Es schrieb: Ladislav Drůbek

(7. 3. 2016)

Ladislav Drůbek (17. 6. 1883 Prag – 5. 11. 1968 ebenda), „Sohn des pädagogischen Schriftstellers Ferdinand Drůbek und der in der Frauenbewegung engagierten Anna Drůbková“ (Lidové noviny, 17. 6. 1943, S. 3; unterzeichnet mit „a“ = wahrscheinlich Fr. Šelepa), war in den Jahren 1902–1909 Hörer der Prager tschechischen philosophischen Fakultät, wobei sein Interesse insbesondere germanistischen und slawistisch-bohemistischen Lehrveranstaltungen galt; im Wintersemester 1904/1905 und im Sommersemester 1905 studierte er an der Berliner Universität.  1909 verteidigte er in Prag seine Doktorarbeit zum Thema „Sprachliche und sachliche Vergleichung von Goethes Italienischer Reise mit ihren Vorlagen“. Danach trat er – zunächst in Prag-Smíchov, dann in Liberec (Reichenberg) – eine Stelle als Gymnasiallehrer an, parallel dazu war er als Publizist und Übersetzer deutscher Literatur tätig (u. a. Alfred Döblin: Valdštejn, 1931 – mit Miloslav Novotný und Vincenc Svoboda; Bruno Brehm: Apis a Este. Román o Františku Ferdinandovi, 1932; Friedrich Torberg: Student Gerber maturoval, 1938; Robert Beholz: Zvěd z tvrze Oswego, 1938; Pražské motivy. Výbor německých novel o Praze, ausgewählt und übers. von L. Drůbek, Nachwort von Vojtěch Jirát, 1940; Karl Aloys Scherzinger: Anilin. Román o vítězství chemie – mit Alois Adalbert Hoch, 1942). Noch im September 1948 rezensierte Drůbek in der Zeitschrift Kritický měsíčník Walter A. Berendsohns Buch Die humanistische Front(Zürich, Europa Verlag 1946), 1949 gab der in Prag und Brünn ansässige Verlag Mír (unter dem Titel Sůl země) seine Übersetzung von Eduard Claudius‘ Roman Salz der Erde heraus. Hier verlieren sich dann offenbar die Spuren seines Wirkens.

 

Drůbeks Tätigkeit als Journalist und Berichterstatter im tschechischen Grenzgebiet, die er in den zwanziger Jahren für die Zeitung Lidové novinyausübte, wird am 13. März 1926 von dem ebenfalls bei dieser Zeitung tätigen Redakteur František Šelepa in einem Brief an Arne Laurin, den Chefredakteur der Tageszeitung Prager Presse, wie folgt beschrieben: „Wir haben dort vor allem Professor Drůbek, einen intelligenten, urteilsfähigen und in jeder Hinsicht verlässlichen Mann, der im Journalismus schon etwas Übung hat. Von den Liberecer Tschechen ist er der Einzige, der gute gesellschaftliche Kontakte zu Deutschen hat – auch zu jenen großen Wirtschaftsleuten (vielen von ihnen hat er Tschechisch beigebracht etc.). Den würden wir unsererseits dort belassen, weil er für diesen Dienst schwer ersetzbar ist. Ihr eurerseits solltet dort einen geschickten Menschen hinschicken, einen Juden, aber Vollblutjournalisten, der gesellschaftlich tadellos ist. Dieser wüsste auch jenen Professor Drůbek und seine Beziehungen besser zu nutzen, als Drůbek selbst es vermag. Drůbek ist zudem literarisch sehr gebildet und auch als Berichterstatter über Literatur und Kultur der Deutschböhmen von Wert. […] Heinrich [Arnošt Heinrich, Chefredakteur der Lidové noviny] lässt Dir zudem ausrichten, dass die ,Prager Presse‘ in dieser Region ein größeres Interesse hat und haben soll als wir und dass es in eurem Interesse ist, diese unsere Anfänge nicht ungenutzt zu lassen. Die Prager Deutschen sind politisch wie wirtschaftlich nichts gegen die Deutschen in Nordböhmen. Dort befindet sich der Brennpunkt des deutschen Problems in der Republik. Würde ich die ,Prager Presse‘ machen – so sagte mir Heinrich – ich würde fünf Redakteure nach Nordböhmen schicken, auch wenn mir dann in Prag fünf Redakteure fehlten.“

