Es schreibt: Veronika Jařabová

(9. 10. 2019)

Dormizer, Jerusalem, Lämel, Porges und Przibram. Auf diese fünf prominenten Familiennamen, die das Prager jüdische Großbürgertum repräsentieren, stützt sich die als Gruppenbiografie konzipierte Studie von Martina Niedhammer, die sie zuvor als Dissertation an der Universität München vorgelegt hat. In der tschechischen Übersetzung erschien die Studie nur einige Jahre später, im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts des Instituts für Zeitgeschichte an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und des Prager Jüdischen Museums, in der Reihe Juden – Geschichte – Gedächtnis [Židé – Dějiny  Paměť]. Niedhammer konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Rekonstruktion der „Lebenswelten“ der Prager jüdischen Elite, die sie anhand des Loyalitätsprinzips in den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts untersucht. Unter anderem führt sie eine Ebene ihres Textes entlang der Spannungslinie zwischen der konträren wirtschaftlichen und rechtlichen Lage der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1848, das eine „Zäsur, aber kein Bruch“ bedeutet habe, bis hin zur völligen Emanzipation der Juden im Jahre 1867, mit der sie ihre Studie abschließt.

 

Das Grundgerüst des ganzen Textes bildet Niedhammers innovatives Konzept, mit dem sie diverse Aspekte der „Lebenswelten“ ausgewählter ProtagonistInnen des Prager jüdischen Großbürgertums (nicht nur) mithilfe von Topografie beleuchtet. Die Verbindung zwischen den AkteurInnen und bestimmten Orten, die sie symbolisch auf eine ganze soziale Schicht überträgt, hat einen stark metaphorischen Charakter. So steht beispielsweise die (heute nicht mehr existente) Jerusaleminsel in der Moldau mit der Textilfabrik der Familien Jerusalem und Przibram „stellvertretend“ für wirtschaftliche Aktivitäten der jüdischen Elite. Laut Niedhammer bietet eben die Tatsache, dass es sich dabei um eine Insel handelte, eine passende Metapher für die einsame Teilhabe jüdischer Unternehmer dieser Zeit, die durch die prekäre Rechtslage aufgrund bestimmter antijüdischer Gesetze gegeben war, die sich auf ihre ethnische und religiöse Identität bezog.

 

Ein eigenes Kapitel ist den sich wandelnden Strategien im Umgang mit den k.u.k.-Behörden gewidmet, allen voran der Hofkanzlei in Wien als dem entscheidenden administrativen Zentrum. Niedhammer thematisiert das Phänomen des traditionellen „Schtadlanut“, aber auch den Strategiewandel bei der Durchsetzung eigener Interessen im Laufe der Zeit; und zwar insbesondere am Beispiel der unterschiedlichen Strategien bei Vater und Sohn der Familie Lämel. Interessant ist ihre Beobachtung der Nobilitierung einzelner jüdischer Großbürger, die sie nicht als Ausdruck der Toleranz seitens des Staates interpretiert, sondern viel mehr als Strategie, der sich die Hofkanzlei in Wien bediente, um die Gleichberechtigungsforderungen ihrer jüdischen Untertanen zu umgehen. Besonders plastisch sieht man dies am Beispiel des Aufstiegs der Gebrüder Porges, denen als Antwort auf ihr Emanzipationsgesuch für alle jüdischen Bewohner und Bewohnerinnen ein vererbbarer Adelstitel zuteil wurde. Statt Bürgerrechte bekamen sie also ein symbolisches Kapital, doch rechtlich gesehen änderte sich kaum etwas an ihrer Lage.

 

Der angestrebte gesellschaftliche Aufstieg brachte den ProtagonistInnen von Niedhammers Studie oft etliche Probleme in der Beziehung zu ihrer Community. Dieser Frage geht die Autorin im Kapitel „Beim Tempel in der Geistgasse“ nach und widmet sich dabei ausführlich, wie schon die Überschrift verrät, den Einstellungen ihrer ProtagonistInnen zu traditionellen religiösen Institutionen sowie zu dem damals in der Habsburgermonarchie heiß diskutierten Thema der liturgischen Reform.

 

Im Prager Kontext der ersten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts muss man sich fast zwangsläufig mit dem Thema der wachsenden nationalen Spannungen zwischen den deutsch- und tschechischsprachigen Eliten beschäftigen, unter denen vor allem Menschen mit nicht eindeutigen nationalen Identitäten immer mehr zu leiden hatten. So war es vermutlich nicht einfach, einen konkreten Ort auszuwählen, an dem sich diese komplizierte Situation am besten untersuchen ließe. Dennoch bleibt fraglich, inwiefern die Wahl des Sophiensaals (ein Ballsaal auf der Sophieninsel in Prag) in diesem Fall gerechtfertigt ist. Reicht als Begründung die Tatsache, dass eben hier 1848 der Prager Slawenkongress stattfand, nach dem sich der Ballsaal „zu einem tschechischen Ort [wandelte]“?

