Es schreibt: Tilman Kasten

(Echos, 23. 11. 2015)

Als H. G. Adler Anfang des Jahres 1947 nach Großbritannien einreiste, traf er dort – genauer in London – auf Elias Canetti und Franz Baermann Steiner. Die drei Persönlichkeiten verbanden freundschaftliche Beziehungen, die mehrere Jahre bzw. Jahrzehnte zurückreichten. Während Adler und Steiner bereits seit Kinder- und Jugendtagen enge Freunde gewesen waren, lernten sich Adler und Canetti 1937 bei einem Aufenthalt des zu dieser Zeit noch in Wien lebenden Autors in Prag kennen; im selben Jahr stellte wiederum Adler den Kontakt zwischen Canetti und Steiner in Wien her. In der Zeit des Exils knüpften Canetti und Steiner an diese Verbindung an und traten in einen spannungsreichen intellektuellen Dialog, der nach 1947 um Adler als weiteren Gesprächspartner bereichert wurde. Ihr literarisches, publizistisches und im Falle von Adler und vor allem Steiner (der von 1949 bis zu seinem Tod 1952 in Oxford Sozialanthropologie lehrte) auch wissenschaftliches Schaffen stand ganz im Zeichen der Erfahrungen des Exils sowie des Holocausts (Adler überlebte die Internierung in mehreren Lagern und verlor 18 nahe Angehörige, darunter seine Ehefrau).Zudem entwickelte es sich oftmals in einem von Anlehnung und Abgrenzung charakterisierten wechselseitigen Austausch. Neben den persönlichen Beziehungen verbanden die Autoren auch gemeinsame thematische Interessen – etwa an der Frage, wie die Shoa zu denken sei, sowie an anthropologischen Fragestellungen. Neben literarischen Werken sind als zentrale Texte in diesem Zusammenhang etwa Adlers Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft (1955), Canettis Masse und Macht (1960) sowie Steiners wissenschaftliche Schriften und Aufzeichnungen zu nennen.

 

Auf diese lebensweltlichen und thematischen Verbindungslinien zwischen den Autoren weisen die Herausgeber Jeremy Adlerund Gesa Dane des mit Literatur und Anthropologie. H. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner in London (Göttingen: Wallstein Verlag 2014) betitelten und auf eine 2013 in Berlin abgehaltene Tagung zurückgehenden Sammelbandes hin. Zwar werden die im Titel genannten thematischen, lokalen und personellen Verknüpfung von den Herausgebern eingangs näher beschrieben, die in dem Band versammelten 14 Beiträge entsprechen allerdings nur zum Teil der geweckten Lesererwartung. Hinzukommt, dass der Begriff der Anthropologie auch in den folgenden Aufsätzen nicht systematisch reflektiert wird (etwa: Anthropologie als wissenschaftliche Methode, literarisches Thema oder literarisch-interdiskursive Referenzgröße?), weshalb es letztlich schwerfällt, den Band als Ganzes in den Blick zu nehmen und auf den skizzierten Themenkomplex hin zu befragen. Beiträge ohne unmittelbaren Bezug zum Bandtitel legen etwa Carol Trully, Katrin Kohl, Ruth Vogel‑Klein, Barbara Hahn und Heidi Thomann Tewarson vor.

 