 

Als Beispiel für Drůbeks publizistische Tätigkeit sei hier ein Text veröffentlicht, der am 8. 5. 1926 in der Tageszeitung Lidové noviny gedruckt wurde (S. 9–10, unterzeichnet L. D.) und als Skizze der Spannungen innerhalb der deutschsprachigen Literaturszene in der damaligen Tschechoslowakei gelten kann. In der hier veröffentlichten Textversion wurde die Schreibung des Namens „Jaeksch“ korrigiert und in „Jaksch“ (= Friedrich Jaksch) geändert.

 

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Wer ist führender Dichter der tschechoslowakischen Deutschen?

 

Auf diese Frage hören wir heute aus dem deutschen Lager so viele verschiedene Antworten, wie es literarische Strömungen in der Literatur unserer Deutschen, oder, noch besser gesagt, wie es unterschiedliche politische Tendenzen und religiöse Konfessionen gibt. Nie war die Literatur für unsere Deutschen ein solches Politikum, wie sie es in ihrer neuen Situation nach dem Umsturz geworden ist. Es ist nur scheinbar ein Paradox, dass unsere deutschen Mitbürger erst mit jenem Umsturz, mit dem Verlust ihrer einstmaligen politischen Macht, zu kultureller Selbstbestimmung, zu einer Verankerung im heimatlichen Boden gelangen. Dies war zu Zeiten Österreichs in keinem Bereich der geistigen Kultur der Fall, da der politische und kulturelle Zentralismus, sei es der Wiener oder der Berliner, die besten Geister aller Disziplinen anzog, wodurch das geistige Leben der Deutschen in Böhmen und Mähren verarmte und auf das Niveau einer kaum beachteten, bedeutungslosen Provinz herabsank. So kam es, dass die deutsche Literatur Böhmens und Mährens im 19. Jahrhundert weder Traditionen einer eigenen Regionalliteratur entwickelte noch herausragende Phänomene größeren Formats vorweisen konnte. Es ist bezeichnend, dass so charakteristische und literarisch dankbare Regionen wie der Böhmerwald, das Erzgebirge oder das Riesengebirge unter unseren Deutschen keinen Dichter fanden. Ein Soziologe erklärt diese auffällige literarische Unfruchtbarkeit damit, dass all jene kargen Gebirgsregionen ihre nationale Energie für den Kampf und das Ringen um die Existenz beanspruchten, für den wirtschaftlichen Aufschwung, mit welchem die Söhne dieser rauen, für die industrielle Entwicklung jedoch so geeigneten Regionen zweifellos ein Werk vollbracht haben, das allen Respekt verdient. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass dieser oftmals überstürzte wirtschaftliche Aufschwung, mit dem man die tschechische Entwicklung um Jahrzehnte überholte, mit Opfern in der literarischen und bildkünstlerischen Kultur bezahlt wurde.

 

