Es schreibt: Manfred Weinberg

(E*forum, 29. 8. 2018)

Marek Nekula formuliert im „Vorwort“ seines Buches Franz Kafka and his Prague Contexts: Studies in Language and Literature (Prague: Karolinum Press, 2016):„‚Kafka and Prague‘ is hardly an original subject“ (S. 8), nimmt allerdings für sein Buch einen „critical view” (S. 9) der vermeintlichen Selbst-Evidenz dieses Zusammenhangs in Anspruch. Was aber hat das Buch über das gängige Stereotyp hinaus zu bieten? Die Antwort lautet: Details, eine Unmenge von Details. Nekulas Darlegungen sind von einer beeindruckenden (manchmal allerdings auch „erdrückenden“) Gründlichkeit.

 

Die versammelten sieben Studien sind für den Band angefertigte Übersetzungen von zuvor in Sammelbänden und Zeitschriften verstreut erschienenen Aufsätzen resp. Kapiteln aus dem auf Tschechisch wie Deutsch publizierten Buch Jazyky Franze Kafky (Praha: Nakladatelství Franze Kafky, 2003)/Franz Kafkas Sprachen (Tübingen: Niemeyer, 2003); in zwei Fällen handelt es sich um Bearbeitungen bereits auf Englisch publizierter Texte. Hinsichtlich seiner Lektüren beruft sich Nekula auf den „New Historicism“; die Texte Kafkas würden gelesen, „in contrast not only with each other but, in the context of contemporary discourses, with other, non-literary texts“ (S. 9).

 

Die Studie Suppression and distortion: Franz Kafka ‚from the Prague Perspective‘ spielt im Titel auf die Kafka-Konferenz von 1963 an, weitet den Blick allerdings auf die gesamte Rezeption Kafkas in der Tschechoslowakei. Auf der Liblicer Konferenz ging es ja vor allem um die Frage einer marxistischen Lektüre Kafkas. Nekula weist Eduard Goldstücker eine strategische „transformation of the representative of the ‚Prague German-Jewish bourgeoisie‘ [...] into a son of the ‚Czech-Jewish rural proletariat‘, while the Jewish aspect was pushed into the background“ (S. 25), nach, die Kafka für Marxisten „lesbar“ machen sollte. Die Befassung mit Czech readings of Czech texts (S. 30ff.) Kafkas wird hier schon zur Diagnose seiner guten Tschechisch-Kenntnisse genutzt. Der benannte Detailreichtum zeigt sich, wenn ausführlich (S. 33), später sogar über mehrere Seiten (vgl. S. 98ff.) Fehler Kafkas im Tschechischen aufgelistet werden. Dies geschieht in gleicher Gründlichkeit auch, wenn Nekula sich später mit Austriazismen und süddeutschen „Färbungen“ in Kafkas Sprache befasst (vgl. S. 103ff.)

 

Der Aufsatz The ‚Being‘ of Odradek: Franz Kafka in his Jewish context nimmt seinen Anfang zwar bei der „Figur“ Odradek aus Die Sorge des Hausvaters, doch nutzt Nekula Pavel Trosts Interpretation, dass die Geschichte auf Kafkas Verhältnis zu seinem Vater verweise, dazu, „exceptionally [...] the biographical path“ zu folgen und zu den Ursprüngen Franz Kafkas und seiner Familie zurückzugehen, „linking their story to that of the Jew’s emergence from the ghetto and the struggle for Jewish identity“ (S. 40). Auch hier findet sich eine große Detailfreude: alte Karten von Osek, der Heimatstadt von Kafkas väterlicher Familie, werden ebenso kommentiert wie Auszüge aus dem Grundbuch. Später wendet sich Nekula Kafkas Faszination vom Jiddischen – das „aesthetically motivated“ gewesen sei und nicht durch dessen Verständnis als Sprache „of a living ethno-national community“ (S. 63) – und Hebräischen zu und nutzt dies, um einen anderen Zugang zu Kafkas Josefine-Text zu finden, indem er das „Pfeifen“ der Mäuse mit dem Jiddischen, Josefines „Gesang“ aber mit dem Hebräischen identifiziert.

 

In der Studie Franz Kafka’s Languages untersucht Nekula die Sprachen, „that Franz Kafka used in his everyday life and learned in school or in other contexts“ (S. 71). Behandelt werden Kafkas Kenntnisse folgender Sprachen: Latein und Griechisch, Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch, wiederum Hebräisch und Jiddisch, schließlich Deutsch und Tschechisch, hinsichtlich derer Nekula einen „early bilingualism“ (S. 91) Kafkas konstatiert. Bezüglich des Tschechischen wird einmal mehr festgehalten, „that Kafka was fully in control of his communication in Czech“ (S. 101). Am Ende stehen weitere Ausführungen zu Kafkas Deutsch (S. 102ff.), das Nekula gerade nicht „as the ‚poor‘, ‚sterilized‘ ‚ghetto German‘ of Prague Jewish society isolated socially and in dialect“ (S. 71f.) sieht.

