Es schrieb: Kurt Krolop

(16. 5. 2016)

In Anknüpfung an das letzte, dem Gedenken an Kurt Krolop gewidmete Echo publizieren wir zusammen mit dem heutigen Echo, das einige Aspekte von Krolops wissenschaftlicher Arbeit vermitteln soll, einen seiner frühen Artikel, dessen Titel „Solche Erfolche erreichen nur deutsche Molche“ auf eine „Hymne“ aus Čapeks Krieg mit den Molchen anspielt. Erstmals veröffentlicht wurde der Artikel in der Prager Fachzeitschrift Philologica Pragensia (Jg. 9, 1966, Nr. 3, S. 253–255), die ursprünglich als Beilage der Zeitschrift Časopis pro moderní filologii [Zeitschrift für moderne Philologie] erschien. Ein Nachdruck des Textes ist in Krolops Textsammlung Sprachsatire als Zeitsatire bei Karl Kraus (Berlin 1987, Neuausgabe 1992) veröffentlicht. Die in diesem Text getroffenen Feststellungen vertiefte Krolop in einem Vortrag für die internationale Konferenz zum fünfzigsten Todestag Karel Čapeks in Dobříš, den er dort Ende des Jahres 1988 in tschechischer Sprache hielt (der Artikel Karel Čapek: Karl Kraus jako učitel erschien auf Tschechisch in Slavica Pragensia 33, 1989, S. 305–310; dt. unter dem Titel Karel Čapek: „Karl Kraus als Lehrmeister“ 1989 im germanistischen Jahrbuch brücken, ein Jahr darauf in der Zeitschrift für Slawistik und später in Reflexionen der Fackel, Wien, 1994). – Beide Artikel sind zudem Teil einer umfangreichen Auswahl literaturwissenschaftlicher Studien, die ins Tschechische übersetzte Arbeiten Krolops zu Goethe, zur Prager deutschen Literatur, zu Kafka, Karl Kraus wie auch zu tschechischen Autoren beinhaltet und von Jiří Stromšík im Prager Verlag Triáda herausgegeben wird.

 

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„Solche Erfolche erreichen nur deutsche Molche“

Karel Čapek, Karl Kraus und die Molchhymne

 

Am 25. Februar 1933, einen Monat nach Hitlers „Einbruch in die Weltgeschichte“[1], zwei Tage vor Görings Reichstagsbrand, kündigte Panorama, die Hauszeitschrift des Verlages „Družstevní práce“, mit einer Nummer, die fast ausschließlich Karl Kraus und seinem Werk gewidmet war,[2] das baldige Erscheinen einer tschechischen Übersetzung der Letzten Tage der Menschheit an, der ersten Übersetzung des gesamten Dramas in eine andere Sprache.[3] Als Ende Mai 1933 die ersten Exemplare ausgeliefert wurden, war das Werk aktueller als je zuvor; und während deutschsprachige Leser und Hörer sich das „Schweigen“ des Autors der Letzten Tage der Menschheit zu erklären versuchten,[4] begann er für einen großen Teil des tschechischen Publikums erst jetzt überhaupt oder doch erst jetzt ganz vernehmlich zu sprechen.[5] Aber selbst für gründliche Kenner der Fackel und der Letzten Tage der Menschheit bedeutete es eine neue Erfahrung, den „Inhalt der unwirklichen, undenkbaren, keinem wachen Sinn erreichbaren, keiner Erinnerung zugänglichen und nur in blutigem Traum verwahrten Jahre“[6] nicht mehr nur als Vergangenheit hinter sich, sondern auch als Zukunftsmöglichkeit vor sich zu sehen.

