Es schreibt: Michaela Wolf

(E*forum, 26. 6. 2024)

Ein klarer, fester, beinahe neugieriger Blick, auf den geschwungenen Lippen ein aufgezwirbeltes Bärtchen, für das Alter schon ein wenig zu tiefe „Geheimratsecken“ – das ist der erste Eindruck von Emil Saudek (1876–1941), den Leser:innen auf dem Cover des Sammelbandes vorfinden. Um es gleich vorwegzunehmen: Wie das Buch eindeutig zeigt, hat es der in einer jüdischen Familie geborene Kulturvermittler, Übersetzer und Literaturkritiker Saudek, der als Jurist in der Anglo-Österreichischen Bank in Wien und später in Prag arbeitete, nicht verdient, außerhalb von Expert:innen kreisen so lange weitgehend unerkannt zu sein, im Gegenteil: Die detailreich recherchierten Beiträge liefern das Bild eines unermüdlichen Vermittlers im tschechisch-deutschsprachigen Kulturtransfer mit weitreichender Vernetzung in den führenden Intellektuellenkreisen seiner Zeit, der auch politische Positionierungen nicht scheute, ohne sich in nationalistische Belange zu verstricken. Der Band ist das Ergebnis eines in Prag an verschiedenen Institutionen angesiedelten Forschungsprojekts – genaue Jahresangaben fehlen – und ist in 11 Kapitel gegliedert, die zum Teil aus dem Tschechischen übersetzt sind. Die Register am Ende des Bandes garantieren gezielten Zugriff auf Orte, Zeitungen und Personen.

 

Sowohl die Biografie Emil Saudeks mit seinem Schwerpunkt auf der übersetzerischen Tätigkeit als auch die Priorisierung dieser Thematik in den meisten Beiträgen legen es nahe, das Buch auf die Beschaffenheit des auf Saudeks soziales und kulturelles Umfeld fokussierten Übersetzungsfeldes hin zu diskutieren. Unter Übersetzungsfeld wird hier im Sinne von Pierre Bourdieu, der die moderne Gesellschaft als in verschiedene Felder ausdifferenziert begreift, ein sozialer Bereich verstanden, in dem Übersetzungen ausgewählt, vermittelt, produziert, verteilt und rezipiert werden. Damit rücken die diese Prozesse bewerkstelligenden Akteur:innen ins Blickfeld. In Emil Saudeks Arbeits- und z. T. auch Lebenswelt sind dies u. a. Übersetzer:innen, Autor:innen, Literaturkritiker:innen, Intellektuelle, Verleger:innen, Zeitschriftenherausgeber:innen, Journalist:innen, Vereine, Kaffeehäuser,Theaterschaffende und auch kulturaffine Politiker:innen.

 

Der Band wird von einem von Lucie Merhautová verfassten Beitrag eingeleitet, der gleichsamdie Weichen für die weiteren Untersuchungen stellt, indem er mithilfe eines dichten Quellenmaterials auf profunder Recherche beruhende Ausführungen zum kulturellen Leben der Tschech:innen in Wien und insbesondere zu den Vermittlungsprozessen im Wien der Jahrhundertwendeliefert. Damit erarbeitet die Autorin Schritt für Schritt die einzelnen Fäden der Netzwerke, an die Saudek direkt und indirekt anschließen konnte bzw. an denen er beteiligt war.

 

Zu den zentralen Akteur:innen im Übersetzungsfeld zählen zweifelsohne die Übersetzer:innen selbst, wenngleich ihnen in dem Sammelband die Autor:innen diesen Rang abzulaufen scheinen. Der quantitative Faktor spielte im Feld durchaus eine Rolle, wie in der sich in verschiedenen Zeitschriften thematisierten Erleichterung nach dem Zuzug jüdischer Übersetzer:innen aus den böhmischen Ländern nach Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu erkennen war (S. 29). Obwohl die meisten der genannten Übersetzer:innen neben dem Übersetzen verschiedenen Berufen nachgingen (Publizisten, Lehrer:innen, Juristen, Beamte usw.) (Petrbok S. 72), war doch allen gemeinsam, dass sie Teil mehr oder weniger dichter Netzwerke waren, die viele von ihnen für die eigenen mittlerischen Zwecke gut zu nutzen wussten. Otto Pick (1887–1940) etwa, aus dem deutschsprachigen Judentum in Prag stammend, betätigte sich zunächst –wie auch Saudek – als fleißiger Rezensent in einschlägigen Zeitschriften, wodurch er mit der zeitgenössischen tschechischen Literatur eng vertraut wurde. Er zählte zum engeren Kreis um Franz Kafka, Max Brod und Franz Werfel und führte gemeinsam mit Saudek größere Übersetzungsprojekte durch wie etwa einige der Hauptwerke des Lyrikers Otokar Březina; und doch wird er als ein wichtiger Rivale Saudeks im Feld der Übersetzung gesehen, was zunehmend auch auf gut gesetzte Selbstdarstellungen – beider Seiten – beruhen konnte (Merhautová S. 141–142; Zbytovský S. 215, 253) und zur Dynamisierung im Feld beitrug. Emil Saudek kann als zentrale Figur im Übersetzungsfeld gesehen werden. Viele seiner Vorträge und Artikel zu tschechischer Literatur sowie die Mehrzahl seiner Übersetzungen ins Deutsche gehen auf seinen Bekanntschaften und Freundschaften mit tschechischen und österreichischen Intellektuellen und Schriftsteller:innen zurück. Er besuchte Kaffeehäuser, wurde Mitglied einschlägiger Vereine und knüpfte fortlaufend Kontakte mit Verlagen und Zeitschriften-Herausgebern. Auch die vielen gemeinschaftlichen Übersetzungsprojekte (Saudek übersetzte etwa einige Werke mit Franz Werfel) zeugen von einer starken Kooperationsbereitschaft, nicht zuletzt im Sinne einer Festigung des Übersetzungsfeldes.