 

Kafka’s ‚organic‘ language: Language as a weapon beginnt mit der Darstellung von Kafkas Verhältnis zum (jüdischen) „Mauscheln“ (S. 107ff.), geht von da aus aber über zu einer Diskussion der Einheit von „Volksgeist“ und „Volkssprache“ (S. 109 u. ö.), wie er die Language discourses of the nineteenth century (S. 111ff.) bestimmte. Dabei befasst sich Nekula gründlich mit der Sprachtheorie von Moritz Lazarus und Heymann Steinthal, die eben ein „organisches Substrat“ der Sprache behaupteten. Von den vorausliegenden Reflexionen einer solchen „organischen Sprache“ wirft Nekula wiederum Seitenblicke auf literarische Texte Kafkas, in dem er im Bericht für eine Akademie „Herder’s theory in the words of Kafka’s Rotpeter“ (S. 111) findet. Im Text Ein altes Blatterkennt er einen „[l]anguage discourse as a discourse of conflict“ und in der Aussage, dass die Nomaden sich wie Dohlen verständigten, „an allusion to Mauscheln“ (S. 124).

 

In Franz Kafka at school. Kafka’seducation in Czech Language and Literature wird Kafkas Erlernen der tschechischen Sprache zunächst in der „Volksschule“ (S. 129ff.), dann in der „Grammar School“ (S. 138ff.) nachvollzogen, wobei sich Nekula auch den „Syllabus“ (S. 142ff.) und die verwendeten „Textbooks“ (S. 143ff.) anschaut. Sein Fazit: „So although Franz Kafka attended a German grammar school, he probably knew as much about Czech literature as the average pupil at an equivalent Czech school.“ (S. 148)

 

Die vorletzte Studie gilt Kafka’s Czech Readings in context. Über die wiederholte Charakterisierung von Kafkas Kenntnissen der tschechischen Literatur und Kultur als „comprehensive“ (S. 155) hinaus wird das Tschechische als „Kafka‘s bridge to the Slavonic world“ (S. 156) benannt, insofern er etwa russische Autoren in tschechischen Übersetzungen gelesen habe. Schließlich wird eine „Inventur“ der von Kafka gelesenen tschechischen Texte unternommen: Czech classical literature (S. 166ff.), Newspapers, Periodicals and other media (S. 169ff.), Anthology (S. 171), aber auch auf einzelne Autoren eingegangen, so auf Otokar Březina (S. 172ff.), Fráňa Šrámek (S. 174f.), Petr Bezruč (S. 175ff.) und The Langer brothers (S. 177ff.). Ausführlicher befasst sich Nekula mit Kafkas Verhältnis zu den Autoren um die Moderní revue (S. 178ff.) und resümiert, dass trotz „certain parallels in terms of motif“gelte:„the nature of Kafka’s writing is far removed from theirs“ (S. 184). Nachdem er noch einen Blick auf „The left and Milena Jesenská“ (S. 184ff.) geworfen hat, schließt er aus seiner Darstellung von Kafkas Proof-Reading Czech translations (S. 191ff.), „that Kafka’s knowledge of Czech literature and culture should not be underestimated“ (S. 195), was an dieser Stelle des Buches aber sicher auch keinem Leser mehr eingefallen wäre.

 

Die letzte Studie trägt den Titel Divided City: Franz Kafka’s Readings of Prague. Darin weist Nekula einesteils auf Kafkas Aussage hin, dass sich sein Leben in einem kleinen Kreis in der Prager Innenstadt abgespielt habe. Andererseits zitiert er sein Statement, dass Prag nicht loslasse: „An zwei Seiten müßten wir es anzünden, am Vyšehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, daß wir loskommen.“ (Franz Kafka: Briefe I. Frankfurt a.M.: Fischer, 1999, S. 17). Beides ist oft zitiert worden, doch Nekula sieht erstmals einen Zusammenhang, indem er „Vyšehrad with the Czech/Slavonic pantheon Slavín” auf der rechten und „Hradčany with the Emperors’s Castle” auf der linken Moldau-Seite gerade jenen „kleinen Kreis“ einschließen sieht, in dem Kafka sich gefangen sah. Die beiden verhielten sich zueinander wie Scylla und Charybdis, denen man ebenso wenig entkommen könne wie „the German-Czech battle over language with its monolingual ideology” (S. 211). Da er zuvor auch auf den Turmbau zu Babel (im Stadtwappen) und den Text Beim Bau der chinesischen Mauer eingegangen war, kommentiert Nekula nun: „So it is that, in those of Kafka’s literary texts that take up the thread of contemporary public discourse, the small circle [...] is confronted with a space and a world divided by the Great Wall of China, the Bable linguistic confusion, and the Scylla and Charybdis of Czech and German nationalism represented by (inter alia) the opposing icons of Vyšehrad and Prague Castle [...]. In doing so he realigns the axis of Czech-German polarity, generalizing it into myth and thus lending his local ‚Prague‘ stories universal validity.“ (S. 215) Das bietet tatsächlich einen anderen Zugang zu Kafkas Texten: Sie müssen nicht von Prag sprechen, um doch viel mit Prag zu tun zu haben, etwa seine spezifische, auch sprachliche Interkulturalität zu reflektieren.

 

Insgesamt hat man es mit einer detailreichen, gründlichen und innovativen Sammlung zu tun, die dem stereotypen Befund des engen Zusammenhangs von „Kafka und Prag“ neue Seiten abgewinnt.

 

 

Marek Nekula: Franz Kafka and his Prague Contexts: Studies in Language and Literature. Prague: Karolinum Press, 2016, 242 S.


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