Es schreibt Michal Topor

(Echos, 7. 7. 2014)

Die institutionsgeschichtlichen Konturen des Forschungsinteresses für die jüdische Geschichte in Osteuropa gibt Cecile Esther Kuznitz auf den Webseiten www.yivoencyclopedia.org (unter dem Stichwort „YIVO“) übersichtlich wieder, indem sie u. a. die Entstehung des Yidisher Visnshaftlekher Institut in Vilnius 1925 und dessen weitere Entwicklung in den 1940er Jahren darlegt – einer Zeitspanne, in der diese Einrichtung ihren Rückhalt am Gründungsort verloren und ihn schließlich in New York wiedergefunden hat. Es war dabei die Zusammenführung der Sammlungen und der Institution an einem Ort, die auch die Verwirklichung eines enzyklopädischen Projekts ermöglichte, an dessen Ausgangspunkt Ende der 1990er Jahre die Initiative von Ralph Carlson (Verlagslektor bei Yale University Press) stand.

 

Im Vorwort zur gedruckten Ausgabe der YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe (2 Bd., Yale University Press 2008) erörterte ihr Redakteur Gershon David Hundert die einstigen und jetzigen „Einschränkungen, Parameter und Kriterien“ des gemeinsamen Werkes (die Redaktion zählte 30 Mitglieder, an der Vorbereitung der Artikel nahmen im Laufe der Jahre ca. 450 Autoren aus verschiedenen Ländern teil). Das enzyklopädisch zu erfassende Terrain sollte sich bei weitem nicht nur auf die Literaturen unterschiedlicher sprachlicher Provenienz beschränken, sondern vielmehr auf sämtliche Phänomene der jüdischen „Besiedlung“ „Osteuropas“ von der Frühzeit an. Das geographische Blickfeld wird folgendermaßen abgesteckt: „Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Polen, die baltischen Länder und Finnland, Moldawien, Ukraine, Weißrussland und Russland“; der hinzugefügte Kommentar erläutert, dass die Abgrenzung dabei keineswegs eine zivilisatorische und kulturelle Konstanz und Homogenität des Gebiets und seiner Teile implizieren soll. Eine gute Vorstellung über die einzelnen Ebenen und den Gesamtaufbau des Stichwortindex gewinnt man dank der „synoptischen Inhaltsgliederung“ (online unter der Rubrik For Researchers): Selbständige Artikel wurden einzelnen geographischen Teilgebieten gewidmet sowie einigen Städten, wichtigen historischen Entwicklungen im „Film“ oder in der „Malerei und Bildhauerei“, Begriffen wie Chassidismus, Engel, Sabbat, Magie oder auch besonderen historischen Ereignissen (etwa der russischen Revolution 1905). Als wesentlicher Bestandteil der Enzyklopädie sind die biographischen Einträge anzusehen. Die online verfügbaren Artikel sind mit dem Wortlaut der Buchversion identisch, sie werden leider nicht weiter ergänzt; das Webinterface nutzt jedoch in gelungener Art und Weise die hypertextuelle Vernetzung sowie die vielfältigen Möglichkeiten der Erschließung illustrativer Materialien (Fotos und sonstige Bildaufnahmen, Audio- und Videodateien) und bietet eine strukturierte Ergebnisse liefernde Volltextsuchmaschine.

 

Einen grundlegenden geographisch-historiographischen Überblick über die böhmischen Länder gewähren die Artikel „Böhmen und Mähren“ (Bohemia and Moravia; Hillel J. Kieval), „Schlesien“ (Silesia; Marzin Wodziński) und das gemeinsam von Petr Brod, Kateřina Čapková und Michal Frankl verfasste Stichwort „Tschechoslowakei“; der letztgenannte Autor steuerte auch den Beitrag „Tschechische Republik“ bei. Selbständige Artikel sind manchen für dieses Territorium emblematischen Erscheinungen und Ereignissen gewidmet (so der „Golemlegende“ und der „Hilsner-Affäre“ von Kieval oder Frankls „Rudolf-Slánský-Prozess“) ähnlich wie ausgewählten Städten – Kolín, Mladá Boleslav (Jung-Bunzlau), Terezín (Theresienstadt); über Prostějov (Proßnitz) und andere mährische Städte hat der Budapester Historiker Michael L. Miller geschrieben. Unverzichtbar war natürlich „Prag“: der Kunsthistoriker Arno Pařík stellt übersichtlich die Geschichte der jüdischen Präsenz in der böhmischen Hauptstadt vor, von den ältesten Zeugnissen bis zur Gegenwart.

 

Gemessen an dem vorausgesetzten Horizont der internationalen Leserschaft liegt der unbestrittene Vorteil der Enzyklopädie YIVO darin, dass sie in Form von selbständigen Einträgen eine Reihe von offensichtlich weniger bekannten Persönlichkeiten der böhmisch-mährisch-schlesischen politischen und intellektuellen Szene sichtbar macht. In den Texten von Čapková, Frankl, Wilma Iggers, Dimitry Shumsky, Scott Spector, Iveta Cermanová und Helena Krejčová nehmen u. a. Richard Feder, Angelo Goldstein, Gustav Winter, Salomon Hugo Lieben, Alexandr Kisch, August Stein, Viktor Vohryzek, Otto Muneles ihre Plätze im gedachten osteuropäischen Kosmos ein. Angesichts seiner Schaffenszeit hebt sich Eduard Goldstücker von diesem Umfeld deutlich ab (Artikel bearbeitet von Ritchie Robertson). Vorgestellt werden auch die „Jüdische Partei“ (Židovská strana) und einige Periodika: „Českožidovské listy“ (Tschechojüdische Blätter), „Židovské zprávy“ (Jüdische Nachrichten), „Jüdische Volksstimme“ und „Selbstwehr“ (Sammelartikel „Zeitungen und Zeitschriften“ von Avraham Greenbaum).

