Es schreibt: Nikola Mizerová

(27. 10. 2021)

Die Anthologie Expresionistické drama z českých zemí [Expressionistische Dramatik aus den Böhmischen Ländern], die der Verlag Academia in Zusammenarbeit mit Ústav pro českou literaturu AV ČR [Institut für tschechische Literatur der Akademie der Wissenschaft der Tschechischen Republik] herausbrachte, lässt sich als ein positives Ergebnis der gegenwärtigen Ausrichtung der Fachdiskussion betrachten und zwar in mehrerlei Hinsicht. Erstens bevorzugt die Publikation den territorialen Gesichtspunkt vor dem sprachlichen oder nationalen, und neben den expressionistischen Dramen tschechischer Autoren, wie etwa Jan Bartoš, Lev Blatný, Arnošt Dvořák, Fráňa Šrámek oder Jiří Wolker, bringt sie Erstübersetzungen deutscher Stücke, die auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens zur Zeit des auseinander fallenden Österreich-Ungarn sowie der Anfangsphase der ersten Republik entstanden sind. Zweitens ist die Publikation ein Ausdruck des Vorhabens, die deutschböhmische Literatur neu zu definieren, von dem Ingeborg Fialová-Fürstová für das E-forum anlässlich der Herausgabe des gleichnamigen Bands aus der Tagung „Prag – Provinz“ referierte, und das v. a. in „Verlegung, Aufweichung oder gar Beseitigung der Grenzen“ zwischen der Prager deutschen Literatur und der restlichen deutschen Literatur aus den Böhmischen Ländern bestehe. In der Anthologie sind somit Stücke ikonischer Prager Autoren wie etwa Max Brod, Franz Kafka oder Franz Werfel sowie Texte mährisch- und schlesisch-deutscher Autoren wie Ernst Weiß und Leopold Wolfgang Rochowanski gleichwertig vertreten. Nicht zuletzt ist die Form der Anthologie als Signal für das Bestreben zu betrachten, der Leseröffentlichkeit über die erwähnte Fachdiskussion hinaus konkrete Ergebnisse vorzulegen.

 

Wollen wir diese ambitionierte, über 700 Seiten lange Publikation irgendwie kurz charakterisieren, liegt m. E. der Ausdruck „Vielfalt“ auf der Hand. Diese ist bereits durch die Tatsache gegeben, dass die tschechischen sowie deutschen Dramen aus den Böhmischen Ländern auf einen anderen kulturellen Hintergrund zurückzuführen sind und dass der Expressionismus (im Vergleich zu der deutschböhmischen Literatur) für die tschechische Literatur eine deutlich andere Rolle spielte. Diesen Fakt reflektieren drei einleitende Studien von I. Fialová-Fürstová, Z. Augustová und A. Merenus. Im Zusammenhang mit den vertretenen deutschen Stücken findet man alle charakteristischen Momente des Expressionismus, so wie diese typisch deutsche Strömung sich zwischen 1910–1924 als Reaktion auf die zeitgenössischen Impulse entwickelte (z. B. die sprunghaft anwachsende Industrialisierung, die enorme Beschleunigung des Lebenstempos oder das Phänomen der Großstadt). Auf dem Territorium des heutigen Tschechiens gingen die erwähnten Veränderungen nicht so rasant und explosiv vonstatten, deshalb spielte der Expressionismus in der tschechischen Literatur eher eine marginale, inspirative Rolle, er wurde als ein „obsoleter deutscher Export“ wahrgenommen und war hier erst mit einem gewissen Zeitverzug, d. h. erst in den Nachkriegsjahren 1919 bis 1924, präsent. Alle in der Anthologie vertretenen Stücke präsentieren zwar eine vielfältige Palette an expressionistischen Gesten und Motiven (wie z. B. religiöse Obdachlosigkeit oder umgekehrt eine neue säkularisierte Religiosität, Apokalypse, Messianismus und die Utopie des „neuen Menschen“, Hass auf den Spießer und dessen Welt, Generationskonflikt oder die Außenseiterfigur), der Charakter der tschechischen Dramen unterscheidet sich jedoch deutlich: Akzentuiert werden soziale Probleme, der Schwerpunkt verlagert sich auf die sozialmotivierten Visionen der Erneuerung der Gesellschaft und die neue säkularisierte Religiosität lässt mehr von sich wissen. Die deutschen Texte betonen im Gegenteil mehr die Erkenntnis- und Sprachkritik, sie sind finsterer und arbeiten mit einer geradezu dämonischen Traumatmosphäre. Humor ist mehr oder weniger abwesend, genauso wie die Form der Satire oder Groteske. Die thematische und motivische Vielfalt der Anthologie wird von der Form- und Gattungsvielfalt noch ergänzt. Neben Einaktern findet man große, abendfüllende Dramen, neben ernsten, den „neuen Menschen“ proklamierenden Stücken stehen Tragikomödien sowie satirische Grotesken.

