Es schrieb: Franz Schulz

(24. 7. 2019)

Franz Schulz wurde 1897 in Prag geboren (er starb 1971 in Muralt im Süden der Schweiz). Seine Zeitgenossen waren beispielsweise Johannes Urzidil oder Milena Jesenská (beide geboren 1896). Als im Tagblatt Prager Presse (1, 1921, Nr. 136, 12. August, S. 3) das Feuilleton erschien, das wir diesmal vorstellen, war Schulz frisch vierundzwanzig Jahre alt. 1918 ließ er sich in Berlin nieder und lebte von seiner journalistischen Arbeit sowie vom Schreiben von Filmdrehbüchern (1920 wurde etwa der Stummfilm Judith Trachtenberg /Reg. Henrik Galeen/ gezeigt, für den Schulz Prosa von Karl Emila Franzos adaptierte); die Sichtweise eines Fremden bzw. eines Menschen, der nach einiger Zeit vorübergehend nach Prag zurückkehrt, ist übrigens im Text Mutter Prag stark präsent. In den folgenden Jahren setzte sich Schulz vor allem als Drehbuchautor durch (im deutschsprachigen Filmmilieu), er konzentrierte sich hauptsächlich auf die Gattung der Komödie. Im Jahre 1933 kehrte er kurz nach Prag zurück, bald darauf übersiedelte er nach England, gegen Kriegsende reiste er in die USA aus, nach dem Krieg lebte er in der Schweiz und betätigte sich – unter dem Namen Franz/Francis Spencer – weiterhin als Drehbuchautor. Unter diesem Pseudonym wurde 1994 auch der Text Candide 19. oder das miese Jahrhundert (entstanden 1964 auf Ibiza) veröffentlicht, das Werk ist allerdings kaum als eine Übersicht liefernde autobiographisches Informationssammlung zu lesen und Prag bleibt in dem hektisch, unruhig dahinfließenden satirischen Text – abgesehen von einer kleinen „österreichischen“ Reminiszenz, in der F. Kafka, F. Werfel oder E. Weiß (S. 69) auftauchen – außerhalb des Interesses vom Verfasser. Trotz dieser Tatsache gedenkt G. G. von Bülow des Autors im Nachwort wie folgt:„Ich verneige mich vor dem Freund, der sich selbst immer treu blieb als: ein Prager Schriftsteller“ (S. 177).

 

mt

 

 

Mutter Prag

 

Als Guillaume Apollinaire im Jahre 1902 nach Prag kam, begegnete er vor dem Häuschen, das den Josephsplatz ziert, dem ewigen Juden. Will man Apollinaires Erzählung (LʼHérésiarque u. Cie, erschienen in Paris 1910) glauben, so führte Ahasver den schaulustigen Franzosen zuerst in eine Bierkneipe, wo der mythische Greis gleich einem Engel mit einer „Holka“ tanzte; dann in ein Lupanar des Ghetto, wo der ewig Junge, ewig Alte für eine Viertelstunde mit einer Ungarin verschwand, welche Apollinaire mit den unübersetzbaren und überdies nicht allzu zarten Epithetis „tétonnière et fessue“ charakterisiert. – Später auf der Straße brach Ahasver in den kläglichen Ruf „Oi, oi“ aus und verfiel in einen jener Krämpfe, die ihn alle Jahrhunderte einmal überkommen. Halbnackte Menschen stürzten aus den Häusern und ein alter Jude zerriß murmelnd sein Hemd.

 

Das ist der phantastisch-bizarre Eindruck dieser Stadt [in] epische Form gegossen. Solche Impressionen aber konnte nur einer erleben, für dessen Auge nicht nur die alten, – auch die neuen Häuser von Prag, nicht nur die Ahasvers des vergangenen Ghetto, auch die Schutzleute mit ihren weiland Federbüschen in einen phantastischen und fremden Dunst gehüllt waren. Ähnlich etwa, wie die allerbanalste Szene im Kaukasus uns seltsam anmutet, weil wir befangen sind in der Vorstellung, diese Menschen, die Menschen sind wie wir, stünden uns in manchem unglaublich fern. Bei aller Sympathie, die Apollinaire für die Stadt aus dem vorkriegerischen Paris mitgebracht hatte, – war sein Hirn offenbar noch nicht ganz frei von dem grotesken Mythus, Böhmen sei das wilde Land der Zigeuner und Ostjuden oder liege gar, wie wir von Shakespeare wissen, an irgendeinem ominösem Meer…

 

Dass Prag auch anders wirken kann, wissen wir. Viele haben über diese Stadt geschrieben; zuletzt Suarès. Und es ist klar, dass ein Besucher von reiner Unbefangenheit anders reagiert als Apollinaire. Hermann Bang empfand an der Moldau eine stille, doch nicht ruhige Romantik; eine gefährliche, beunruhigende Stille. Ich glaube übrigens, dass – auch jenseits der zufälligen Befangenheit oder Unbefangenheit – an der Art der Phantastik und des Bizarren, welche ein jeder Sensible in dieser Stadt erblickt, die phantastischen Neigungen zu erkennen sind, die den Menschen in Wahrheit beherrschen. Und da die Europäer, im Rationalen internationalisiert und schematisiert und immerhin gewissermassen ehrlich sind, in der Phantastik aber, im Irrationellen, die Individualität und – die Lüge sich auswirkt, darum ist Prag entlarvend.