 

In dem hier skizzierten Rahmen sind auch biographische Einträge zu betrachten, die primär durch ihr literarisches Schaffen historisch bedeutsam gewordene Persönlichkeiten darstellen. Die weite „osteuropäische“ Perspektive, in der die YIVO (in beiden Formen) ihre Gegenstände schichtet und verknüpft, enthebt die einzelnen lexikographischen Leistungen der Last, ausschlaggebende Abhandlung sein zu müssen. In sparsamen, verlässlichen, keineswegs problematisierenden Profilen werden die Konturen der Lebens- und Schaffensbahnen dieser Personen nachgezeichnet, während sich die Textdarstellungen häufig auf summarische Angaben zum Sinn sowie Auflistungen der in den Texten „untersuchten“ Themen („to explore“ taucht wiederholt auf) beschränken; die beigefügten Literaturangaben zur Forschung sind meistenteils eher dürftig.

 

Über die „Tschechische Literatur“ hat der Harvarder Slavist Jonathan Bolton in einem Überblickstext geschrieben. Dabei skizziert er den Weg jüdischer Literaten zur tschechischen Sprache als für sie mögliches Ausdrucksmittel, die Wandlungen des Topos des Juden bzw. des Judentums in der tschechischsprachigen Literatur von Karel Hynek Mácha an und unterstreicht auch die Bedeutung der tschechisch-deutschen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der wechselseitigen Vermittlungsprozesse. Zu Recht wird hier der Name von Otokar Fischer erwähnt, der sträflicherweise (genauso wie Paul/Pavel Eisner) von einer selbständigen Bearbeitung „verschont“ blieb. Neben dieser Zusammenfassung erarbeitete Bolton auch die Profile von František Gellner, Egon Hostovský, Ivan Olbracht, Jiří Orten, Karel Poláček, Jiří Weil, Richard Weiner und Julius Zeyer. Einige weitere Autorenstichworte hat Helena Krejčová übernommen – fokussiert auf Vojtěch Rakous, František Langer (darin die bizzare Behauptung, Langer habe „1911 /gemeinsam mit Jaroslav Hašek/ die Gruppe bildender Künstler gegründet, […] aus der später eine politische Partei mit dem Namen ‚Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes‘ wurde“…) und auf Autoren aus sprachlichen Grenzbereichen wie Siegfried Kapper und Rudolf Fuchs. Verwunderlich ist, dass die BeiträgerInnen  anscheinend – so lässt ein Einblick in die angeführte Forschungsliteratur annehmen – nichts von der Existenz des Lexikons der tschechischen Literatur (Lexikon české literatury) wissen.      

 

Den Ruhm der Prager deutschen Autoren, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden, findet bereits in Paříks Prag-Text Erwähnung. In selbständigen Profilen werden diese und am Rande auch die früher oder später geborenen deutschschreibenden Schriftsteller überwiegend von Germanisten behandelt – Scott Spector aus Michigan (Oskar Baum, Hugo Bergmann, Max Brod, Franz Kafka, Egon Erwin Kisch und Paul Kornfeld) und Ritchie Robertson aus Oxford (Willy Haas, Otto Pick, Hugo Salus, Ernst Weiß und Franz Werfel). Einen wichtigen Beitrag zur Behandlung der deutschsprachigen Literatur in Böhmen stellt Spectors Artikel „Deutsche Literatur“ dar, der – anders als Boltons „Tschechische Literatur“ – überregional konzipiert ist, was jedoch hinsichtlich der völlig unterschiedlichen Rolle des Deutschen im osteuropäischen Raum nahe liegt (ähnlich wie im Falle des Jiddischen; siehe den Überblicksartikel zur „Jiddischen Literatur“). In den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt Spector die Frage nach den Umständen und Anregungen, die die Mitglieder jüdischer Gemeinschaften zum Deutschen als Kommunikations- und Literaturmedium gebracht haben. Er hebt hervor, dass jedwede Verallgemeinerung der Motivation für individuelle Entscheidungen inadäquat sei: „Jedes Beispiel ist gewissermaßen ein Grenzfall“. Konzis ruft er die Bedeutung der Aufklärung bzw. der Ideen der Haskala in Erinnerung, den Kontext der Donaumonarchie, v. a. Cisleithaniens, und nennt etwas ungeordnet (etwa nach dem geographischen Prinzip?) die Protagonisten der cisleithanischen Literaturszenen (und ordnet dabei Norbert Frýd/Fried ohne Zögern den deutschschreibenden Autoren zu). Seine Auflistung von wichtigen Literaten macht einen gleichsam blinden Fleck des Stichwortregisters deutlich: Während in Boltons Artikel „Tschechische Literatur“ die mit der Ära nach 1945 verbundenen Autoren (z. B. Pavel Tigrid oder Ota Pavel) zumindest in kurzen Absätzen vorgestellt werden, finden in Spectors „Deutsche Literatur“ nicht einmal manche keineswegs unwichtige Schriftsteller der älteren Generation Platz – wie z. B. Hans Natonek, Hermann Grab, Franz Baermann Steiner oder Hans Günther Adler. 

 

Übersetzung Štěpán Zbytovský

 


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