Es schreibt: Ladislav Futtera

(30. 5. 2016)

In der tschechischen Philologie ist es nicht eben üblich, Dissertationen herauszugeben. Erst recht nicht mit beinahe fünfzigjährigem Abstand. Doch auch solche Ausnahmen kommen ab und an vor, und so war das letzte Werk, das zu Lebzeiten Kurt Krolops (1930–2016), des Nestors der deutschböhmischen Germanistik, erschien, seine bereits 1967 verteidigte Dissertation Ludwig Winder. Sein Leben und sein erzählerisches Frühwerk. Ein Beitrag zur Geschichte der Prager deutschen Literatur (Olomouc: Univerzita Palackého v Olomouci, 2015). Herausgegeben wurde das Buch von Jörg Krappmann und Jaromír Czmero anlässlich von Krolops Geburtstag, der sich 2015 zum 85. Mal jährte.

 

Der Untertitel der Arbeit erinnert daran, dass der Text parallel zu den Liblicer Konferenzen über Franz Kafka und die Prager deutsche Literatur entstand, welche damals von Eduard Goldstücker erstmals definiert wurde. Laut Goldstückers Konzept umfasst die Prager deutsche Literatur „das literarische Werk einer bedeutenden Reihe von Dichtern und Schriftstellern, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entweder in Prag geboren wurden oder, aus der böhmischen oder mährischen Provinz stammend, vor dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie in Prag die entscheidenden Jahre ihres künstlerischen Reifens durchlebten und in den meisten Fällen hier auch ihre literarische Tätigkeit aufnahmen“ („Die Prager deutsche Literatur als historisches Phänomen.“ In: Weltfreunde. Konferenz über die Prager deutsche Literatur. Praha: Academia, 1967, S. 21). Der seit 1914 an der Moldau lebende Ludwig Winder, langjähriger Redakteur der Zeitschrift Bohemia und Mitglied des engeren Prager Kreises, welchem er nach Kafkas Tod von Max Brod zugerechnet wurde, kann also als nahezu prototypisches Beispiel eines Prager deutschen Literaten gelten. Mit der Aufnahme in die Editionsreihe Beiträge zur deutschmährischen Literatur wird der in Šafov (Schaffa) geborene Winder, der seine Jugendjahre in Holešov (Holleschau) und Olomouc (Olmütz) verbrachte, jedoch auch der deutschmährischen Literatur zugeordnet. Winders spezifische Doppelbeheimatung in diesen stark regional definierten „Literaturen“ bestätigt bereits die Art, in der ihn sein Zeitgenosse Paul Eisner in einer Studie zur deutschen Literatur auf dem Gebiet der Tschechoslowakei seit 1848 (in: Československá vlastivěda VII. Písemnictví. Praha: Sfinx, 1933, S. 325–377) präsentiert: In einem separaten Porträt ordnet er Winder den mit Prag verbundenen Autoren zu (S. 366), bezeichnet ihn jedoch zuvor auch als Vertreter der „deutschen Literatur Mährens“ (S. 348).

 

Jörg Krappmann versucht in seinem Vorwort zu Krolops Dissertation eine Alternative zu beiden eng definierten Konzepten zu bieten. Statt ihrer empfiehlt er, „Prag, Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien als eine vielfältige Region aufzufassen, die Austauschprozesse in ihr zu beobachten, dabei die tschechischsprachige Literatur in diesem Raum nicht zu ignorieren und nicht zuletzt die Kommunikationsprozesse dieser Region mit anderen Regionen wahrzunehmen“ (S. 8, er zitiert hierbei aus der gemeinsam mit Manfred Weinberg verfassten Studie „Region – Provinz. Die deutsche Literatur Prags, Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens jenseits von Liblice.“ In: Becher/Džambo/Knechtel (Hg.): Prag – Provinz. Wechselwirkungen und Gegensätze in der deutschsprachigen Literatur Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens. Wuppertal: Arco, 2014, S. 17–52). Zudem fügt er eine Anmerkung über die ideologische Bedingtheit des Begriffes „Prager deutsche Literatur“ hinzu. Dessen Verfechter hätten sich von der nationalistisch orientierten sudetendeutschen Literatur abgegrenzt (wobei sie gleichzeitig den älteren Begriff „deutschböhmische Literatur“ verwarfen) und vereinfachend betont, den unter diesem Begriff subsumierten Autoren sei „ihre humanistische Grundhaltung, [...] die Ablehnung des Chauvinismus, eine freundschaftliche Beziehung zu den nationalen, literarischen und kulturellen Bestrebungen der slawischen Völker, insbesondere des tschechischen Volkes“ gemeinsam gewesen (Paul Reimann: „Die Prager deutsche Literatur im Kampf um einen neuen Humanismus.“ In: Weltfreunde, S. 9).

