Marit Heuß und Benjamin Krutzky schreiben über die Rilke-Forschung

(5. 11. 2025)

 Am 4. Dezember 2025 jährt sich der 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke. Eine der zahlreichen Gedenkveranstaltungen war die internationale Tagung Von Prag nach Europa, die vom 17. bis 20. September 2025 in der Geburtsstadt des Dichters, also in Prag, stattfand. Hauptveranstalter war die Internationale Rilke-Gesellschaft, an der Organisation haben sich ferner mehrere Prager Institutionen mitbeteiligt. Auf dem Programm standen neben Fachvorträgen auch Podiumsdiskussionen und literarische Lesungen. In dieser Vielfalt, die über den üblichen akademischen Rahmen hinausging, erwies sich Rilke als aktuelles, relevantes Thema. Das Jubiläum scheint dabei eher ein passender, wenn auch äußerlicher Anlass zu sein, denn die inspirierenden Impulse liegen tiefer in Rilkes Leben und Werk und  in der heutigen beunruhigenden europäischen Realität, in der sich sowohl das Lebensgefühl der Angst, das der Dichter in sein Werk übertrug, als auch seine Vorstellung vom „offenen Leben“ widerzuspiegeln scheinen. Einige Beiträge (von Ulrich von Bülow oder Jakob Grummet) deuteten darauf hin, wie wichtig der Teil des Nachlasses ist, den das Deutsche Literaturarchiv Marbach erworben hat. Zu Beginn der Konferenz sprach der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård über das Thema Tod im Zusammenhang mit der Suche nach einer eigenen literarischen Sprache anhand der Werke Rilkes und ihrer Übersetzungen ins Norwegische. Ähnlich kreativ und zugleich fröhlich verlief die Diskussion über die Anthologie Tanzt die Orange. 100 Antworten auf Rilke, die die Kritikerin Iris Radisch anhand von Leseproben mit den Dichtern und Herausgebern des Buches Jan Wagner und Norbert Hummelt leitete, oder die Vorstellung des „Graphic Novel“ von Melanie Garanin Mein Freund Rilke. Torsten Hoffmann diskutierte mit Sandra Richter, Manfred Koch und Rüdiger Schaper über ihre neuen Fachmonografien und unterschiedlichen Sichtweisen auf bestimmte Themen (darunter beispielsweise das familiäre Umfeld des Dichters oder sein Europäertum). Die Vielfalt der Interpretationsansätze (und diese Monografien sind bei weitem nicht die einzigen, die dieses Jahr erschienen sind und bis zum nächsten Jahr erscheinen werden) belegt zudem die Wiederbelebung der Rilke-Forschung und die Notwendigkeit, über die bisherigen Interpretationsmuster und Klischees hinauszugehen. Weitere Gespräche und Lesungen befassten sich mit aktuellen Übersetzungen, sei es ins Tschechische (mit Věra Koubová, Ondřej Cikán und Ivan Chvatík) oder in andere Sprachen, darunter ins Englische und Ungarische. Am Freitagvormittag war im Goethe-Institut ein Block der jüngsten Forschergeneration gewidmet, die sich in der Initiative Junge-Rilke Forschung zusammengeschlossen hat. Er wurde von Marit Heuß und Benjamin Krutzky vorbereitet und moderiert, die für das E-Forum auch die folgende Zusammenfassung verfasst haben.

