Es schreibt: Claus Zittel

(16. 5. 2019)

 Es schreibt: Claus Zittel

 

 

Literatur von Rang entsteht immer in einem vielstimmigen Universum von Texten. Eine Literaturgeschichtsschreibung, die sich auf die vermeintlich eigene nationale Tradition konzentriert, etwa eine Geschichte der Schweizer oder Österreichischen Literatur postulierend, verkennt, dass das Eigene immer ein Hybrid aus vielen Welten ist und das literarische Verweissystem nie an Landesgrenzen endet. Länderspezifische Literaturgeschichten selektieren, isolieren und verzerren ihre Gegenstände. Jede seriöse Literaturwissenschaft ist vergleichende Literaturwissenschaft. Nimmt man das neue fabelhafte Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder zur Hand, stellt man indes erfreut fest, dass hier nicht einfach eine weitere, den Blick verengende Perspektive zu den kanonischen Sichtweisen hinzutritt, schon gar nicht Heimatkunde und Denkmalpflege betrieben, sondern dass die üblichen historiographischen Modelle herausgefordert und ihre dominanten Standpunkte relativiert werden. Die deutschsprachige Prager Literatur und ihr Kontext spiegelt im Kleinen, was Literatur überhaupt ist: sie ist vielsprachig geprägt, weltoffen, transgressiv und multikulturell, und sie entzieht sich jenen einfachen Rubrizierungen, die Handbücher häufig offerieren.

 

Das vorliegende Handbuch unterscheidet sich daher in mehrfacher Hinsicht von allen anderen, die bislang in dieser renommierten Reihe des Metzler-Verlags erschienen sind. Erstmals wird nicht ein einzelner Autor oder eine Gattung sondern eine Region zum Gegenstand gewählt. Die Verfasserinnen und Verfasser der Beiträge, allen voran die Herausgeber, welche mit Abstand die meisten Artikel beisteuern, sind überdies durch gemeinsame Forschungen teils seit Jahrzehnten untereinander eng verbunden. Wer in den vergangenen Jahren ihre Publikationen mitverfolgt hat, dem wird daher vieles im Handbuch wiederbegegnen. Das ist nicht zu beklagen, im Gegenteil: Dieses Handbuch ist die Summe langer kollektiver Forschung, und es ist daher, trotz des betont pluralistischen Ansatzes, in sich ungewöhnlich konsistent. Zugleich positioniert sich mit ihm eine Fachrichtung, die literaturwissenschaftliche Erschließung der deutschsprachigen Literatur Böhmens und Mährens, neu und verschafft ihr nun einen größeren Wirkungskreis.

 

Dass gleichwohl ein solch ambitioniertes Kompendium einer besonderen Rechtfertigung bedarf, ist den Herausgebern bewusst. Sie haben daher, bevor man überhaupt erst zu den darstellenden Teilen gelangt, mehrere Kapitel vorgeschaltet, in denen die begrifflichen, theoretischen und historischen Voraussetzungen ihres Unternehmens ge- und erklärt werden. Peter Becher (S. 9ff.) und Manfred Weinberg machen in ihren Beiträgen immer wieder deutlich, dass die Literaturgeschichtsschreibung der deutschsprachigen Literatur Böhmens, gerade von jenen, die sie fortschreiben, selbstkritisch betrachtet werden muss und dass die gewählten Methoden ihre Leistungsgrenzen und Fallstricke haben, die stets mitbedacht werden müssen. Entsprechend übt Weinberg deutliche Kritik an früheren anzutreffenden Selbstverklärungsbestrebungen und ideologischen Borniertheiten (S. 24–27). Das gesamte Handbuch wird so unter selbstkritische Vorzeichen gestellt, auch das ist ungewöhnlich für diese Gattung, die ansonsten ja unproblematisches Lehrbuchwissen zu präsentieren behauptet, obgleich man weiß, dass es dieses nicht gibt.

