Es schreibt: Anna Knechtel

(E*forum, 22. 4. 2020)

Nach mehreren Veröffentlichungen sowohl über Horst Bienek als auch Ota Filip hat der Philologe und Lektor am Institut für fremde Sprachen der Pädagogischen Fakultät der Olmützer Palacký-Universität Jan Kubica 2016 eine weitere Studie zu diesen beiden Schriftstellern vorgelegt. Allein Ota Filip lohnt als Untersuchungsgegenstand – nicht nur wegen seines spannungsreichen Lebenslaufs, den er vielfach literarisch reflektierte, sondern auch wegen seines für Philologen bemerkenswerten Sprachwechsels vom Tschechischen ins Deutsche (vgl. z. B. Alfrun Kliems: Im Stummland. Zum Exilwerk von Libuše Moníková, Jiří Gruša und Ota Filip. Frankfurt a. M.: Peter Lang Publishing, 2002; Massum Faryar: Fenster zur Zeitgeschichte – eine monographische Studie zu Ota Filip und seinem Werk. Berlin: Mensch & Buch Verlag, 2005; Renata Cornejo: Heimat im Wort: Zum Sprachwechsel der deutsch schreibenden tschechischen Autorinnen und Autoren nach 1968. Eine Bestandsaufnahme. Wien: Praesens Verlag, 2010).

 

Das Interesse Jan Kubicas im vorliegenden Band ist anders gelagert. Er möchte interessierten Lesern eine untergegangene Lebenswelt zu Bewusstsein bringen, die den nationalistischen Zuspitzungen des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen ist, und zwar Die Lebenswelt der Dreißiger- und Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts in multikulturellen Regionen Mitteleuropas anhand autobiografischer Prosaliteratur deutsch(schreibend)er Autoren: Ota Filip, Horst Bienek und weitere – so der übersetzte Titel. Für das Vorhaben Jan Kubicas eignen sich die Biographien und Werke der beiden Schriftsteller Ota Filip und Horst Bienek, die beide im Jahr 1930 zur Welt kamen, in besonderer Weise: Nur knapp 80 km voneinander entfernt, liegt Bieneks Heimatstadt Gleiwitz/Gliwice/Hlivice heute in Polen, Filips Geburtsort Mährisch-Ostrau/Ostrava in der Tschechischen Republik. Als Kinder und Jugendliche jedoch lebten sie in heute nicht mehr existierenden Staaten: Horst Bienek war Bürger des Teils Oberschlesiens, der 1920 durch Volksabstimmung beim Deutschen Reich verblieb, nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 aber zu Polen kam, während Mährisch-Ostrau zur Kinderzeit Ota Filips zur 1918 gegründeten Tschechoslowakei gehörte, die ab 15. März 1939 als Protektorat Böhmen und Mähren unter der Herrschaft NS-Deutschlands stand und nach dem Zweiten Weltkrieg von Neuem Teil der wieder errichteten Tschechoslowakei wurde.

 

Vor diesem Hintergrund lassen sich exemplarisch die Eigenheiten einer national inhomogenen grenzüberschreitenden Region untersuchen, in der Polen, Tschechen, Deutsche, Juden und weitere Völkerschaften teils nebeneinander, teils miteinander oder eben gegeneinander lebten. Zur Veranschaulichung dienen Kubica literarische Texte der beiden Autoren, im Fall von Ota Filip die Romane Das Café an der Straße zum Friedhof (1968, Cesta k hřbitovu, 1968) und Die Himmelfahrt des Lojzek aus Schlesisch-Ostrau (1973, Nanebevstoupení Lojzy Lapačka z Slezské Ostravy, 1974), im Fall Horst Bieneks die Romane der Gleiwitzer Tetralogie: Die erste Polka (1975), Septemberlicht (1977), Zeit ohne Glocken (1979) und Erde und Feuer (1982).

 

In den Kapiteln 2 bis 4 seiner Studie (S. 10–168) nimmt Jan Kubica die zeittypischen Phänomene dieses multikulturellen Raums in den Blick, während Kurzporträts der Autoren Ota Filip und Horst Bienek in Kapitel 1 als Hintergrund dafür dienen.

