Es schreibt: Zuzana Jürgens

(1. 7. 2020)

Der Kontakt des Schriftstellers und Stückeschreibers Martin Becker (geb. 1982) mit der tschechischen Kultur setzte mit der Lektüre von Kafka und Kundera ein – so beschreibt es der Autor am Anfang des hier besprochenen Buches –, bald entwickelte sich eine Freundschaft und Zusammenarbeit mit Jaroslav Rudiš. Eines der Ergebnisse (bei weitem nicht das erste) dieser Begegnung und Bezauberung ist Beckers Buch Warten auf Kafka, das im letzten Jahr im Münchner Verlag Luchterhand erschien, kurz vor der Leipziger Buchmesse, bei der Tschechien das Gastland war.

 

Das Buch trägt den etwas umständlichen Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens (von Tereza Semotamová einfallsreich als Literární cesta do hlubin české duše ins Tschechische übersetzt), es handelt sich um eine Collage aus Essays über die tschechische Literatur und deren Vertreter, einschließlich der deutschsprachigen, und zugleich um einen literarischen Führer durch die tschechische Topografie, eingerahmt von einer Erzählung, die die geheimnisvolle „Organisation zur Pflege und Entwicklung der tschechischen Seele“ (S. 27) zum Thema hat, von der der Impuls zum Verfassen des Buches kam. Als eine Art Reisebüro, dessen Angestellte bis auf Ausnahmen unsichtbar und unbekannt verbleiben, lud diese Organisation den Autor nach Prag ein, und er kam, um „für ein Jahr an einer sogenannten Seelenkunde zu arbeiten, für die ich lediglich einige ungefährliche Aufgaben bewältigen und im Rahmen dessen recherchieren und beobachten müsste“ (S. 27). Die faktographische Linie verschmilzt also frei mit dem fiktiven Erzählen und das Erzähler-Ich besitzt drei verschiedene Identitäten (der literarische Führer durch die tschechische Topographie, der Schriftsteller als Gast der Organisation und das Alter Ego Martin Beckers), die jedoch stellenweise ineinander übergehen. Vor allem die fiktive Rahmenerzählung wurde wohl als eine Art Verfremdung der gängigen Gattung gedacht, Warten auf Kafka könnte auf sie jedoch m. E. gut verzichten.

 

Das Buch besteht aus sieben Kapiteln, sieben Bieren – so viele müssen (können?) die Zuhörer des Reiseführers in einer unbenannten, dafür aber „einer ordentlichen tschechischen Kneipe“ trinken (S. 7). Das erste Kapitel stellt dabei eine sehr persönliche Einleitung dar, die darüber berichtet, wie der Autor sich mit der tschechischen Literatur und Kultur bekannt machte. Genauso persönlich soll auch die Auswahl derer sein, die er vorstellen möchte: „Ich nehme Lücken bewusst in Kauf, um eine objektive Auswahl an Autorinnen und Autoren zu treffen, an Romanen und Stücken und Geschichten und Bewegungen, die mich bewegt haben“ (S. 23). Die Auswahl ist ferner dadurch eingeschränkt, dass M. Becker das Tschechische nicht beherrscht und daher nur auf deutsche Übersetzungen tschechischer Belletristik sowie auf deutschgeschriebene Texte über tschechische Autoren angewiesen ist. Diese liegen jedoch in Hülle und Fülle vor.

 

Mit der Auswahl der AutorInnen ist eine weitere Schwierigkeit verbunden, die M. Becker jedoch gar nicht reflektiert. Die Bezeichnung „tschechisch“ ohne weiteres im Zusammenhang mit den deutschsprachigen Autoren wie etwa F. Kafka, G. Meyrink oder L. Reinerová zu benutzen, heißt den ganzen, seit Jahrzehnten von Germanisten und Bohemisten diskutierten und reflektierten Fragen- und Problemkomplex zu ignorieren. „Tschechisch“ oder „böhmisch“? Ist die Sprache, die Nationalität oder die regionale Zugehörigkeit entscheidend? Dass es schon Unterschiede gibt, zeigt sich bei der Lektüre von Beckers Buchs letztendlich, so ist z. B. Prag in der Darstellung deutschsprachiger Autoren anders als bei tschechischsprachigen Schriftstellern. Wiewohl Warten auf Kafka keine wissenschaftlichen Ambitionen hat, hätte diese Problematik („tschechisch“ oder „böhmisch“) erwähnt werden müssen, umso mehr, als dieses Thema sich sicherlich humoristisch darstellen lässt.

