Es schreibt: Jan Budňák

(E*forum, 3. 8. 2022)

Der Band Zwischen Prag und Nikolsburg ist in vieler Hinsicht außerordentlich. Wie viele Publikationen über die böhmischen Länder erscheinen ursprünglich auf Englisch, wobei zuallererst die deutsche Übersetzung erscheint, dann das Englische Original und dann – wie im Vorwort zur deutschen Ausgabe geschrieben steht – noch eine Version in tschechischer und eine in hebräischer Sprache? Wie viele historische Synthesen, die den Anspruch haben, eine neue Perspektive auf ein so umfangreiches kulturelles und historisches Phänomen einzunehmen, wie es das Judentum in den böhmischen Ländern ist, wagen es, sich auf ein Autoren-Team von neun Personen verschiedener Sprachen und Staatsangehörigkeiten zu verlassen? Wie viele in deutscher Sprache herausgegebene historische Synthesen wagen es, neben dem häufig mit widersprüchlichen Assoziationen überfrachteten Prag einen Ortsnamen wie den des südmährischen Städtchens Mikulov – Nikolsburg – im Titel zu führen und – anstelle einer beruhigenden Formulierung vom Typ „Geschichte der Juden“ – die Wendung „jüdisches Leben“ in den Untertitel aufzunehmen?

 

Die Antwort ist klar. Es ist offensichtlich, dass ein solches Projekt viele Kritiker finden wird, deren Ausrichtung sich wahrscheinlich von Land zu Land leicht unterscheidet, dies zeichnet sich bereits in der unterschiedlichen Rezeption der deutschen Ausgabe in Deutschland, Österreich und Tschechien ab. Während aus Tschechien zu vernehmen war, es sei wünschenswert, dass einige Kapitel des Buches die neuere tschechische Literatur zum Thema reflektieren, kam aus Deutschland die Anmerkung, das, was hier als ein spezifisches Phänomen der böhmischen Länder erscheine, könne eine gesamt- oder mitteleuropäische Tendenz sein. Für den englischsprachigen Kontext – wo das Buch 2021 unter dem Titel Prague and Beyond in der Pennsylvania University Press erschien war Mikulov wohl schon zu viel – also zu wenig – des Guten. Aber es könnte interessant sein, zu verfolgen, wie sich mit dem erweiterten Rezeptionshorizont der Leser*innen auch die Wahrnehmung des Buches verändert. Und umgekehrt: Vorausgesetzt, es gäbe eine „stärker sezierende“ Herangehensweise, mit der die tschechischsprachige „Mutante“ in der tschechischen Fachöffentlichkeit und bei der interessierten allgemeinen Leserschaft konfrontiert wird, ermöglicht diese dann beispielsweise auch eine weitere geographische Verfeinerung des Titels? Zwischen Prag und Holešov? Zwischen Prag und Osoblaha, dessen jüdische Gemeinde, wie wir aus dem Buch erfahren, bereits im Jahre 1579 ganze 132 Familien zählte? Die öffentliche Debatte über diese Publikation im tschechischen Umfeld steht noch bevor, möge sie so breit und so konstruktiv wie möglich ausfallen. Und hoffentlich kann auch die Verleihung des Otokar-Fischer-Preises positiv zu ihr beitragen.

 

Wenn ich die „Geste“ oder vielleicht präziser gefasst die „Errungenschaften“ zusammenfassen sollte, die Zwischen Prag und Nikolsburg zumindest in die tschechische öffentliche Debatte bereits eingebracht hat und, wie ich denke, auch noch weiter einbringen wird, wären das aus meiner Sicht die folgenden:

 

