Es schreibt: Lena Dorn

(16. 8. 2017)

Im Kapitel 98 (Aus einem Staat, der an einem Sprachfehler zugrunde gegangen ist) seines Manns ohne Eigenschaften schrieb Robert Musil: „Man tut heute so, als ob der Nationalismus lediglich eine Erfindung der Armeelieferanten wäre, aber man sollte es auch einmal mit einer erweiterten Erklärung versuchen, und zu einer solchen lieferte Kakanien einen wichtigen Beitrag. Die Bewohner dieser kaiserlich und königlichen kaiserlich königlichen Doppelmonarchie fanden sich vor eine schwere Aufgabe gestellt; sie hatten sich als kaiserlich und königlich österreichisch-ungarische Patrioten zu fühlen, zugleich aber auch als königlich ungarische oder kaiserlich königlich österreichische. Ihr begreiflicher Wahlspruch angesichts solcher Schwierigkeiten war ‚Mit vereinten Kräften!‘.“

 

Die Suche nach den erweiterten Erklärungen Kakaniens beschäftigt auch die Übersetzungswissenschaften, die in der Kulturtheorie immer wichtiger zu werden scheinen. Denn der Möglichkeit, durch die Analyse von Übersetzungsprozessen bestimmte gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar werden zu lassen, liegt ein großes Versprechen. Eine solche Hoffnung blitzt auch zu Beginn von Michaela Wolfs mehr als 400 Seiten starker Arbeit Die vielsprachige Seele Kakaniens: Übersetzen und Dolmetschen in der Habsburgermonarchie 1848–1918 (Wien: Böhlau, 2012) auf. Wolf interessiert sich im Sinne der Translationssoziologie für „Übersetzen und Dolmetschen als soziale Praxis und symbolisch vermittelte Interaktionen“ (S. 15) und benennt das Fehlen eines dezidiert soziologisch orientierten Theorierahmens „zur Erfassung der gesellschaftlichen Dimensionen, die auf die Konstitution des Translats einwirken“ (S. 22). Ihre Arbeit soll ein Beitrag zur Erarbeitung dieses Rahmens sein.

 

Wolf interessiert sich dabei für das Übersetzen ins Deutsche, aus prinzipiell allen anderen Sprachen. Das Konzept des Buches stellt Übersetzungen aus dem Italienischen ins Zentrum der Aufmerksamkeit, zugleich ist es aber ein Anspruch der Arbeit, Aspekte der Übersetzungskultur herauszuarbeiten, die den gesamten habsburgischen Raum betreffen und ihn dadurch auch charakterisieren können. Es geht also für Michaela Wolf immer wieder um die Frage: Wie hängen Übersetzungstätigkeiten und die Identifikation von Kulturen zusammen?

 

Das Vorhaben ist trotz des genau eingegrenzten zeitlichen Rahmens wunderbar groß: Wolf berücksichtigt jegliche Art von Übersetzen (Sprachen innerhalb und außerhalb der Monarchie, literarisches und wissenschaftliches, professionelles und nicht professionelles usw.) und Dolmetschen (fachbezogenes, v. a. gerichtliches, und alltägliches, z. B. Dienstmädchen, Köchinnen, Prostituierte, Diener, Handwerker, Kutscher, Soldaten) im genannten Zeitraum. Dabei analysiert sie erstens Strukturen und AkteurInnen und schlägt zweitens Typologien und Konzepte für die soziologische Betrachtung des „Übersetzungsraumes“ vor.

 

I.

Dem Buch liegt eine sorgfältige Archivarbeit zugrunde, die viele Hinweise auf die Rahmenbedingungen des Übersetzens ans Licht bringt. Auch lassen sich Schlüsse ziehen auf die Quellenlage zum Übersetzen überhaupt. Da sind mehrere Quellen zur Statistik der Buchproduktion herangezogen (oft lückenhaft, immer auf Aussagekraft geprüft), Tabellen erstellt zur sprachlichen Verteilung der EinwohnerInnen, zur Anzahl beeideter Gerichtsdolmetscher in Wien (nach Sprachen aufgeschlüsselt), Diagramme z. B. zu den Professionen der beeideten Dolmetscher (denn sie waren zwar beeidet, aber nicht professionalisiert), statistische Angaben zur geschlechtlichen Verteilung (weniger Frauen sind Übersetzerinnen, noch viel weniger Frauen sind Autorinnen von Texten, die übersetzt werden) und vieles mehr. Es gibt also Quellenmaterial, mit dem sich soziologisch arbeiten lässt.