 

Die „Portheimka“ wiederum als Symbol der Privatsphäre der ProtagonistInnen erscheint hier als sehr gut gewählte Metapher. Das barocke Lustschloss im Prager Stadtteil Smíchov und Sitz der Familie Porges zeigt sehr anschaulich die Lebensstilveränderung der Prager jüdischen Unternehmerfamilien – auch im Kontrast zu ihren weniger betuchten GlaubensgenossInnen, die zu der Zeit immer noch im Prager Ghetto leben mussten. Durch die häufige Verwendung von Ego-Dokumenten, Bildmaterialien oder Besitzverzeichnissen bei der Alltagsrekonstruktion hat dieses Kapitel beinahe populärwissenschaftlichen Charakter. Man findet hier eine Reihe interessanter und teilweise auch überraschender Beobachtungen. Etwas zugespitzt könnte man zum Beispiel behaupten, dass die Heiratsstrategien der ProtagonistInnen dermaßen von Endogamie bestimmt waren, dass es sehr schwer fällt, sie als fünf verschiedene Familien zu betrachten. Offensichtlich handelte es sich um maximal drei Familien, wenn nicht sogar um nur eine einzige, egal, wie groß und verzweigt, die mehr oder weniger zufällig über fünf unterschiedliche Namen verfügte. Wenn man am Anfang des Buches geglaubt hat, eine Gruppenbiografie in den Händen zu halten, könnte man sich nun fast betrogen fühlen.

 

Was mich bei der Lektüre allerdings besonders freudig gestimmt hat, war neben den vielen wertvollen Beobachtungen der Autorin vor allem das sehr plastisch gezeichnete Bild einer Gesellschaft, zu der neben Männern auch Frauen gehörten: Angefangen bei der Erwähnung der Ehegattinnen der Unternehmer und ihrer Partizipation am Familiengeschäft, über die Analyse der Korrespondenz zwischen Sophie Lämel und Josephina Porges (die sich durch eine für diese Zeit ungewöhnliche Unabhängigkeit von ihren männlichen Pendants auszeichnete) bis hin zum letzten Kapitel, in dem sich die Autorin mit dem Bau des jüdischen Waisenhauses in Jerusalem befasst. Das Waisenhaus, das Elise Herz, geboren Lämel (Schwester von Leopold Lämel), stiften ließ, wurde zum Fluchtpunkt einer „emotionalen Gemeinschaft“ der Prager jüdischen Großbürgerschaft. Die selbstverständliche Berücksichtigung der Genderaspekte machte die Lektüre zu einem beglückenden Erlebnis – besonders im Kontext der zeitgenössischen tschechischen Geschichtsschreibung, in der dies leider noch lange nicht selbstverständlich ist.

 

Auf das Konzept der Autorin, in welchem sie die Topografie mittels konkreter AkteurInnen mit bestimmten Bereichen ihrer „Lebenswelten“ verbindet, muss man sich einlassen wollen. Es kann auf den ersten Blick als Selbstzweck wirken. Denn diverse „Lebenswelten“ einer konkreten Gruppe mithilfe von historischer Topografie zu erforschen, ist sicherlich auch möglich, ohne jedes Kapitel mit dem „Decknamen“ eines konkreten Ortes zu überschreiben, der in den Augen der Autorin den untersuchten Bereich auf metaphorischer Ebene „symbolisiert“ oder „repräsentiert“. Frei nach diesem Motto könnte ich beispielsweise meine Besprechung nach dem Gehöft „Hajčí dvůr“ benennen. Zum einen, weil dort die Familie von Leopold Lämel, einem besonders prominenten Protagonisten der Studie, größtenteils ihre Ferien verbrachte, und zum anderen, weil auch mein Text in dessen Nähe entstanden ist, zudem könnte die Lage des Gehöfts an der Grenze der beiden (heutigen) Stadtteile Stodůlky und Motol so einiges symbolisieren. In der Zeit, die Niedhammer in ihrer Studie untersucht, lag das Gehöft noch auf dem Land, unweit der damals romantischen Motoler Klamm. Heute gehört es zum Verwaltungsbezirk Prag 13 und ist seit den 1980er Jahren auf der Motoler Seite von lauter technischen Gebäuden umgeben, außerdem befindet sich in der Nachbarschaft das dortige Krematorium. Diese topografische Verwandlung könnte beispielsweise symbolisch die Entfernung darstellen, die zwischen unserer Welt und jener der Menschen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegt, und somit auch die Relativität der Interpretation jeglicher historischen Epoche sowie die begrenzte Möglichkeit, ein Verständnis für ihre ProtagonistInnen aufzubringen – in diesem Fall für das Prager jüdische Großbürgertum. Lässt man sich allerdings nach der eventuellen anfänglichen Irritation auf das topografische Konzept und die Erzählweise von Martina Niedhammer ein, stellt man beim Lesen erstaunt fest: Man hat sich von der in der Fachliteratur eher ungewöhnlichen Art, wie die Autorin mit Vorstellungskraft arbeitet, hinreißen lassen und dafür ein viel intensiveres Leseerlebnis bekommen. Am Ende stellt man vielleicht sogar fest, dass man eben ein Buch fertiggelesen hat, an das man sich noch lange erinnern wird. Und das ist nicht wenig.

 

Übersetzung: Martina Lisa

 

 

Martina Niedhammer: Nur eine "Geld-Emancipation"? Loyalitäten und Lebenswelten des Prager jüdischen Großbürgertums 1800–1867, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2013, 340 S. / Auf Tschechisch: Martina Niedhammer: Jen pro peníze? Pražské židovské elity v 19. století – skupinová biografie. Praha: Ústav pro soudobé dějiny AV ČR – Židovské muzeum v Praze – Nakladatelství Lidové noviny, 2017, 262 s.


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