Es schreibt David Sogel

(E*forum, 11. 8. 2021)

Die Publikation des Adalbert Stifter Vereins mit dem Titel Böhmische Spuren in München. Geschichte, Kunst und Kultur erschien 2020 im Volk Verlag. Das Buch besteht aus 16 Kurzstudien, deren Ziel es ist, sowohl die geschichtlichen als auch die gegenwärtigen tschechischen kulturellen Einflüsse zu beschreiben, die im München von heute noch zu spüren sind. Als Herausgeber und Autor dieses Konzepts wird Jozo Džambo, der deutsche Slawist, Historiker und Übersetzer bosnisch-kroatischer Herkunft, ausgewiesen, der sich in seiner Arbeit auf die Literatur- und Kulturgeschichte konzentriert. Genauso wie in dem von Džambo herausgegebenen Buch Praha–Prag: 1900–1945 (Stutz Verlag, 2010) findet man auch in Böhmischen Spuren wissenschaftliche Texte von mehreren, genau von 11 Autoren. Die Publikation von insgesamt 280 Seiten beschäftigt sich mit diversen Aspekten der kulturellen Verschränkung von süddeutschem (bayrischem) Element und tschechischen Einflüssen in der Stadt München. Neben dem Kulturbereich (wie etwa Musik, Film, Architektur oder Literatur), den die meisten Studien aus verschiedenen Perspektiven fokussieren, werden auch die üblicherweise weniger reflektierten Aspekte im Buch berücksichtigt – wie etwa deutsch-tschechische Toponyme oder die Kochkunst. In allen Texten liegt der Akzent auf dem 19.–21. Jahrhundert, auch wenn dies von den Autoren nicht als Absicht proklamiert wird. Der Einleitungsteil jeder Studie kontextualisiert den Gegenstand – in Übereinstimmung mit der Spezifik des Themas – zeitlich in unterschiedlichen Jahrhunderten, man konzentriert sich dann allerdings immer auf die Zeit nach 1800. Dementsprechend thematisiert etwa Jozo Džambos Text Bohemica, Moravica, Sudetica in München – einiges über die Welt des „böhmischen“ Buchs auch die Werke aus der vorindustriellen Zeit (S. 92), und die eng spezialisierten Kapitel mit der Nachkriegsthematik, wie etwa Tschechen in München nach 1945 (S. 145–156), widmen sich wiederum nur den aktuellen Einflüssen.

 

Abgesehen von dem offensichtlichen Rahmen setzt das Werk selbst sich keine eindeutigen Ziele, die mit der Veröffentlichung hätten erfüllt werden müssen, Jozo Džambo formuliert es im Vorwort folgendermaßen: „Die vorliegende Publikation […] ist eine Mischung aus Dokumentation, Kulturführer, eine Essaysammlung, gewissermaßen auch ein Nachschlagwerk, auf jeden Fall eine Orientierungshilfe bei der Suche nach böhmischen Spuren in München“ (S. 8). Das Buch ist so in erster Linie denjenigen Lesern gewidmet, die sich für die künstlerischen, kulinarischen oder literaturhistorischen Kontexte in München interessieren. Es geht somit nicht um ein wissenschaftliches Buch im strengen Sinne des Wortes, was nicht nur die vollständige Abwesenheit des Fußnotenapparats (dessen Rolle die am Schluss stehende Literaturliste suppliert, S. 258–261), sondern auch die Form einiger Beiträge verrät. Falls der Leser sich nun auch auf die Absenz jedweden methodologischen Gerüsts einlässt, was bei Publikationen dieser Art begreiflich sein dürfte, wird er einsehen, dass es sich im Falle des vorliegenden Buchs – was Inhalt, Aufbau und graphische Gestaltung angeht – im Kontext des zeitgenössischen Buchmarkts um ein einzigartiges Werk handelt.

 

Problematisch scheint mir an einigen Stellen die territoriale Abgrenzung im Buch, dies vor allem aus der tschechischen Perspektive. Der Buchtitel Böhmische Spuren in München selbst impliziert, dass es sich hierbei um im landeshistorischen Sinne böhmische Spuren handeln werde. Diese Voraussetzung wird jedoch nicht erfüllt, denn in den Texten werden wiederholt auch mehrere typisch mährische Phänomene und Elemente dargestellt. Als Beispiel darf etwa der Hinweis auf den Olmützer Adolf Hölzl im Beitrag von Thomas Raff Künstler und Kunststudenten aus Böhmen in München des 19. und 20. Jahrhunderts angeführt werden, der in folgendem Kontext steht: „Nicht nur Künstler aus Böhmen finden sich in München, sondern auch böhmische Themen.“ (S. 42). Unter dem Wort böhmisch soll der Leser dementsprechend nicht nur das historische Land Böhmen, sondern die Böhmischen Länder verstehen.

 

Wenn wir uns jedoch darauf einlassen, dass die thematisierten historischen und kulturellen Prozesse in keinem der Kapitel völlig kontextualisiert werden, und uns nur auf das Thema der tschechisch-deutschen Verhältnisse in München einschränken, werden wir einsehen, dass es sich um ein gelungenes und informatives Buch handelt. Alle Beiträge bieten nicht nur einen schönen und wertvollen Bildapparat, sondern auch eine große Menge von stellenweise sehr detaillierten Informationen, die den Leser bis zu dessen Gegenwart begleiten. Stellvertretend darf das Kapitel Kulinarische Brücken erwähnt werden. Ulrike Zischka verfolgt in ihrem Beitrag nicht nur den Einfluss tschechischer Lebensmittel, sondern sie reflektiert auch das Markenrecht der EU und die Situation im Falle von tschechischen geschützten Produkten, auf die die deutsche Seite ebenfalls Anspruch erhob. Es wird kurz auf die Gerichtsverfahren eingegangen, die etwa im Falle des Becherovka-Likörs (S. 55) oder der Karlsbader Oblaten (S. 54) geführt wurden.

