Es schreibt: Markéta Balcarová

(10. 10. 2018)

Der Sammelband „Mir hat immer die menschliche Solidarität geholfen.“ Die jüdischen Autorinnen Anna Seghers und Lenka Reinerová (2016, hrsg. von Viera Glosíková, Ilse Nagelschmidt, Sina Meißgeier) enthält insgesamt neun Beiträge aus Prag und Leipzig, die auf der Basis partnerschaftlicher Kooperation und Workshops beider Universitäten unter der Leitung von Viera Glosíková, Lehrstuhlinhaberin des Instituts für Germanistik der Pädagogischen Fakultät der Karlsuniversität, und der Professorin für Neuere und Neueste Deutsche Literatur in Leipzig, Ilse Nagelschmidt, entstanden sind. Die Beiträge handeln von den beiden Autorinnen, die sich persönlich kannten und ihre jüdischen Wurzeln, ihre kommunistische Gesinnung und ähnliche Schicksalslinien teilten (beide waren betroffen von der Ermordung ihrer Familienmitglieder sowie vom Zwangsexil in Mexiko während des Zweiten Weltkriegs).

 

Im Vordergrund der literarischen Analysen stehen der Roman Transit (1943) von Anna Seghers und die Erzählung Die Schiffskarte (2000 – eine erste Version erschien bereits 1962) von Lenka Reinerová, Texte, die von Exilanten handeln, die während des Zweiten Weltkriegs in Marseille auf die Ausstellung der für ihre Emigration nach Übersee nötigen Dokumente warteten. Der Sammelband enthält insgesamt neun Studien, eingeteilt in drei Sektionen mit den Titeln Text und Kontext, Existenz- und Identitätsproblematik und Sprachreflexionen. Die Beiträge des Sammelbandes suchen und analysieren zum einen Parallelen zwischen beiden Texten, zum anderen widmen sie sich ausgewählten Aspekten in je einem Werk. Dabei bieten die Studien zur Erzählung Die Schiffskarte viele neue Interpretationsansätze und decken neue literaturhistorische Fakten auf. Dagegen erscheinen die Interpretationen zu Transit vielerorts vereinfachend, in einigen Fällen werden bereits existierende Erkenntnisse zu einem behandelten Aspekt des Romans zusammengefasst, anderswo wiederum werden diese nicht genügend berücksichtigt. Der Leser kann leicht den Eindruck gewinnen, Transit gehöre zu den weniger erforschten Texten von Anna Seghers. Einige Beiträge, die sich die Analyse von Parallelen zwischen Transit und Die Schiffskarte zum Ziel setzen, verzeichnen bloß die motivisch-thematischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede und bringen keinerlei interpretatorischen Mehrwert ein. Die Studie Rollenspiel – die Suche nach der Identität von Lenka Volfová vergleicht die männlichen Charaktere, Julia Behrend deckt in ihrem Artikel Die weiblichen Figuren – eine Analyse die Unterschiede in den Charakterzügen der Protagonistinnen auf. Die Beobachtungen zum Roman Transit kann man jedenfalls im gesamten Buch – sei es in den sich ausschließlich auf ihn beziehenden Studien oder im Vergleich mit der Erzählung Die Schiffskarte – eher als Impulse zu einem tieferen Verständnis der Texte Lenka Reinerovás begreifen, die mit denen der Anna Seghers nicht wenig gemein haben.

 

Zu den beachtenswerten Beiträgen gehört der Artikel von Nicolle Schiller und Franz Schollmeyer mit dem Titel Cafés im Exil und ihre Bedeutung im Leben und Werk von Anna Seghers und Lenka Reinerová, welcher der Sektion Text und Kontext zugeordnet ist. Die AutorInnen gelangen zu dem Schluss, dass in beiden Texten den Kaffeehäusern eine symbolische Funktion (im Sinne Pierre Norys) zukommt und sie als Allegorie der Exilantengesellschaft im Zweiten Weltkrieg fungieren Die Kaffeehäuser sind ein charakteristisches Bindeglied der Emigranten miteinander und stehen für den aporetischen Moment zwischen Ausharren und Emigration.

 

Der zweiten Sektion Existenz- und Identitätsproblematik gehört beispielsweise die Studie Bruchstückhafte mythische und märchenhafte Elemente in Transit von Anna Seghers und Die Schiffskarte von Lenka Reinerová an. Karolin Bůžek zeigt darin allerdings Unzulänglichkeiten im Bereich der theoretischen Vorbereitung; das theoretische Erfassen der Mythologie ist wackelig und die Autorin stellt nicht klar, mit welchem Märchenbegriff sie in ihrer Studie arbeitet. Bei der Skizzierung der mythologischen Begriffe bei Seghers handelt es sich durchweg um die Zusammenfassung von bereits existierenden Erkenntnissen, wobei die Verweise auf die Sekundärliteratur auch hier nicht erschöpfend, sondern eher flüchtig sind. Die Autorin lässt die biblische Ebene des Romans, die neben der griechischen Mythologie einen wichtigen Teil des mythologischen Gewebes bildet, gänzlich vermissen. Die biblischen Motive entdeckte beispielsweise bereits Hans-Albert Walter in seiner Studie Anna Seghers‘ Metamorphosen. Transit – Erkundungsversuche in einem Labyrinth aus dem Jahr 1984, auf die sich Bůžek in ihrem Artikel einige Male stützt. Die Erhebung des Hausengel-Motivs in der Erzählung Die Schiffskarte sowie in zwei weiteren Erzählungen Reinerovás auf die Ebene komplexer mythologischer Strukturen im Roman Transit überzeugt nicht gerade. Auf jeden Fall aber ist der Hinweis auf den „Hausengel“, hier eindeutig das personifizierte Zeichen einer starken menschlichen Persönlichkeit, in dem Sinne wichtig, als die Erforschung der künstlerischen Sprache und Bildlichkeit bei Lenka Reinerová zu den wichtigen interpretatorischen Desideraten ihrer Texte gehören. Im Vordergrund der Analysen von Reinerovás Schaffen standen bislang jedoch vor allem biografische und historische Zusammenhänge.

