Es schreibt: Lena Dorn

(15. 1. 2020)

„Holans Popularität ist für einen Nicht-Tschechen schwer begreiflich“ schrieb Hans-Peter Riese in der FAZ im Juni 2006. In den letzten Jahren ist sie jedoch für die deutschsprachige Leserschaft ein ganzes Stück nachvollziehbarer geworden. Seit 2003 erscheint die erste Vladimír-Holan-Werkausgabe außerhalb von Tschechien, die kritische Gesamtausgabe Vladimír Holan: Gesammelte Werke, herausgegeben von Urs Heftrich und Michael Špirit. Die Ausgabe ist auf 14 Bände angelegt, die bis 2029 erscheinen sollen. Bislang sind die Bände 1, 2, 6, 8, 9, 10, und 11 erschienen, wobei es im Folgenden schwerpunktmäßig um Band 11 gehen soll: Das Vorletzte. Gesammelte Werke / Band 11: Lyrik VIII: 1968–1971 (Heidelberg: Winter, 2018), mit Übersetzungen von Věra Koubová.

 

Es handelt sich bei Předposlední, Das Vorletzte, um Gedichte aus seinem Spätwerk, deren Veröffentlichung Holan selbst, der 1980 starb, nicht mehr erlebte. Urs Heftrich schreibt im Nachwort über Holans Veröffentlichungsmöglichkeiten: „Selten hat ein Dichter derart heftige Pendelschläge der öffentlichen Gunst hinnehmen müssen wie er. Aus dem Zweiten Weltkrieg als eine der führenden Stimmen tschechischer Selbstbehauptung gegen die Nazis hervorgegangen, fiel er bei den Stalinisten so anhaltend in Ungnade, dass diese ihn bis 1963 von seiner Leserschaft fast vollständig abschnitten. Die Liberalisierungswelle der 1960er Jahre trug ihn dann auf den Gipfel des Ruhms und der öffentlichen Ehrungen, bis zur Ernennung zum Nationalkünstler und der Nominierung für den Nobelpreis. Als diese Welle nach der sowjetischen Intervention im August 1968 zusammenfiel, geriet er unweigerlich in den Sog des Rückstroms. Holan erfuhr die etappenweise Wiedereinführung der kommunistischen Zensur am eigenen Werk. Die Veröffentlichung seiner Lyrik aus den Jahren 1968 bis 1971 erlebte nur noch seine Witwe.“ (Urs Heftrich in: Das Vorletzte, S. 590-591) Die letzten vier Bände von Holans Gesamtwerk werden zu seinem Spätwerk gerechnet (Na sotnách – deutsch etwa „In den letzten Zügen“ –, Asklépiovi kohouta – deutsch Band 10 Dem Asklepios einen Hahn –, Předposlední – deutsch Band 11 Das Vorletzte – und Sbohem? – deutsch etwa „Lebt wohl?“).

 

Zur Kontextualisierung seien die Nachworte und Kommentare der Herausgeber empfohlen, die auch einen erkenntnisreichen und zwischen den Bänden vernetzten Anmerkungsapparat zu den Motiven und Intertextualitäten einzelner Gedichte zur Verfügung stellen. Im Folgenden möchte ich kurz auf die Übersetzung selbst eingehen. Wie tritt sie eigentlich vor die Leser?

 

Der Bedeutung und Art der Übersetzung kann man sich von verschiedenen Seiten nähern. Holans Texte so umfangreich zu übertragen bedeutet auch eine Ehrung Holans als Lyrikübersetzer. Das literarische Übersetzen ist aus seinem Schaffen nicht wegzudenken; hervorgehoben werden für gewöhnlich seine (besonders zahlreichen) Übersetzungen von R. M. Rilke, von dem sein Werk beeinflusst ist. Das Slovník české literatury po roce 1945 („Lexikon der tschechischen Literatur nach 1945“) listet noch sehr viele weitere Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen und Jahrhunderten auf, darunter etwa Nikolaus Lenau, Luis de Góngora y Argote, Michail J. Lermontow, Nezāmi von Gandscha, Charles Baudelaire, Jean de La Fontaine, Adam Mickiewicz, William Wordsworth u.v.m.

