Es schreibt Manfred Weinberg
(2. 7. 2025)Einige Jahre nach seiner im türkischen Exil verfassten, bahnbrechenden Studie Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur von 1946 hat Erich Auerbach in einem Aufsatz geschrieben: „Jedenfalls aber ist unsere philologische Heimat die Erde; die Nation kann es nicht mehr sein“ (Erich Auerbach: Philologie der Weltliteratur, in: Walter Muschg, Emil Staiger /Hrsg./: Weltliteratur, Bern: Francke, 1952, S. 39-50, hier: S. 47). Darauf (sowie natürlich auf Goethes Begriff der „Weltliteratur“) bezieht sich die gegenwärtig intensiviert geführte Debatte um eine Globalgeschichte der Literatur. Der Verweis auf Auerbach zeigt an, dass die Diskussion einer über die nationalen Literaturgeschichten hinausgehenden Globalgeschichte alles andere als neu ist. Tatsächlich ist die aktuelle Diskussion sehr deutlich von der in der Geschichtswissenschaft schon etablierten Globalgeschichte (vgl. etwa Jürgen Osterhammels 1568 Seiten /!/ umfassende Studie Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München: C. H. Beck, 2010) angestoßen worden und geprägt. Allerdings wurde die Frage nach der Notwendigkeit und den Möglichkeiten einer solchen Globalgeschichte in der Geschichtswissenschaft von umfassenden methodologischen Reflexionen begleitet. Etwas Ähnliches wollten wohl Urs Büttner (Institut für Germanistik, Heinrich Heine-Universität Düsseldorf) und David D. Kim (Department of European Languages and Transcultural Studies an der University of California, Los Angeles) mit ihrem Sammelband Globalgeschichten der deutschen Literatur. Methoden – Ansätze – Probleme (Stuttgart: Metzler 2022) initiieren. Der Band geht auf eine Doppeltagung an der FU Berlin und der UCLA im Jahre 2018 zurück. Allerdings zeigt schon der für den Titel gewählte Plural an, dass sie sich der Frage nach einer globalen Literaturgeschichte nicht sozusagen ‚frontal‘, sondern mit Seitenblicken in einzelne Problemfelder nähern wollten.
Vor die Einzelstudien haben die Herausgeber eine ausführliche Einleitung gerückt: „Globalgeschichten der Literaturen. Ein Methodenprogramm“ (S. 1ff.). Darin heißt es: „Die überkommenen Muster nationaler Literaturgeschichtsschreibung scheinen in den Germanistiken als Ordnungsschema immer weniger überzeugen zu können, ohne dass sich ein dominantes Nachfolgemodell durchsetzen konnte“ (S. 4). Die Tagungen hätten zum Ziel gehabt, „konstruktiv auf Alternativen hinzuarbeiten, die in der Lage sind, der Mannigfaltigkeit des Begriffs ‚deutsche Literatur‘ gerecht zu werden und diese zu organisieren“ (S. 4).
Die ins Zeichen der Globalisierung gerückten „literaturwissenschaftlichen Untersuchungen“ teilen die Herausgeber in „zwei Forschungsfelder“: „‚Literaturen der Globalisierung‘ und ‚Globalisierung der Literaturen‘[…]. Unter ‚Literaturen der Globalisierung‘ können Studien zusammengefasst werden, die sich auf literarische Texte beziehen, die bestimmte Facetten der Globalisierung thematisch behandeln. Hingegen beschäftigen sich die Analysen zur ‚Globalisierung der Literaturen‘ mit der Frage, welchen Einfluss die Globalisierung auf das Schreiben und die Verbreitung der Literatur hat“ (S. 6f.). Die Herausgeber geben zu: „Die Unterscheidung ist nicht ganz trennscharf.