 

Lucie Merhautová

 

 

Die diesjährige Tagung der Internationalen Rilke-Gesellschaft fand in Prag statt, wo Rainer Maria Rilke am 4. Dezember 1875 geboren wurde – man tagte somit auch anlässlich des 150. Geburtstags des Dichters. Von der tschechischen Metropole an der Moldau ausgehend, so der Titel der Tagung „Von Prag nach Europa“, wirkte Rilke mit seinem Werk auf europäischem Terrain, „Europa“ wird hier als Ort und Ziel des Dichters bestimmt. Damit dreht der Titel die Aussage um, unter der ein ebenfalls in Prag veranstaltetes Colloquium im November 1994 firmierte: Rilke – ein europäischer Dichter aus Prag, so der Titel des Tagungsbandes 1998. Über beiden Tagungen stand demnach die Frage, was man unter dem „Europäischen“ bei Rilke verstehen könnte? Auf diese Frage gab die diesjährige Rilke-Tagung vielfach Antworten, von denen hier lediglich jene skizziert werden sollen, welche im Panel „Junge Rilke-Forschung“ in den Beiträgen der Nachwuchswissenschaftler Jakob Grummet, Jingdan Yang und Sebastian Zellner unterbreitet wurden und Wege in philosophisches Denken und in die literarische Tradition Europas wiesen.

 

Zur wissenschaftshistorischen Verortung

Benjamin Krutzky, der gemeinsam mit Marit Heuß das Panel moderierte, suchte im Vorfeld das Verbindende der Beiträge der Jungen Rilke-Forschung 2025 durch eine wissenschaftshistorische Verortung der Diskussion um „Rilke und Europa“, und das mit Blick auf Joachim W. Storcks Tagungsbeitrag aus der Prager Rilke-Tagung 1994. Joachim W. Storcks Einsicht, die er im Tagungsband 1998 formulierte, schien ihm schlagend zu sein. Etwa bestimmte Storck Rilkes Selbstverständnis darin, ein „deutschsprachiger Dichter im europäischen Kontext“ zu sein. Das zeige auf ein methodisches Problem: Denn rasch dehnt sich das Wort „Kontext“ aus, transzendiert das Europäische als Idee oder geografische Einheit, und greift auf die Welt über. Es ist produktiv, diese Beobachtung mit Josef Körners These engzuführen, die er in seinem Brief vom 1. Mai 1946 an Käte Hamburger formuliert, Rilkes Reisen seien nur „Begegnungen mit noch unbekannten Gegenden im weiten Land seiner Seele“ gewesen – nur an Rilkes Pariserfahrung scheint Körners These ihre Grenze zu haben. Mit Storck und Körner gesprochen, scheint man da am präzisesten über den Dichter zu sprechen, wo man Welt als „dichterische Welt im Kontext“ versteht. Storck wähle vielleicht daher als Motto für seinen Beitrag folgende Aussage Rilkes im Brief vom 26. Juni 1921 an Rolf von Ungern-Sternberg, die im Kontext von Rilkes epistolarer Poetik auch für die Rilke-Tagung 2025 bedeutend erscheint: „Solange die Welt offen war und die Auswahl einer solchen kompositen Heimath uneingeschränkt, bildete sich aus allem so Erworbenen wirklich etwas wie eine schwebende und doch hinreichend tragende Stelle, gewissermaßen über den Ländern“. Rilke reichert das Wort „Stelle“ bis zur spezifisch Rilke’schen Idiomatik an, die „über“ (ein Zarathustra-Wort) herkömmliche Nationalbegriffe hinausweise, so Benjamin Krutzkys Lesart.

 

Rilkes Erste Duineser Elegie im Lichte von Kierkegaards Angst-Begriff

Das dichterische Werk bildet den Ausgangspunkt und die Gemeinsamkeit der wissenschaftlichen Vorträge des Panels Junge Rilke-Forschung. Jakob Grummet, Student der Germanistik, Philosophie und Schulmusik aus Dresden, steuerte einen Beitrag zum weiten Themenfeld „Rilke und die Philosophie“ bei, das immer unter der Voraussetzung betrachtet werden sollte, dass Rilke selbst die Bedeutung philosophischer Einflüsse auf sein Werk zugunsten des Vorrangs der Dichtung zurückwies. Trotzdem nahm Rilke die im Kontext seiner Zeit bedeutenden philosophischen Ansätze wahr, wie etwa die durch Lou Andreas-Salomé vermittelten Schriften Nietzsches. Jakob Grummets Vortrag widmete sich in diesem Zusammenhang dem philosophischen Einfluss Sören Kierkegaards auf Rilkes Werk, der in der Vergangenheit u.a. Alberto Destro beschäftigte, und setzte sich mit der „Angst in den Duineser Elegien im Lichte von Sören Kierkegaards Angstkonzeption“ auseinander – damit bewegt sich Grummet in eine ähnliche Richtung wie Manfred Koch in seiner aktuellen Rilke-Biografie, die den Dichter titelprogrammatisch als „Dichter der Angst“ (2025) bestimmt.