 

Weiter: Die Übersetzungen von Gedichten von Holan in andere Sprachen nehmen zu seinen Lebzeiten Einfluss auf ihn und sein Schaffen. Laut Urs Heftrich spielen sie auch für seine materielle Situation eine Rolle, gerade in den betreffenden 1970er Jahren: „Ein Nobelpreisanwärter, der etwa in Italien mühelos 20.000 Exemplare einer Anthologie mit Übersetzungen seiner Lyrik hatte absetzen können, stellte an sich eine Bedrohung für die Apparatschiki der tschechischen Kultur dar.“ (Das Vorletzte, S. 592) Es entsteht eine Wechselwirkung zwischen den Übersetzungsprozessen. Zudem war ein Großteil der Übersetzungen von Holan-Gedichten, die in den 1990er Jahren in großer Zahl erschienen, genau diesem Band entnommen. Es ist ein großer Gewinn, dass sie nun für deutschsprachige Leser insgesamt und in der zweisprachigen Ausgabe zugänglich sind.

 

Ein Leser kann also die Texte in beiden Sprachen parallel lesen. Dies ist etwa für die wissenschaftliche Nutzbarkeit und die Zitierbarkeit der kritischen Werkausgabe günstig. Am Ende werden zwar wenige Menschen die 14 Bände in ihrer Freizeit von vorne bis hinten durchlesen. Die Gegenüberstellung mit dem Original macht aber auch für FreizeitleserInnen einen Unterschied. Selbst, wenn die Originalsprache nicht verstanden wird, werden doch die Augen hin und herspringen, einzelne Buchstaben und Wörter sind lesbar, die Länge der Strophen und Verse entgeht einem nicht, und das Original scheint dadurch, dass es materiell vorhanden ist, greifbarer.

 

Die Übersetzungen der neuen Gesammelten Werke wurden von verschiedenen Übersetzerinnen und Übersetzern angefertigt, darunter in den bisherigen Bänden Reiner Kunze, Franz Wurm, Urs Heftrich, Viktoria Funk-Nešić und Věra Koubová. Die ÜbersetzerInnen treffen dabei unterschiedliche Entscheidungen, und es wäre spannend, alle Bände in diesem Sinne zu vergleichen.

 

Die Übersetzungen in Das Vorletzte zeichnen sich durch inhaltliche Genauigkeit aus; klangliche Bilder – oder Reime, die es in diesem Band quasi gar nicht mehr gibt –, treten in den Hintergrund. Ganz anders klingt Holans Frühwerk; ich erinnere an Band 1 der Werkausgabe, hier die letzte Strophe von TOUHA, deutsch SEHNSUCHT, in der Übersetzung von Urs Heftrich:

 

Teď jak sval porcelánu nehybná a němá,

zatímco nevraživě patříš na svůj luk,

jen o vítr měj péči sluchu tvého téma –

a potom plač, plač! Přísný nářek věří na souzvuk.

 

Und reglos, stumm, gleich einem Muskelstrang aus Porzellan,

siehst du den Bogen an und haßt ihn wie noch nie.

Doch nimm den Wind als Thema, hör auf ihn! und dann,

dann weine! Strenge Klage glaubt an Harmonie.

 

Die Übersetzungen der formal reduzierten Gedichte in Das Vorletzte positionieren sich meist zurückhaltender zum Klang.