 

Hier stellt sich sicher die Frage, inwieweit es angebracht ist, Krolops Dissertation zum Verkünden einer Abkehr vom Konzept der Prager deutschen Literatur zu nutzen – wo doch gerade Krolop in den 1960er Jahren dazu beigetragen hat, diese zu definieren. Krappmann vollzieht allerdings eher eine Abkehr vom schematisierenden Modell Goldstückers und Reimanns, das auch Krolop selbst in seinen materialorientierten Arbeiten durch detailliertes Quellenstudium überwand. Die Quelle wird bei Krolop nicht in vorgefertigte Muster eingewoben, sondern erst aus der Beschaffenheit der Quellen entsteht ein plastisches Bild der untersuchten Zeit. Übrigens fasst auch Krolop in seiner Dissertation Winder nicht nur als Redakteur der Zeitschrift Bohemia und als Freund Max Brods auf: In einem umfangreichen biografischen Teil beschäftigt er sich insbesondere mit Winders Jugendjahren in Šafov, Holešov und Olomouc sowie mit seinen nachfolgenden Wirkungsstätten in Wien, Bílsek (Bielitz), Teplice (Teplitz), Pilsen und schließlich in Prag.

 

Vor allem der erste Teil von Krolops Dissertation, d. h. die Biografie Winders (S. 19–87), gehört zu den wichtigsten Erträgen dieses Werks und zerstreut eventuelle anfängliche Zweifel, inwieweit es sinnvoll sei, eine Dissertation nach 48 Jahren wieder aufzugreifen. Krolop konzentriert sich hier nicht so sehr auf Winders persönliches Leben, vielmehr bietet er einen komplexen historischen Einblick in die Zeit der Jahrhundertwende und bleibt damit auch für die moderne Herangehensweise Krappmanns und Weinbergs inspirierend. Obgleich er das in Prag verbrachte Vierteljahrhundert als natürliche Konsequenz aus Winders Lebensweg betrachtet, umfasst dieser Teil auch einen Exkurs zu Winders Vater Maximilian, dessen unerfüllten Ambitionen, ein tschechischer Dichter zu werden, und seinen sporadischen Kontakten zu tschechischen Literaten (Neruda, Heyduk). Bei der Schilderung von Winders Kindheits- und Studienjahren in der mährischen Hanna kommen zudem Zitate aus Werken älterer „Klassiker“ der deutschmährischen Literatur wie Marie von Ebner-Eschenbach, Ferdinand von Saar und Jakob Julius David zu Wort (S. 24–27). Krolop ist weit davon entfernt, in positivistische Details oder topografische Nebensächlichkeiten zu verfallen, wie sie in letzter Zeit selbst in der Kafka-Forschung mitunter im Übermaße zu finden sind – dennoch handelt es sich noch immer um die ausführlichste Winder-Biografie. (Aus den letzten Jahren wäre noch die Dissertation Christiane Ida Spireks zu nennen: Von Habsburg zu Heydrich. Die mitteleuropäische Krise im Spät- und Exilwerk Ludwig Winders. Wuppertal: Arco, 2005. Diese hat im Rahmen einer knapper dargestellten Biografie (S. 21–38) die Erkenntnisse zu Winders letzter Lebensphase um weitere, von Krolop nicht verwendete Quellen bereichert).

 

Die eigentliche Analyse von Winders frühen Romanen und Erzählungen, welche den zweiten Teil der Dissertation bildet (und mit einer Analyse des Textes Hugo – Tragödie eines Knaben von 1924 endet), hat sicherlich nichts an Aktualität eingebüßt, schon deshalb nicht, weil sich die Winder-Forschung in den letzten Jahren eher auf sein Spätwerk konzentrierte. (Neben der oben genannten Arbeit Spireks sei noch die Dissertation Jindra Broukalovás Ludwig Winder als Dichter der menschlichen Seele und der Wirklichkeit, Praha: Pedagogická fakulta Univerzity Karlovy, 2008, genannt, die sich ausschließlich mit dem Roman Der Thronfolger befasst.) Zu einem Vergleich eignet sich insbesondere die Dissertation Judith von Sternburgs Gottes böse Träume: die Romane Ludwig Winders (Paderborn: Igel, 1994) – diese bietet eine komplexe monografische Sicht auf Winders Romanschaffen.

