Es schrieb Otokar Fischer

(Echos, 13. 10. 2014)

Die ersten Lebensjahre Otokar Fischers (1883–1938) standen im Zeichen des väterlichen „Idealismus, ja Fanatismus tschechischen Empfindens“ (K „Přemyslovcům“ [Zu den „Přemysliden“], Cesta 1, 1918/1919, Nr. 6, Juli 1918, S. 160–161, dort S. 161). Die Sprache seiner Mutter Hermine und zahlreicher weiterer (z. B. in Wien oder Berlin lebender) Verwandter war jedoch Deutsch. Die Fähigkeit, sich problemlos zwischen beiden Sprachen und Milieus zu bewegen, war eine der Voraussetzungen für die spätere Ambivalenz und Spannung in Fischers Leben (vgl. dazu den Beitrag Václav Petrboks, vorgetragen im Mai 2013 auf dem Symposium „Otokar Fischer:  In Grenzgebieten“).

 

Ab 1901 war Fischer ordentlicher Student an der Philosophischen Fakultät der tschechischen Universität Prag, gleichzeitig nahm er als Externer an Germanistik- und Romanistikveranstaltungen der deutschsprachigen Universität teil. Insbesondere in Verbindung mit den Seminarübungen August Sauers hatte er Gelegenheit, zahlreiche Persönlichkeiten der Prager und später auch mitteleuropäischen Intellektuellen- und Gelehrtenszene näher kennenzulernen. So besuchte er z. B. schon im Wintersemester 1901/1902 Sauers Vorlesung „Geschichte der deutschen Litteratur im Zeitalter der Aufklärung“, die u.  a. von Victor Hadwiger, Paul Kisch, Wilhelm Kosch, Ferdinand Josef Schneider, August Ströbel oder Paul Zincke besucht wurde. Im Sommersemester schrieb er sich (ebenso wie Franz Kafka) in Sauers „Deutsche Stilübungen“ und in ein Seminar zu Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs Briefe über die Merkwürdigkeiten der Litteratur ein. Sowohl von der Herkunft als auch von seiner Bildung her gehörte Fischer also nicht nur einer einzigen Welt und Tradition an. Seine ersten dichterischen Versuche (deren Manuskripte im Literaturarchiv des Museums für nationales Schrifttum [Památník národního písemnictví], Fond Otokar Fischer, aufbewahrt werden) sind ebenfalls zu einem Großteil auf Deutsch verfasst. In den Folgejahren erschien ein wesentlicher Teil seiner germanistischen Arbeiten in deutscher Sprache, und auch Fischers erstes Arbeitsverhältnis war im Grunde bilingual: In der Universitätsbibliothek begegnete er (als Bibliothekarskollegen) regelmäßig dem Philosophen und Schriftsteller Hugo Bergmann oder dem Hebraisten Isidor Pollak und bediente alle Studenten, ungeachtet der von ihnen bevorzugten Sprache.

 

Zu einem programmatischen Vermittler der in Prag und anderen Teilen der böhmischen Länder verfassten deutschsprachigen Literatur wurde Fischer in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg jedoch nicht – er schrieb nur selten über sie. Im Juni 1903 publizierte er in der Zeitschrift „Naše doba“ einen Artikel mit dem Titel Z německojazyčné poezie [Deutschsprachige Poesie], der Büchern von Hugo Salus, Rainer Maria Rilke und Anton Ohorn gewidmet war. Im Oktober desselben Jahres rezensierte er hier Rilkes Buch der Bilder, im Februar 1908 befasste er sich in der Tageszeitung „Národní listy“ mit Gustav Meyrink, und erst über sechs Jahre später, im Juni 1914, veröffentlichte er in demselben Blatt den Text Neznámá Praha [Das unbekannte Prag] (Národní listy 54, Nr. 149, 2. 6. 1914, S. 1–2, unterzeichnet mit O. F.), den wir hier zugänglich machen – und der zum ersten Mal überhaupt in deutscher Sprache publiziert wird.