 

Das oben beschriebene, der Publikation zugrundeliegende Konzept erweist sich in der Praxis als durchaus lebensfähig und es ermöglicht, ein komplexes Bild des erforschten Phänomens zu liefern.

 

Die chronologische Reihenfolge der Texte verhindert es, dass die Auswahl der Texte zufällig oder unübersichtlich wirkt. M. E. würde der Leser dennoch klare Informationen über die Datierung der jeweiligen Stücke begrüßen. Diese lassen sich zwar in den einleitenden Studien und im Editionskommentar finden, im Inhaltsverzeichnis sowie bei den konkreten Stücken fehlt diese Angabe jedoch.

 

Was die Textauswahl anbetrifft, war das Vorhaben der Autoren zweifellos, eine repräsentative Zusammenstellung von Texten vorzulegen, die den heutigen Leser ansprechen können. Obwohl man eingestehen muss, dass einige expressionistische Dramen heute durch ihr exaltiertes Pathos gewissermaßen veraltet wirken mögen, findet man in der Anthologie viele Texte, die auf keinen Fall in Vergessenheit geraten sollten und die nach wie vor aktuell sind (vgl. z. B. das Motiv des Menschen, der in der unübersichtlichen, zerrütteten Welt nach einer Stütze und Orientierung sucht, oder die Materialismus-Kritik). Hier seien auswahlweise nur einige der Texte erwähnt. Im Bereich der tschechischen Literatur muss die Tragikomödie Pelikán obrovský [Der große Pelikan] von Jan Bartoš hervorgehoben werden – eine witzige Groteske, die sich in einer verspielt träumerischen Atmosphäre abspielt und die die nicht funktionierende und leerlaufende Bürokratie anprangert, die sich unkontrolliert auf die ganze Gesellschaft auszubreiten droht. Von den deutschen Texten wirkt der Einakter Die Höhe des Gefühls von Max Brod frisch und unkonventionell, der mit der Verschmelzung des Motivs der Prostituierten und Erlöserin spielt. Die Hauptprotagonistin ist eine „heilige Schamlose“, die den Männern im Liebesakt Verzeihung anbietet und alle so verdienten Geldmittel für die Verwirklichung einer idealen gerechten Gemeinschaft aufbringt. Der einzige programmatische Text in der Anthologie, das expressionistische Manifest Der beseelte und psychologische Mensch von Kornfeld ist zwar angesichts seiner Vision eines apolitischen Menschen heute obsolet, auf der anderen Seite kann er jedoch zugleich vor dem Hintergrund des Spätkapitalismus heute mit seiner Kapitalismuskritik überzeugen: „Europa war vor dem Krieg ein Warenhaus, sein Zweck und Ziel, wie das jedes Warenhauses, der Geldverdienst, und seine Menschen, welcher Art immer sie waren, dessen Angestellte. Geist wurde anerkannt, sofern er den Verdienst erhöhte, den Handel erleichterte und das Tempo beschleunigte. Deshalb waren technische Errungenschaften der Stolz des Zeitalters, deshalb war Arbeit Selbstzweck, ja, war Ideal geworden. Man hat nicht verdient, um leben zu können, sondern hat gelebt, um zu verdienen. (…) Es herrschte Plutokratie und die pervertierte Plutokratie“. Die einzige Möglichkeit, wie die Menschheit zu verändern sei, sieht Kornfeld in der Notwenigkeit, den Einzelnen zu ändern. Modern klingt auch seine Warnung am Schluss: „Europa wird nicht vergangen sein, wenn es arm ist, sondern wenn es entseelt und geistlos geworden sein wird. (…) Es handelt sich nicht um diesen oder jenen Staat, es handelt sich um den ganzen Komplex Europa (…).“

 

Die Anthologie Expresionistické drama z českých zemí ist ein hoffnungsvoller Anfang der neuen Editionsreihe Drama [Dramen] des Verlags Academia und des Ústav pro českou literaturu AV ČR. Das innovative Konzept, die wohl überlegte Textauswahl sowie die inhaltliche Vielfalt wecken bei dem Leser positive Erwartungen hinsichtlich der Fortsetzung dieser Bücherreihe, konkret des bereits avisierten zweiten Bands Zakázané drama z komunistické totality [Das verbotene Drama aus der Zeit der kommunistischen Totalität].

 

Übersetzung: Lukáš Motyčka

 

 

Zuzana Augustová / Lenka Jungmannová / Aleš Merenus (Hgg.): Expresionistické drama z českých zemí. Praha: Academia, 2020, 740 S.


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