“ Sie meinen aber: „Als Orientierung taugt sie dennoch“ (S. 7). Tatsächlich ist die Unterteilung nicht nur nicht trennscharf, sondern die nominierten Kategorien durchaus verschwommen; sie werden über das Zitierte hinaus auch nicht wirklich näher bestimmt. Daneben erwähnen die Autoren auch noch Literaturgeschichten, „die sich Teilliteraturen des deutschen Sprachraums widmen“ (S. 8), worunter sie auch das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder rechnen, ohne wirklich zu erklären, was diese mit einer Literaturgeschichte „mit Blick auf globale Faktoren“ (S. 8) zu tun hat. Dabei wäre die Diskussion, ob man es bei einer zwei- oder mehrsprachigen Literatur in einer Region nicht mit einem Testfall von Vielfalt und Vernetzung zu tun hat, an dem sich die Probleme seiner Überschaubarkeit halber besser diskutieren lassen, als beim Blick auf das umfassende Globale. Anders als etwa das Handbuch Transnationalität & Literatur (hrsg. von Doerte Bischoff und Susanne Komfort-Hein, Berlin/Boston: de Gruyter, 2019) soll hier der Begriff der Nation aber nicht ‚überwunden‘ werden (ohne dass dies dem Handbuch zur Transnationalität tatsächlich gelänge), sondern nur, nach einem Vorschlag von Marcus Twellmann, „nicht mehr […] Voraussetzung der Analyse“ sein, „aber innerhalb der Analyse als wichtige Bezugsgröße“ (S. 9) berücksichtigt werden. Von der „World Literature-Debatte“ (S. 12) resp. der „Weltliteraturforschung“ unterscheide sich die „Globalgeschichte der Literaturen“ dadurch, dass sie „mit [sic] dem Ausgangspunkt der Materialität der Zirkulation nimmt und versucht, ihre Gegenstände stärker räumlich zu lokalisieren und ihre Bewegungen zu historisieren“ (S. 15f.) – auch dies eine wenig präzise Bestimmung.
Am Ende der Einleitung werden verschiedene „Analysedimensionen“ genannt, die zugleich die Überschriften der Rubriken bilden, in die der Band unterteilt ist. In den Beiträgen der „Analysedimension Textuelle und diskursive Dispositionen“ (S. 34ff.) würde „die Gestaltung der Texte in [sic] Verhältnis zu ihrer Globalisierung“ (S. 21) gesetzt. In der zweiten „Analysedimension Distribution, Märkte und Literaturbetrieb“ (S. 120ff.) gehe es methodisch darum, „philologische Zugriffe auf Texte mit infrastrukturellen und institutionellen Perspektiven der Buchwissenschaft und Literatursoziologie zusammenzubringen“ (S. 22). „Eine dritte Analysedimension ist überschrieben mit Kontextualisierungen, Politiken und Literaturgeschichtsschreibung [S. 244ff.]. Die Beiträge verorten die Lektüre von Büchern in einem kulturpolitischen Kräftefeld aus verschiedenen Machtstrukturen und Konkurrenzen um die Deutungshoheit“ (S. 24). Auch dies hätte sich wohl präziser formulieren lassen.
Die Einleitung lässt einen etwas ratlos zurück: Sie nominiert eine wichtige Neuperspektivierung, bleibt aber in der Reflexion von deren Bedingungen der Möglichkeit und Problemen oberflächlich. Sie stellt mehr einen Appell dar, als dass sie tatsächlich, wie es der Titel verspricht, ein „Methodenprogramm“ entwickeln würde. Die nominierten Analysedimensionen erscheinen eher als eine Verlegenheitslösung, die sehr heterogenen Beiträge irgendwie zusammenzubinden.
Das ‚Gutgemeinte‘ zeigt sich auch am durchgängigen Gendern (meistenteils in der weiblichen und männlichen Doppelform), das sich aber gelegentlich in seinen eigenen Vorgaben verheddert. So liest man: „Das vierte Zitat hat keine*n gesicherte*n Autor*innen“ (S. 166), woraus sich die beiden Formeln ‚keine gesicherte Autorin‘/‚keinen gesicherten Autor‘ nicht zusammensetzen lassen. Die Formulierung „Mediävisten und anderen Kritikern und Kritikerinnen“ (S. 287), wirft die Frage auf, ob es etwa keine Mediävistinnen gibt. Einmal ist auch davon die Rede, dass „Bürgerinnen und -bürger, die der Minderheit einer Nation angehören, staaten- und obdachlos gemacht“ würden (S. 298). Alles in allem hätte der Band ohnehin eine gründlichere sprachliche Redaktion vertragen.
