Es schrieb: Paul Eisner

(18. 12. 2019)

Die Ereignisse im September und Oktober 1938 und ihre Folgen wirkten sich auf den Charakter des Staates, die Atmosphäre in der öffentlichen Kommunikation, wie auch auf das Funktionieren der Medien der sog. zweiten, tschechisch-slowakischen Republik aus und beeinflussten ebenso die hiesigen deutschen Periodika gravierend. Während einige Zeitungen und Zeitschriften, wie etwa Die Wahrheit oder Die Selbstwehr, unmittelbar oder nur mit einem kleinen Verzug nach dem Münchner Abkommen eingestellt wurden, hatten wiederum die Periodika Deutsche Zeitung Bohemia und Prager Presse noch drei Monate ihrer Existenz vor sich, bis sie zu Silvester – ohne Vorankündigung – zum letzten Mal erschienen. Zu dieser Zeit berichteten die politischen und wirtschaftlichen Rubriken der Prager Presse über die Neuordnung des Staates, die Lösung der Flüchtlingssituation und konnten nur in eingeschränktem Maße auf die wachsenden Pathologien innerhalb der tschechoslowakischen Gesellschaft (wie z. B. den expliziten Antisemitismus oder den aggressiven Nationalismus) reagieren.

 

Ein regelmäßiger Beitragender im Feuilleton blieb nach wie vor Pavel/Paul Eisner, er versteckte sich allerdings mit einer einzigen Ausnahme unter Pseudonymen. Als „Faber“ setzte er seine regelmäßigen Sprachglossen Vokabeln fort, in welchen er das allgemeine Aufeinandertreffen der tschechischen und deutschen Sprache sowie markante Erscheinungen der ideologisierten Sprache verfolgte. Unter dem Pseudonym „J. Ort“ verfasste er mehrere, sich der tschechischen Literatur widmende Betrachtungen, angefangen mit Karel Hynek Mácha (vgl. den unten abgedruckten Text Ohnmacht der Beschwörung vom 16. Oktober) bis zu seinen Zeitgenossen wie etwa Milada Součková (vgl. den unten abgedruckten Text Die Zuflucht einer Sprachevom 2. Oktober). Der erstgenannte Aufsatz ist eine freie Überlegung, die den hastigen Transport von Máchas Überresten aus Leitmeritz nach Prag thematisiert, stilisiert als Hamletsches Grübeln über dem Schädel des Beweinten. Es handelt sich hierbei nicht bloß um einen weiteren Mácha-Text von Eisner, der Text lässt sich als Vorzeichen der zutiefst persönlichen Bedeutung lesen, die Mácha für Eisner im Laufe der Okkupation gewinnen sollte (wie hierüber z. B. Božo Lovrič berichtet, vgl. Božo Lovrič: P. Eisner a Eureka. [P. Eisner und Eureka.] Lidová demokracie, 8. 1. 1946, S. 4). Eisner versucht jedoch vor allem in einer Situation das Wort zu ergreifen, in der dem Dichter gezollte Achtung als Kontrast zu der gerade erfahrenen Ohnmacht des Geistes und der Poesie gegenüber dem die Welt ergreifenden Unheil erlebt werden konnte. Indirekt bezieht sich auch eine Folge von Eisners Feuilletons (erschienen unter dem Namen „J. Ort“) auf den Zustand der Gesellschaft in der zweiten Republik bzw. in Europa, in welchen die Details des Alltags und winzige Erlebnisse als symbolischer Ausdruck von tieferen Zusammenhängen zwischen der Zeitmoral und Mentalität beleuchtet werden. Hierzu gehören etwa Hohn aus den Lüften (vom 23. Oktober), Vom Geschirrwaschen (vom 4. Dezember), Legende von einem Baum (vom 25. Dezember) oder der scheinbar harmlose Text Blumen für Elisabeth (abgedruckt am 18. Dezember, d. h. nicht ganze zwei Wochen vor dem Einstellen der Prager Presse). Beide unten abgedruckten Feuilletons legen Zeugenschaft darüber ab, wie Eisner die bedrückende Lebenssituation wahrnahm und dass er trotz allem nach positiven Augenblicken in diesem düsteren Herbst Ausschau hielt.

 

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Eisner, Paul (J. Ort): Ohnmacht der Beschwörung. In: Prager Presse 18, Nr. 257 (16. 10. 1938), S. 5.

 

Man hat die Ueberreste Karel Hynek Máchas, des Dichters, aus dem Grab in Leitmeritz geborgen und nach Prag gebracht. Es war eine ganz plötzliche Exhumierung nach hundertundzwei Jahren. Sie legte verblichene Gebeine bloß, deren Rest vielmehr, besonders auch das Fragment einer Hirnschale, eines Schädels von besonders gestreckter Langform. Der Schädel hatte einmal eine Zunge und konnte singen, sagt ein Prinz bei Betrachtung eines Schädels.