 

Warten auf Kafka weist ein Netz direkter und indirekter Anspielungen auf Figuren, Handlungen oder Orte aus der tschechischen Literatur auf. Beginnend mit der Erwähnung Kafkas im Buchtitel und dem Ausflug nach Hrabals Kersko bis zu Kunderas Hund Karenin, der sich dem Autor für eine Zeitlang anschließt (besser gesagt: er wird ihm von der oben erwähnten Organisation angeschlossen) und den Kaffeehäusern und Kneipen aller Art. Auch das Thema der geheimnisvollen Organisation, die den Autor in eine Gegend schickt, die er ohnehin schon lange gewünscht hatte zu besuchen, ist der tschechischen Literatur nicht unbekannt – trotzdem schreibt Becker von dem Roman, in welchem diese Idee vorkommt, nämlich vom Buch Opšlstisova nadace [deutsch als Kaplans Traum, 2005] von Stanislav Komárek gar nichts, er erwähnt es auch der Literaturliste am Buchende nicht. Handelt es sich hierbei um einen reinen Zufall? Wahrscheinlich schon, umso merkwürdiger ist er jedoch.

 

Bereits am Anfang des Buches betont Becker, dass er über solche AutorInnen zu schreiben beabsichtigt, die ihn auf diese oder jene Art und Weise „faszinieren“. So entsteht sein Bild der tschechischen Literatur, ein Ausschnitt, der sich u. a. mit dem Prager Topos überlappt (s. u.), Kneipen und Kaffeehäuser als Initiationsorte der Literatur suggeriert, und überhaupt das, was Becker den Tschechen generell zuschreibt: „Die Fantasie ist durchaus frei, und die Kraft der Ausschmückung hat ein niemals zu unterschätzendes Potential. […] eine spezifische Art, die Welt zu sehen. Warmherzigkeit und mit Witz und mit einem geschärften Bewusstsein für skurrile Details. Selbstverständlich mit einem überragenden Sinn fürs Komische, der in Mitteleuropa seinesgleichen sucht. […] Humor ist geradezu Voraussetzung für eine in Tschechien gebraute Erzählung.“ (S. 17) Zu den ausgewählten Autoren gehören J. Hašek, B. Hrabal, O. Pavel, ferner L. Reinerová, F. Kafka oder V. Havel, und Becker wählt jeweils einen unterschiedlichen Zugang, der vom Werk und Leben inspiriert wurde. Beinahe kongenial gelang es ihm, die vielseitige Persönlichkeit Václav Havels vorzustellen: Angesprochen von einem deutschen Blatt bekommt er die Aufgabe einen Nachruf auf Havel zu verfassen, und auch wenn es klar ist, dass es sich mehrere Jahre nach Havels Tod um einen Irrtum handeln muss, versucht er den Auftrag zu erfüllen. Jede der vier Textfassungen, die der Autor letzten Endes schreibt, akzentuiert ein anderes Element von Havels Leben und Werk, schlussendlich kommt jedoch das, was kommen musste, die Entschuldigung der Redaktion, die sich von einem Fehler im Redaktionssystem verwirren ließ. Die ganze Situation weist somit auch gewisse Züge von Havels Stücken auf.

 

Da Becker sich mehrmals gegen die eventuellen Einwände wehrt, einige Autoren ausgelassen zu haben, macht es nicht so viel Sinn, zu betonen, dass die tschechische Literatur auch andere Tendenzen, ideelle Ausgangspunkte und Autoren aufzuweisen hat. Nur in einem Fall würde ich gerne eine Ausnahme machen: Es ist erstaunlich, dass Becker als Leser wahrscheinlich Josef Škvorecký nie begegnet ist. Bereits des Titels eines seiner Romane wegen (Příběh inženýra lidských duší [Der Seeleningenieur]), allerdings auch in Hinsicht auf weitere Berührungspunkte. Die Übersetzungen von Škvoreckýs Texten erschienen zwar mit einem großen Verzug nach den tschechischen Originalen, sie liegen jedoch vor.