 

Das Übersetzen aus dem Tschechischen ins Deutsche wird dabei mitbetrachtet, aber nur als ein Beispiel von vielen – es ist nicht im Fokus. Tschechische Quellen werden dementsprechend nicht verwendet. Wolf verweist auf die eingeschränkte Quellenlage: Es existiere eine Bibliographie der bisher in deutscher Uebersetzung erschienenen čechischen Belletristik von J. Reismann (1926), diese sei jedoch unvollständig und die daraus zu ziehenden Schlüsse hätten demnach nur sehr begrenzte Aussagekraft (S. 242). Doch auch jenseits von partiell aussagekräftigen Statistiken gibt es spannende Befunde. Die gesellschaftlich-politischen Grundlagen zu betrachten ist einer der besonders erfrischenden Teile des Buches. Ein Unterkapitel beleuchtet z. B. Urheberrechtsfragen (so trat die Habsburgermonarchie der 1886 begründeten Berner Konvention nicht bei, wodurch Verlagen der internationale Kontakt erschwert wurde und AutorInnen und ÜbersetzerInnen von den internationalen Urheberrechts-Abkommen abgeschnitten waren). Andere behandeln staatliche Kulturförderung und Literaturpreise. Auch Daten zur Armee zieht die Autorin heran: Im Jahr 1914, so ergibt es Wolfs Recherche, „galten lediglich 142 Regimenter als einsprachig (davon nur 31 deutschsprachig), 162 waren zweisprachig, 24 dreisprachig und einige viersprachig. Das bedeutet, dass mehr als 90 % der Offiziere gezwungen waren, sich in zumindest einer anderen Sprache als Deutsch zu verständigen“ (S. 107). Die Monographie ist eine Fundgrube derartiger Details.

 

II.

Hauptgrundlage für Wolfs Typologisierung und ihren Entwurf des „translatorischen Vermittlungsraumes“ ist die Kultursoziologie von Pierre Bourdieu, genauer gesagt seine „Feldtheorie“, die sie für die Analyse des Vermittlungsraumes um das Konzept des „Dritten Raums“ von Homi Bhabha erweitert. Wolf versteht die Übersetzungstätigkeiten in Begriffen des Habitus (genauer gesagt als „sekundären Habitus“, S. 199) und entwirft damit das Übersetzen als eine Art der Handlung, die verinnerlicht ist und weitgehend unbewusst und unreflektiert abläuft. Für einige der im „habitualisierten Übersetzen“ beschriebenen Kommunikationsformen ist dies plausibel (Dienstboten, Dienstmädchen), für die Dolmetscher bei Gericht mit ihren nach und nach entstehenden Regelwerken könnte man das aber teilweise anders definieren, und spätestens bei literarischen Übersetzungen sprechen die zahlreichen Diskussionen, Reflexionen und Forderungen eine andere Sprache. Gerade das Übersetzen mitsamt seinen gesellschaftlichen Debatten ist insofern auch ein Hinweis auf die Grenzen des Habitus-Begriffs für das Verstehen von gesellschaftlichen Zusammenhängen.

 

Es bleibt dadurch zum Schluss etwas schwammig, wie Übersetzungstätigkeiten, Translate, die politische Situation und die Konstruktion von (nationalen) Kulturen eigentlich im Verhältnis stehen; über die grundlegende Feststellung hinaus, dass sie zusammenhängen: „Unter den hier skizzierten Voraussetzungen wird die Habsburgermonarchie als hybride Welt konzipiert, in der und mit der kontinuierlich Interaktionsprozesse stattfinden“ (S. 366). Dies mag eine Schlussfolgerung aus den mannigfaltigen Einblicken in das Material sein, ist aber eine zumindest sehr vorsichtige. Ähnlich wie: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Konstruktcharakter von Übersetzung von einem Kulturkonzept ausgeht, das die aus kultureller Begegnung resultierenden vielschichtigen Prozesse von Bedeutungskonstituierungen und Neukontextualisierungen berücksichtigt“ (S. 376). Übersetzungen, die kulturelle Bedeutungen herstellen, oder ein Kulturkonzept, das Neukontextualisierungen berücksichtigt, das sind nicht die eigentlich neuen Ideen dieser Arbeit. Und wenn es heißt, der „wechselseitige, dialogische, polyphone und interaktionsbetonte Charakter von Übersetzung konstruiert die ‚empfangende‘ Kultur stets mit“ (S. 377), so drängen sich genau hier noch spannende Fragen auf: Was für eine Art von Einheit ist denn dann diese „empfangende“ Kultur innerhalb des vorgeschlagenen soziologischen Modells? Und zeigt sich darin auch, dass unsere Begriffe von Kultur sehr unscharf sind und weiterhin drohen, in nationale Festschreibungen abzurutschen?

 

Wie sinnvoll die vorgeschlagenen Typen und Modelle für die weitere soziologische Übersetzungsforschung sind, vermag ich nicht abschließend zu bewerten. Das Buch ist aber beeindruckend und lehrreich in seiner Breite und durch die aufgearbeiteten Materialien. Es macht dem Leser sehr deutlich, dass Kulturen erstens auf Aushandlungsprozessen basieren, und zweitens, wie wenig selbstverständlich eine monosprachliche Realität ist, die sich heute viele Menschen in Europa als Normalität zu wünschen scheinen. Nicht zuletzt ist das Buch eine Anregung, weiter danach zu fragen, wie und warum sich in bestimmten gesellschaftlichen Situationen nationale oder soziale politische Kämpfe in sprachpolitischen Forderungen ausdrücken.

 

 

Michaela Wolf: Die vielsprachige Seele Kakaniens: Übersetzen und Dolmetschen in der Habsburgermonarchie 1848 bis 1918. Wien: Böhlau, 2012, 439 S.


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