Zu den einzelnen Beiträgen: Die Rubrik „Textuelle und diskursive Dispositionen“ eröffnet mit einem Beitrag von Peter Utz (S. 35ff.) über den „Kriminalroman als ‚Globalgeschichte‘ mit lokaler Verortung“ (S. 35ff.), wobei der Kriminalroman als „mediales Muster“ dargestellt wird, „das sich weltweit verbreitet hat“ (S. 35). Es folgt ein Aufsatz von Matthias Schaffrick über den Spionageroman, der als „Genre immanent global konfiguriert“ (S. 51) sei, am Beispiel von Wolfgang Herrndorfs Sand (S. 49ff.). In diesen beiden Beiträgen stehen also global aufzuweisende Genres im Mittelpunkt, die aber durchaus lokal rückgebunden werden – im ersten Beitrag etwa auf die Schweizer Krimiautoren Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt. Schließlich äußert sich Shuangzhi Li über den ‚neuen deutschen Chinaroman‘ (S. 63ff.) als Beispiel für die „Vielfalt der Fremdheitsrepräsentation in der deutschen Gegenwartsliteratur“ (S. 71). David D. Kim geht einen anderen Weg und nimmt sich ein einzelnes Buch vor – J. M. Coetzees Elizabeth Costello –, das er als eine ihrerseits literarische „kontrapunktische Globalgeschichte der deutschsprachigen Literatur“ (S. 73ff.) liest, insofern in ihr die beiden Autoren Franz Kafka und Hugo von Hofmannsthal „in einem globalen, postkolonialen Kontext eingesetzt und als Teile dieses gegenwärtigen Erbes zum Ausdruck gebracht werden“ (S. 75). Todd Pressner referiert zu Holocaustzeugnissen und „vergleichbare[n] Genozidzeignisse[n] [sic]“ (S. 22) sowie deren digitaler ‚Verarbeitung‘, wobei nicht ganz klar wird, warum dieses Genre „einen entscheidenden Teil einer globalen Geschichte deutschsprachiger Literatur“ (S. 93) bilden soll.
Die zweite Rubrik eröffnet mit einer Untersuchung zur „Deutsche[n] Literatur im Globalen Buchmarkt. Statistiken, Kontexte und Paratexte“ von Corinna Norrick-Rühl (S. 121ff.), die auch auf die international unterschiedliche Cover-Gestaltung von Büchern eingeht. Es folgt eine sehr lesenswerte Studie zu Leo Perutz, in der Alexander Nebrig die Bücher des Autors in den Kontext von Übersetzungsrechten und internationalen Buchmärkten stellt, kurzgeschlossen mit den historischen Ereignissen, die Perutz‘ Leben (etwa mit seinem Gang ins israelische Exil) bestimmt haben (S. 141ff.). Perutz selbst hat dabei die internationale Verbreitung seiner Bücher in Übersetzungen tabellarisch erfasst. Robert Leucht untersucht die Rolle Zürichs als Drehscheibe internationaler Literatur (s. 165ff.), was seiner Meinung nach „eine für die Literaturgeschichte der Schweiz wichtige, jedoch erst schwach reflektierte Dimension bildet, die mit den Möglichkeiten der Globalgeschichte genauer in den Blick genommen werden kann“ (S. 167). Lydia Schmucks sehr informativer Beitrag gilt der Geschichte des „Lateinamerika-Programms“ im Suhrkamp-Verlag (S. 179ff.) und fokussiert auf die „Verknüpfung von Kulturproduktion, Ideengeschichte, Verlagspolitik und Wirtschaftspolitik“ (S. 199). Zwei RedakteurInnen dieses Verlags, Petra Hardt und Leander Winkels, untersuchen den „globale[n] Handel mit Übersetzungsrechten deutscher Literatur“ (S. 207ff.). Johannes Franzen widmet sich „Ansätze[n] zu einer vergleichenden Literaturskandalforschung“ (S. 217ff.), vor allem am Beispiel von Vladimir Nabokovs Lolita. Urs Büttners Beitrag zeichnet die umstrittene Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den senegalesischen Autor und Präsidenten Léopold Sédar Senghor 1968 nach und skizziert dabei „[v]ier Fehllektüren einer Figur“ (S. 229ff.).