 

Die letzten beiden Beiträge des Teils Sprachreflexionen problematisieren die Sprache. Ondřej Veselý fasst in seinem Beitrag Prager Deutsch und Lenka Reinerovás Die Schiffskarte Merkmale des sog. Prager Deutsch zusammen und führt von diesem Standpunkt ausgehend eine phonologische Analyse von Tonaufnahmen von Lenka Reinerová durch. Es handelt sich um die erste detailliertere sprachwissenschaftliche Beschreibung des gesprochenen Wortes der Autorin überhaupt, wodurch allein sich die Analyse sicher verdient macht. Veselý zeichnet allerdings ein allzu einseitiges und statisches Bild des Prager Deutsch, aus dem Reinerová zwangsläufig herausfällt. Am Schluss seiner Studie behauptet der Autor vorsichtig, dass Reinerová wohl mit großer Wahrscheinlichkeit in bestimmten Aspekten ein anderes Deutsch als die deutschsprachigen Prager vor hundert oder zweihundert Jahren gesprochen habe. Das ist eine ebenso wenig überzeugende Hypothese wie die berühmte gegenteilige Behauptung Klaus Wagenbachs: „Wenn man hören will, wie Kafka gesprochen hat, dann muss man nur der Reinerová zuhören, denn sie spricht ,Prager Deutsch‘“ (zitiert nach Närrisch an das Leben glauben. Lenka Reinerová im Gespräch mit Norbert Schreiber, 2008, S. 34f.35).

 

Im Beitrag Reflexionen zur Muttersprache und Muttermotivik in Anna Seghers‘ Exilroman Transit beobachtet Laura Hofmann die bipolare Strukturalisierung der Muttersprache als Sprache der Verbrecher auf der einen Seite und als Sprache der Verfolgten auf der anderen Seite. Wenn sie sich in ihrem Beitrag auch nicht mit Lenka Reinerová befasst, wäre es sicher bereichernd, die Rolle der Muttersprache in Werk und Rede auch dieser Autorin zu untersuchen – so ist zum Beispiel interessant, dass Reinerová im mexikanischen Exil mit ihrem engen Freund, dem „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch tschechisch sprach, um sich die Atmosphäre des heimatlichen Prags zu schaffen, wie sich die Autorin im Roman Grenze geschlossen (Berlin: Neues Leben, 1958, S. 282) erinnert.

 

Der größte Gewinn dieses studentischen Sammelbandes besteht darin, die Werke beider Autorinnen einander in Korrelation zu setzen, was bereits der Titel der Publikation ankündigt. Dass Reinerová eine Autorin nicht nur autobiografischer Artikel und Erinnerungen an die so genannte Prager Deutsche Literatur bzw. authentische Zeitzeugin des nahezu gesamten 20. Jahrhunderts ist, sondern dass ihre belletristischen Texte – konkret Die Schiffskarte – Texte von literarischem Wert sind, darauf machte Steffen Höhne 2003 in der Enzyklopädie Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945 (Band 2, München, 2003, S. 1020 ff., hier S. 1021) aufmerksam: „... mit der [Erzählung Die Schiffskarte] [gelingt] eine epische Dimension schicksalhafter Verstrickungen in Marseille, die einen Vergleich mit Anna Seghers Transit nicht zu scheuen braucht.“ Seit der zitierten Aussage von Höhne hat sich die Fachdiskussion um Reinerová nicht nennenswert weiterbewegt und sich den literarisch-ästhetischen Qualitäten ihres Werks so gut wie nicht mehr gewidmet. Der Sammelband ist also einer der ersten Versuche, die Erzählung Die Schiffskarte nicht als Abbild der Lebenserfahrungen der Autorin zu interpretieren, sondern als ästhetisches Gebilde, das berechtigterweise auf die Ebene des berühmten Romans Transit gehoben wird.

 

Übersetzung: Daniela Pusch

 

 

Viera Glosíková / Ilse Nagelschmidt / Sina Meißgeier (Hg.): Mir hat immer die menschliche Solidarität geholfen.“ Die jüdischen Autorinnen Anna Seghers und Lenka Reinerová. Berlin: Fran & Tomme, 2016, 102 S.


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