Eine ganz besondere Stellung in dieser Entwicklung nahm die Prager deutsche Insel ein, auf welche die vielschichtig entwickelte und fein nuancierte kulturelle Atmosphäre des tschechischen Prag nicht ohne Einfluss bleiben konnte. Diese Atmosphäre, die von Angehörigen der Provinzdeutschen als mörderisch und ungesund für die nationalen Überzeugungen und das gute deutsche Schaffen erklärt wurde, hatte zwar keinen direkten Einfluss, indem sie etwa stofflich oder durch ihre slawische Perspektive Spuren in der Produktion der Prager deutschen Dichter hinterlassen hätte – wenngleich im Werk Rilkes, Werfels oder Max Brods auch solcherlei Spuren zu finden sind. Vielmehr wirkte sie dahingehend, dass die Dichter, denen auf dem Prager Boden die nährende und organische Umgebung eines eigenen Volkslebens fehlte, sich eher kosmopolitisch und europäisch orientierten und geistig mit den großen neuen Ideen und Strömungen Westeuropas in Kontakt standen. Mit dieser bereitwilligen Übernahme fremder Einflüsse, welche sie auf ihre eigene, oft sehr bemerkenswerte Weise verarbeiteten, gerieten die Vertreter der Prager deutschen Literaturszene in offensichtlichen Gegensatz zu ihren Landsleuten aus den deutsch besiedelten Grenzregionen, sodass hier eine gänzliche Entfremdung eintrat, die durch die starke deutsch-arische Einstellung der deutschen Provinz gegenüber der Prager jüdisch-deutschen Literatur noch verstärkt wurde. Es mangelt nicht an Belegen zur Bestätigung der Tatsache, dass zwischen Prag, wo sich insbesondere im Umfeld der Hochschulen die Elite des deutschsprachigen Kulturlebens konzentriert, und der deutsch besiedelten Provinz, welche gern stärker ihr sudetendeutsches Nationalbewusstsein und ihre Kompromisslosigkeit betont, nicht nur eine Entfremdung, sondern oftmals eine regelrechte Feindschaft herrscht, die – wie immer – mit völliger gegenseitiger Unkenntnis und einem systematischen gegenseitigen Totschweigen verbunden ist. Der deutsche Provinzjournalismus ignoriert systematisch die Produktion der Prager Literaten, auch wenn sie keine Semiten sind, wie z. B. der hervorragende Lyriker R. Maria Rilke, der dieses Jahr unlängst anstelle einer Feier zu seinem 50. Geburtstag feierlich aus dem deutschen Volk ausgeschlossen wurde, weil er einige französische Gedichte verfasst hatte. Vergeblich würde man in Bibliotheken größerer nordböhmischer Städte die Werke Max Brods suchen, denn dieser hervorragende Denker und Romancier steht am nationalen Pranger. Sein Vergehen besteht darin, dass er einst bekannte, die deutsche Sprache nur deshalb zu verwenden, weil er eine deutsche Schulbildung genossen, sonst aber eher die tschechische und jüdische Umgebung auf sein Werk eingewirkt habe als das deutsche Nationalbewusstsein, welches er als überzeugter Anhänger des Zionismus ablehne. Am besten ergeht es dem hervorragenden Prager Dramatiker und Romancier Fr. Werfel, dessen Werke heute gewiss in Deutschland und Österreich stärkere Wertschätzung erfahren (gerade wurde ihm in Wien der Grillparzer-Preis verliehen) als bei den eigenen Landsleuten außerhalb Prags. Dieser Totschweige-Fanatismus betrifft, wie die Praxis national gesonnener Vertreter deutscher Literaturgeschichte an der Prager Universität zeigt, auch die Literaturgeschichtsschreibung. Es ist noch nicht lange her, da protestierten in Prag Teilnehmer eines von einer Kommission des Verbandes der Selbstverwaltungskörper organisierten Kurses dagegen, dass der vortragende Prof. AHauffen in einem informativen Überblick zur deutschböhmischen Literatur die Prager literarische Gruppe ausgelassen und dies wenig überzeugend mit Zeitmangel entschuldigt hatte.

