Es schreibt Thomas Oellermann
(24. 9. 2025)Den Betrachter betrachten – diesem Ziel hat sich Martin Pelc in seinem Buch Na football! Fotbalové diváctví a fanouškovská kultura v českých zemích do roku 1939 (Praha: NLN, 2022) verschrieben. Und dieses Ziel stellt ein wichtiges Forschungsdesiderat dar. Pelc‘ Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu, die tschechische Sportgeschichte dem Niveau der Disziplin in Deutschland und Großbritannien anzunähern. Seit den 1990er Jahren hat die deutsche Sportgeschichtsschreibung eine starke Entwicklung genommen. Nachdem über Jahrzehnte sowohl in West- als auch in Ostdeutschland nahezu ausschließlich Statistikbände mit Ergebnissen und Bildbände zu bedeutenden Vereinen und Wettbewerben erschienen, entstand eine Disziplin, die sich kritisch mit Sport in Staat und Gesellschaft auseinandersetzte. Im Vordergrund stand vor allem die Rolle des Fußballsports im Nationalsozialismus und im Holocaust. In diesem Rahmen erschienen landesweit Darstellungen zur Geschichte einzelner Vereine während der nationalsozialistischen Diktatur. Diese Verdichtung führte auch zu größeren Debatten und Auseinandersetzungen. So wurde kontrovers darüber diskutiert, welche Rolle der Deutsche Fußballbund und die deutsche Nationalmannschaft im Nationalsozialismus gespielt hatten. Verkürzt ging es um die Frage, ob diese nur eine Marionette waren in den Händen der Nationalsozialisten oder ob sie unter dem neuen Regime Eigeninitiative entwickelten. Eine ähnliche Debatte entwickelte sich in den letzten Jahren bei der Frage, wie der FC Bayern München nach 1933 mit seinen jüdischen Mitgliedern umgegangen war. Vergleichbar intensiv hat sich die Sportgeschichte auch der DDR gewidmet. Im Vordergrund standen hierbei die Verknüpfung zur Staatssicherheit, der Einsatz von Doping und der Versuch der DDR, Sport als außenpolitische soft power zu verwenden.
Diese drei Themenbereiche zeigen, dass in Deutschland eine sehr differenzierte Sportgeschichtsschreibung entstanden ist, die sich zum einen den Fragestellungen in der gebotenen Tiefe widmet und der es vor allem auch gelungen ist, über den akademischen Tellerrand zu schauen und unterschiedliche Projekte im Bereich einer public history des Sports zu unterfüttern.
Mit einer gewissen Verzögerung hat die Sportgeschichtsschreibung in der Tschechischen Republik eine ähnliche Richtung eingeschlagen, wobei sich die Forschungsdebatten hauptsächlich im akademischen Bereich abspielen. Es gibt bislang nur wenige Arbeiten, die sich umfänglich mit der Rolle des Sports in den Diktaturen beschäftigen. Was vor allem auch zu fehlen scheint, ist ein Blick von unten. Sportgeschichte lässt sich in einer Perspektive von oben schreiben, d.h. es lässt sich immer die Sportpolitik von Staaten oder die Politik von Verbänden bzw. Vereinen anlegen. Ungleich schwieriger ist es aber, zu untersuchen, welche Rolle hierbei die einzelne Sportlerin, der einzelne Sportler, Zuschauerinnen und Zuschauer spielten.
Vor diesem Hintergrund ist das Buch von Pelc in seiner Tiefe zu begrüßen und kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Einführend beschreibt er die Anfänge des Fußballsports in den Böhmischen Ländern und wie bedeutend der Sport dann in den Zeiten zwischen den Weltkriegen werden sollte. Daran anlehnend skizziert er die Entstehung des Fußballpublikums in den letzten Jahren der Habsburger Monarchie. Er beschreibt den großen Aufstieg des Fußballsports als Zuschauerphänomen in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und widmet sich auch dem Stadion als Ort der Beziehung zwischen Zuschauern und Sport. In einem umfassenden Kapitel widmet sich Pelc dann der Struktur der Zuschauerinnen und Zuschauer. Er entwirft eine soziale Topografie des Ortes Fußball und ebenso ein soziales Profil unterschiedlicher Fanlager. In der politisch so bewegten Ersten Republik kann dies nicht die Politik ausklammern, so dass sich Pelc auch fragt, welche politischen Ausrichtungen die jeweiligen Fans hatten. Und da der Fußball bereits zur damaligen Zeit nicht mehr ausschließlich als Männersport bezeichnet werden kann, geht er auch auf die Zuschauerinnen ein.
In einem der großen Kapitel befasst er sich mit Rahmenvoraussetzungen des Fußballschauens, also mit Eintrittskarten, Stadionanreisen, Programmen vor und nach dem Spiel bzw. in der Halbzeit und natürlich auch mit dem Verzehr im Stadionbereich. Zudem geht er der Frage nach, was die Fankultur der damaligen Zeit ausmachte. Er beschreibt Zeichen und Symbole des Fan-Seins, das akustische Umfeld eines Matches, dann aber auch Ausschreitungen und Vandalismus sowie die überaus wichtige Frage, inwiefern nationale Konflikte ausgetragen wurden. Pelc widmet sich dann auch der Fan-Kultur außerhalb des Stadions und beschreibt die Entstehung erster Fußball-Stars, die Aufbereitung des Sports durch die Medien und den Beginn der Sportwetten. Ebenso behandelt er die Produktion und den Verkauf von Fanartikeln, die Verarbeitung des Fan-Seins in Literatur, Kultur, Musik und Film.
Pelc schließt seine umfassende Darstellung ab mit der Behandlung von vier grundsätzlichen Thesen: Fußball als Theater, als Religion, als Phänomen proletarischer Schichten und in der Fan-Kultur als Ausdruck einer Unzivilisiertheit.
Martin Pelc behandelt den Fußball in den Böhmischen Ländern als Zuschauersport und tut dies in einer Tiefe, die einen neuen Maßstab setzt für die hiesige Sportgeschichtsschreibung. Er kommt zum Schluss, dass Zuschauerinnen und Zuschauer nicht allein als passive Konsumenten verstanden werden dürfen, sondern als Akteure, die das Phänomen des Sports in dieser Zeit mitgestalteten. Diese schlüssig begründete Feststellung darf von nun ab als Grundsatz für sportgeschichtliche Darstellungen verstanden werden.
Martin Pelc: Na football! Fotbalové diváctví a fanouškovská kultura v českých zemích do roku 1939. Praha: NLN - Nakladatelství Lidové noviny, 2022, 382 s.



















