Es schrieben: Ferdinand Deml und Julius Mader

(21. 11. 2018)

Die Wahrnehmung der deutschgeschriebenen Literatur in den Böhmischen Ländern als ein Phänomen, das aus einer humanistisch gesinnten, größtenteils jüdischen Prager deutschen Literatur einerseits und der sudetendeutschen, latent oder unverblümt provinziellen und nationalistischen Literatur andererseits bestehe, wurde zwar beträchtlich durch die sog. Liblicer Konferenz von 1965 zementiert, sie ist allerdings das Resultat einer lang andauernden Diskussion über die Stellung Prags als Zentrum bzw. Nicht-Zentrum deutscher Kultur in Böhmen. Diese Diskussion lässt sich weit über das Jahr 1918 hinaus zurückverfolgen; im politischen und kulturellen Kontext der Tschechoslowakei und im Zusammenhang mit der Auswirkung der Situation im Deutschen Reich auf die tschechoslowakische Kulturszene der 1930er Jahre erhielt sie jedoch eine neue Bedeutung. Da auch zu dieser Zeit die Rede von einer Spannung zwischen Prag und der Provinz keine Erfindung allein der marxistischen Autoren war, kann keine einheitliche Linie ausgemacht werden, die bis zu dem in Liblice dominierenden Bild führen würde. Genauso zahlreich sind Belege der Überwindung und der Anfechtung einer solchen Spannung – wie bereits konzeptionell derart unterschiedlichen Anthologien wie etwa Wein (hg. von Jos. Oppelt’s Neffen, 1933) und dem Hausbuch sudetendeutschen Humors (hg. von Paul Hußarek, 1933) zu entnehmen ist. Ein Gespräch über die Beziehungen zwischen dem deutschen Prag und der „Provinz“ wurde ebenso in der pazifistischen und dem tschechoslowakischen Staat wohlgesinnten Zeitschrift Die Wahrheit geführt, die 1921 von Wilhelm Barta gegründet und bis September 1938 von Adalbert Réve herausgegeben wurde. Zu den Teilnehmern dieser Diskussion gehörte etwa der zeitweilige Beiträger Ferdinand Deml sowie der regelmäßig in diesem Periodikum publizierende Julius Mader. Neben der Zeitschrift Die Wahrheit verbindet beide Erwähnten ferner, dass ihr Wirken trotz ihrer Bedeutung für den literarischen und medialen Betrieb der Zwischenkriegszeit bis dato nicht genauer erschlossen wurde.

 

Ferdinand Deml (1902–1974), ein gebürtiger Prager, betätigte sich im Laufe seines Germanistikstudiums in der Führung der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag, wo er sich u. a. gegen die nationalistischen und antisemitischen Ausschreitungen der Jahre 1922–23 aussprach, und leitete die Zeitschrift Die Deutsche Hochschulwarte. Nach dem Absolutorium trat er in die Redaktion der Deutschen Zeitung Bohemia ein, 1931–38 leitete er die Tageszeitung als verantwortlicher Redakteur. Kurz nach deren Einstellung emigrierte er, nach einem kurzen Engagement in der tschechoslowakischen Exil-Armee verbrachte er die Kriegszeit in England. Nach deren Ende wirkte er im Informationsministerium in Prag, das ihn nach Ostberlin entsandte. 1950 emigrierte er nach Frankfurt am Main und übersiedelte später nach Bonn, wo er für die deutsche Nachrichtenagentur arbeitete. In seinem Beitrag Gibt es eine Sudetendeutsche Literatur? – in mehreren Nummern der Wahrheit im Mai 1928 abgedruckt – reagiert er auf die kurz zuvor erschienenen literarhistorischen Bücher von Josef Nadler und Rudolf Wolkan und setzt sich zum Ziel, „interessante[…] Zusammenhänge und Wendungen in der Entwicklung“ (Nr. 9, S. 7) aufzuzeigen, die beide Autoren außer Acht ließen. Für unsere Zwecke ist hier Demls allgemeine Beschreibung des Wesens der sudetendeutschen Literatur in allen „historischen“ Ländern der Tschechoslowakei von Bedeutung. Es ist kein Zufall, dass Nadlers Begrifflichkeit seiner Argumentation zugrunde liegt (vielmehr als Wolkans Rhetorik der nationalen Konfrontation), Deml entkräftet allerdings die Komponente der ethnisch gegebenen Kulturcharakterologie und betont das Moment der Mischung.