 

Auf die Frage, was Ursache dieser Voreingenommenheit sei, antwortet der in den Verhältnissen innerhalb des deutschen Lagers gut orientierte Prager Journalist Otto Pick in seinem Artikel: Pohled na kulturní život čs. Němců [Blick auf das Kulturleben der tschechoslowakischen Deutschen] (Přerod IV., [1925/1926, Nr. 2, 15. 10. 1925] S. 19) wie folgt: „Bemühen wir uns um eine Erklärung dieser Totschweige-Politik, so liegt die Vermutung nahe, dass in allen Fällen die Furcht vor dem Anschein eines unzureichenden Nationalbewusstseins ausschlaggebend ist. Jedem einheimischen deutschen Schriftsteller, der die Kunst aus europäischer Perspektive betrachtet, wird ein Mangel an nationaler Gesinnung vorgeworfen“. Mit Bitterkeit konstatiert Pick, dass die Deutschen heute keine kritischen Äußerungen über die Pflege der einheimischen Literatur oder die Leitung des Prager deutschen Theaters vertrügen, welches insbesondere im Schauspiel an Niveau verloren habe. Ähnlich verhalte es sich mit der literarischen und wissenschaftlichen Kritik in Prager deutschen Tageszeitungen. Obgleich bei diesen bekannte Schriftsteller als Literaturkritiker tätig seien, werde hier das einheimische deutsche Schrifttum nicht so systematisch besprochen, wie dies in der tschechischen Presse bezüglich der – aufmerksam rezensierten – tschechischen Literaturproduktion der Fall sei. Über viele Werke deutschsprachiger Autoren aus der Tschechoslowakei werde entweder nur kurz und oberflächlich referiert oder sie würden gänzlich übergangen, wenn sie „den Anschein weckten, im parteipolitischen Sinne nicht deutsch genug zu sein“. Nur oberflächlich rezensiert würden auch Werke „unbescholtener“ einheimischer Deutscher, wie dies zum 65. Geburtstag des bedeutenden Romanciers Gustav Leutelt geschehen sei, dessen Schaffen tschechische Blätter ausführlicher würdigten als deutsche (so auch die Lidové noviny [Ladislav Drůbek: Básník jizerských hor, Lidové noviny, 24. 9. 1925, unterzeichnet bk.]).

 

Der negativen Einstellung bestimmter Vertreter der Prager Literaturszene gegenüber der literarischen Produktion außerhalb Prags sagte die nationalliterarische Schule den Kampf an, die auch in Prag ihre Vertreter hatte und immer noch hat. Dabei handelte es sich um eine Gruppe, die sich bereits vor dem Umsturz um die politisch-literarische Zeitschrift Deutsche Arbeit gebildet hatte. Hier hisste man die Flagge einer deutschen Nationalliteratur, die sich bewusst in den Dienst der Politik stellt. Ein positives Resultat dieser Bewegung war die Erweckung eines Interesses an der einheimischen, regionalen Kultur, aus welchem heute die gut organisierte deutsche Heimat- und Landeskunde, das Dialektstudium wie auch die wissenschaftliche Darstellung der ethnografischen Verhältnisse schöpft, die ein beachtliches Niveau aufweist. Die führenden Vertreter dieser Richtung, die Professoren Hauffen und Sauer, haben sich eine ganze Reihe von Mitarbeitern herangezogen. So z. B. Emil Lehmann, der sich mit seinen zahlreichen Forschungsarbeiten (zum Beispiel Heimat und Bildung, 1925, Fr. Kraus, Liberec) um den Aufbau einer Volksbildungstätigkeit auf der Basis einheimischer Traditionen verdient gemacht und selbst mittels populärer Handbücher (Sudetendeutsche Volkskunde, 1925, Quelle und Meyer, Leipzig) den Grundstein für eine wissenschaftliche Beschreibung des Kultur- und Volkslebens der Deutschen in der Tschechoslowakei gelegt hat. Nach dem Umsturz verlagerte sich der Schwerpunkt dieser Tätigkeit immer stärker von Prag in die Provinz. Der Mitarbeiterkreis konzentrierte sich um zwei agile Verlagshäuser in Cheb (Eger) und Liberec (Reichenberg). Der Cheber Böhmerlandverlag, der heute aus politischen Gründen zum einen nach Augsburg, zum anderen nach Mährisch Šternberk verlegt wurde, hat eine energische, auf die Schulung des Nationalbewusstseins gerichtete Tätigkeit entwickelt, und zwar insbesondere durch die Herausgabe politisch-pädagogischer Broschüren (E. Gierach, Sudetendeutscher Katechismus) und der sehr gut redigierten Jahresschrift Böhmerlandjahrbuch (ab 1920 in der Art von Hajns Jahrbuch[= das von Antonín Hajn redigierte Jahrbuch Ročenka Československé republiky, erschienen ab 1922]), in welcher der Herausgeber, der Architekt O. Kletzl, einen breitgefächerten Jahresrückblick über die kulturelle Tätigkeit der tschechoslowakischen Deutschen in allen Bereichen gibt. Mit der unvermeidlichen – oft etwas krampfhaften – nationalen Tendenz wird hier eine einheimische Literatur, eine einheimische deutsche Kunst im Geiste der sog. Erneuerungsbewegung propagiert, bei der es sich gewissermaßen um eine zaghafte Form eines deutschen Demokratismus sowie um den Versuch einer Umerziehung im Sinne der Ideale von Nüchternheit und reinem Leben handelt.