 

mt

 

 

 

 

Das unbekannte Prag

 

Unser Durchschnittsintellektueller, der sich ausschließlich in der tschechischen Gesellschaft bewegt, nimmt, sofern nicht Vorkommnisse besonderer Art seine Aufmerksamkeit fesseln, von der unter der Prager Bevölkerung lebenden deutschen Minderheit nicht sonderlich viel Notiz. Er ahnt nichts von ihren Problemen, kennt sich in den Nuancen und Konflikten des anderen Lagers nicht aus und weiß nicht viel über die künstlerischen und kulturellen Widersprüche des heutigen deutschen Prag. Noch fremder erscheint ihm jedoch das Bild seines eigenen, tschechischen Milieus, wenn ihm dieses in deutschem Lichte begegnet, und dies nicht nur in den tendenziös gefärbten Nachrichten der ausländischen Tagespresse, sondern auch in den sympathisch gemeinten Versuchen unserer deutschen Mitbürger, das tschechische Leben in Romanen, Novellen und anderen Arbeiten einzufangen. Prag, als neu entdeckter und überaus dankbarer Gegenstand, kommt in der deutschen Literatur in Mode. Mit unseren politischen Kämpfen befassen sich national zugespitzte Erzählungen aus dem Leben der hiesigen deutschen Studenten (z. B. Die Vaclavbude und Der Schipkapaß von Strobl), Prag ist gefragt als geeigneter Ort zur Ansiedlung spannender Geschichten, Dramatikern gefällt es, Abenteuer in der Gegend des Hradschin zu verorten (Levetzows Der Bogen des Philoktet) und eventuell auch die Uhr am Altstädter Rathaus an den Turm des St.-Veits-Doms zu dichten (Roda-Rodas Die Uhr). Das Geheimnis des jüdischen Viertels und das im Verschwinden begriffene verführerische Geflecht der verwinkelten Gassen um das Clementinum und auf der Kleinseite, sensationeller Schauplatz exotischer Abenteuer in Crawfords englisch verfasstem Roman über eine Prager Hexe, fand und findet aktuell erneut eine weitaus künstlerischere Verarbeitung bei Gustav Meyrink, einem Bewunderer und Adepten der Magie und Theosophie, Autor einer Reihe von Erzählungen mit bizarren Sujets und spöttischen Seitenhieben.

 

Die deutschen Autoren begnügen sich jedoch nicht mit dem bloßen Interesse an Handlung, Stoff und Ort, sondern versuchen sich auf ihre Weise den Fragen des tschechischen Lebens zu nähern und nehmen diesen gegenüber den Standpunkt verständnisvoller und wohlmeinender Beurteiler ein. Die Zeiten, in denen man, wie vor 1848, in deutscher Sprache Rechenschaft von tschechischem Patriotismus ablegen konnte, sind jedoch vorbei. Der verschärfte Kampf zwischen den Nationalitäten, der Aufschwung unserer nationalen Kräfte und nicht zuletzt die strikte Spaltung der einstmals utraquistischen Prager Universität machen eine Verbindung von zweierlei nationalem Bewusstsein und Empfinden zu einer schieren Unmöglichkeit. Dennoch sind seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Künstlerkreisen beider Lager gewisse Annäherungstendenzen zu beobachten. Hierdurch ist erklärbar, dass vor dreizehn Jahren in der von einem tschechischen Verlag herausgegebenen tschechischen Reihe Symposion das Buch eines Prager Deutschen in Originalsprache erscheinen konnte, dass Hugo Salus mit seinen Gelegenheitsgedichten und lieben Prager Motiven, F. Adler wiederum mit seiner Übersetzertätigkeit den tschechischen Landsleuten ihre Anerkennung aussprachen und insbesondere den Dichter Vrchlický würdigten. Das sympathische Verhältnis zu den slawischen Landsleuten, bedingt durch gefühlvolle Kindheitserinnerungen und vielleicht auch durch eine verwandte seelische Stimmung, äußerte sich am deutlichsten in der frühen Entwicklung des tiefsinnigen Lyrikers R. M. Rilke: Rilke, der dankbar bewegt unseren Volksliedern lauscht, hat in seinen Zwei Prager Geschichten wertvolle Beiträge zu unserer Nationalpsychologie vorgelegt, gleichzeitig bekennt er sich jedoch an mehr als einer Stelle indirekt zu der sonderbaren Trauer des österreichischen Deutschtums, dem wehmütigen Bewusstsein, später Spross eines überreifen Stammes zu sein, der Verjüngung in einer fremden, frischen, noch nicht ermüdeten Rasse sucht.

 