 

Das Leben von Julius Mader (1899–?) ist größtenteils nicht erschlossen; sein Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg konnte bisher nur anhand einer persönlich gefärbten Stellungnahme Paul Eisners verfolgt werden (Pan Mader. In: Kulturní politika, 18. 1. 1946, S. 3). Zur Zeit der Ersten Republik gehörte er zu den bedeutenden Journalisten und Kulturvermittlern; er verfasste Beiträge zur Literatur und zum Kulturleben der jungen Generation, übersetzte mehrere Bücher Karel Čapeks (Das Jahr des Gärtners; Der Krieg mit den Molchen u. a.), Vladislav Vančuras (Der Bäcker Johann Marhoul; Das Ende der alten Zeiten), Jaroslav Žáks (Der Klassenkampf), Peter Jilemnickýs (Brachland) oder Milo Urbans (Die lebende Peitsche). In Die Wahrheit publizierte er auch nach 1933 reichlich und im Einklang mit deren anti-nationalsozialistischer Linie. Seine Übersetzungen von Čapeks Beiträgen konnten in österreichischen Zeitschriften noch Anfang März 1938 erscheinen (die folgenden Nummern feierten bereits den Anschluss). Eine abrupte Wandlung erfuhr offenbar auch Mader selbst. Zeugnis hiervon gibt Paul Eisner neben den überprüften Fakten: Im September 1939 immatrikulierte Mader sich an der deutschen Universität in Prag und verfasste unter der Leitung Erich Trunz‘, des verdienten Mitglieds der NSDAP und eines bedeutenden Akteurs des offiziellen akademischen Betriebs im Dritten Reich, verfasste seine Dissertation Untersuchungen über das Tragische im besonderen bei Hans Grimm und verteidigte sie im Dezember 1941. Im Januar 1935 schrieb Mader über Prag und die sudetendeutsche Provinz in Reaktion auf den Diskussionsabend der Prager Urania vom 9. 12. 1934, an dem der Troppauer Dichter und Prosaist Emil Hadina, der Dichter und Musikkritiker des Prager Tagblatts Walter Seidl und der Reichenberger Publizist Frank Matzke teilnahmen. Die Diskutierenden wurden sich darüber einig, dass Prag zwar ein natürliches Zentrum der sudetendeutschen Kultur sei, dass es aber diese Rolle nicht erfülle und die „Provinzgebiete“ sich auf diese Weise nicht zu Prag in Bezug träten. Sie empfahlen daher, den Bedürfnissen der Regionen eine größere Aufmerksamkeit zu schenken, ohne alles Abweichende kurzweg als „Hakenkreuzlertum“ abzutun, sowie den Sudetendeutschen Kulturrat als eine Plattform für Dialog zu gründen. Mader teilte die Hoffnungen einer solchen kulturpolitischen Konstruktion offenbar nicht, im Gegenteil hält er sie gerade für eine der Ursachen der damaligen Krise – neben der Unfähigkeit der Akteure, die eigene ideologische Brille und somit die „abgenutzten“ Begriffe abzulegen, zu denen wohl auch der Gegensatz zwischen Kosmopolitismus und der Verankerung im Volk zu zählen wäre.

 

Keiner der zitierten Beiträge postuliert eine unproblematische Einheit der deutschsprachigen Literatur in der Tschechoslowakei, sie propagieren allerdings auch keineswegs eine grundlegende Trennung zwischen der Metropole und den Regionen. Sie lassen sich so gesehen als Anregungen zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit den damaligen Reflexionen über die Literatur (in beiden Fällen zusammenfassend als „sudetendeutsch“ bezeichnet) betrachten, die sich der exklusiven Alternative „Einheit“ vs. „Vielfalt“/„Dualität“ widersetzen.

 

Štěpán Zbytovský

 

 

Übersetzung: Lukáš Motyčka

 

 

Ferdinand Deml: Gibt es eine Sudetendeutsche Literatur? In: Die Wahrheit, Jg. 7 (1928), č. 9, s. 7n.; č. 10, s. 6.

 

Das Sudetendeutschtum, aufgefaßt als Gesamtheit aller innerhalb der sogenannten historischen Länder der Tschechoslowakei wohnhaften oder aus diesem Gebiet stammenden Deutschen bildet weder völkisch, noch auch siedlungs- und sprachgeschichtlich eine Einheit. Es gleicht den Domen und Palästen seines geistigen Mittelpunkts Prag, an denen Baumeister verschiedener Zeiten und Länder mit verschiedenem Stilempfinden gearbeitet haben. Je weiter man bei der Wiederentdeckung der einstigen Stadt in die Vergangenheit dringt, desto mehr entweicht die Mannigfaltigkeit ihrer Bauart. So ergeht es auch dem Forscher, der sich in das Schrifttum der sudetendeutschen Vergangenheit versenkt. Und doch haben die wechselnden Strömungen, von Westen und Osten, von Süden und Norden, das ganze Gebiet rhythmisch wie nach einem Gesetz überflutet; hat der alte Heimatboden seine eigenartige Urkraft und Sonderstellung zwischen Oesterreich, Bayern, der fränkischen Pfalz, Thüringen und Sachsen, Schlesien und dem schwäbischen Siebenbürgen mit der vorgelagerten Zips bewahrt; freilich ohne daß einer der drei ihn bewohnenden Rivalen, der Deutscharier, der Jude, der Tscheche, ihn geistig hätte unterjochen und dann seine latente Kraft zur letzten autochthonen Entfaltung bringen können. Im Wechselspiel dieser drei Kulturfaktoren, deren jeder ebenso heiß nach Assimilierung mit den übrigen strebt, wie er sich in Reinlichkeitstrotz von ihnen absondert, wurde auch das geboren, was im weitesten, durchaus unpolitischem Sinne sudetendeutsche Literatur heißen mag: ein Schriftum [sic!], das oft nur eine lose Mischung verschiedenartiger Elemente, manchmal eine nicht mehr in den Elementen unterscheidbare Emulsion, aber nie eine innere Synthese von allem Gegebenen ist.

