Es schreibt Karel Rýdl

(30. 7. 2025)

Das neue Buch des jungen und vielversprechenden Historikers Stefan J. Schatz Unterricht für die Grenzlanddeutschen“. Das deutschsprachige Schulwesen im Reichsgau Sudetenland 1938–1945 (Berlin: Peter Lang, 2023) ist ein hervorragender Beitrag zur langjährigen Diskussion von Experten (aber auch Politikern) über die Beziehungen zwischen Tschechen (Tschechoslowaken) und Deutschen (Sudetendeutschen) im Laufe der vergangenen Jahrhunderte, welche in lokalen oder weltweiten Krisen, die mit verschiedenen aggressiven Mitteln gelöst wurden, stets eskalierten.

 

Der Autor führt die Leser in die Thematik der Entwicklung und des Zustands des Unterrichts an deutschen Schulen in den Grenzgebieten der Tschechoslowakischen Republik in den Jahren 1938 bis 1945 ein, die im tschechischen Nachkriegsumfeld der historisch-pädagogischen Forschung bisher durch marxistisch-leninistische Lehrbücher sowie Fachpublikationen mit wenigen Sätzen abgehandelt wurde, welche oberflächliche Bewertungen mit Begriffen wie „Zerfall des Staates“, „Anlehnung an das Reich“, „Unterdrückung der tschechischen Minderheit“ usw. enthielten. Das Interesse tschechoslowakischer Bildungshistoriker an der tatsächlichen Erforschung dieses Themas war bis in die 1990er Jahre hinein äußerst gering, was verständlicherweise auf ideologische, aber auch pragmatische Gründe zurückzuführen ist, da in den tschechoslowakischen Archiven nach der Welle der Zerstörung „alles Deutschen“ in den ersten Monaten nach dem Kriegsende nur ein kleiner Bruchteil der Archivdokumente über das deutsche Schulwesen in der Tschechoslowakei erhalten blieb. Die Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten dank einer jüngeren Generation tschechischer Bildungshistoriker verbessert, insbesondere durch Dana und Tomáš Kasper von der Technischen Universität in Liberec.

 

Auf über 500 Seiten eines originellen und durch eine gründliche Heuristik gestützten Textes, der auf zugänglichen und weniger zugänglichen Primär- und Sekundärquellen basiert, präsentiert der Autor insbesondere für das tschechische Umfeld neue Perspektiven auf die Ziele und den Sinn des Unterrichts an deutschen Schulen, die Aktivitäten von Lehrern und ihren Vereinigungen sowie die Tätigkeit der tschechoslowakischen, aber vor allem sudetendeutschen Verwaltungsorgane und Institutionen nach der Erfüllung der Ziele des sogenannten Münchener Abkommens vom Ende September 1938 mit all seinen politischen, sozialen und kulturell-aufklärerischen Konsequenzen. Die Struktur des Textes ist traditionell akademisch, von der Entwicklung der Thematik in den einzelnen Bereichen des untersuchten Themas bis hin zu präzise formulierten Schlussfolgerungen, einem unverzichtbaren wissenschaftlichen Apparat und einer Vielzahl sorgfältig ausgewählter Anhänge, die spezifische Textpassagen dokumentieren.

 

Fachleute finden die ersten Kapitel besonders interessant, in denen der Autor nicht nur den Forschungsstand zum Thema beschreibt, sondern auch eine Reihe von Fragen aufwirft, die er anschließend mithilfe von Archivmaterialien und den Ansichten anderer Autoren beantwortet. Es ist offensichtlich, dass Schatzes Buch auf deutsche oder österreichische Fachleute und Laien anders wirken wird als auf tschechische Fachleute und potenzielle Laienleser. Aus verständlichen Gründen kann ich in der weiteren Bewertung den tschechischen Blick auf Schatzes Ansichten und seine Sichtweise auf das Thema nicht vermeiden.

 