Durch so etwas wie Sehnsucht nach Erneuerung ist wohl zu einem Großteil auch das heutige starke Interesse an den tschechischen Verhältnissen im deutschsprachigen Österreich motiviert. Jenseits der Grenzen entwickelt sich eine – den Deutschen eigene – kulturelle Neugier, die sich nun, nachdem man sich bereits die skandinavische und russische Literatur erschlossen hat, auch dem bislang übersehenen tschechischen Terrain zuwendet. In Österreich suchen die Deutschen jedoch nach etwas Neuem, das sie aus ihrer Wiener Lethargie reißt und Trost in der Isolation bietet: Davon zeugen zumindest die scharfen Analysen Bahrs wie auch die öffentlichen Klagen der Prager Literaten, dass es ihnen zu eng und zu stickig sei und sie sich vom slawischen Element einen Zuwachs an eigener Energie erhoffen – daher wohl auch die Schwärmerei für Dalmatien und die Begeisterung für das temperamentvolle südslawische Drama. Man sucht und betont die urwüchsige Eigenart unserer Volksfeste und Bräuche, man weist auf unsere mutmaßlichen Expansionsgelüste, auf die eroberungslustigen (oder auch arrivistischen) Seiten unseres Charakters hin; in einer das deutsche Bewusstsein anspornenden Revue liest man warnende Artikel über den tschechischen Unternehmergeist, und die Organisation der Sokol-Bewegung wird den Deutschen zum Vorbild erklärt.

 

Den wohlwollenden Urteilen über die Tschechen liegen jedoch die verschiedensten Motive zugrunde. Sie können von Liebe und Interesse diktiert sein, öfter entspringen sie aber auch feindseligen Befürchtungen und wechseln mit hetzend-polemischen Bemerkungen. Es wäre falsch, sich die Prager Deutschen oder die Prager deutsche Literatur als Gebilde aus einem Guss vorzustellen: Ähnlich wie bei uns bestehen auch im anderen Lager unüberbrückbare Widersprüche, und zwischen dem Theater und einem Teil der Kritik, zwischen den Nationalen und der vom Dürerbund eingeschlagenen Richtung, zwischen der offiziellen Zeitschrift Deutsche Arbeit und einer Gruppe junger Lyriker herrschen zahlreiche Spannungen, Diskrepanzen und Missverständnisse. Ebenso sind auch die mehr oder weniger friedliebenden Beziehungen zum tschechischen Nationalleben Resultat gegensätzlicher Bestrebungen. Die (relativ betrachtet) wärmsten Sympathien gegenüber den Tschechen hegen und äußern die jüdischen Literaten, die sich bis vor Kurzem um die von der Herder-Vereinigung herausgegebene Zeitschrift gruppierten und von denen sich einige ausdrücklich zum Zionismus bekennen. Es ist natürlich, dass diejenigen, die nicht deutsch-chauvinistisch empfinden und vielleicht aus einem zur Hälfte tschechischen Umfeld bzw. aus tschechisch geprägten ländlichen Regionen stammen, tschechische Elemente in ihr Denken aufnehmen und sich zu diesen aufgenommenen Impulsen oder zu einem verwandten Empfinden bekennen. Auf Umwegen fließt so slawisches Empfinden und das Bestreben nach einer sonderbaren Kontamination verschiedener, mitunter dissonanter kultureller Komponenten in die deutsche Dichtung ein, so z. B. bei dem jungen Wiener Lyriker Sonnenschein, der mährisch-slowakisch empfindet und in nahezu tschechischem Geiste auf Deutsch dichtet.

 