 

Im Zentrum von Grummets Vortrag stand insbesondere die Frage nach einem Zusammenhang von Kierkegaards philosophischer Schrift ›Der Begriff der Angst‹ und der Ersten Elegie. – Rilke hatte nach Alberto Destro Kierkegaard in zwei Phasen stark rezipiert (1904–06/1909–11), und zwar während der Malte-Zeit. – Wie verhält sich Rilkes Kierkegaard-Rezeption während der ersten Schreibzeit der Duineser Elegien (ab 1912)? Im Rückgriff auf das Nachlassmaterial im Deutschen Literaturarchiv Marbach, wo ein Teil der Bibliothek Rilkes überliefert ist – genauer: unter Auswertung von Anstreichungen und Marginalien in einer Auswahl von Rilkes Kierkegaard-Büchern –, versuchte Grummet zunächst die Frage vom Material her zu beantworten und äußerte folgenden Befund: Während anhand des Archivbefunds eine Rezeption der Askese- und Einsamkeitsvorstellung Kierkegaards durch Rilke sichtbar ist, ebenso Hinweise auf die Faszination für die Pseudonymik und die gelebte intransitive Liebe in Bezug auf die Verlobte Regine Olsen (Rilke hatte Kierkegaards Briefe an seine Verlobte übersetzt), lasse sich eine Rezeption von Kierkegaards Angst-Schrift nicht erkennen. Daher versucht sich Grummet stattdessen über einen sekundären Weg seiner Frage zu nähern. Vor allem die Nähe des Gedankenexperiments in der ersten Strophe der Ersten Elegie, in der das Ich gerade nicht schreie, dränge sich die Nähe der Elegie zur Angstkonzeption Kierkegaards geradezu auf. Ist der sekundäre Weg methodisch abgesichert (man denke an die anderen Philosophen, die Rilke wahrnahm), kommt Grummet vielleicht über die Aussage Heiko Schulz’ hinaus, der bei Rilkes Kierkegaard-Rezeption von „a borderline-case between reception without production and production without reception“ spricht.

 

Rilke und Cvetaeva

Es war eines der großen Ereignisse der Rilke-Forschung, als Konstantin Asadowski im Jahrbuch des Wissenschaftskollegs 1990/91 über den Rilke-Bestand aus dem Nachlass Cvetaevas berichtete, der bis dahin unzugänglich war. Der Bestand eröffnete, mit der Publikation der Briefwechsel Rilkes mit Pasternak und Cvetaeva, eine ganz neue Perspektive auf das späte Werk Rilkes und nicht minder auf das Verhältnis zwischen Rilke und Russland. Davon zehrte auch der Vortrag Jingdan Yangs, der an seiner Dissertation zu poetologischen Verbindungen zwischen Rilke, Celan, Grünbein und Mandelstam am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin arbeitet. Sein Vortrag lautete: „West-osteuropäische Grenzüberschreitung in Rilkes Cvetaeva-Gedichten“. Ausgehend von der Widmung Rilkes, die er Cvetaeva in die Vergers eingetragen hat, zeigte sich die Verbindung kultureller Räume.