Für tschechische Leser bietet Schatzes Analyse des sudetendeutschen Schulwesens und pädagogischen Denkens eine völlig neue Dimension des Verständnisses seiner Entwicklung in den Jahren 1938 bis 1945. Wenn ich mich nicht irre, ist es Schatzes zentrales Anliegen, die Bestrebungen der Sudetendeutschen, die er als „Grenzlanddeutsche“ bezeichnet, nach einem gewissen Maß an kultureller und schulpolitischer Unabhängigkeit nach dem Anschluss an das Großdeutsche Reich in Form der neuen Verwaltungseinheit, des sogenannten Sudetengaus, darzustellen. Dazu analysiert er drei Problemkreise: die Bestrebungen der Sudetendeutschen nach einem gewissen Maß an Autonomie innerhalb der Zwischenkriegs-Tschechoslowakei, die Veränderungen der Inhalte und Ziele des Unterrichts an deutschen Schulen „nach München“ im Hinblick auf den Anschluss an das Reich und die Suche nach Lösungen für das Zusammenleben mit der tschechoslowakischen Minderheitsbevölkerung in den sudetendeutschen Gebieten. Für deutsche Leser wird sicherlich die politische Umsetzung der Idee eines tschechoslowakischen Volkes aus Tschechen und Slowaken im Rahmen der neuen Republik nach 1918 interessant sein, besonders nach der Schwächung des Einflusses der deutschen Bevölkerung in der Tschechoslowakei, die etwa 3,5 Millionen Menschen umfasste, im Vergleich zu etwa 1,5 Millionen Slowaken. So wurden die Interessen der Slowaken über die der Deutschen gestellt, was von diesen zumindest als Ungerechtigkeit und Missachtung der tatsächlichen Verhältnisse empfunden wurde, was im Laufe der zwanzigjährigen Existenz der Tschechoslowakei zu zahlreichen politischen Äußerungen zur Korrektur der „deutschen Frage“ führte, was von den tschechoslowakischen Behörden als Ausdruck von Illoyalität und als Angriff auf die Grundlagen des Staates dargestellt wurde. Wenn wir diese These akzeptieren, erscheinen die nachmünchener Bestrebungen der Sudetendeutschen in einem ganz anderen Licht. Den Anschluss an das Reich wollten sie nutzen, um ihre eigenen autonomen Interessen in den Bereichen Kultur und Bildung durchzusetzen und zu schützen. Daher beschreibt und dokumentiert Schatz diese Bestrebungen sehr detailliert am Beispiel der Veränderung des Unterrichts mit dem Ziel, eine neue Generation sudetendeutscher Kinder ideologisch im Sinne lokalen Patriotismus, Stolzes und der Pflege der eigenen „Heimat“ zu beeinflussen. Damit verbunden ist die Suche nach effektiven Lösungen für die Germanisierung (Eindeutschung) der Kinder der tschechischen Minderheit, die etwa 300.000 Menschen umfasste und nach der Annexion des deutschen Grenzgebiets durch das Reich nicht in die reduzierte, sogenannte Zweite Tschechoslowakische Republik abwanderte. Diese war sehr ungleichmäßig verteilt, unter Berücksichtigung wirtschaftlicher und militärischer Interessen, von Šumava (Böhmerwald) und Karlovy Vary (Karlsbad) über die Industriegebiete von Ústí nad Labem (Aussig) und Liberec (Reichenberg) bis hin zu einer dichten Konzentration im Gebiet von Opava (Troppau). Die Tätigkeit der nationalsozialistischen Behörden war gegenüber den Tschechen verständlicherweise nicht wohlwollend. Tschechische Organisationen und die tschechische Sprache waren verboten, und nur eine kleine Gruppe „perspektiver“ tschechischer Kinder, die den deutschen „rassischen“ Vorstellungen entsprachen, konnte in deutsche Schulen aufgenommen werden. Aus tschechischer Sicht sind die bisher nur wenig bekannten Erscheinungen vom Autor des Buches sehr gut dokumentiert, und ein wichtiger Nebeneffekt ist für tschechische Fachleute die Bekanntschaft mit bisher unbekannten und für viele Menschen neuen Archivdokumenten.

 

Ich halte die Passagen für sehr wertvoll, in denen der Autor detailliert die gewisse Enttäuschung der sudetendeutschen Behörden und ihrer Vertreter nach der Eingliederung in das Reich beschreibt und dokumentiert, als sie statt Lob und Anerkennung für ihren langjährigen Kampf um die Wahrung ihrer Interessen innerhalb der Tschechoslowakei eine schnelle „Gleichschaltung“ mit den Zielen, Interessen und Bedürfnissen des Reiches sowie die Nichterfüllung wirtschaftlicher und politischer Versprechen erlebten. Das Buch bietet tschechischen Lesern eine Vielzahl weiterer neuer Perspektiven auf die untersuchte Thematik und vor allem eine enorme Menge an Verweisen auf Archivdokumente, die bei uns wenig bekannt und genutzt sind.

 

Der Autor dokumentiert überzeugend die Bestrebungen der sudetendeutschen Verwaltungsbehörden im Bildungsbereich nach einer neuen Organisation des Schulwesens in den Sudeten, nach einer Änderung des Lehrplans mit Schwerpunkt auf die Erkenntnis und Entwicklung der lokalen sprachlichen, literarischen, dramatischen, wissenschaftlichen und sozialen Kultur. Das dritte Themengebiet ist der zielgerichtete Umgang mit der tschechischen Bevölkerung, die aus verschiedenen, überwiegend wirtschaftlichen und sozialen Gründen in den Sudeten blieb und zur Förderung sudetendeutscher Interessen genutzt wurde, die jedoch stark von den globaleren Interessen des Reiches eingeschränkt und übersehen wurden.

 

Das Buch von Stefan Johann Schatz kann als nahezu Pflichtlektüre für Studierende der Geschichtspädagogik und Pädagogik, für Fachleute aus den Bereichen Bildungsgeschichte und Germanistik sowie für alle politisch aktiven Personen empfohlen werden, die mehr der Ideologie ihrer Partei oder Bewegung erliegen als den archivgestützten und dokumentierten Tatsachen der bisherigen Entwicklung der Thematik des Zusammenlebens zweier Völker, welche ihre Interessen vertreten und allmählich zahlreiche innere und äußere Barrieren, Grenzen und künstliche Hindernisse überwinden, die einem Zusammenleben und gegenseitigen Vorteilen im Wege stehen.

 

Stefan Johann Schatz: Unterricht für die Grenzlanddeutschen“. Das deutschsprachige Schulwesen im Reichsgau Sudetenland 1938-1945. Berlin: Peter Lang Verlag, 2023. 576 S.


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