 

Zu jenen alten Lesern, die damals die Letzten Tage der Menschheit mit neugeschärftem Blick wiederentdeckten, gehörte auch Karel Čapek. „Das Kriegsbuch von Karl Kraus“, notierte er unter diesem Eindruck, „diese dramatische Chronik der sogenannten Großen Zeit von 1914—1918, wird heute wieder aktuell: einmal deshalb, weil seine tschechische Ausgabe sich in Vorbereitung befindet, zum anderen und weit mehr deshalb, weil der Leser, der sich ihm wieder zuwendet, sich des quälenden Eindrucks nicht erwehren kann, daß die Kraussche tragische Sammlung der handgreiflichen und der psychologischen Erscheinungsformen des Krieges, nachdem fünfzehn Jahre verflossen sind, von neuem auf unheilvolle Weise zeitgemäß zu werden beginnt. Nach dem Kriege haben wir glauben können, es sei das die schreckliche Anklage dessen, was gewesen ist, heute beginnen wir zu erkennen, daß es die Anklage von etwas ist, das andauert. Die letzten Tage der Menschheit sind nicht eine Sache der Vergangenheit.“[7]

 

Als ein Jahr später die Stimmen über Karl Kraus erschienen, welche nach dem Willen der Herausgeber dem Plan dienen sollten, „anläßlich des 60. Geburtstages eines der größten Österreicher zu zeigen, wie man ihn außerhalb der Grenzen dieses Landes sieht“,[8] war unter den tschechischen Stimmen neben Josef Hora und Jan Münzer auch Karel Čapek vertreten, mit Worten des Dankes an „Karl Kraus als Lehrmeister“:[9]

 

Er lehrte uns lesen; er ist der größte Lehrmeister des Lesens, den es jemals gegeben hat. Er lehrte uns bedrucktes Papier entziffern, als wären es Inschriften in einer unbekannten Sprache; er lehrte uns, Sinn und Unsinn gedruckter Worte, ihre Widersprüche, ihre erschreckende Automatik richtig einzuschätzen. Wer durch die Schule der roten Hefte hindurchgegangen ist, der hat sozusagen einen Moral­philologie-Kurs absolviert: er wurde dazu befähigt, auch die nicht in den Gedanken, sondern in den Worten enthaltene Lüge wahrzuneh­men; die Korruption des Geistes zu erkennen, die sich in der Korrum­pierung der Sprache durch die Phrase verrät; die Revolution der Worte zu begreifen, die sich zum Beherrscher des Menschen aufgeworfen haben, seine Instinkte wie Grundsätze erscheinen lassen und an Stelle des Denkens ein mechanisches Hantieren mit Sprachwendungen ermöglichen. Karl Kraus hat es auch versucht, die Menschheit von der letzten und schlimmsten, weil anonymen, Gewaltherrschaft zu befreien: von der Herrschaft der Phrase im öffentlichen Leben […]

Daneben lehrte er uns schreiben. Er lehrte uns, die Worte wie wilde Bestien zu beherrschen. Der Geist befiehlt, das Wort hat zu ge­horchen. In einer Zeit, da in Literatur und Politik das zügellose Wort regiert, ist Karl Kraus unzeitgemäß, aber eben dadurch höchst aktu­ell: in einem die Stimme der Vergangenheit und der Zukunft.

 

Lehrmeister des Lesens im Sinne Čapeks ist Karl Kraus nicht zu­letzt kraft einer Methode satirischer Beweisführung und polemischer Kriegführung, deren stärkstes Argument stets das Zitat ist: nicht nur als sachlicher Beleg, sondern vor allem auch als notwendiges Requisit mimischer und gestischer Entlarvung durch den Zitierenden.[10] Das auf solche Weise schöpferische Vernichtungsarbeit lei­stende Zitat, in dem die Spationierung den Gestus sichtbar macht, reduziert wolkigen Bombast auf den zugrunde liegenden reinen Unsinn, vorgetäuschte Fülle auf die tatsächliche Leere, falsches Pathos auf das echte Blech, die hohle Phrase auf die dicke Lüge. Der gesti­schen Entlarvung dient auch die für die Fackel so charakteristische Verschränkung von klassischem Sprachgut und Jargon, welche etwa die wahre Haltung eines liberalen Journalisten zur Anschauung bringen soll, wenn dieser Posas berühmte Aufforderung zitiert und das so bewirkt „Sire, bittsie, was liegt Ihnen schon dran, geben Sie Gedankenfreiheit!“ (F 890, 276).[11]

