Es schreibt: Manfred Weinberg

(11. 9. 2019)

Zu den Texten Franz Kafkas hat Theodor W. Adorno einmal geschrieben: „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden“ („Aufzeichnungen zu Kafka“. In: Gesammelte Schriften, Bd. 10, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1977, S. 255). Das hat auch damit zu tun, dass Kafkas Texte im Grunde leicht zugänglich sind: Sprachlich sind sie schlicht, sachlich weiß man stets genau, wovon die Rede ist (auch wenn es sich um so befremdliche Dinge wie die Verwandlung eines Manns in Ungeziefer handelt). Gerade dies aber macht die Frage nach dem Sinn dringlich. Manfred Engel hat die Schnittmenge der unterschiedlichen Deutungsansätze, mit denen die Kafka-Forschung auf diese Malaise reagiert hat, so resümiert: Gemeinsam sei ihnen, „dass sie [...] das ‚Eigentliche‘ ‚hinter‘ oder ‚unter‘ der ‚uneigentlichen‘ Textoberfläche nicht wirklich suchen, sondern bereits gefunden haben. Vor jeder Interpretation wissen sie, worauf der Text hinausläuft, hinauslaufen muss – und der Interpretationsakt besteht hauptsächlich darin, einen (mehr oder weniger) plausiblen Bezug zwischen der Textoberfläche und dieser ‚Bedeutung‘ herzustellen.“ (Kafka lesen – Verstehensprobleme und Forschungsparadigmen. In: Bernd Auerochs / Manfred Engel: Kafka-Handbuch, Stuttgart: Metzler, 2010, S. 424) Auf diese Weise lässt sich alles in Kafkas Texte hineinlesen. Das immerhin zeigt die hier zu besprechende Studie (Marcel Krings: Franz Kafka: Der ‚Landarzt‘-Zyklus. Freiheit – Schrift – Judentum [Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2017]) mit den am Anfang jeder Interpretation stehenden Forschungsüberblicken in großer Prägnanz. Zurecht wird gefragt: „welche Relevanz besitzt [...] eine Lesart, [...] [die] dem unendlichen Feld der Deutungen nur eine weitere hinzufügt?“ (S. 8)

 

Marcel Krings stellt solchem „anything goes“ eine hermeneutische Lektüre entgegen. Es gehe darum, „aus dem Kontext von Werk, Tagebüchern, Briefen oder Gattungen die Themen und Anliegen von Kafkas Literatur historisch zu entwickeln“ und „sie am Text auszuweisen“ (S. 10). Doch gilt Adornos Diktum ja durchaus auch für den ‚hermeneutischen Zirkel‘, so dass auch Krings verfährt, wie Engel es beschrieben hat: Er nominiert vorab drei für ihn entscheidende Deutungshinsichten und erweist dann wortreich deren Angemessenheit.

 

„Freiheit“ steht für Kafkas Bemühen, sich „transzendentalkritisch zu reflektieren“ (S. 12). Dabei wird der Selbstmord als die eigentliche Lösung der existenziellen Problematik des Menschen nominiert. Kafka habe geschrieben: „Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch zu sterben.“ (Nachgelassene Schriften und Fragmente II, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1992, S. 116 [von nun an: KKAN II]) Dies bringt Krings mit einem Satz am Ende des Proceß-Romans zusammen: „Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.“ (Der Proceß. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1990, S. 312). Unter dem Stichwort der „Schrift“ wird Kafkas Verhältnis zur Spracheresümiert. In einem der Zürauer Aphorismen heiße es: „Die Sprache kann für alles außerhalb der sinnlichen Welt nur andeutungsweise, aber niemals auch nur annähernd vergleichsweise gebraucht werden, da sie entsprechend der sinnlichen Welt nur vom Besitz und seinen Beziehungen handelt.“ (KKAN II, S. 126). Krings folgert: „Damit hatte Kafka die Aufgabe seiner Literatur gefunden“ (S. 15):Die Sprache müsse „aus ihren irdischen Bezüglichkeiten herausgelöst und frei werden“ (S. 15f.). Weiterhin – und dafür steht das Stichwort „Religion“ – seien Kafkas Texte ein „Beitrag zu einer spezifisch jüdischen Literatur“ (S. 13). Sie zielten auf ein „neue[s] Judentum“ (KKAN II, S. 191), wie er es einmal im Brief an den Vater angesprochen habe.

 

Die durchgängige Reflektion dieser drei Hinsichten verbürgten „die inhaltliche Kontinuität der Erzählungen“ (S. 28) im Landarzt-Band, was der „selffulfilling prophecy“, die Engel als Grundmuster aller Kafka-Philologie nominiert hat, entspricht. Erstaunlich ist, dass Krings einem Anspruch der Hermeneutik nicht folgt: der Einheitlichkeit der Deutung. Er geht jede Erzählung dreimal durch und verbindet die Hinsichten nicht zu einer übergreifenden Einheit; dennoch soll so die Kohärenz des Landarzt-Bandes erwiesen sein. Solche Kohärenz kann man Krings‘ Buch selbst nicht zuschreiben –es ist eher eine Sammlung von Einzelinterpretationen. Es ist jedenfalls ärgerlich, in jedem Kapitel von Neuem jene Textpassagen ausführlich zitiert zu finden, auf die Krings seine Interpretation aufbaut.