 

Gerade im tschechisch-deutschen Kulturtransfer schien es weit verbreitet, dass zwischen den Schriftsteller:innen und ihren Übersetzer:innen enge Bande bestanden. Dies ist auch im Falle Emil Saudeks nicht anders: Zu „seinen“ Dichtern Otokar Březina (1868–1929) (v. a. Vojvodik S. 148ff. und Topor S. 180ff.), Josef S. Machar (1864–1942) (vgl. Merhautová S. 113ff.) und Tomáš G. Masaryk (1850–1937, erster Staatspräsident der Tschechoslowakei) verband ihn eine zumeist jahrzehntelange Freundschaft, was im Feld Anlass für weitreichende Netzwerkbildungen war. Gerade die langjährige freundschaftliche Beziehung mit Masaryk, die auf Vermittlung von Machar zustande gekommen war, zeigt die enge Verflochtenheit von Politik, Übersetzung und Literaturkritik im Kontext der von spezifischen Interessen geleiteten Akteure auf (Merhautová S. 263ff.).

 

Aufschlussreich sind die Hinweise, an welche kulturelle Ausrichtungen Saudek in seinen verschiedenen Schaffensperioden anzuknüpfen sucht. Štěpán Zbytovský befasst sich damit ausführlich im Kontext des Expressionismus (S. 234) und weist nach, wie Saudeks übersetzerische und journalistische Tätigkeit im Kontakt mit expressionistischen Intellektuellen wie Albert Ehrenstein (1886–1950) oder Hugo Sonnenschein (1889–1953) beeinflusst wurde und zur Schärfung seines Profils als „kulturell und politisch Engagierter“ (S. 244; vgl. auch Koeltzsch S. 301) beitrug. Dieses Engagement schlug sich auch weitgehend in Saudeks Wahl der Verlage nieder. Dazu zählen der Kurt Wolff Verlag ebenso wie die Verlage von Alfred Hölder oder Gustav Dubský. Vielfältige Anknüpfungspunkte mit anderen Akteur:innen im Feld boten Journalist:innen, waren sie doch „Bote und Repräsentant, Laufbursche und Delegierter in einem“ (Doubek S. 98) und verfügten über ein dementsprechend dichtes Netzwerk an Kontakten.

 

Einige wenige Mängel sollen trotz der hervorragend recherchierten Beiträge angemerkt werden. Zum einen sind Aspekte ausgeklammert, die sich mit Genderfragen befassen – bis auf die Nennung weniger Übersetzerinnen (v. a. in Petrbok) werden Frauen als kulturelle Vermittlerinnen nicht genannt. Auf den engeren Kontext des Übersetzens bezogen fällt auf, dass das Thema der Benennung der translatorischen Arbeit unberührt blieb: Ob eine Übersetzung in der gegenständlichen Zeit etwa als „Nachdichtung“, „Bearbeitung“, „Übertragung“ oder gar nicht bezeichnet wurde, verdeutlichte jedoch, welche Sicht von Übersetzung damals in der Gesellschaft vorherrschend war. Auch wurde die „Berner Übereinkunft zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst“ von 1886 nicht behandelt, die gerade für Übersetzungen aus slawischen Sprachen im Untersuchungszeitraum eine zentrale Rolle spielte, von der Habsburgermonarchie jedoch nicht unterzeichnet wurde. Biografischen Details Saudek betreffend wird schließlich in den verschiedenen Beiträgen breiter Raum gegeben, weshalb es umso auffälliger ist, dass die Umstände seiner eigenen drohenden Deportation und jener seiner Frau – die schließlich in Auschwitz ermordet wird – nicht erläutert werden. Auch wäre es aufschlussreich gewesen, mehr über die reziproken berufsmäßigen Einflüsse von Vater Emil und Sohn Erik (Topor S. 305ff.) zu erfahren.

 

Dem Band ist es gelungen, die zuweilen schwelenden und oft auch in voller Stärke ausufernden nationalistischen tschechisch-deutschen Konflikte als Grundtenor durchscheinen zu lassen, ohne ihm aber für die Arbeit von Saudek zu viel Raum zu geben. Insgesamt tragen alle Beiträger:innen mit ihren auf soliden Recherchen aufbauenden Erkenntnissen zur Skizzierung und zeitweiligen Festigung eines Übersetzungsfeldes bei, das nicht nur als ein Kernstück der Wiener Moderne zu betrachten ist, sondern auch die Brüche und Spaltungen im Zuge des Zerfalls der Monarchie und die Positionierungssuchen in den daraus entstandenen eigenstaatlichen Gebilden zu repräsentieren vermag.

 

 

Lucie Merhautová / Václav Petrbok / Michal Topor (Hg.): Emil Saudek (1876–1941). Ein Übersetzer und Kulturvermittler zwischen Metropole und Provinz. Wien / Köln: Böhlau, 2022, 384 S.


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