 

Zweites Zentrum der Bemühungen, eine einheimische Literatur und Heimatkunde zu kultivieren, wurde der von bestimmten Ideen geleitete Verlag FrKraus‘ in Liberec (der Sudetendeutsche Verlag, der heute führend in dieser Branche ist. Seine bemerkenswerten Publikationen propagieren in Neuausgaben einheimische Autoren wie Stifter, Leutelt, Wildner und Jaksch, geben in der 30 Bändchen umfassenden Sammlung „Sudetendeutsche Heimatgaue“ einen Überblick über wichtige Städte deutschen Ursprungs oder enthalten wissenschaftliche Beiträge zur Volkskunde der tschechoslowakischen Deutschen). Den Höhepunkt dieser Bemühungen um die Pflege einer originären einheimischen Tradition und Literatur markiert jedoch eine spezielle literarische Gesellschaft, die aus dem Kreise dieser national gesinnten kulturpolitischen Mitarbeiter hervorging. Es handelt sich um die Adalbert Stifter Gesellschaft mit Sitz in Augsburg und Verlag in Mährisch Šternberk. Ihr Ziel ist es, für die Mitglieder der Gesellschaft Werke deutscher Autoren aus den Bereichen Literatur, Wissenschaft, Kunst und Volkskunde herauszugeben. Die Gesellschaft übernimmt – unter der Redaktion O. Kletzls und dem Titel Sudetendeutsches Jahr – die Herausgabe von Kletzls Jahrbuch. Zudem hat der Verlag bereits zwei wissenschaftliche Handbücher herausgegeben, die aufgrund ihres Materials von großem Wert für die Erforschung des kulturellen Lebens unserer Deutschen sind. Die Literatur der tschechoslowakischen Deutschen hat der Wiener Germanist Rudolf Wolkan in einem umfangreichen, aber uneinheitlichen und für die moderne Zeit nicht ausreichend verlässlichen Werk dargestellt (Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen und in den Sudetenländern, 1925), die bildkünstlerische Kultur wurde von J. Neuwirth, einem Kenner mittelalterlicher Kunst, beschrieben (Geschichte der deutschen Kunst [und des deutschen Kunstgewerbes] in den Sudetenländern, 1926).

 