 

Nicht immer sind Krings‘ Forschungsüberblicke umfassend informiert. Zur Erzählung Schakale und Araber fehlen Deutungen, die Schakale und Araber für Tschechen und Deutsche stehen lassen. Krings folgt der gängigen Identifikation der Schakale mit den Juden: „Dass die Schakale nach ‚Reinheit, nichts als Reinheit‘ [...] streben und ihre Überlieferung auf die ‚Mutter [...] und ihre Mutter und weiter alle ihre Mütter bis hinaus zur Mutter aller Schakale‘ [...] zurückführen, spielt auf Jüdisches an.“ (S. 131). Natürlich kann man in der Reihe der Mütter das matrilinear ‚vererbte‘ Judentum sehen; aber eine mythische Urmutter kennt das Judentum nicht. Krings baut diesen Bezug deshalb eher beliebig auf andere Weise ein: „Seit Anbeginn der Zeit, den Tagen der ‚Mutter aller Schakale‘ [...], klagen Juden über die Widrigkeiten der Zeit und der Umstände, anstatt in ihre Heimat zurückzukehren. Gemeint ist: Anstatt Fremden nachzulaufen, müssten sich Juden aufs Gesetz besinnen“ (S. 134). Solche Schlussfolgerungen durchziehen das ganze Buch: „soll das heißen“ (S. 32 u. ö.), „lies“ (S. 52 u. ö.), „mit einem Wort“ (55 u. ö.), doch handelt es sich jeweils eher um eine behauptete als erwiesene Schlüssigkeit. Eindeutige Identifizierungen finden sich ebenfalls zuhauf – der Landarzt ist „jene[r] jüdische [] Heilsbringer, der Messias genannt wird“ (S. 60), Odradekaus der Erzählung Die Sorge des Hausvaters „ist ein assimilierter Jude.“ (S. 217) oder: „Rotpeter [der Affe aus dem Bericht für eine Akademie; M.W.] ist Jude.“ (S. 298). Das entspricht zwar Krings Anspruch auf Eindeutigkeit, übersieht dabei aber oft Wichtiges. Im Fall der Matrilinearität der ‚Kultur‘ der Schakale: die Herleitung einer ‚biologischen‘ Weitergabe aus einem mythischen Ur-Anfang, die eine Facette des in der Erzählung reflektierten Verhältnisses von Natur und Kultur ist, das eben die zu einfache Identifikation der Schakale mit den Juden ‚übersteigt‘.

 

Befremdlich in einer hermeneutischen Deutung sind offensichtliche Lesefehler. So heißt es: „Der alte Schakal weiß: Es ist ein ‚sehr alter Streit‘, der ‚wohl im Blut‘ [...] liegt.“ (S. 130) Diese Zuschreibung folgt aber im Text einem „sagte ich“ (Franz Kafka: Drucke zu Lebzeiten. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1994, S. 271), womit es sich um eine Mutmaßung des Erzählers handelt, was einen beträchtlichen Unterschied macht. Auch das Ende der Deutung enthält eine Ungenauigkeit: „Nicht als ‚Gleichnisse‘ des Zeitgeschehens wollte er [Kafka; M.W.] seine Erzählung verstanden wissen, wie er Buber mitteilte, sondern sie im Juden nur als ‚Tiergeschichte [...]‘ [...] veröffentlichen.“ (S. 139) In Kafkas Brief an Buber heißt es jedoch nur: die beiden Erzählungen Schakale und Araber und Bericht für eine Akademie „sind nicht eigentlich Gleichnisse“ (Franz Kafka: Briefe 1914–1917, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 2005, S. 299), von „Gleichnisse[n] des Zeitgeschehens“ ist nicht die Rede und dieses Missverständnis wohl der aktualisierenden Deutung von Krings geschuldet.

 

Immer wieder verstößt Krings auch gegen eigene ‚Vorgaben‘. Zu den Erzählungen Eine kaiserliche Botschaft und Beim Bau der chinesischen Mauer heißt es über die Deutung, mit China sei eigentlich Österreich-Ungarn gemeint: „Parabolische oder allegorische Auslegungen müssen dem Gemeinten in allen Punkten entsprechen, oder sie sind nicht haltbar.“ (S. 183) Das hindert ihn aber nicht daran, eine seinerseits nicht ‚durchzuhaltende‘ Auflösung für die chinesische Mauer vorzuschlagen: „Die Mauerteile lassen sich also zuletzt als Wörter und Sätze einer – der – Schrift verstehen, die Lücken zwischen ihnen als Spatien im Druckbild.“ (S. 196) Wenn Adorno Recht hat, dass die Texte Kafkas keine Deutung dulden, dann ist eine solche enträtselnde Allegorese, die Krings Buch prägt (wie sie auch fast die ganze ‚Kafkologie‘ bestimmt), ohnehin das falsche Verfahren.

 

Das Ziel einer endlich fundierten Interpretation von Texten Franz Kafkas erreicht die Studie jedenfalls nicht, zuletzt hat auch Marcel Krings „dem unendlichen Feld der Deutungen nur eine weitere hinzu[ge]fügt“. Die gewählte ‚Methode‘ allerdings lässt sich sozusagen „ad infinitum“ fortsetzen: Der Studie zum Landarzt-Band folgte 2018 Franz Kafka: ‚Beschreibung eines Kampfes‘ und ‚Betrachtung‘. Frühwerk – Freiheit – Literatur (Heidelberg: Universitätsverlag Winter). Und bald soll im gleichen Verlag Franz Kafka: Der ‚Hungerkünstler‘-Band und letzte Fragmente. Spätwerk – Freiheit – Judentum erscheinen.

 

 

Marcel Krings: Franz Kafka: Der ‚Landarzt‘-Zyklus. Freiheit – Schrift – Judentum. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2017, 341 S.


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