 

Dieses Handbuch hat erst einmal sein Feld zu erobern. Es kämpft dabei gegen zwei mächtige Hauptströmungen, zum einen gegen die Fokussierung der Forschung auf Kafka als Zentralgestirn der Literatur der Moderne, zum andern gegen die etablierten Vereinnahmungen zahlreicher Prager und böhmischer Autoren vor allem seitens der österreichischen Literaturhistorie. Erschwerend hinzukommt, dass der Bekanntheitsgrad der deutschsprachigen Autoren Prags und der böhmischen Länder erheblich variiert und insbesondere für deutsche Leser Namen wie Otto Roeld, Camill Hoffmann, Paul Leppin, Hugo Salus, Oskar Baum, Ludwig Winder oder Hermann Grab, „böhmische Dörfer“ sind. Hier war also Basisarbeit zu leisten.

 

Die Gliederung entspricht eher einer Monographie, denn es wird anders als in anderen Handbüchern keine Ansammlung alphabetisch gereihter Artikel zu Autoren, Begriffen und Motiven geboten, sondern die Einzeleinträge sind immer in größere profunde Überblicksdarstellungen eingebunden. Dennoch bleiben sie mit Hilfe des Registers leicht auffindbar. Es werden sowohl zahlreiche wenig oder unbekannte Autoren wie z. B. Rudolf Rittner (S. 162) oder Otto Roeld vorgestellt als auch prominente Schriftsteller neu kontextualisiert, indem man sie, wie z. B. Kafka, Franz Werfel und Leo Perutz, stärker als üblich in ihrem kulturellen Umfeld verortet und andere, wie Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach oder Rainer Maria Rilke mit der böhmischen Literaturtradition in Beziehung setzt und sie so in neuem Licht erscheinen lässt.

 

Das Handbuch ist in 6 Hauptsektionen unterteilt, denen ein als „Ausklang“ betitelter Essay von Peter Demetz nachgestellt wird. Zuerst wird die Forschungsgeschichte aufgearbeitet (I), dann folgt ein Theorieteil (II), in welchem Raum-, Interkulturalitäts- und Intertextualitätskonzepte diskutiert und für die Beschäftigung mit Regionalliteratur zugeschnitten werden. Ob dafür allerdings noch ein historischer Überblick von Raumkonzepten (S. 39ff.), der ohnehin nur rhapsodisch ausfallen kann, nötig gewesen ist, bleibt fraglich. Die für die Region spezifischen historischen und kulturellen Hintergründe vom 18. – 20. Jahrhundert (Steffen Höhne), insbesondere mit Blick auf jüdische Traditionslinien (Andreas Kilcher) und das eminent folgenreiche Phänomen der Mehrsprachigkeit werden im III. Teil aufgearbeitet, ergänzt um eine institutionengeschichtliche Darstellung des Vereins, Verlags- und Buchhandelswesen und einer kurzen Geschichte der frühen Prager Universitätsästhetik sowie der Tradition der Herbartianischen Ästhetik. Leider aber kommen empirische Psychologie und Gestaltpsychologie, die die spätere Universitätsästhetik in Prag prägen, hier zu kurz. Der durch diese Artikel erzeugte Eindruck, dass die Entwicklung Prags und Böhmens aufgrund ihrer kulturellen und polyglotten Mannigfaltigkeit einzigartig war, wäre zudem durch einen Seitenblick etwa auf die vergleichbare Gemengelage in Lemberg zu relativieren.

 