 

Neben den konkreten Schriftstellern, neben dem nach Böhmen durch die oben erwähnte obskure Organisation eingeladenen Autor und den Zuhörern in den Kneipen, an die sich der Autor-Führer wendet, ist auch die Stadt Prag eine der Figuren in diesem Buch, personifiziert wie in den meisten der Prager Texte. Hier wohnt der Autor, hier unternimmt er seine Forschungsrundgänge, u. a. auch in dem spezifischen Milieu der Nonstop-Bars (in einer solchen Bar spielt sich das titelgebende Warten auf Kafka ab). Der Stadt ist auch ein ganzes Unterkapitel Magisches Prag. Mit Golem-Tours durch Prag gewidmet. Der Autor nimmt die Kommerzialisierung des Magischen in dieser Stadt durchaus wahr, er spricht es der Stadt trotzdem nicht ab, er selbst bescheinigt es der Stadt sogar, man könne „sich vom Kitsch distanzieren und die billigen Zaubertricks enttarnen, die Entzauberung fällt ja leicht. Aber dennoch: Wenn man sich jenseits des touristischen Kurzzeitblickwinkels durch die Stadt bewegt, erwischt man sich sogar selbst dabei, wie man ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Entzauberung paradoxerweise wieder Verzauberung betreibt“ (S. 93).

 

Becker widerlegt den Prager Topos nicht, bzw. er sieht ihn nicht als überholt an, er führt ihn auf einer Art Metaebene weiter: Er verbindet ihn mit keinen konkreten Orten, er beschreibt ihn aber als Gefühl, als eine Fähigkeit, die emotionale Verfassung beeinflussen zu können: „Die Krux an dieser Stadt, sagte Blumenfeld, das ist Ihnen ja auch schon aufgefallen, ist die vermaledeite Intensivierung eines jeden existenziellen Gefühls.“ (S. 142) Melancholie und das Gefühl der Vereinsamung, Emotionen, die er mit Prag konnotiert, begreift Becker zum Schluss als etwas nicht nur Prag, sondern der tschechischen Seele, die er zu ergründen hatte, Innewohnendes. Es geht um eine Melancholie, „die mir so sehr fehlte, wenn ich nicht hier war. […] Eine Melancholie, wie ich sie erst hier entdeckt hatte, ein ganz spezifisches Gefühl, in welchem sich Traurigkeit mit Zärtlichkeit, Vergeblichkeit mit Hoffnung mischten, so eine Melancholie, deren Kern bittersüß ist und von der man deshalb nicht lassen kann, hatte man sie nur ein einziges Mal geschmeckt.“ (S. 186) Wie alle Versuche zu generalisieren – was anderes ist denn die Aufgabe, die „tschechische Seele“ zu suchen? – sieht auch dieser Versuch sich mit den möglichen Einwänden konfrontiert, das spezifisch Tschechische sei etwas völlig anderes. M. Becker steht mit seiner Diagnose allerdings nicht allein: so attestiert etwa Jaroslav Rudiš der tschechischen Seele in seinem letzten Roman Winterbergs letzte Reise [Winterbergova poslední cesta, 2019] einen gleichen Hang zur Melancholie.

 

Für diejenigen, die die tschechische Literatur bereits kennen, mag Warten auf Kafka als eine Art Spiegel für die eigene Zuneigung, für die eigene Beziehung zu ihr, dienen. Für diejenigen, die wie Martin Becker den Generationen nicht mehr angehören, die ihr Wissen von der tschechischen Kultur und Literatur aus dem Kontext historischer Ereignisse bezogen, und deren Vorkenntnisse eher gleich Null sind (davon zeugt die jahrelange Erfahrung aus den Universitätsseminaren), kann dieses Buch tatsächlich einen ersten Einstieg in die „anderen“ tschechischen Welten anbieten. Als ein leidenschaftliches, fundiertes, am eigenen Leib erlebtes Bekenntnis zur „tschechische[n] Art des Schreibens“ (S. 22) und überhaupt der tschechischen Lebenswelt, das auch deswegen glaubwürdig wirkt, da es von außen kommt.

 

PS: Unter dem Strich seien zwei Ungenauigkeiten korrigiert: Julius Fučík, den Becker im Zusammenhang mit Božena Němcová erwähnt, war kein Komponist, sondern ein Publizist, Literatur- und Theaterkritiker und ein führender kommunistischer Agitator der Zwischenkriegszeit. Und ferner: Hrabals Bücher wurden nach dessen bußfertigem Interview in der kommunistischen Zeitschrift Tvorba 1975 mitnichten von Studenten auf den Straßen verbrannt, das Autodafé wurde vom Dichter und Organisator des tschechischen Undergrounds Ivan Martin Jirous und seinen Freunden veranstaltet.

 

Übersetzung: Lukáš Motyčka

 

 

Martin Becker: Warten auf Kafka. Eine literarische Seelenkunde Tschechiens. München: Luchterhand, 2019, 224 S.


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