1. Zwischen Prag und Nikolsburg will die Geschichte der Juden in den Böhmischen Kronländern als Geschichte des Lebens von Juden erfassen, als Geschichte jüdischer „Erfahrung“ in den Böhmischen Ländern (S. 1 u. a.) – und nicht als „reine“ Geschichte der politischen Maßnahmen gegenüber der jüdischen Minderheit. Auch wenn das nicht auf jeder Seite gelingt und wahrscheinlich auch nicht gelingen kann, liegt hierin die entschiedene Autoren-Geste des Bande hinsichtlich der Strategie, wie über religiöse, kulturelle, politische oder ethnische Minderheiten zu schreiben sei wie man sie betrachten kann. Kateřina Čapková hat dazu bei der Vorstellung der Publikation im Wiener Wiesenthal-Institut gesagt: „Die Geschichte der Juden wurde in vielen Publikationen geschrieben als Staatspolitik gegenüber den Juden, und dasselbe trifft auch die Geschichte der Roma zu. Man hielt die Politik gegenüber einer Minderheit für deren Geschichte. Mit diesem äußerst problematischen Blick übernehmen wir häufig auch die vorurteilsbehaftete Sicht auf diese Bevölkerungsgruppen, die aus den Dokumenten staatlicher Provenienz spricht.“ Čapková benennt außerdem die Voraussetzung für den Perspektivwechsel – eine Erweiterung des Textkorpus, das Entstehung der Publikation zugrunde liegt: Zu ihm gehören unter anderem (S. 2) „Reisebeschreibungen und andere Egodokumente, z.B. Briefe, Erinnerungstexte, juristische Verwaltungsdokumente, die eigene Gesetzgebung jüdischer Gemeinden, rabbinische Responsae oder Gutachten, Gebetbücher von Frauen, Zeitungsartikel und Polemiken.“ Diese Geschichte will also eine Geschichte der Juden in den Böhmischen Ländern sein, keine Geschichte über die Juden.

 

2. Die zweite „Errungenschaft“ der ausgezeichneten Publikation schließt unmittelbar an die erste an: Neben der Tatsache, dass sie programmatisch jüdischen Akteuren eine Stimme gibt, gibt sie diese „Stimme“ auch – und bevorzugt – weniger bekannten unter ihnen. Der Band ist keine Geschichte bekannter jüdischer Persönlichkeiten, sondern bietet, wie der Olmützer Judaist Tamás Visi schreibt, „durchdachte und ausgewogene Analysen, die eine große Themenskala umfassen, vom Prager Buchdruck im 16. Jahrhundert bis zur Sommerlageraktivität für jüdische Kinder in der Tschechoslowakei nach dem Krieg.“ Stellvertretend für alle prominenten jüdischen Prager, die man in einem solchen Band wahrscheinlich erwarten würde, hat es – natürlich ironisch gesprochen – der allerprominenteste geschafft: Einen ganzen Absatz auf S. 250 hat sich Franz Kafka erobert (ebenso, wie er es übrigens auch in das jüngste, ähnlich – im neutralen Sinne des Wortes – regionalisierte literaturhistorische Projekt eines Handbuchs der deutschen Literatur der böhmischen Länder „geschafft“ hat). Eine Dezentralisierung des Themas der Juden in den böhmischen Ländern vollzieht sich hier einerseits auf einer Ebene des Interesses an Zentrum UND Peripherie, wobei die Interaktion zwischen beiden eingeschlossen ist, und andererseits auf einer Ebene wechselseitiger Kommunikation, also der wechselseitigen Durchdringung und Abgrenzung verschiedener nicht-konfessioneller, kultureller und auch nationaler Identitätsmuster innerhalb der Böhmischen Länder. In dieser Hinsicht ist das Buch höchst interkulturell, es registriert eher die Aushandlung, Produktion und Modifikation dieser Muster und setzt nicht deren unabänderliche Existenz voraus. Die Haupt-Herausgeber des Buches, Kateřina Čapková und Hillel J. Kieval, ebenso wie viele Autoren und Autorinnen einzelner Kapitel, wie etwa Ines Koeltzsch, die Autorin von Praha rozdělená i sdílená [Prag, aufgeteilt und geteilt], haben ein für die Nuancen des interkulturellen Blickwinkels auf die böhmischen Länder über alles ausgeprägtes Sensorium; man denke etwa an K. Čapkovás exzellente Publikation Češi, Němci, Židé? Národní identita Židů v Čechách [Tschechen, Deutsche, Juden? Die nationale Identität der Juden in den Bömischen Ländern] von 2013 oder an Hillel J. Kievals Formování českého židovstva [Die Formierung des tschechischen/böhmischen Judentums] von 2011.