Es folgt als Kernstück des Handbuchs ein literaturgeschichtlicher Durchgang durch die Epochen deutsch geschriebener Literatur in den böhmischen Ländern von der Aufklärung bis ins 20. Jahrhundert (IV), auf welchem etliche Schriftsteller in ungewohnten Zusammenhängen erscheinen, in die sie aber offensichtlich gehören. Neben den bereits erwähnten Autoren Stifter (S. 151ff.) und Ebner-Eschenbach (S. 153ff. u. 159f.) wiederfährt dies noch überraschender etwa Erica Pedretti, deren Einordnung im Kontext der mährischen Literatur durch den bisherigen politisch heiklen Umgang mit „Vertriebenenliteratur“ aus dem Umfeld der Sudetendeutschen (S. 257) früher kaum möglich war. Hier, wie unter anderem anhand der sogenannten „Grenzlandliteratur“ (S. 307), zeigt sich die politische Brisanz des Bandes, der gegen diverse ideologische Bestrebungen der Historiographie, Literatur für dubiose Zwecke zu vereinnahmen, sensibilisiert. Herausgestellt werden im Gegenzug insbesondere die in der Frühen Moderne in den böhmischen Ländern und in Prag zur Blüte gelangenden kosmopolitischen Kulturtendenzen. Alžběta Peštová und Jörg Krappmann postulieren z. B. (unter Berufung auf eine Schrift Eugen Schicks aus dem Jahr 1906) eine „Mährische Moderne“, der sie dann sogar Werke wie Musils Die Verwirrungen des Zöglings zuordnen und von welcher aus sie Verbindungslinien zur Wiener und Tschechischen Moderne ziehen können (S. 166ff.) während Lucie Merhautová die Tschechische Moderne vorstellt (S. 174ff.). Die Jung Prager und neuromantische Literatur wird ebenso ausführlich dargestellt wie die unterschiedlichen Varianten expressionistischen Dichtens (S. 187ff.). Umsichtig auch der Umgang mit den Autoren des sogenannten Prager Kreis, die jenseits von etablierten Klischees und des verhängnisvoll in die Irre leitenden Diktum von Prag als „dreifachem Ghetto“ betrachtet werden. Lesenswert ist besonders die dadurch ermöglichte Einbettung Kafkas in den Kontext der Prager Literatur durch Manfred Weinberg, welcher fordert, man solle angesichts der auch in der rezenten Forschungsliteratur hartnäckig präsenten Stereotypen endlich die „‚Paradoxien‘ und ‚Verstrickungen‘ Kafkas in ihrer ganzen Bandbreite zur Kenntnis nehmen“ (S. 204). Fast schon ironischerweise ist es nun doch gerade das Kafka-Kapitel (S. 200–210), welches die Fruchtbarkeit des gewählten interkulturellen Forschungsansatzes zu demonstrieren und als wichtiges Korrektiv gegen die vorherrschenden Deutungskonventionen in Stellung zu bringen vermag. Modifiziert werden auch konventionelle Stilisierungen Rilkes und Werfels. Dieses Kapitel bietet zudem exemplarische Einzelporträts etwa von Max Zweig, Josef Mühlberger, Otto Roeld, Herrmann Grab, Johannes Urzidil oder Ernst Weiß, welche man sich zuweilen ausführlicher wünschen würde, die stets aber einen ersten Zugang zu den Werken und einen guten Einstieg in die Forschung eröffnen.

 

Das folgende Unterkapitel spannt den Bogen nun thematisch orientiert vom Ersten Weltkrieg zur Literatur der Zwischenkriegszeit, im Anschluss werden sowohl die Exilliteratur der ersten Republik als auch die Literatur des Protektorats von Peter Becher literatursoziologisch eingeordnet, während Karl Braun der Literatur, die im Ghetto Theresienstadt entstand (S. 250–255), einen erhellenden Artikel widmet, der über die bekannte Darstellung H. G. Adlers hinausgehend auf bedeutende literarische und autobiographische Zeugnisse (z. B. von Peter Kien und Emil Utitz) aufmerksam macht.