 

Gleichzeitig können (oder zum Teil sogar: müssen) die genannten Passagen als Beleg für die Möglichkeiten und Grenzen einer literaturwissenschaftlichen Interpretation im Ostblock der späten 1960er Jahre gelesen werden, die sich bemühte, ideologischen Schemata auszuweichen (auch wenn sie nicht ohne die obligatorischen Zitate marxistischer „Klassiker“ auskam). Wenn z. B. die Analyse von Winders Erstlingsroman Die rasende Rotationsmaschine mit der Frage nach der Beziehung von Fabel und Sujet eröffnet wird, so handelt es sich dabei ganz klar um ein Anknüpfen an die Tradition des russischen Formalismus, dem sich auch die sowjetische Literaturwissenschaft in diesem Jahrzehnt wieder zuwandte. Obgleich Krolop von Winders Prosatexten ausgeht und im Zentrum seiner Aufmerksamkeit der narratologische Aspekt steht, beschränkt er sich nicht auf die frühformalistische Frage nach dem „Gemachtsein“ des Textes (wenngleich er diese einbezieht – die einzelnen Werke werden auch unter sprachlichen und stilistischen Gesichtspunkten analysiert), sondern er bringt auch den Kontext ins Spiel. Die Entität des Autors wird zwar recht konsequent in den ersten Teil der Arbeit verlagert, insbesondere in einem Subkapitel zu dem Roman Die jüdische Orgel befasst sich Krolop jedoch auch ausführlicher mit der Frage nach der Beziehung von Fabel und realer Vorlage (S. 128–131). Von den Autoren, die das formalistische Erbe in spezifischer Weise weiterentwickelten, wird insbesondere der Einfluss Michail Bachtins – und hier vor allem der Einfluss seiner Arbeiten zu Dostojewskij – deutlich. So vergleicht Krolop z. B. Albert Wolf, den Haupthelden der Jüdischen Orgel, mit den Protagonisten aus Dostojewskijs Romanen (S. 149–153). Und auch Krolops Überlegungen zur Maskierung in Winders Text Hugo – Tragödie eines Knaben (S. 188–190) lassen in vielem an Bachtin denken, obschon dieser hier nicht explizit zitiert wird.

 

Eine gewisse Verlegenheit beschleicht einen hingegen beim Durchblättern des bibliografischen Anhangs (S. 307–351). Die Herausgeber haben nämlich auch hier unverändert die Angaben aus Krolops ursprünglicher Dissertation übernommen und diese lediglich durch Verweise auf erst nach 1967 erschienene Texte Winders ergänzt. Dieser Teil ist zwar somit immer noch wertvoll – insbesondere wegen der sorgfältig erstellten Auflistungen zeitgenössischer Reflexionen zu Winders belletristischem Werk. Was die angegebene Fachliteratur betrifft, ist er jedoch im Unterschied zum eigentlichen Text der Dissertation gänzlich veraltet. Da klingt auch Jörg Krappmanns Erklärung, eine Ergänzung der Bibliografie würde „den Rahmen einer reproduktiven Ausgabe überschreiten“, nicht sehr glücklich und überzeugend. Und wenn er hinzufügt, dass das, „[w]as fürderhin zu Winder gearbeitet wurde, [...] den Fachleuten bekannt oder in diesen zwischennetzlichen Zeiten leicht zu recherchieren“ sei (S. 13), so ist dieses Argument nach meinem Dafürhalten nicht akzeptabel. Auch in „zwischennetzlichen Zeiten“ bleibt eine aktuelle Bibliografie ein wichtiger Ausgangspunkt für die weitere Beschäftigung mit dem Thema, dessen Vorhandensein in grundlegenden Werken monografischen Charakters (und zu diesen gehört Krolops Arbeit zweifellos) vorausgesetzt wird. – Insbesondere angesichts der Tatsache, dass aus einem unlängst von Patricia-Charlotta Steinfeld unternommenen Versuch, eine komplexe Winder-Bibliografie zu erstellen, nur ein ganz und gar unvollendeter Torso geblieben ist (Ludwig Winder (1889–1946) und die Prager deutsche Literatur. Bd. 1. Erste vollständige Bibliographie zum Werk Ludwig Winders. Dettelbach: Röll, 2009).