 

Ja, entlarvend ist diese Stadt. Das glaubte ich zu merken, als ich jüngst nach Jahren der Abwesenheit zurückkam. Sie entlarvt den Fremden, der sie zum erstenmal betritt; doch dem Prager, welcher zurückkehrt, entlarvt sich mancher Prager. Und er versteht einiges, dessen er sich entsinnt. Er versteht zum Beispiel, warum in dieser Stadt so viele Menschen herumlaufen, die an ewigem Katzenjammer leiden. Einfach: Es ist ihnen – so nennen sie es – „unes“, weil sie sich selbst deutlicher sehn, als man sich anderorts zu sehn pflegt. Man sieht sich und nicht die anderen deutlicher. So erklärt es sich auch, dass ein Prager – trotz allem Lokalpatriotismus, der uns beherrscht – nicht leicht sich entschließen kann, an einen Prager zu glauben. Mit dem Propheten, der im eigenen Lande nicht gilt, ist dieses Phänomen nicht abgetan: in Berlin schätzt man am liebsten Berliner und Herr Sudermann, über den die ganze Welt lacht – der mental deklassierte Teil von Berlin W ausgenommen – Sudermanns Bild drückt seine Vaterstadt irgendwo in Ostpreußen auf die 50 Pfennig-Notgeldscheine… Nein, so einfach ist das nicht und wie die meisten Sprichworte, gilt auch das vom Propheten nur dort, wo keine Komplikationen sind; da aber diese Welt höchst kompliziert und verworren zu sein pflegt, haben Sprichworte eigentlich keinen andern Wert, als von Ironikern zitiert zu werden, die das Gegenteil glauben.

 

*

 

Als ich in Prag ankam, auf dem Wilsonbahnhof, bemerkte ich ein paar äußerliche Veränderungen, wie die Gummiknüttel und Helme der Schutzleute und ein paar neue Häuser: die Außen-Symptome der Republik. Ihrer sind wenige – doch wären hundertmal mehr solcher Symptomeda, die Stadt, der Charakter, die Stimmung der Stadt wäre durch sie nicht verwandelt. Oder glaubt einer, Paris unter Napoleon habe ein anderes Gesicht gehabt als unter Ludwig, das Paris von 1870 ein anderes, als das republikanische zwei Jahre später? Das Gesicht Prags aber ist sich gleich geblieben, seit ich es kenne. Und ist der in und mit einer Stadt Lebende vielleicht außerstande, ihre Veränderungen wahrzunehmen, weil er keine Stufen sieht, sondern den Fluß der Entwicklung, – wer wäre befugter den Wechsel zu [sehen], als der Einheimische, welcher nach Jahren zurückkehrt. Beim Anblick eines geliebten Menschen, der uns lange fern war, erschrecken wir: es ist nicht mehr derselbe. Beim Anblick Prags erschrack ich: es war dasselbe Gesicht. Ich hatte es nicht erwartet. Ein paar Pflaster, die Frisur vielleicht moderner, sonst aber unverändert, unverändert…

 

Prag ist die Stadt der unveränderten Menschen, der Seelen, die sich gleichbleiben. Was sich gewandelt hat, ist ganz auf der Oberfläche – was einer getan hat, er hatte es getan, bevor er es wußte: es war ihm vorbestimmt. Oder hätte ichʼs etwa nicht gewußt, damals als wir Gymnasiasten waren, dass X. Advokat werden wird, hätte ich dem fünfzehnjährigen Y. nicht sagen können: so und so wird die Frau aussehn, die du heiraten wirst, diesen und diesen Kreisen wird sie entstammen?… Und las ichʼs dem Primaner Z. nicht vom Gesicht ab, dass er als Oktavianer Kierkegaard lesen, den Sekundaner A., dass der Hochschüler A. Zionist sein werde? Musste nicht die kleine B., deren süße, schlanke Beine ich andächtig bestaunte, wenn sie 1914 über die Sophieninsel ging – nein, schwebte – 1921 zwei Kinder und beträchtlich irdischere Füße besitzen? Ich könnte mich irren, weil es verlockt, zurückblickend zu prophezeien, ich könnte mich irren, doch mir scheint, als hätte ichʼs damals schon geahnt: C. wird durch Selbstmord sterben. Ach! Ich habʼ es gewußt; – ich hatte Angst vor ihm und dachte, ich könne ihm nicht leiden. – Wer aber nach all diesen Beispielen noch einwendet, das sei nun einmal der Trott aller kleineren Städte, dem schwöre ich: dass Fräulein D., allen Intentionen ihrer Milieus zuwider, mit einem armen Schauspieler durchgebrannt ist, – es war ihr vorbestimmt. Vorbestimmt warʼs dem dreizehnjährigen Wunderknaben-Philosophen schon vor vielen Jahren, dass er heute Schiebungen machen wird!

 

So ist in Prag nur geschehen, was geschehen musste, was Lokal-Intuition mit beinahe unfehlbarer Sicherheit vorhersagen konnte. Was aber immer geschehen sein mag, die Stadt Prag hält eine harte Faust auf ihre Kinder. Sie erlaubt ihnen nicht, sich zu verändern; – sie zwingt sie, den Weg einzuschlagen, den sie, die Mutter, ihnen auserwählt hat – und weil sie will, dass die Geschwister einander gut kennen, erlaubt sie ihnen keine Masken vors Gesicht zu legen, obzwar doch in der ganzen Welt die maskierte Seele seit Jahrhunderten Mode ist.

 

Entflieht aber einer diesem grausam liebevollen mütterlichen Schoß, – es könnte geschehen, dass er zur Strafe in New York und in Kalkutta und auf dem Monde selbst die Zeltnergasse wiederfinde.


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