 

Der V. Teil wendet sich Themen und Motiven zu und setzt folgerichtig mit einer Rekapitulation der in unterschiedlichen Epochen zirkulierenden Eigen- und Fremdbilder ein. Jan Budňák verfolgt diese anhand des Bildes der Tschechen in der deutschsprachigen Literatur (und mit Milan Horňáček das Bild der Deutschen) sowie anhand von Figurentopoi wie jenen der tschechischen Geliebten oder des Dieners. Es folgen Darstellungen des Judenbildes und von Judenfiguren wie überhaupt biblischer Figuren in der böhmischen und mährischen Literatur von Ingeborg Fiala-Fürst (S. 283ff.) sowie eine Beschreibung religiöser Konfliktlagen von Jörg Krappmann und Sabine Voda Eschgfäller (S. 302 ff,). Flankierend hinzu treten unter anderem Beiträge zum Goethe-Bild und der starken Goetherezeption in den Böhmischen Ländern, an der sich Debatten um eine deutsche Nationalkultur entzündet hatten, insbesondere weil, wie Štěpán Zbytovský aufzeigt, die „Nationalisierung und Funktionalisierung Goethes für die Selbstdefinition der Deutschböhmen

[…] in der deutschsprachigen Publizistik um 1900 nicht unüblich“ gewesen sei (S. 294), sowie Aufsätze zu Prag als Topos (Alice Stašková), zur Landschaftsdarstellung (Lukáš Motyčka) und zum Bohemismusdiskurs (Steffen Höhne).

 

Der VI. Teil benennt die wichtigsten Textsorten und Gattungen der böhmischen und mährischen Literatur, beginnend mit dem historischen Roman und dem historischen Drama, gefolgt vom Essay, dem eine besondere Bedeutung für die Krisendiagnostik und interkulturelle Vermittlung zugesprochen wird. Dann erst wird die phantastische Literatur, für die Prag als Produktionsstätte notorisch berühmt ist, in all ihrer Vielfalt von Hans Richard Brittnacher und Jörg Krappmann in einem kenntnisreichen Beitrag eindrucksvoll vor Augen geführt, während Sibylle Höhne und Radovan Charvát den starken Einfluss von Sagen und Legenden herausarbeiten. Artikel zu Mundartenliteratur und Übersetzungen beschließen diesen Teil.

 

Eine Rezension eines derart informationsgesättigten Handbuches, das ein riesiges Forschungsgebiet in hoch verdichteten Überblicksdarstellungen und exemplarischen Einzelanalysen erschließt, kann nur kursorisch verfahren und nicht alle Themen, Facetten und verbliebenen Desiderate ansprechen. Mit Blick auf meine eigenen Forschungsinteressen hätte ich mir indes gewünscht, dass einige der neuesten Entwicklungen in der Forschung noch in es Eingang gefunden hätten, z. B. die Renaissance, die gerade Paul Adler erlebt, oder das wichtige Forschungsfeld der Wechselwirkungen von Philosophie und Dichtung, das jüngst durch Untersuchungen zum Einfluss des Brentanismus auf die Prager Literaten in den Blick gekommen ist, oder die intermedialen Verflechtungen von Literatur, Musik, Malerei, Film und Fotographie.

 

Nichts aber ändert dies daran, dass dieses Handbuch ein Meilenstein der Forschung zur Prager deutschen Literatur und der Literatur der böhmischen Länder ist. Mehr noch: es wirft für die Literatur- und Kulturwissenschaft grundsätzliche Fragen nach dem Verhältnis von lokaler und allgemeiner Geschichtsschreibung auf, stellt hegemoniale historiographische Modelle infrage, und rückt neben den großen Metropolen der Moderne die kleinen Zentren in den Blick, welche nicht als geschlossene Einheiten dargestellt werden sondern als Orte, die vielen Strömungen zugleich Raum lassen. Das so entstehende Bild ist pluralistischer, vielfältiger, komplexer, auch widersprüchlicher. Seinen Leserinnen und Lesern gibt das Handbuch hierfür nicht nur ein hilfreiches Instrument zur Orientierung an die Hand, sondern es verführt sie überdies dazu, den vielen ausgelegten Fährten zu wenig bekannten oder vergessenen Texten mit eigenen Lektüren zu folgen.

 

 

Peter Becher / Steffen Höhne / Jörg Krappmann / Manfred Weinberg (Hg.): Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, Verlag J. B. Metzler: Stuttgart, 2017, 445 S. 


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