 

Sehr der Einschränkung bedürfen die Sätze, mit denen dem Lehr­meister des Schreibens gedankt werden sollte; denn als Dompteur, von dem man lernen kann, „die Worte wie wilde Bestien zu beherr­schen“, fühlte Karl Kraus sich nur im Bereich „angewandter Sprache“ (F 572, 48); vor der Sprache der andern, nicht vor der eigenen: „Ich beherrsche nur die Sprache der andern. Die meinige macht mit mir, was sie will“ (F 389, 42). „Ich pariere ihr aufs Wort“ (F 272, 48).

 

Eben als ein glänzender Beherrscher der „Sprache der andern“ (noch dazu in einer andern Sprache) hat Karel Čapek sich an einer Stelle erwiesen, die gleichzeitig eine gründliche Kenntnis der „roten Hefte“ verrät und auch ein Stück „Moralphilologie“ enthält. Es handelt sich um jene Molchhymne, die in Čapeks Roman Der Krieg mit den Molchen[12] deutsche Schulkinder angesichts der imposanten militärischen Leistungen der „Nordmolche“ anstimmen:

 

„solche Erfolche erreichen nur deutsche Molche“.[13]

 

Die entscheidende Anregung zu diesem unbarmherzigen „akustischen Spiegel“ (F 572, 30) all- und neudeutschen Erfolgs- und Größenwahns dürften zwei Stellen in dem Aufsatz Der Reim gegeben haben. Er war in dem Fackel-Heft vom April 1927 erschienen[14] und am 1. Mai 1927 von Arnošt Kraus in der Prager Presse ausführlich besprochen wor­den.[15] Karl Kraus setzt sich hier mit der Reimlehre Gottfried August Bürgers auseinander, der Reime wie „Berg und Werk“, „Sprache und Sache“ anficht, „Molch und Erfolg“ dagegen hartnäckig als reinen Reim verteidigt.[16] In diesem Zusammenhang heißt es bei Kraus: „Dafür ergeben ihm […] ,Molch und Erfolg‘ eine tadellose Paarung zweier Vorstellungswelten, deren Harmonie ihm offenbar so prästabiliert erscheint, daß er den Schritt vom Molch zum Erfolch vielleicht auch dann guthieße, wenn die Aussprache ihm ein besonderes Opfer auferlegte“ (F 757, 9). Und weiter unten: „Denn man dürfte wohl nicht leugnen können, daß zwischen Sprache und Sache eine engere schöpferische Verbindung obwaltet als zwischen ,Harz und bewahrt’s‘ […] ja als zwischen Molch und Erfolch“ (F 757, 10).

 

Karel Čapek hat das auf den ersten Blick so ungleiche Reimpaar „Molch und Erfolg“ in ein Werk „eingeschöpft“,[17] in dem es nicht nur im Singular, sondern erst recht im Plural „eine tadellose Paarung zweier Vorstellungswelten“ darstellt, deren Harmonie prästabiliert ist; und damit bewiesen, daß er in der „Schule der roten Hefte“ nicht nur Schüler gewesen, sondern auch Meister geworden war.