 

Auch ein sehr flüchtiger Kenner von K. H. Máchas Versen wird es sehr natürlich finden, daß ein Betrachter von Máchas geborgenem Gebein seinen öffentlichen Bericht auf den Gedanken abstimmte: Dies also bist Du, Sänger des Todes, nach hundertundzwei Jahren! Der Gedanke lag wahrlich nahe; er ist aber gar nicht „billig“, er ist sehr wesenhaft, wenn man ihn näher besieht; er führt, wenn man will, in einige Tiefe von Betrachtung und Erkenntnis.

 

Was immer an Karel Hynek Mácha romantisch war — in den Tod verbuhlt war er nicht im mindesten. Wohl stammelt, stöhnt, ruft er in zahllosen Abwandlungen das Wort Untergang und Nichtmehrsein — aber so oft er es tut, geschieht es nicht aus süchtiger und überhaupt unsauberer Begehrung des Todes. Vergänglichkeit, das Donnerwort, ist Máchas Muse — der Aufruhr des Entsetzens angesichts des Umfaßbaren [sic!, gemeint war wohl „Unfaßbaren“, Š. Z.]: der Auflösung, des Nichtmehrseins, der Leere, die höllischer ist als Hölle selbst. Nur aus terminologischer Verlegenheit nennen wir Mácha einen Romantiker, aus größerer Verlegenheit einen Dichter des Todes. In Wahrheit ist er ja das Gegenteil — der unerhörte Dichter einer Todesangst, die edel ist darum, weil sie nicht kreatürlich ist, sondern metaphysisch.

 

Nun aber sollte es als natürlich gelten, daß auch ein großer Dichter nach hundertundzwei Jahren einen solchen Anblick bietet wie Máchas exhumierte Gebeine. In Wahrheit ist es zwar „natürlich“, weil die Erfüllung eines Naturgesetzes; in höherer Wirklichkeit ist es unnatürlich genug.

 

Denn alles, was uns ein gleichgültiges, vor hundertundzwei Jahren verstorbenes und beigesetztes menschliches Individuum zu Karel Hynek Mácha macht, sind ja nur und nur diese von Angst und Entsetzen und flehentlichem Leid eingegebenen Verse von der Vergänglichkeit. Diese Verse aber haben den Sinn einer Beschwörung: etwas soll ausgelöscht, ungeschehn gemacht, ferngehalten werden, indem es ausgesagt wird. So entsteht alle Dichtung — als Beschwörung. Und dieses tief doppelsinnige Wort bedeutet eben: Heranwünschung des Ersehnten, Löschung, Austilgung des Verabscheuten. Kein Dichter, dessen Innerstes nicht immer wieder glaubte, daß die bloße Aussage einer Angst den Gegenstand der Angst auslöscht. Was Karel Hynek Mácha anlangt, haben wir zum äußersten Ueberfluß sogar eine in ihrer erhabenen Tragikomik unüberbietbare Textstelle, an der er verrät, daß er sich ausnimmt von dem allgemeinsten aller Lose, dem des Endes und Zerfalls, den Jüngsten Tag geradezu leibwandelnd zu überleben gedenkt.

 

Der Schädel hatte einmal eine Zunge und konnte singen. Ach, armer Yorick aus Prag und nach einer kurzen Abwesenheit von hundertundzwei Jahren wiederum nach Prag zurückgekehrt — wie trügerisch war deine Beschwörung. Natürlich siehst du um keine einzige Totenwurmspur anders aus als andere nach hundertundzwei Jahren. Natürlich nicht. Indem ich es sage, besinne ich mich, daß ich tschechisch ovšem sagen müßte; da přirozeně ein häßlicher Germanismus wäre. Ich müßte also „freilich“ sagen, nicht aber „natürlich“. Es ist beinahe eine unbewußte Weisheit der Sprache. Denn natürlich — nein, natürlich ist es nicht.

 

Weil alle Dichtung aus der wahnwitzigen Vorstellung kommt, das Wort könne etwas geschehen machen; und aus der wahnwitzigeren, es könne etwas ungeschehen machen, den Sprecher, den Rufer unberührt machen, ihn ausnehmen, ihn abseits, auswärts stellen, ihn isolieren auf dem Isolierschemel seines Wortes.

 

Eingefallen und mit einem Totengräberspaten um die Kinnbacken geschlagen. Das ist mir eine schöne Verwandlung, wenn wir nur die Kunst besäßen, sie zu sehen ... Ist jetzt keiner da, der sich über dein eigenes Grinsen aufhielte? Alles weggeschrumpft?