[…]

 

Die Prager sind die Intellektuellen; sie haben nicht ein Gesicht wie die Böhmerwälder oder Egerländer, sie haben außer ihren leiblichen noch geistige Ahnen, und diese prägen ihnen Züge ein, die ihnen die Natur nicht gegeben hat. In Prag wird die Blutmischung der drei Rivalen zur mystischen Quelle neuer Artgestaltung. Landschaftliches und Angestammtes wird umgeschmolzen in dem gärenden und kreißenden Völkergewirr. „Was in Prag geschah, war die alte Romantik, Deutschgefühl von Slawen-Enkeln und Juden.“ [Deml zitiert aus Nadlers Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften, Bd. 4, S. 895 – Anm. Š.Z.] Aus dem geheimnisvollen Prag steigen die weithin strahlenden Genien empor, die deutscharisches, jüdisches und tschechisches Element in ungleichen Emulsionen vereinigen: Rainer Maria Rilke, Franz Kafka und Franz Werfel, die Spitzentypen des Prager Sudetendeutschtums. In der Verschiedenheit von Kolbenheyer und Werfel aber offenbart sich der trutzige Gegensatz zwischen erdnahen und kosmopolitischem Sudetendeutschtum, zwischen Scholle und Stadt, zwischen Reinheitstrotz und Assimilierungswillen. Dieser Zwiespalt verneint die Frage nach einer einheitlichen sudetendeutschen Literatur.

 

 

Julius Mader: Prag und die sudetendeutsche Provinz. In: Die Wahrheit 14 (1935), č. 3, s. 9n.

 

[…] Zu dieser privaten Auseinandersetzung der drei sudetendeutschen Schriftsteller, von denen zwei der jüngeren, einer der älteren Generation angehört, wäre vor allem zu sagen, daß sie weitaus charakteristischer dadurch ist, was sie verschweigt, als was sie sagt. Das Bild, das da in klugen Worten, bald in blühenden Phrasen von der Zerrüttung des sudetendeutschen Kulturlebens entworfen wurde, war zwar nur halb, aber diese Hälfte richtig. Die Gründe dieser Zerrüttung aber, ach, welch ein Winden und Drehen um das Wesentliche! Einer der Sprecher der jüngeren Generation geißelte scharf die politischen Scharfmacher, die „unverschämt in der Ebene des Geistes“ aufträten. Sie machten jeden Künstler zum Sprachrohr politischer Meinungen. „Diese Spannung ist untragbar, denn der Geist habe überzeitliche und überräumliche Werte zu schaffen. Darüber hinaus sollen die geistigen Menschen nur Realpolitiker sein, daß sie ihre Stimme nur gegen Ungerechtigkeit, Hunger und Demütigung erheben.“ Wie müßtet ihr schreien, „Meister der Kultur“, wie müßtet ihr eure Stimme gegen Ungerechtigkeit, Hunger und Demütigung zum Sturmruf erheben, wenn diese Worte mehr sein sollen als Phrase! So aber langte es gerade noch zur Entschließung über die Schaffung eines Sudetendeutschen Kulturrates.

 

Kein Wort darüber, daß die Zerklüftung der Sudetendeutschen vor allem in weltanschaulichen und sozialen Gegensätzen liegt, die weder durch Druck auf Prag und die Provinz, noch durch organisierten Austausch geistiger Werte je behoben werden kann. Die Krise der sudetendeutschen Kultur? Das innere Unvermögen so vieler Kulturträger, die Wirklichkeit nicht durch inzwischen inhaltlich entwertete Begriffe zu vernebeln, in der Zeit und im Raum der leiblichen und geistigen menschlichen Not zu werken und zu schaffen, ist, auf das sudetendeutsche Beispiel übertragen, mit eine der großen Ursachen dieser Krise.


zurück | PDF