 

Anhand dieser Tatsache wird bereits deutlich, dass Kubica in seiner Arbeit zwei unterschiedliche analytische Verfahren vermengt: Die fiktionalen, wenngleich stark autobiografisch geprägten Texte von Bienek und Filip werden zum Teil wie historische Lehrstücke rezipiert und ihr Wahrheitsgehalt anhand historiographischer Literatur verifiziert. Mag dieses Verfahren nicht ganz angebracht sein, so schmälert das keinesfalls das Anliegen von Kubicas Studie.

 

Zeitgeschichtliche Umstände wie etwa die unterschiedlichen nationalen Haltungen und politischen Einstellungen, die sowohl Bienek als auch Filip in ihren Romanen abbilden, werden von Kubica fesselnd referiert, ebenso das Phänomen der Bilingualität bzw. Mehrsprachigkeit, durch die in der jeweilig benachbarten Sprache Angleichungen in Wortschatz, Satzbau und Sprachmelodie erfolgen, oder die (multi)kulturellen Phänomene des städtischen Lebens. In diesen stehen sich Gleiwitz und Mährisch-Ostrau in nichts nach. Beide verfügten über mehrere Theater, zahlreiche Zeitungen, Vereine, Kaffeehäuser. In Gleiwitz lebten darüber hinaus auch noch bekannte Persönlichkeiten wie Gustav Freytag und Arnold Zweig. Diese Informationen aus den Romanen werden wiederum mit Zitaten aus der Sachliteratur zur Stadtgeschichte Mährisch-Ostraus bzw. zur Geschichte Schlesiens unterlegt.

 

Ging es in Kapitel 2 um die Darstellung des sozialen Hintergrunds, den Filip und Bienek in ihren Romanen formulieren, so werden in Kapitel 3 (S. 33–98) Vorfälle und Ereignisse aus der Kindheit und Jugend der Romanhelden Filips und Bieneks zu einer zeitgeschichtlichen Skizze geformt, die wiederum mit historiographischen Texten untermauert wird. Nach der Zuspitzung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse durch den sich verschärfenden Nationalismus, dargestellt beispielsweise anhand von Auseinandersetzungen in Fußballmannschaften und Gesangsvereinen, okkupierten die Truppen des NS-Regimes die Heimat der Protagonisten Filips und Bieneks. Für einen von ihnen ist der erzwungene Wechsel an eine deutsche Schule mit der Schmach verbunden, zu den Deutschen gehören zu müssen. Beschrieben werden sowohl von Filip als auch von Bienek das Funktionieren der Kriegsmaschinerie, das Einrücken an die Front, Bombardements in Deutschland, Kinderlandverschickung, Kriegsverwundung, der aussichtslose Kampf für einen halluzinierten Endsieg bei gleichzeitiger (Fahnen-)Flucht der Verantwortlichen, die Verantwortungslosigkeit als typischer Zug totalitärer Mächte, die Ankunft der Russen, der militärische Einsatz als Hitlerjunge gegen sowjetische Panzer und viele Beobachtungen und Erfahrungen mehr, nicht zuletzt die Diskriminierung und Vernichtung der jüdischen Mitbürger.

 

Beeindruckend ist die Schilderung des Dilemmas, in einem System, das nur „entweder-oder“ kennt, die eigene, unerklärbar vielschichtige Identität definieren zu müssen. Das Problem der nationalen Identität kommt besonders in Bieneks Werk zum Tragen, da die regionale Bindung in Schlesien über der nationalen Bindung stand. Ein Oberschlesier empfand sich weder als Pole noch als Deutscher; neben der deutschen und der polnischen Sprache hat die Bevölkerung dieses Landstrichs eigene Idiome wie das Wasserpolnisch und auch landestypische Verhaltensweisen hervorgebracht.