Dass die österreichischen und insbesondere die Prager Deutschen den Fluch einer kulturellen wie auch herkunftsmäßigen Alterung und Ohnmacht empfinden, zeigt sich ebenfalls in ganz konkreter Weise. Unmittelbare Folge ist eine besondere Beschäftigung mit erotischen und rein sinnlichen Fragen, zu deren Schauplatz man sich das heutige Prag wählt. Ich denke dabei an drei von Prager Deutschen verfasste Romane: Max Brod, der vielleicht vielseitigste der hiesigen deutschen Literaten, hat vor sechs Jahren den „kleinen Roman“ Ein tschechisches Dienstmädchen herausgegeben; dieses Jahr erschien das Buch Severins Gang in die Finsternis, das von seinem Autor, dem Spätromantiker P. Leppin, ausdrücklich als „Prager Gespensterroman“ bezeichnet wird; vor einem Monat kam der Roman Der Mädchenhirt aus der Feder des agilen Journalisten Egon Erwin Kisch heraus (der wie Leppins Buch bereits zum zweiten Mal aufgelegt wurde). Diese drei in Technik und Qualitäten recht ungleichen Arbeiten kontrastieren in starkem Maße die krankhafte Sehnsucht des überkultivierten deutschen Décadents mit dem wilden Triebleben tschechischer Dienstmädchen, Geliebter und Dirnen. Brod entwirft – fein und geistreich – den Seelenmonolog eines empfindsamen, aber bedeutungslosen jungen Mannes, den die Einfachheit und Sinnlichkeit unserer Volkslieder, Trachten und Farben bezaubert und der sich zum ersten (und wohl auch zum letzten) Mal an ein alltägliches Abenteuer verliert, aus dem er sich eine Geschichte von grandioser Bedeutung und poetischer Zärtlichkeit ersinnt. Leppin schildert eine unaufhörliche Folge erschöpfender, doch niemals befriedigender erotischer Triumphe, denen sein Held, ein neurasthenischer Träumer, schließlich erliegt. Prag erscheint in der Wahrnehmung des Helden als verführerische, aufreizende wie auch von Grauen erfüllte Stadt mit morbiden Tendenzen und giftigen Leidenschaften, als romantischer Schauplatz geheimnisvoller Verbrechen – verwandt vielleicht dem Prag in den Romanen Karáseks. Kisch schließlich lässt einen von der reinsten Liebe träumenden Spross einer reichen, dekadenten Familie mit einer einfachen Frau ein Kind zeugen und schildert in der brutalen Sprache der Fakten, wie der so gezeugte Mischling aus niederer Herkunft und Dekadenz durch den primitivsten Sumpf der großstädtischen Unterschichten watet. Alle drei Romane gleichen sich in der ausschließlichen Akzentuierung des Liebes- oder eigentlich: Geschlechtslebens, dessen Überreiztheit das Bild Prags bestimmt und verzerrt. Während aber Brod und Leppin – und Ersterer vielleicht überzeugender als Letzterer – Prag in einen Schleier aus Sehnsucht und Stimmungen hüllen und das Bild der Stadt absichtlich je nach den Schwingungen des Nervensystems und der Sinne changieren lassen, wirft Kisch gleichsam alles über Bord, was nicht berichtender Naturalismus ist. Er ist bloßer Reporter der erzählten Handlung – und erstaunlicherweise hat gerade Kischs Prag, das mit topografischer Detailtreue, verblüffender Sachkenntnis und unter Verwendung so vieler tschechischer Spitznamen, Redensarten, Namen und Ausdrücke geschildert wird, am wenigsten lokales Kolorit – gerade sein Prag macht den Eindruck einer beliebigen, unbekannten Stadt.

 

Erläuterungen (mt)

● Erwähnte Bücher: Karl Hans Strobl: Die Vaclavbude (Leipzig, 1902), Der Schipkapaß (Leipzig, 1908); Karl Michael von Levetzow: Der Bogen des Philoktet. Tragödie in drei Akten (Berlin, 1909); Alexander Roda Roda – Gustav Meyrink: Die Uhr. Ein Spiel in zwei Akten (Berlin, 1914); Francis Marion Crafword: The Witch of Prague. A Fantastic Tale ([Die Hexe von Prag] Leipzig, 1891, tschech. Praha, 1912, übers. von Karel Vratislav); Gustav Meyrink: Des deutschen Spießers Wunderhorn (München, 1913); Paul Leppin: Die Thüren des Lebens (Praha, H. Kosterka 1901; Editionsreihe Symposion, Bd. 12); Gedichte von Jaroslav Vrchlický (ausgewählt und übersetzt von Friedrich Adler, Leipzig, 1894); Rainer Maria Rilke: Zwei Prager Geschichten (Stuttgart, 1899, tschech. Praha, 1908, übers. von Jan Löwenbach); Max Brod: Ein tschechisches Dienstmädchen (Berlin – Stuttgart, 1909, tschech. Praha 1910, übers. von Jan Osten); Paul Leppin: Severins Gang in die Finsternis (München, 1914) – Als „Prager Gespensterroman“ wurde das Buch nicht auf Leppins Wunsch, sondern auf Wunsch des Verlages bezeichnet; Egon Erwin Kisch: Der Mädchenhirt (Berlin, 1914).● Sokol-Bewegung – Die tschechische national geprägte Turnbewegung „Sokol“, gegründet 1862 in Prag und inspiriert von deutschen Turnvereinen, spielte eine bedeutende Rolle für das Selbstbewusstsein der tschechischen Nation. ● Die J. G. Herder-Vereinigung gab die Zeitschrift Herder-Blätter heraus (4 Hefte, von April 1911 bis Oktober 1912). ● Dürerbund – wurde im Oktober 1902 in Dresden von Ferdinand Avenarius und Paul Schumann als kulturpolitischer Bildungsverein gegründet, an der Organisation seines Prager Zweigs waren insbesondere Richard Batka und (später) auch Hermann Ullmann beteiligt. ● Deutsche Arbeit – ab Oktober 1901 in Prag erscheinende Monatsschrift unter der Redaktion Richard Batkas und August Sauers, ab 1912 Hermann Ullmanns. ● Karásek – Der tschechische Schriftsteller Jiří Karásek ze Lvovic gilt als wichtigster Vertreter der tschechischen literarischen Dekadenz.

 

Übersetzung: Ilka Giertz


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