Es schreibt Václav Šmidrkal

(20. 9. 2017)

Edvard Beneš (1884–1948) gehört auf tschechischer wie internationaler Bühne zweifelsohne zu den umstrittensten Politikern des 20. Jahrhunderts. Während einige ihn unkritisch positiv als „Präsidenten des Aufbaus“ begreifen, der das ideelle Vermächtnis T. G. Masaryks weiterentwickelte und dessen Verdienste um den Staat 2004 gar per Gesetz petrifiziert wurden, wird er in anderen Bewertungen für sein erfolgloses Vorgehen in der Münchner Krise 1938, für die Vertreibung der Deutschen 1945–46, die den Charakter einer ethnischen Säuberung hatte, oder für seine Fehleinschätzung der Lage während der Regierungskrise im Februar 1948, die zur Machtübernahme der Kommunisten führte, verurteilt. Man könnte sagen, dass Edvard Beneš umso hartnäckiger von seinen Anhängern verteidigt wird, je leichter er Ziel der Kritik verschiedener Richtungen ist. Diese Beneš-Bilder, die seit Beginn seiner politischen Karriere bis heute entstanden sind, wie auch das Bedürfnis nach einem tieferen Einblick in seine politische Denkweise und Handschrift in der Zeit bis zum Ende der Ersten Tschechoslowakischen Republik anhand von Primärquellen, die sich auf die deutsche Frage beziehen, waren die treibenden Motive des Forschungs- und Editionsprojekts „Edvard Beneš, Němci a Německo“ [Edvard Beneš, die Deutschen und Deutschland], dem sich ein Team des Masaryk-Instituts und des Archivs der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in den Jahren 2010–2014 widmete.

 

Im Rahmen der Arbeit an diesem Projekt wurde zu den unterschiedlichsten Aspekten zur Wahrnehmung der Person Edvard Beneš‘ eine internationale wissenschaftliche Konferenz ausgerichtet, aus der die von Ota Konrád und René Küpper herausgegebene Sammelmonografie Edvard Beneš. Vorbild und Feindbild (Göttingen, 2013) hervorging. Den AutorInnen der einzelnen Beiträge ging es nicht um eine Einschätzung, welche der überaus diversen Meinungen zu Beneš und seiner Politik näher an der Wahrheit sei, sondern im Gegenteil darum, eine möglichst breite Palette unterschiedlicher Sichtweisen zu Beneš einzufangen. Ein Teil der Beiträge untersucht, wie Beneš von seinen Zeitgenossen wahrgenommen wurde, darunter französische Diplomaten zur Zeit des Ersten Weltkriegs, deutsche Diplomaten der Weimarer Republik, österreichische Diplomaten während der 1930er Jahre; auch der Blick des tschechoslowakischen politischen Katholizismus und des Heiligen Stuhls in der Zwischenkriegszeit sowie Perspektiven der Politiker aus dem benachbarten Polen, der sudetendeutschen Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei und im Exil oder 1938–48 in Großbritannien und den USA entstandene Ansichten über ihn gehören dazu. Ein zweiter Teil der Beiträge untersucht Beneš-Bilder, die sich nach seinem Tod in memoiristischen Texten entwickelten, in der tschechischen und der slowakischen Historiografie, in sudetendeutscher Publizistik, in Film und Fernsehen während der Normalisierung wie auch dem sudetendeutschen und tschechischen politischen Diskurs nach 1989. Wie wohlgewählt diese Herangehensweise auch sein mag, und sicher ließen sich noch weitere Ansichten finden, die Bedeutung dieses Buches liegt im dekonstruktivistischen Zugang zu den Interpretationen der politischen Persönlichkeit Edvard Beneš‘, die bis heute Aufmerksamkeit auf sich zieht und polarisiert. Dieser Ansatz bietet eine Möglichkeit, hinter den Horizont der Kontroversen um Beneš und seine jeweiligen Entscheidungen zu blicken, indem die wissenschaftliche Perspektive übertragen wird auf die Ebene der Bilder von Beneš‘ Persönlichkeit, die sich entwickelt haben und sich noch entwickeln. Deshalb ist es schade, dass das Buch bislang nur in deutscher Sprache erschienen ist und so einem Großteil der tschechischen Leser unzugänglich bleibt, obwohl es das Potential hätte, die tschechische Beneš-Diskussion zu bereichern.