 

Neben den traumatisierenden Ereignissen der Nachkriegszeit wie Denunziationen und Verfolgungen wegen (angeblicher) Kollaboration, der Bedrohung durch anarchische Revolutionsgarden, die Konfiszierungen und Selbstjustiz vornehmen (Filip), Zwangsarbeit, Umerziehung, Deportation (Bienek) und die rechtlosen Situation der deutschen Minderheiten beschäftigt sich Kubica in Kapitel 4 (S. 99–168) vor allem mit der Verfolgung und Vertreibung/Abschiebung der Deutschen. Er stellt Texte Ota Filips vor, die dieser als Augenzeuge über die Ereignisse rund um die Befreiung am 8. Mai 1945 schrieb, als eine Atmosphäre von Hass, Rache und Gewalt auch nach Kriegsende noch Leid und Tod brachte. Die von Ota Filip beschriebenen Gewalttaten in den Straßen Prags oder in Internierungslagern spiegeln sich in Episoden und Augenzeugenberichten, die Michaela Peroutková für ihre Untersuchung Vyhnání (2008, Vertreibung, 2006) gesammelt hat. Diese verwendet Jan Kubica ebenso als Veranschaulichung für dieses Kapitel wie das einschlägige Werk der Autoren Adrian von Arburg und Tomáš Staněk von 2010 zum selben Thema. Anhand dieser historischen Auskünfte lassen sich namenlose Orte in Filips Roman identifizieren, wie im Fall des „Hanke-Lagers“ in Mährisch-Ostrau.

 

Die Ungerechtigkeiten und Gewalttaten, die Filip in seinen Romanen wie in den Erzählbänden Die stillen Toten unterm Klee (1992) und …doch die Märchen sprechen deutsch (1996) verarbeitet, veranlassen Jan Kubica zu einer detaillierten Analyse der politischen Atmosphäre in der ČSR der Nachkriegszeit. Er behandelt darunter Fragestellungen, die bis heute virulent sind, und verweist auf seriöse Sekundärliteratur in der Tschechischen Republik zum Thema Vertreibung der Deutschen (z. B. der Bürgerinitiative Antikomplex).

 

Im Abschnitt über Kriegsende und Nachkriegszeit in Bieneks Romanen rekurriert Kubica sowohl auf die Vertreibung als auch die Situation der deutschen Minderheit in Polen, setzt sich aber auch mit einem weiteren Thema auseinander: der willkürlichen, grundlosen Verhaftung des Ich-Erzählers und seiner Deportation in das sibirische Arbeitslager Workuta – ein Thema, über das Bienek, dem dies widerfuhr, erst dreißig Jahre später öffentlich sprach.

 

Kubica beendet diesen Abschnitt über Horst Bieneks Schreiben mit dessen Bekenntnis, der Verlust der Heimat sei für ihn ein Gleichnis für die Verlust der Kindheit, und schließt als 3. Abschnitt des 4. Kapitels einen Exkurs über den Heimatverlust bei Ota Filip an. Dieser wurde 1974 nach Schikanen durch die Geheimpolizei der ČSSR in die Emigration gezwungen und begann in Deutschland einige Jahre später auf Deutsch zu schreiben. Dies führte zu einer eingehenden literarischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen einer schwankenden sprachlichen Identität.

 

Die intensive Beschäftigung mit den beiden Autoren Horst Bienek und Ota Filip ergänzt Jan Kubica in Kapitel 5 um vier weitere Autoren, deren Werke das Leben in der Tschechoslowakei in den dreißiger und vierziger Jahren, einschließlich traumatischer Vertreibungserfahrungen, zum Thema haben. Dabei ist nicht ersichtlich, warum neben dem Schriftsteller Gerold Tietz gerade Horst Sikora, Eva Althammer-Švorčíková und Hubert Sigmund ausgewählt wurden. Als Verfasser ihrer Lebenserinnerungen haben sie eine andere Intention als der Schriftsteller Gerold Tietz, der das erzwungene Verlassen der Heimat nicht aus eigener Erinnerung gestaltete, da er erst 1941 zur Welt kam, und sich deshalb für eine poetische Gestaltung seiner Vertreibungs- und Fremdheitserfahrung entschied. Da es sich um unterschiedliche Textsorten handelt, eigenen sich die hier zusammen betrachteten vier Werke nicht für eine vergleichende Betrachtung unter Anwendung derselben wissenschaftlichen Kriterien.

 

Ebensowenig ist es angebracht, die literaturwissenschaftliche Einordnung am Anfang des Kapitels (S. 169–172) auf diese vier Werke gleichermaßen anzuwenden.