Die dritte Rubrik „Kontextualisierungen, Politiken und Literaturgeschichtsschreibung“ beginnt mit einem Nachdenken von Monika Schmitz-Emans über die „Bedeutung erfundener Bestände literarischer Werke für die Literaturgeschichtsschreibung“ (S. 245ff.) – ein origineller Beitrag, bei dem aber nur bedingt klar wird, warum er im Kontext einer Globalgeschichte der Literatur zu verhandeln ist. Dorothee Kimmich äußert sich einmal mehr zur Ähnlichkeit, die sie schon mehrfach – vor allem mit dem indischen Germanisten Anil Bhatti – behandelt hat, hier zur Frage gewendet., ob dieses als „Paradigma globaler Literaturgeschichte“ (S. 263ff.) taugt. Nina Berman fokussiert dann auf „Interkulturelle Kompetenz, Intersektionalität und Selbstreflexion“ als Beiträge zur „Methode einer Globalgeschichte der deutschen Literatur“ (S. 279ff.), wobei es vor allem und „deutschsprachige Kommentare zu außereuropäischen Gebieten und Kulturen“ (S. 25) geht. Die ‚Umstellung‘ auf die genannten Leitbegriffe sei die „notwendige Antwort auf jahrhundertelange epistemische Gewalt, mit der deutsche/europäische Wissenschaften die Welt ein- und unterordnen“ (S. 280). B. Venkat Mani rückt die Figur des Flüchtlings in den Mittelpunkt und schlägt eine Globalgeschichte der Literatur nach dem Vorbild der Hyperlinks vor (S. 297ff.). Dabei sollten „die Literaturen von Einheimischen, Migrantinnen und Migranten, Flüchtlingen und ausländische Autorinnen und Autoren im Rahmen einer ständigen gegenseitigen Bereicherung als eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung von Literatur betrachtet – und nicht alle Nicht-Einheimischen bloß als Ausnahme berücksichtigt“ (S. 299) werden. Es bleibt die Frage, ob nicht auch hier längst Überwundenes noch einmal besonders deutlich kritisiert werden soll. Nationalstaaten und Imperien seien vergänglich, „Flüchtlinge jedoch immerwährend“ (S. 313) – eine These, der man durchaus zustimmen kann, die aber nicht klar macht, warum deshalb die Literaturgeschichte auf dieses Thema fokussiert werden soll. Auch der hier anfangs erwähnte Erich Auerbach darf natürlich nicht fehlen, dem Sonja Arnold eine sehr gut informierte und reflektierte Studie unter dem Titel Zum Zusammenhang von Exil und globalen Literaturkonzeptionen widmet (S. 317ff.). Eine „Literaturgeschichte des Exils“ verhandele notwendig „Aspekte einer globalen Literaturgeschichtsschreibung, die in aktuellen Debatten um weltliterarische und globale Phänomene eine entscheidende Rolle spielen: Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Literatur, das Zirkulieren von Büchern und deren Übersetzungen, Exilantennetzwerke und intertextuelle bzw. -mediale Beziehungen“ (S. 327). Kai Sinas Beitrag (S. 331ff.) widmet sich den Austauschprozessen zwischen der amerikanischen und deutschen Literatur am Beispiel der Bezüge zwischen Goethe, Emerson und Thomas Mann und der „globale[n] Genese der für die westliche Kultur konstitutiven Leitbegriffe Demokratie, Liberalität und Individualität“ (S. 25). John Noyes berichtet von der Arbeit an einer Adaption von Büchners Woyzeck an einer südafrikanischen Universität: Woyzeck on the Highveld (S. 343ff.), wobei es sich um eine Gegend in der Nähe von Johannesburg handelt. Schließlich diskutiert Sandra Richter kenntnisreich und kritisch den „[d]ekolonialen Humanismus“ der afrikanischen Denker Achille Mbembe und Felwine Sarr als Entwurf von „Utopien für eine kommende Welt“ (S. 357).
Bei manchen dieser Beiträge, die hier nur stichwortartig angeführt werden konnten, lohnte sich an und für sich eine genauere Darstellung. Doch bleibt eine Crux: Sie haben zwar alle aus sehr unterschiedlichen Perspektiven etwas mit Globalisierung und Literatur zu tun, aber allzu oft wird ein konkreter Beitrag zu den Möglichkeiten einer Globalgeschichte der Literatur nicht erkenntlich. Man legt den Band also durchaus bereichert von einigen gut herausgearbeiteten Details und spannenden Perspektiven, manchmal auch irritiert von allzu ‚woken‘ Argumenten zur Seite, ohne jedoch das Gefühl zu haben, bezüglich der Möglichkeiten einer Globalgeschichte der Literatur nennenswert weitergekommen zu sein.
Urs Büttner und David D. Kim (Hrsg.): Globalgeschichten der deutschen Literatur. Methoden – Ansätze – Probleme, Stuttgart: Metzler, 2022, 387 S.



