 

DVĚ ZDI

 

Je to zeď mlýna a přilehlá

zeď stodoly, které z obou

dělají tvrz, až živočišnou

při sebeobraně… Tvrz…

Ale aby právě nepředvídané

nezůstávalo v pochybnostech,

vluzují se do ní po celá staletí

a až z jakési unáhlenosti

právě ti z milenců,

kteří se už nikdy neměli spatřit,

protože se nepoznávají…

 

Übersetzung von Věra Koubová:

 

ZWEI MAUERN

 

Es sind die Mauer der Mühle und die anliegende

Mauer der Scheune, welche aus beiden

eine Festung machen, eine beinah tierische

bei der Selbstverteidigung… eine Festung…

Aber um gerade das Unvorhergesehene

nicht im Ungewissen zu lassen,

schleichen sich in sie, jahrhundertelang

und fast aus einer Art Überstürzung,

gerade diejenigen Liebenden ein,

denen bestimmt war, einander nie mehr zu sehen,

weil sie sich nicht wiedererkennen…

 

Hier scheint eines der wichtigsten Motive des Bandes auf, nämlich die Mauer. In ca. 20 Gedichten spielt das Mauer-Thema eine Rolle. Dabei sind die Fälle, in denen die Mauer bedrohlich ist, eher selten, und wenn die Mauer in obigem Text auch nicht als baufällig gezeichnet wird, so doch als ein geheimnisvolles Element, das einen Raum möglich macht, statt ihn zu verhindern. Ein weiteres Gedicht handelt von der „Die Mauer, die sich selber baute“, die, „falls erforderlich, / einstürzt, bis man sie unerwartet / übersieht“ (S. 291). Die Übersetzungen der gerade in diesem Band so dichten, mit vielen Bezügen gespickten Gedichte legen einen Schwerpunkt auf die Andeutungen und die semantische Präzision. Sie kommen der bisweilen angeführten „Dunkelheit“ der Texte mancherorts nahe (so formuliert der oben zitierte Hans-Peter Riese in der FAZ im Jahr 2006, „seine Lyrik gilt als dunkel und schwer verständlich. Nicht nur, was ihre Metaphorik und Symbolik angeht, auch durch die souveräne Mißachtung der Grammatik und simpelster Sprachregeln, wenn sie sich dem dichterischen Anspruch des Autors nicht beugen wollten“), obwohl gerade dieses Bild durch die neue Holan-Ausgabe ausdifferenziert wird. Die Übersetzung ermöglicht in jedem Fall etwas, das vorher nicht da war; eine Interpretation jedes Textes, ein Echo der Komplexität, einen Widerhall. „Auf diese Weise fürchten wir das Schicksal / und unterstützen die Triebe / durch ein Provozieren, das / auch die Überzeugung sein könnte, / es sei Ekstase, / und somit fügsam bis zur Heiligkeit…“ (S. 403) – „Takto se bojíme osudu / a podporujeme pudy / s vyzývavostí, která / by mohla býti přesvědčením, / že je u vytržení, / a tedy povolná až k svatostí…“ (S. 402)

 

Übersetzungen aus dem Tschechischen ins Deutsche haben es im „Polysystem“ der Literatur zurzeit schwer, das Segment ist klein. Oft wird eine ungleiche Ausgangslage als Gefälle zwischen „kleiner“ und „großer“ Literatur gefasst, wobei hinzugefügt sei, dass nicht automatisch die Anzahl der SprecherInnen einer Sprache entscheidend ist. Ob das Interesse groß oder klein ist, hängt von vielfältigen gesellschaftlichen Umständen – und dabei auch von der Sichtbarkeit der MultiplikatorInnen – ab. In diesem Sinne gilt: Es muss mehr zugänglich sein, damit sich die kritische Leserschaft bilden kann und ein Weiterlesen überhaupt denkbar ist. Es ist wünschenswert, dass weitere Ausgaben erscheinen. Für die ÜbersetzerInnen und HerausgeberInnen der Werke wichtiger tschechischer SchriftstellerInnen gibt es noch viel zu tun.

 

 

Vladimír Holan: Das Vorletzte. Gesammelte Werke / Band 11: Lyrik VIII: 1968–1971. Hg. Urs Heftrich und Michael Špirit. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2018, 605 S.


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