 

Der Versuch einer Unterscheidung von Vertriebenenliteratur und Vertreibungsliteratur bzw. ihres Verhältnisses zu Heimatliteratur und Sudetendeutscher Literatur ist zu begrüßen. Herrschen doch über diese Begriffe widersprüchliche Auffassungen. Dieser Versuch ist eine Schwachstelle des Buches, da hier mehr Verwirrung über das Thema entsteht, als dass Klarheit geschaffen würde. Eine Rezension kann nicht dazu dienen, diese Fehler und Irrtümer zu erhellen oder gar zu korrigieren – könnte aber, so ist zu hoffen, der Auftakt zu einem Austausch über „Sudetendeutsche Literatur“ und ihre Einordnung sein.

 

An dieser Stelle nur einige kurze Hinweise. Die Unterscheidung von Vertreibungs- und Vertriebenenliteratur, die Louis F. Helbig 1988 vorgenommen hat, wird von Kubica nicht unmittelbar, sondern unter Rückgriff auf Patricie Eliašová referiert. Offensichtlich kam es dabei u. a. zu dem Missverständnis, Vertriebene hätten Literatur für den „Eigengebrauch“ („spotřební literatura“) verfasst. Zutreffend ist aber, dass auch sudetendeutsche Vertriebene – wie Jan Kubica im Vorwort seines Buches über das autobiografische Schreiben erläutert – schrieben, um das Erlebte als Erinnerung festzuhalten und weiterzugeben. In diesen Zusammenhang gehört auch der von Eliášová (die ihn wiederum einem Aufsatz von Stefan Bauer [Stefan Bauer: Das Bild der Heimat in der sudetendeutschen Trivialliteratur nach 1948. In: Peter Heumos (Hg.): Heimat und Exil. Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum. München: Oldenbourg, 2001, S. 37–58] entlehnt hat) übernommene Fehlschluss, die Sudetendeutschen hätten nur für die eigenen Kreise geschrieben und sich damit in die Isolation begeben. Dies wäre zu überprüfen, womöglich war dies nicht ihre Absicht. Auch sie schrieben für breite Kreise, erreichten diese aber nicht, was dem historisch-politischen Kontext der Bundesrepublik Deutschland zur damaligen Zeit geschuldet sein mag.

 

Zumindest unscharf ist die Gleichsetzung von „sudetendeutscher“ Literatur und Vertriebenenliteratur bzw. Vertreibungsliteratur, welche naturgemäß erst nach 1945 entstehen konnte. Ebenso bezeichnet der Begriff „Heimatliteratur“ im Deutschen nicht die Literatur über verlorene Heimat, sondern Literatur, die sich mit der Lebenswelt in einer vertrauten Region, zumeist im ländlichen oder bäuerlichen Milieu, beschäftigt. Solche Einordnungen können schwer klar voneinander abgegrenzt und in einem Buch mit einem anders gelagerten Schwerpunkt selbstverständlich nur am Rande behandelt werden.

 

Eine letzte Bemerkung: Auf den vier Seiten, auf denen Jan Kubica die eben genannten Probleme erörtert, wird auch Bezug auf die Autorin Olga von Barenyi Bezug genommen, von der es nicht nur in dieser Publikation heißt, sie sei eine sudetendeutsche Schriftstellerin gewesen. Dies trifft jedoch nicht zu: Nach Jahren der Ratlosigkeit in Forscherkreisen wurde die Identität dieser Frau inzwischen gelüftet und ihr Schicksal in dem Theaterstück Zde jest vše marné von Dušan Hübl 2015 der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

Die angesprochenen Ungenauigkeiten sind wie gesagt peripherer Natur. Das angesteuerte Ziel, das Leben in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts in einer multikulturellen Region Mitteleuropas zu veranschaulichen, ist Jan Kubica mit diesem facettenreichen Buch unbedingt gelungen.

 

 

Jan Kubica: Život ve 30. a 40. letech dvacátého století v multikulturních regionech střední Evropy na základě autobiografických próz německy píšících autorů – Ota Filip, Horst Bienek a další. Olomouc: Univerzita Palackého v Olomouci, 2016, 318 S.


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