 

Wie bereits erwähnt, besteht das Buch aus 16 Studien. Nach dem Vorwort von Jozo Džambo folgt die erste Studie mit dem Titel Magnet München von Peter Becher. München beschreibt er als eine historisch und kulturell außergewöhnliche, grenzüberschreitende Stadt, die im Laufe der Jahrhunderte den Einfluss auf den tschechischen Raum nicht verlor. Der zweite Beitrag Bunt – und immer einer Reise wert von Jozo Džambo fokussiert die Reisen diverser tschechischer/böhmischer Persönlichkeiten, v. a. Literaten, nach München (z. B. Ján Kollár, František Palacký, Jan Neruda oder Franz Kafka). Die dritte Studie von Thomas Raff Künstler und Kunststudenten aus Böhmen im München des 19. und 20. Jahrhunderts thematisiert die Bedeutung der Münchner Akademie der Bildenden Kunst und der Münchner Malerschule für den tschechischen Kontext. Die vierte Studie von Dieter Klein Kunsthistorische Spuren Böhmens und Mährens in München informiert den Leser über die architektonischen Verbindungen zwischen München und Böhmen vom Barock bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Die fünfte Studie Kulinarische Brücken. Böhmische Küche in München aus der Feder von Ulrike Zischka fasst sämtliche böhmische kulinarische Spezialitäten zusammen, die sich in München haben durchsetzen können. Die sechste und siebte Studie von Peter Becher, resp. Jozo Džambo, folgen logisch aufeinander, denn nach der kurzen Darstellung der deutsch schreibenden, in München tätigen Autoren aus Böhmen wird das Wirken Rainer Maria Rilkes in der bayrischen Metropole besprochen. Zuzana Jürgens schließt dann diesen literarischen Block mit ihrer Studie Mníšek pod Alpou – tschechisch sprachige Schriftsteller in München ab, in der sie sich mit der Münchner Spur von Jaroslav Dresler, Karel Kryl, Ivan Binar und Ota Filip auseinandersetzt.

 

Der neunte, von Jozo Džambo verfasste Text thematisiert die Verbindung von München und Böhmen aus einer unüblichen Perspektive. Das tschechisch geschriebene Buch wird hier zur Kulturbrücke. Die neunte Studie von Franz Adam Fritz Rieger und Rafael Kubelík oder Wie man Prag an die Isar transportiert verfolgt die tschechische musikalische Spur in München. Der Musik folgt schließlich der Film, Zuzana Jürgens gelang es in ihrem Text auf beschränktem Raum auf die Bedeutung der Einflüsse für die Kooperation der tschechoslowakischen und deutschen Filmproduktion nach 1945 in München aufmerksam zu machen.

 

Vom inhaltlichen Gesichtspunkt her gesehen würde ich den äußerst logischen Aufbau der Publikation hervorheben, die einzelnen Beiträge folgen nämlich einer klaren chronologischen und inhaltlichen Logik. Das gibt dem Leser das angenehme Gefühl eines Kontinuums, die Persönlichkeiten werden wiederholt erwähnt, sie erscheinen in diversen Lebens- und Geschichtszusammenhängen, was sich ändert, ist nur die Thematik der Studien. Manchmal werden die Maler, ein anderes Mal die Schriftsteller fokussiert, später wiederum die aus der Tschechoslowakei vertriebenen Einwohner. Ein Lob verdienen alle Beiträge, die sich mit der (Nach-)Kriegszeit sowie mit der Gegenwart beschäftigen, d. h. die Beiträge von Ortfried Kotzian, Wolfgang Schwarz, Anna Bischof, Ingrid Sauer sowie der das ganze Buch abschließende Text von Jozo Džambo. Ohne Pathos und Ressentiment (gegenüber deutschen sowie tschechischen geschichtlichen Fehltritten) bringen sie dem Leser nahe, wie einflussreich die „böhmische“ Stadt München war und ist. Heute ist es nur noch schwierig nachvollziehbar, dass direkt nach München 86.474 Sudetendeutsche ausgesiedelt wurden (S. 133) oder dass gerade München zum kulturellen Mittelpunkt der Tschechen im Westen, zum erträumten Ziel vieler tschechischer Künstler wurde, die aus der Tschechoslowakei emigriert waren (S. 147). So beschreiben die umfangreichen Studien von A. Bischof Radio Free Europe in München (1950–1995) und von W. Schwarz Tschechen in München nach 1945 sehr treffend die Gründe, warum in München so viele tschechisch-deutsche Vereine entstanden sind, die hier auch konkret aufgelistet und charakterisiert werden (im Teil Institutionen/Vereine).

 

Auch trotz der oben angedeuteten Mängel halte ich diese Publikation für enorm gewinnbringend, sie sollte gewiss weder der Aufmerksamkeit von Laien noch jener der Fachöffentlichkeit entgehen, denn sie bietet den Liebhabern der Geschichte und Kultur eine Reihe von Impulsen, wobei die Texte nachvollziehbar und lesefreundlich formuliert sind. In einem solchen Format, Umfang und einer solchen Kompaktheit hatte der Leser bisher noch nicht die Möglichkeit, sich mit diesem Themenbereich bekannt zu machen.

 

Übersetzung: Lukáš Motyčka

 

 

Jozo Džambo (Hrsg.): Böhmische Spuren in München. Geschichte, Kunst und Kultur. München: VolkVerlag, 2020, 280 S.


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