Fassen wir die Bestrebungen und Ideale der national orientierten, außerhalb Prags entstandenen Literatur unserer Deutschen zusammen, so können wir die Frage, welchen der lebenden Geister ihrer Nation sie für ihren bedeutendsten Vertreter halten, leicht beantworten. Es wird sicherlich ein Schriftsteller sein, der in vorderster Reihe ihrem politischen Ideal entspricht, so, wie sie es für ihre Situation – der eines Volkes, dessen Hauptstamm jenseits der Grenzen dieses Staates ansässig ist – formuliert haben. Es wird derjenige Dichter sein, der am flammendsten ihrer Sehnsucht nach nationaler Eigenart Ausdruck verleiht oder ihnen einen Weg aus ihrer derzeitigen politischen und moralischen Krise weist. Um diesen Palmzweig des bedeutendsten Dichters und Führers der tschechoslowakischen Deutschen konkurrieren – mit wechselndem Erfolg – zwei Zeitgenossen. Nach dem Umsturz wurde von Seiten aller außerhalb Prags angesiedelten Akteure der im Böhmerwald gebürtige Hans Watzlik (geb. 1879) als führend angesehen, ein Erbe des Stifter’schen Werks und von der literarischen Richtung her ein Spätromantiker der Eichendorff-Schule, dessen Romane und Novellen eine ungewöhnlich originelle, nahezu barock überspannte Diktion aufweisen. Die größte Popularität trägt ihm hierbei seine nationale Tendenz ein, das beliebte zentrale Motiv des Kampfes um die heimatliche Scholle gegen die tschechische Expansion – sei es in Form historischer Romane (Aus wilder Wurzel, über den 30-jährigen Krieg) oder in Gestalt eines politischen Romans (O, Böhmen, 1917).

 

In letzter Zeit etabliert sich auf dem Herrscherthron der sudetendeutschen Literatur ein bislang weniger populärer, von der ernsthaften Literaturkritik jedoch bereits als einer der besten Denker und Führer des deutschen Volkes gewürdigter Dichter: der Wissenschaftler und Autor historischer Romane Erwin Quido Kolbenheyer (geb. 1878). Dieser hervorragende Denker, bekannt als biologischer Forscher, möchte seinem Volk, dessen Krankheit er gleichsam mittels biologischer Methoden studiert, Arzt und Führer sein. Obgleich in der Fremde (in Pest) geboren und obgleich Nachfahre eines Geschlechts, in dem neben deutschem und ungarischem auch tschechisches Blut fließt, versteht sich Kolbenheyer, der seine Jugend in der Gegend von Cheb verbrachte, als treuen Sohn der Sudetendeutschen. Er macht es sich regelrecht zur Mission, in seinem Werk den Charakter des deutschen Wesens zu erfassen. Seine philosophisch-historischen Romane verfolgen Entwicklung und Wachstum typischer Figuren deutscher Philosophen und Wissenschaftler, wie es für ihn Spinoza (Amor Dei, 1908), der Mystiker Jacob Böhme (Meister Joachim Pausewang, 1910) und der mittelalterliche Naturwissenschaftler Paracelsus sind, dessen Leben und Wirken er in seinem größten Werk, der Paracelsus-Trilogie (1917, 1921, 1925), schildert. Ausgehend von biologischen Überzeugungen, beschwört er die gesunde Familie und das aufgeklärte Individuum, welches faustisch ringt, sich jedoch schließlich dem Ganzen, dem es dient, unterordnet. Dieses Ganze ist die Nation, der lebendige Organismus, der heute krankt, sich nach dem optimistischen Glauben des Dichters jedoch schon jetzt aufgrund neuer Ideale zu wandeln beginnt. Das poetische Bekenntnis des Dichters hat etwas gotisch Strenges, dieser Künstler bewahrt sich seine Eigenart, indem er jenseits modisch-expressionistischer Versuche, ausgeglichen und harmonisch, Wissenschaftler und Dichter in einer Person, seinen Weg geht. Die dichten und inhaltsreichen Werke dieses ernsthaften Künstlers und Moralisten gehören sicher zu den bemerkenswertesten literarischen Schöpfungen unserer Deutschen. Bislang trifft sie jedoch das Schicksal so vieler künstlerischer Werke: Jedermann lobt sie, doch niemand liest sie. Und ich fürchte, dass diese Charakteristik für viele Werke der nationalistischen Strömung in der Literatur unserer Deutschen in weitaus stärkerem Maße gilt als für die weniger propagierten Werke der kaum patriotischen, künstlerisch aber reineren Prager Dichter.

 

Übersetzung: Ilka Giertz


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