 

Yang zeigte in seinem Vortrag auf, dass das „Überschreiten“ als Handlung das Verbindende über Grenzen hinweg sein könne. Dabei spiele das Meer in Rilkes Gedichten eine zentrale Rolle, das in kreativer Weise etymologisch auch mit dem Namen „Marina“ verbunden sei. Achtet man darauf, dass die Vergers als Ort der Widmung ein Erzeugnis des Wallis sind, können wir neu zur Widmung zurückkehren, die lautet:

 

Marina: voici galets et coquillages

ramassés récemment à la française plage

de mon étrange cœur… (J’aimerais que tu connusses

toutes les étendues de son divers paysage

depuis sa côte bleue jusqu’à ses plaines russes.)

 

Rilkes Cornet im europäischen Kontext

Wenn man sich mit Rilke-Leserinnen und -Lesern unterhält, fällt auf, dass sich bei der Weise von Liebe und Tod des Cornet Christoph Rilke wohl am stärksten die Meinungen scheiden. Das liegt sicher daran, dass es die werkinternen Grenzen wie kein anderes Werk im Œuvre Rilkes überschreitet (1899 geschrieben, 1904 überarbeitet, ab 1912 breit zugänglich). Dies begründet wohl auch den Erfolg, der den Cornet bis heute zum „Kultbuch“ (Wagner-Egelhaaf) macht. Wie kaum ein anderes Werk ist es über Kunst-, Landes- oder Sprachgrenzen hinweg verbreitet. Dieser Widerspruch wird stets neu beschrieben, denn er fordert immer wieder neu heraus. Sebastian Zellner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte der FU Berlin und Promovend mit einer Arbeit über die antike literaturkritische Schrift Über das Erhabene, widmete sich in seinem Vortrag „Rilkes Weise von Liebe und Tod des Cornet Christoph Rilke als Gegenstand europäischer Kriegsliteraturen der Zwischenkriegszeit“.

 

Zellners Beitrag beleuchtete für die 1920er und 1930er Jahre die Notwendigkeit, den osteuropäischen Teil der Rezeption und der Übertragung des Cornet einmal genauer zu kartieren, denn Rilkes Versuche, eine weitere transkünstlerische Übertragung zu unterbinden, betreffe nach Zellner nicht den Osten Europas: Dort sei der Cornet als „altes Lied“ Teil der Kriegsliteratur, was die ungarische sowie jugoslawische Rezeption des Werkes zeige. Das breite Interesse bezeugt erneut die Relevanz der Frage danach, wieviel Cornet in der Rezeption steckt: Was trägt die Rezeption zum Verstehen des Werks bei? Eine Frage, die weit über den hochinformierten Vortrag hinausweist.

 

Junge Rilke-Forschung digital

Das Rilke-Nachwuchs-Panel, das zu jeder Rilke-Tagung stattfindet, wurde in diesem Jahr von Forschenden aus verschiedenen Qualifikationsstufen repräsentiert und zeigte sich international, interdisziplinär und – europäisch. Ebenfalls erweckte die Präsenz junger Rilke-Forschender im Auditorium während der Tagung den Wunsch nach einer Verstetigung des wissenschaftlichen Austauschs über Rilkes Werk. Dem kommt entgegen, dass sich die Junge Rilke Forschung dank einer Initiative von Ivo Theele von der Universität Kiel in diesem Jahr digitalisiert hat, um die Kommunikation des Rilke-Nachwuchs zwischen den Rilke-Tagungen und Rilke-Treffen beizubehalten. Gemeinsam mit Ivo Theele haben Marit Heuß und Benjamin Krutzky im April 2025 ein digitales Meeting junger Rilke-Forschender veranstaltet, das viel Zuspruch fand und fortgeführt werden soll. Es dient der internationalen Vernetzung der Rilke-Nachwuchsforschung und dem Zuwachs der Rilke-Gesellschaft. Interessierte Rilke-Forscher im Master, Promovierende oder Postdocs können an diesen Treffen teilnehmen, sie sind immer herzlich eingeladen. 


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