 

[1] Karl Kraus: Die dritte Walpurgisnacht. Hg. Heinrich Fischer. München 1952, S. 208. [2] Vgl. Panorama 11, 1933, Nr. 1, 25. 2., S. 1–17. [3] Karl Kraus: Poslední dnové lidstva. Tragédie v pěti dějstvích s předehrou a epilogem. Praha 1933 (Nesmrtelní; Bd. XVI). Die Übersetzung stammt von Jan Münzer. [4] Vgl. Kurt Krolop: „Bertolt Brecht und Karl Kraus.“ In: Philologica Pragensia 6, 1961, H. 2, S. 95–112, H. 4, S. 203–230. [5] Übersetzungen einzelner Aufsätze und Gedichte waren schon vorher er­schienen, z. B. in: Symfonie války. Hg. v. Otto Pick. Praha 1931. [6] Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit. Wien – Leipzig 1926, S. VII. [7] Karel Čapek: Poslední dnové lidstva. Abdruck aus „Přítomnost“ in: Panorama, Nr. 4/XI (25. Mai 1933), S. 57. (Übersetzt von mir – K. K.) – Vgl. auch F. X. Šalda: „Pamflet apokalyptický neboli ‚Poslední dnové lidstva‘.“ In: Šaldův zápisník 5, 1933, Nr. 13–14, September, S. 412–420. [8] Stimmen über Karl Kraus zum 60. Geburtstag. Hg. v. einem Kreis dankbarer Freunde. Wien 1934, S. 5. [9] Ebenda, S. 21: „Karl Kraus jako učitel.“ — Auf S. 22 eine Übersetzung ins Deutsche: „Karl Kraus als Lehrmeister.“ Zitiert wird nach dieser Übersetzung. [10] Vgl. dazu besonders Walter Benjamin: „Karl Kraus.“ In: Schriften. Bd. 2. Frankfurt a. M. 1955, S. 159ff. [11] [Die erste Zahl hinter „F“ bezeichnet die  Nummer des Fackel-Heftes, die Zahl hinter dem Komma die Seite in diesem Heft. Bei dem Zitat handelt es sich um eine Paraphrase aus Schillers Drama Don Carlos (3. Akt).] [12] Karel Čapek: Válka s mloky. Praha 1936; Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen. Aus dem Tschech. v. Julius Mader. Praha 1937. [13] Der Krieg mit den Molchen, III. Buch, Ende des 4. Kapitels. — Die Erstaus­gabe der deutschen Übersetzung (vgl. Anm. 12) weist eine Änderung auf: „Solche Erfolche erzielen nur deutsche Molche.“ (Hervorgehoben von mir – K. K.) Mader bewies durch diese „Verbesserung“ des Originals seine Taubheit für die Lautwirkung dieser Stelle, die ja gerade in der übergroßen Häufung zum ʃ-Laut tendierender ç-Laute liegt. – Spätere Auflagen haben wieder „erreichen“. [14] Die Fackel, Nr. 757–758 (April 1927), S. 1–37. [15] Arnošt Kraus: „Karl Kraus über den Reim.“ In: Prager Presse 7, 1927, Nr. 119, 1. 5., Beilage „Dichtung und Welt“, S. 1–2. Auch hier werden „Molch und Erfolg“ erwähnt: „Ganz aneinander vorbei reden dann Bürger und Kraus, wenn ersterer Berg und Werk, letzterer Molch und Erfolg nicht als Reime gelten lassen will“ (S. 1). [16] Vgl. Gottfried August Bürger: „Hübnerus redivivus, d. i. kurze Theorie der Reimkunst für Dilettanten.“ In: G. A. Bürger’s Werke. Hg. v. Eduard Grisebach. 5. Aufl., Berlin 1894, S. 420–436, vor allem S. 428. [17] Vgl. F 572, 62. – Von unfreiwilliger Komik sind „Molchen und folgen“ in einem Gedicht Heimtweh von F. A. Zimmer (Voigtländischer Anzeiger und Tageblatt 1900, Nr. 183), zitiert in: Felix Schloemp: Die Meschuggene Ente. München — Leipzig 1909, S. 90: „[…] Möchte liegen bei den kleinen Mol­chen, / Möcht  am liebsten heute noch im leichten Kahn / Dort den goldenen Libellen folgen / Auf des waldumrauschten Weihers Silberbahn.“

 

Übersetzung der Einleitung: Ilka Giertz


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