Den engeren fachgeschichtlichen Kontext der Sozialanthropologie und Ethnologie berücksichtigen die Studien von Peter Filkins, Erhard Schüttpelz, Jeremy Adler und Richard Fardon. Filkins geht von einer Bemerkung Adlers aus, der zufolge er als Internierter in Theresienstadt „gleichzeitig als zuschauender Beobachter und doch als gewöhnlicher Gefangener“ (S. 83) gelebt habe. Diese Erfahrung reflektierten seine Texte insofern, als sich in deren erzählerischer Gestaltung „dual roles of witness and observer“ (S. 91) identifizieren ließen. Filkins legt dar, dass sowohl die literarischen Texte Adlers als auch seine Studie über Theresienstadt durch ein Changieren zwischen wissenschaftlicher Perspektive und ästhetischem Gestaltungswillen sowie zwischen subjektivem Erleben bzw. subjektiver Anteilnahme und objektivierender Distanznahme charakterisiert seien. Eine wichtige Ursache für diese komplexe Doppelperspektive sieht Filkins zum einen in Adlers (durch Steiner vermittelte) Kenntnis der Methode der teilnehmenden Beobachtung, wie sie von Bronisław Malinowski entwickeltet wurde. Zum anderen beschreibt Filkins jenen doppelten Blick auch als eine Strategie, mit welcher Adler einer psychischen Absorbierung durch die eigenen leidvollen Erfahrungen sowie einer Verabsolutierung seines Leidens (angesichts noch schlimmerer Lebensschicksale) vorbeugen wollte. Filkins gelingt es deutlich zu machen, auf welche Weise Adler so zu seiner spezifischen Form literarisch-wissenschaftlicher Zeugenschaft findet. Schüttpelz untersucht die wechselseitigen Bezugnahmen und die Auseinandersetzungen Adlers, Canettis und Steiners, die sich in deren sozialtheoretischen Schriften in Bezug auf die Frage nach den Entstehungsbedingungen von Sklaverei feststellen lassen. Wie bei Adler der Begriff der „Staatssklaverei“ begründet wird, wie dieser durch Steiners wissenschaftliche Schriften (seine Dissertation war dem Thema gewidmet) beeinflusst worden war und inwiefern Canetti in Masse und Macht die Thesen der Freunde (v. a. diejenigen Steiners) aufgriff und zugleich darum bemüht war, deren historisch und rechtsgeschichtlich fundierte Kategorisierungen durch eine „politische Zoologie der Sklaverei“ (S. 173) aufzubrechen – all diesen Fragen widmet sich Schüttpelz. Gerahmt wird seine Darstellung durch die Beobachtung, dass Adler der Versklavung der Juden in Lagern den „Auszug aus Ägypten“ (d. h. in die Freiheit) gegenüberstelle und damit ein jüdisches Motiv aufgreife, das auch in den Schriften der beiden anderen Freunde „in vielen idiosynkratischen Variationen“ (S. 173 f.) auftrete. Fardonwidmet sich dem wissenschaftlichen Vermächtnis Steiners, das über die Prämissen und Erkenntnisinteressen der Sozialanthropologie bzw. Ethnologie der 1940er/1950er Jahre hinausweise, aber ausgerechnet von Vertretern der Anthropologie in Oxford (Laura und Paul Bohannan, Mary Douglas) keine seiner Vielschichtigkeit angemessene Würdigung erfahren habe. Die Grundlage für Steiners wissenschaftliche Sensibilität sieht Fardon in seiner Herkunft und Sozialisation im multiethnischen Prag sowie seinen biographischen Erfahrungen der Folgezeit. Offensichtlich ist Fardons Text selbst wiederum als Kontrapunkt zum „verratenen Vermächtnis“ Steiners – so seine Formulierung in Anlehnung an Milan Kundera (S. 205) – zu verstehen. Jeremy Adler vergleicht H. G. Adlers (historisch und moralisch fundierte, auf die Konstruktion einer spezifisch deutschen Tradition abzielende) Reflexion des Begriffs „Masse“ mit Canettis transhistorischer Perspektive auf den Begriff, und in einem zweiten Schritt zeichnet er H. G. Adlers Kritik an Canettis Darlegung nach – es handelt sich um eine fundierte Verknüpfung von Werk-, Begriffs- und Ideengeschichte.

 

Drei weitere Aufsätze berühren anthropologische Fragestellungen ohne direkten Bezug zum engeren disziplinären Kontext. „Anthropologie“ ist hier offensichtlich im Sinne eines Räsonierens über die conditio humana zu verstehen. So geht Sven Kramer auf die Korrespondenz Adlers mit seiner späteren zweiten Ehefrau ein, die von einer Spannung zwischen der Erfahrung des Grauens und einem ausgeprägten Lebenswillen charakterisiert sei und in der Adler zudem die Rolle der Intellektuellen nach 1945 reflektiere. Manfred Voigtserörtert die Gottesvorstellung der drei Autoren vor dem Hintergrund von Oskar Goldbergs Die Wirklichkeit der Hebräer (1925). Mit der Apokalypse als Schreib- und Denkfigur beschäftigt sich schließlich Ulrich van Loyen.

 

Komplettiert wird der Sammelband durch zwei Texte, die Prager Lebenswelten fokussieren. Keine Bezüge zum Titel des Bandes weist Jörg Jungmayrs Versuch, eine überblicksartige Gesamtdarstellung des Prager Kreis[es] um Max Brod zu geben, die allerdings in vielerlei Hinsicht den aktuellen Forschungsstand nicht aufarbeitet und mit diskussionswürdigen Einordnungen verbunden ist (etwa bzgl. F. C. Weiskopfs, S. 305, Anm. 153). Hans Dieter Zimmermann rekapituliert Aspekte der Sozialgeschichte des Milieus der Prager deutschsprachigen jüdischen Literatur und vertritt – ähnlich wie Fardon – die These, dass ein „anthropologische[r] Blick“ (S. 256) erst in der Prager Generation von H. G. Adler und Steiner (mit ihren spezifischen historischen Erfahrungen) zu erkennen sei; Vertreter der älteren Generationen seien hingegen ästhetischen, philosophischen, theologischen und politischen Überlegungen nachgegangen. Gerade hinsichtlich dieser auf den ersten Blick überzeugenden These hätte eine systematische Reflexion des Forschungsfeldes „Anthropologie und Literatur“ sicherlich zur historischen Vertiefung und Differenzierung des Befundes beitragen können. Berührt etwa Max Brods und Felix Weltsch’ Anschauung und Begriff nicht auch anthropologische Aspekte im weitesten Sinne? Ließen sich nicht gerade in Kafkas Werken anthropologische Interessen als zentrales Moment ausmachen?

 

Abschließend kann ich meine eingangs formulierte Kritik an der thematischen Heterogenität des Bandes – auch wenn diese den für Tagungsbände oftmals typischen Entstehungsumständen geschuldet sein mag – nur wiederholen. Eine einleitende Erörterung der unterschiedlichen Zugriffsmöglichkeiten auf den Zusammenhang von Literatur und Anthropologie und eine entsprechende thematische Gruppierung der Beiträge hätten sicherlich zu einer Systematisierung der Ergebnisse und somit zu einer besseren Orientierung der Leser beigetragen.


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