 

Der dieses sagt, Yoricks Schädel betrachtend, Hamlet, Prinz von Dänemark, ist eben auch ein Dichter und der Ohnmacht der Beschwörung ergeben. Indem er es sagt, hofft ein Wahnwitz in ihm, er banne das Gesagte von der Schwelle seines eigenen Loses. Hamlet, mit Yoricks Schädel in der Hand, erlebt sich durchaus nicht als Yorick mit Hamlets Schädel in der Hand; und erlebt er sich so auch nur eine Sekunde lang, so ist es ihm gemehrter Antrieb, Yorick zu beschwören und sich so, bestimmt und genau zu scheiden von jeder Gemeinschaft mit Yorick. Denn Hamlet ist ein Dichter und hörig der Ohnmacht der Beschwörung durch das Wort.

 

 

Eisner, Paul (J. Ort): Blumen für Elisabeth. In: Prager Presse 18, Nr. 311 (18. 12. 1938), S. 4.

 

Blumen für Elisabeth — das klingt wie der Abklatsch eines Romantitels, ist aber etwas anderes, eine Geschichte Grau in Grau, die Farbe ganz buchstäblich genommen, mit einem Stich ins Herbstzeitlosenfarbene; und mit einem Schimmer von jähem Rosa.

 

An einem der aus dem Acheron bleiern und herzkältend aufgestiegenen Tage, wie der Prager Herbst sie beschert, an einem Vormittag, der die Sehnsucht nach der völligen Nacht des Abends nicht ruhen läßt, gewahrte ich eine mir bekannte Frau. Die Sechzigjährige kam mir entgegen, die ausgestorbene Vorstadtstraße, mein eigener schlendernder Gang machten eine richtige Begegnung mit Rede und Widerrede unumgänglich. Und das fiel schwer; die sechzigjährige Frau war von sehr allgemeinen und auch von ganz persönlichen Dingen heimgesucht, und ein tröstlicher Zuspruch, der nach etwas klingen soll, geht manchmal über menschliche Kraft; wer lügt, muß stark sein. Die alte Dame machte es mir leicht; behutsam erwähnte sie ihr Leid, sparte die Worte, gab ihrer nur soviel, als notwendig war zur Antwort auf die Frage. So konnte der abgleitende Blick auf die Blumen fallen, die sie in der Hand hielt. Es waren Chrysanthemen, sie hatten die Farbe von Herbstzeitlosen; aber alles, was der Vormittag an Licht besaß, war in den Blüten.

 

Die alte Dame bemerkte den Blick: „Das sind Blumen für Elisabeth", sagte sie; und sie gab Auskunft über Elisabeth. Das ist sie selbst, so heißt sie ja. Die Blumen aber hat sie selbst sich verehrt, voll Gewißheit, daß niemand anderer ihr zuvorkommen wird; und die Blumen trägt sie nun heim für Elisabeth. Dort sollen sie in der Vase stehen und ein wenig erfreuen, wenn Elisabeth an Trübes denken muß.

 

Ich sah die alte Dame an, dann die Blumen. Das Licht, das aus ihnen in den bedrückenden Tag leuchtete, war nun stärker, stetiger. Die Herbstzeitlosenfarbe der fransigen Blüten spielte jetzt deutlich ins Rosige. Etwas wie ein rosiger Hauch verschönte auch das Gesicht der sechzigjährigen Frau.

 

Es steckt, wenn ich nicht irre, viel Weisheit in den Blumen für Elisabeth, eine Weisheit, zu der man wohl erst dann gelangt, wenn man alt ist und müde des Wartens auf das Wunderbare. Die Darbringung dieser herbstzeitlosenfarbenen Chrysanthemen kommt übrigens auch der fast wortgetreuen Befolgung einer Lebensregel Goethes gleich. Doch nicht darauf kommt es an, nicht darum blieben die Blumen für Elisabeth so sehr in der Erinnerung haften.

 

Auf eine ganz üble Art verfährt der Mensch mit den Menschen. Zu einem guten Teil darum, weil er sich selber ein Rabenvater, Rabenbruder ist. Weit mehr verbreitet, als man meint, ist eine Gattung Mensch, die ihr Mißvergnügen an der Welt in den seltsamsten Selbstkasteiungen austobt. Nicht austobt, denn die schäbige Behandlung ihrer selbst ist nur ein Anfang. Sie sparen sich den Bissen Freude vom Mund ab, um mit der unanfechtbaren Legitimation ihres Mißvergnügens vielen anderen den Tag sauer machen zu können. Bin ich etwa froh und aufgeräumt? argumentieren sie. Nun denn. Freut mich das Leben? Nun also.

 

Nein, sie sind nicht aufgeräumt. Denn aufgeräumt sein heißt ja die Innenmöbel zurechtgerückt, den lieben Menschen in uns in leidliche Ordnung gebracht haben. Diese unheiligen Säulenheiligen aber können sich nicht entbrechen, sich aller möglichen Dinge zu entbrechen. So geraten sie in den Zustand des Unaufgeräumtseins; und dann beginnen sie mit anderen Menschen aufzuräumen.

 

Es kommt viel Jammer über die Welt von den Unaufgeräumten, die niemals Blumen heimtragen für Elisabeth.

 

Übersetzung: Lukáš Motyčka.


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