 

Abgesehen von dem strittigen bibliografischen Anhang bleibt Krolops Dissertation im tschechischen Kontext nach wie vor ein grundlegendes und elementares Werk zu Ludwig Winder. Bei ihrer Herausgabe handelt es sich daher weniger um einen Akt des Respekts gegenüber dem Autor als um die begrüßenswerte Bereitstellung eines sonst schwer zugänglichen Textes für Interessenten der deutschböhmischen Literatur. Zu bedauern ist lediglich, dass das Buch nicht für die übliche Distribution freigegeben wurde und dem Leser nur in einigen wenigen wissenschaftlichen Bibliotheken zur Verfügung steht. Schade umso mehr, da Krolop sich hier als äußerst bewanderter Fachmann erweist, der den Leser souverän durch die verwinkelten Pfade von Winders Leben und Werk geleitet, ohne dazu ein Opus von mehreren Hundert Seiten zu füllen. „Die Akribie, mit der er jedes Detail betrachtet und kritisch analysiert, und die Konsequenz, mit der er Generalisierungen nur aufgrund sicher erwiesener Fakten vornimmt, versehen seine Texte mit dem Siegel höchster Verlässlichkeit. Die Brillanz, mit der er Texte interpretiert, und die Genauigkeit, mit der er historisch einordnet, vergleicht und – wenn nötig – theoretische Irrtümer kritisch demontiert, machen auch die vorwiegend materialorientierten Arbeiten zu gedanklich anregenden Studien.“ Diese Worte Jiří Stromšíks aus dem Vorwort zu einer auf Tschechisch erschienenen Auswahl von Krolops Studien (O pražské německé literatuře [Zur Prager deutschen Literatur], Praha: Nakladatelství Franze Kafky, 2013, S. 9; mehr zu diesem Buch siehe das Echo vom 15. 9. 2014) lassen sich zweifellos auch auf die Dissertation und das gesamte Lebenswerk Krolops beziehen, das die Forschung auf dem Gebiet der germanobohemistischen Literaturwissenschaft – trotz erzwungener Pausen – jahrzehntelang geprägt hat.

 

Winder-Interessierten, die Krolops Arbeit mit neueren Perspektiven zu diesem Schriftsteller konfrontieren möchten, sei – wenn sie nicht zu den erwähnten Monografien greifen möchten – das erfrischende und kenntnisreiche Nachwort Ulrich Weinzierls zur Neuausgabe von Winders berühmtestem Roman Der Thronfolger (Wien: Paul Zsolnay, 2014) empfohlen. Weinzierl stellt Winder hier aufgrund der thematischen Nähe neben Autoren wie Joseph Roth oder Karl Kraus und unterzieht Winders Text wie auch seine Quellenarbeit beim Verfassen dieses historischen Romans einer detaillierten Analyse. Růžena Grebeníčková wiederum betrachtet in ihrem Nachwort zu der 1997 erschienenen tschechischen Ausgabe des Thronfolgers sowohl den Roman als auch Winders Gesamtwerk durch das Prisma der „Koexistenz von tschechischer und deutscher Literatur während der Ersten Republik“ (S. 855). Grebeníčkovás Text ist unter dem Titel Ludwig Winder a jeho Následník trůnu [Ludwig Winder und sein „Thronfolger“] jüngst auch in einer Anthologie des IPSL erschienen (O literatuře výpravné [Zur Erzählliteratur], Hg.: Michael Špirit. Praha: Institut pro studium literatury – Torst, 2016, S. 852–863). Ihrer Auffassung nach ist Winder aufgrund seiner mährischen Lebenserfahrung wie auch aufgrund motivischer Verwandtschaft in der Nähe Robert Musils, aber auch Božena Benešovás anzusiedeln. – Es liegt zudem gar nicht so fern, diese Studien mit Krolops Nachwort zu einer Ausgabe des Thronfolgers von 1984 (Berlin: Rütten & Loening) zu vergleichen. Dabei handelt es sich zum einen um die Erstausgabe dieses Romans in (damals nur Ost-) Deutschland, zum anderen setzt sich Krolop hier auch mit Winders Spätwerk auseinander, d. h. mit einer Schaffensphase, mit der er sich in seiner Dissertation nur im ersten, biografischen Teil beschäftigt hat.

 

Übersetzung: Ilka Giertz

 

 

Kurt Krolop: Ludwig Winder. Sein Leben und sein erzählerisches Frühwerk. Ein Beitrag zur Geschichte der Prager deutschen Literatur. Hgg. Jörg Krappmann, Jaromír Czmero. Olomouc: Univerzita Palackého v Olomouci, 2015, 360 S.


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