat) zu beweisen, dass ihre Anforderungen berechtigt gewesen seien.
Aus heutiger Sicht war dies ein fatales Missverständnis, das unweigerlich ein katastrophales Ende nahm. Andreas Morgenstern versucht nicht, Richter in diesem fatalen Konflikt zu sein und beschränkt sich auf die Wiedergabe von dessen Abbild auf den Seiten der Reichenberger Zeitung. Er läuft so Gefahr, dass der tschechische Leser seine Studie als voreingenommen betrachtet, umso mehr, als sich seine Darlegungen auf den Zeitraum 1932–1935 beschränken, also die Zeit des Aufstiegs der Sudetendeutschen Bewegung in der Regie der Henleinschen Sudetendeutschen Heimatfront (SHF) und später der Sudetendeutschen Partei (SdP). Nur sehr vage widmet der Autor sich der Erklärung der Wahl der erwähnten Zeitspanne, und bei Verweisen auf die zitierten Beiträge steht keine konkrete Seitenangabe, wo der zitierte Text zu finden ist. Ferner vermeidet der Autor auch grundsätzlich eine Analyse des breiteren Kontexts der früheren und späteren politischen Entwicklung und einen Vergleich mit den Positionen anderer bedeutenderen deutschen Zeitungen oder direkt mit weiteren Periodika in Reichenberg. Die Reduzierung der Darstellung vor allem auf den Inhalt der innenpolitischen Thematik verzerrt den Blick auf die Reichenberger Zeitung als wichtiges, gut geführtes Blatt.
Andreas Morgenstern: Deutsche in der Tschechoslowakei. Die Berichterstattung der Reichenberger Zeitung 1932–1935, Berlin: Metropol, 2024, 272 S.



















