Es schreibt: Lucie Antošíková

(6. 2. 2019)

Am 15. und 16. November 2018 fand im kleinen Saal des Instituts für tschechische Literatur der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik unter der Leitung des einheimischen germanobohemistischen Teams die internationale Konferenz Wie schreibt man transkulturelle Literaturgeschichte? statt.

 

Die Beiträge der Teilnehmer und Teilnehmerinnen umfassten sowohl die Präsentationen schon laufender literaturgeschichtlicher Projekte, die von den Bemühungen getragen wurden, die Grenzen nationaler Philologien zu überschreiten, als auch theoretische Überlegungen zu den Ausgangspunkten und Schwierigkeiten solcher Bemühungen. Zu der ersten Gruppe gehörte die Comeniusforscherin Lucie Storchová, die ihre Forschungen zur Humanismusgeschichte bis zur geplanten Publikation im Verlag De Gruyter vorstellte, weiter Andreas Kelletat, der über das Germersheimer Übersetzerlexikon sprach, Alexander Kratochvil, der dem Publikum die im Zusammenhang mit dem Schweizer Projekt „Regions, Nations and Beyond“ entstehende Geschichte der ukrainischen Literatur näherbrachte, und Steffen Höhne, der über die Vorbereitung eines Handbuchs der Literatur aus der Bukowina sprach. Die einzelnen Projekte überschnitten sich dabei mit der diskutierten Problematik in verschiedenem Maße, und vor ihrem Hintergrund zeichneten sich die ersten Überlegungen über die Zusammenhänge einer transkulturellen Auffassung ab, die abhängig ist vom konkret behandelten Gebiet und der konkreten Zeit.

 

Viele der anderen Redner konzentrierten sich in ihren Beiträgen auf ausgewählte Autoren – Franz Kafka (Marek Nekula, Manfred Weinberg), Karel Hynek Mácha (Václav Petrbok), Karl Gottlieb Windisch, Irena Brežná, Erika Blumgrund u. a. (Jozef Tancer) –, um an ihrem Werk die problematischen Bemühungen um eine klare Abgrenzung ihrer Zugehörigkeit zu nationalen Philologien und die damit zusammenhängenden Fragen der Mehrsprachigkeit zu demonstrieren. Obwohl diese RednerInnen sich im Rahmen von nur zwei Jahrhunderten bewegten, zeigte sich auch hier das zu jeder Zeit unterschiedliche Verständnis der nationalen Zugehörigkeit.

 

Die Problematik der Zeit spiegelte sich auch in den Diskussionen zum Thema der Periodisierung der Literaturgeschichte. Matouš Turek sprach über die Literaturentwicklung als einem gegenseitig bedingten Wechsel zwischen Verfall und Blüte; Jörg Krappmann über die Beziehung zur österreichischen Literatur und ihren Festlegungen. Ladislav Futtera stellte sich in seiner Kritik festgelegter Etappengliederungen im kürzlich erschienenen Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder (J. B. Metzler, 2017) hinter die konsequente Einhaltung ausgewählter Kriterien, wobei er die Periodisierung vor dem Hintergrund soziohistorischer Umbrüche als wünschenswert bezeichnete.

 

Überlegungen zum Wandel im Verständnis der Transkulturalität erklangen auch in den Beiträgen von Jan Hon, Jan Budňák und Václav Smyčka, ob sie nun von Übersetzungen, von der Koexistenz von Werken oder über Vermittlung sprachen. In den Bemühungen, das Problem zu erfassen, war das gemeinsame Thema für sie der verbindende Horizont, der es in der Beschreibung kultureller Besonderheiten ermöglicht, binäre Oppositionen zu meiden.

 

Die Konferenz wurde von den Gastgebern mit einer Paneldiskussion beendet, zu der RepräsentantInnen literaturwissenschaftlicher Forschung zu verschiedenen Epochen geladen waren, die sich in ihrer Arbeit zudem mit dem Problem der sprachlichen Abgrenzung der Literatur der Böhmischen Länder auseinandersetzen – Michal Charypar, Daniel Soukup, Hana Šmahelová, Michael Wögerbauer, Štěpán Zbytovský und Mirek Němec. Im Gespräch erklangen erneut auch die Fragen, die alle vorherigen Veranstaltungen begleitet hatten: Welche Zeit sollte die angedachte Literaturgeschichte umfassen? Auf welches Publikum sollte sie zielen? In welchem Umfang – zeitlich und materiell – wird über sie nachgedacht? Und auch: Was erwarten von der transkulturellen Literaturgeschichte ihre Autoren und Autorinnen selbst, mit welchem Vorhaben gehen sie an sie heran?

 

Obwohl diese wie auch die Titelfrage der Konferenz Wie schreibt man transkulturelle Literaturgeschichte? bis zum Schluss unbeantwortet blieben, zeigten die einzelnen Präsentationen und auch die Reaktionen aus dem Publikum deutlich, dass es in der Fachöffentlichkeit durchaus Bedarf an einer neuen Auffassung von Literaturgeschichte gibt. Spürbar war jedoch auch eine allgemeine Skepsis gegenüber der Erfüllung dieses Bedarfs in Form einer Literaturgeschichte, die die Literatur der Böhmischen Länder über die ganze Zeit ihrer Existenz hinweg und gleichzeitig in ihrer ganzen Breite, also einschließlich jeglichen Übergreifens nationaler Grenzen, umfassen würde.

 

Übersetzung: Katka Ringesová


zurück | PDF