 

Wer sich für das Studium der Person Beneš und seiner Politik interessiert, der sei auf den Hauptteil des Projekts, die umfangreiche Dokumentenedition, verwiesen. Die Zeitspanne der dreiteiligen Ausgabe in fünf Bänden Edvard Beneš, die Deutschen und Deutschland reicht von den ersten publizistischen Beiträgen Beneš‘ zum Thema der Deutschen und Deutschlands von 1896 bis zum Ende der Ersten Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1938. Die Edition umfasst das bislang vollständigste Korpus von Primärquellen, die die Entwicklung von Beneš‘ Einstellung zu Österreich(-Ungarn), Deutschland, zu den Deutschen und Österreichern nachvollziehen, im weiteren Zusammenhang auch seine Einstellung zur nationalen Frage von seinen Jugendjahren bis hin zur Amtsausübung als Präsident der Tschechoslowakischen Republik bis 1938. Dass die Person Beneš im Mittelpunkt des Interesses der Edition steht, ermöglicht es, im Gegensatz zu anderen Editionen, welche Themen wie die tschechoslowakische Außenpolitik oder deutsch-tschechische Beziehungen untersuchen, die Aufgaben der politischen Persönlichkeit im langen Prozess der sich bildenden Politik nachzuvollziehen. Die breite heuristische Auswahl, die die wichtigsten tschechischen, deutschen, österreichischen, französischen und britischen Archive einbezieht, ermöglichte eine Auswahl der wichtigsten Dokumente, deren Autor entweder Beneš selbst war oder die seine Ansichten aus zweiter Hand vermitteln. Die Archivquellen werden ferner ergänzt durch publizistische Texte, die unter Beneš‘ Namen oder als anonyme Chiffre in der zeitgenössischen Presse veröffentlicht wurden. Jeden Teil leitet eine Studie ein, welche die wichtigsten Ereignisse des historischen Zeitabschnitts umreißt, dem er zugeordnet ist, und sie mit den ausgewählten Dokumenten in Verbindung bringt.

 

Die Edition wurde zweifellos mit großer Sorgfalt und nach anspruchsvollen editorischen Standards ausgearbeitet. Etwas verwirrend und die Benutzerfreundlichkeit einschränkend ist die Gliederung in mit römischen Zahlen gekennzeichnete Teile, während die Bände mit arabischen Zahlen nummeriert sind. Ebenso liegt die Frage nahe, ob im fortschrittlichen 21. Jahrhundert eine Herausgabe dieser Art von Fachliteratur ausschließlich in gedruckter Form ohne elektronische Version angebracht ist. Diese könnte die Arbeit mit dem Quellenmaterial mittels Volltextsuche vereinfachen und das Korpus einer breiteren Fachöffentlichkeit online zugänglich machen.

 

Für das Verständnis von Beneš‘ Politik, seinem politischen Denken und Stil in der nationalen Frage sowie den deutsch-tschechischen Beziehungen versammelt diese Quellenedition zweifelsohne an einer Stelle die bislang größte Menge an Schlüsseltexten zu der Zeit, die den radikalen Entscheidungen der 1940er Jahre voranging. Ich bin davon überzeugt, dass die Quellen dieses Forschungsprojekts langfristig die Erforschung der Person Beneš, seiner Politik und im weiteren Kontext auch der politischen Geschichte Mitteleuropas zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beeinflussen werden.

 

 

Ota Konrád / René Rüpper (Hg.): Edvard Beneš. Vorbild und Feindbild: politische, mediale und historiographische Deutungen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2013, 306 S.

 

Dagmar Hájková / Pavel Horák (Hg.): Edvard Beneš, die Deutschen und Deutschland: Dokumentenedition. Band I, 1896–1919. Prag: Masaryk-Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, v. v. i., 2014, 444 S.

Eva Hajdinová / Ota Konrád / Jana Malínská (Hg.): Edvard Beneš, die Deutschen und Deutschland: Dokumentenedition. Band II/1, 1919–1928. Prag: Masaryk-Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, v. v. i., 2015, 363 S.

Eva Hajdinová / Ota Konrád / Jana Malínská (Hg.): Edvard Beneš, die Deutschen und Deutschland: Dokumentenedition. Band II/2, 1919–1928. Prag: Masaryk-Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, v. v. i., 2016, 565 S.

Vojtěch Kessler / Michal Pehr / Richard Vašek (Hg.): Edvard Beneš, die Deutschen und Deutschland: Dokumentenedition. Band III/1, 1936–1937. Prag: Masaryk-Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, v. v. i., 2015, 405 S.

Vojtěch Kessler / Michal Pehr / Richard Vašek (Hg.): Edvard Beneš, die Deutschen und Deutschland: Dokumentenedition. Band III/2, 1937–1938. Prag: Masaryk-Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, v. v. i., 2015, 347 S.


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