 

3. Die dritte „Errungenschaft“ des Buches, die ich hervorheben möchte, betrifft das Protektorat und – in anderer Form – die Nachkriegszeit, also Schlüsselepochen für die zeitgenössische Aushandlung des tschechischen kollektiven „Selbstbildes“. Hier halten die Autor*innen durch den Perspektivwechsel auch der tschechischen Mehrheitsgesellschaft einen Spiegel vor. Während Kateřina Čapková, von der das letzte Kapitel des Buches über den Zeitraum von Ende des Zweiten Weltkriegs bis 2011 stammt, vergessene und verschwiegene Migrationsbewegungen und jüdischen Kulturtransfer innerhalb der Tschechoslowakei enthüllt – etwa aus der ehemaligen Podkarpatská Rus in die entvölkerten Sudetengebiete nach 1945 – und damit eine begrüßenswerte Diskussion über die inneren – tschechoslowakischen – und äußeren – europäischen – Kontinuitäten der tschechischen Juden und auch des Antisemitismus anstößt, tritt Benjamin Frommers Kapitel über die jüdische Erfahrung im Protektorat in die schmerzhafte und noch längst nicht beendete Diskussion über die Rolle der tschechischen Verwaltungs- und anderer Institutionen, der Medien und der Öffentlichkeit während des Holocaust an den tschechischen/böhmischen Juden ein. Der verhältnismäßig kritische Blick Frommers auf diese Rolle wird in akademischen Kreisen ebenso diskutiert wie in der breiteren Öffentlichkeit – und eine weitere lebhafte Diskussion ist nach dem Erscheinen der tschechischen Übersetzung dieses Buches zu erwarten.

 

Wie auch immer sich diese Diskussion entwickeln wird – in ihr wird wohl die hauptsächliche „Geste“ – oder „Errungenschaft“ – des Bandes zutage treten, dem die Jury mit den Otokar-Fischer-Preis zugedacht hat. Es ist die Diversität seines Autorenkollektivs, das neun Personen verschiedener persönlicher und akademischer Sozialisationen umfasst: Neben den Herausgeber*innen und Coautor*innen sind das die Autorinnen und Autoren der einzelnen Kapitel: Michal Frankl, Benjamin Frommer, Verena Kasper-Marienberg, Helena Klímová, Ines Koeltzsch, Lenka Matušíková, Michale L. Miller, Martina Niedhammer und Joshua Teplitsky. Es ist diesem Team gelungen – ausgehend von den erwähnten innovativen Prinzipien einer Perspektive der gegebenen Erfahrung historischer Akteure, eines erweiterten Quellen-Korpus und der Beachtung der Regionalität und Interkulturalität der Böhmischen Länder – eine verständlich formulierte und stilistische ganzheitliche historische Synthese zu verfassen. Zwar ist der Band stellenweise doch leicht disparat ist – ganz sicher aber wird er zur Diskussion anregen und die altgewohnten Blickwinkel auf das Judentum in Mitteleuropa – seien sie deutscher, österreichischer oder tschechischer Provenienz – zum Tanzen bringen. Darin besteht meiner Ansicht nach der Mut dieses Buches und sein Verdienst.

 

Übersetzung: Kathrin Janka

 

Ad: Kateřina Čapková, Hillel J. Kieval (eds.): Zwischen Prag und Nikolsburg. Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 2020 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 140). 428 S.


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