Es schreibt: Ingeborg Fialová-Fürstová

(2. 8. 2017)

Während der ersten Begegnung und Beschäftigung mit dem Werk Johannes Urzidils in meiner Studienzeit bin ich immer wieder auch auf den Namen seiner Gattin Gertrude, geborene Thieberger, der Tochter des Prager Rabbiners Karl Thieberger und Schwester des Religionsphilosophen Friedrich Thieberger gestoßen. Ende der 80er trat Joseph Peter Strelka (einer der großen Kenner des österreichischen Exils in den USA) mit der Frage an mich heran, ob ich nicht Gertrude Urzidils verstreute, einzeln publizierte oder nachgelassene Gedichte edieren möchte. Erst das Buch von Christiana Puschak und Jürgen KrämerEin Herzstück blieb in Prag zurück. In Amerika leb ich auf Reisen“ – Ein Lebensbild der Dichterin Gertrude Urzidil (1898–1977) zwischen Prag und New York (Wien: Praesens Verlag, 2016) erinnerte mich wieder an dieses Gespräch und überzeugte mich zugleich, dass es gut war, dass damals nichts daraus wurde, insofern die jetzt vorliegende Form der Würdigung wohl besser, nachhaltiger, abgerundeter ist als die Herausgabe eines vereinzelten Gedichtbändchens (obwohl sich die Dichterin dies selbst scheinbar sehnlich gewünscht hat, wie etwa aus der hier belegten ihrer Korrespondenz mit Mimi Grossberg herauszulesen ist).

 

Besser als aus ihren Gedichten (die allerdings keinen Höhepunkt der Weltpoesie darstellen, wie sich der Leser selbst aus einzelnen hier – meist zu Illustration eines Erlebnisses, einer Lebensphase – abgedruckten Texten überzeugen kann) kann man in einer gewissenhaft erstellten Biographie die Persönlichkeit, die vielen Talente, Rollen und Schicksale dieser bemerkenswerten Frau kennen und würdigen lernen. Das Buch ist auch tatsächlich manchen guten Leistungen etwa der rororo Bild-Monographien des Rowohlt-Verlags vergleichbar. (Die kurzweilige und belehrende Lektüre des Bändchens aus der Bücherreihe des Praesens-Verlags Neue Ergebnisse der Frauenbiographieforschung wird lediglich durch das sehr unleserliche Schriftbild der Fußnoten erschwert.)

 

Die Autoren haben „die Methode der Narration“ (S. 9) gewählt, um Gertrude Urzidil „eine Referenz zu erweisen“ (S. 6) und „den Menschen in seinen Zeitverhältnissen dar[zu]stellen“ (S. 9), eine Methode, die einen gut lesbaren Text zeitigt und nur gelegentlich ins sprachlich Hochtrabende umschlägt. Formulierungen wie „sie dem Strom der Lethe zu entreißen“ (S. 8), „es begann […] eine regelrechte Liebesaffäre junger jüdischer Intellektueller mit den Ideen des Religionsphilosophen Martin Buber“ (S. 48), „erfuhren sie, was sie befürchtet, aber im Geheimen weggewünscht hatten, dass Oskar dem Irdischen für immer entglitten war“ (S. 128), u. a. m. klingen doch arg pathetisch. Und gelegentlich unterlaufen den Autoren literaturwissenschaftliche Unsauberkeiten, indem fiktionale Texte als zuverlässige biographische Quellen zitiert und benutzt werden (etwa wenn der – zugegeben: autobiographische – Erzähler in Johannes Urzidils Erzählung Der letzter Gast ohne weiteres mit dem Autor [S. 85] oder die fiktiven Hauptfiguren aus seinem Roman Das große Hallelujah mit den Eheleuten Urzidil identifiziert werden [S. 107]).

 

Doch dies sind nur marginale negative Begleiterscheinungen einer Methode, die das Leben eines Menschen fast zum Roman-Stoff machen will (und also dazu prädestiniert ist, die eigentlich nicht zu übertretende Grenze zwischen Fiktivem und Faktischem zu durchbrechen), wozu sich die bewegte Vita Gertrude Urzidils ja auch besonders gut eignet. Vor den Augen des Lesers, der sie bisher nur als Tochter, Schwester, Gattin und „Freundin bedeutender Männer“ kannte (wenn überhaupt), entfaltet sich ein reiches Lebensbild – von der Geburt im Rabbiner-Haus in Goltsch-Jenikau, über die Schuljahre in der Prager Deutschen Mädchen Volks- und Bürgerschule und dem Öffentlichen deutschen Mädchenlyceum (mit all den dazugehörigen „Tanzveranstaltungen, Singabenden und Theateraufführungen“, S. 23), das abgebrochene Studium an der Prager deutschen Universität, die mädchenhaften Freundschaften mit den Schwestern Max Brods, Franz Werfels, Willy Haas’, Franz Kafkas und dann endlich auch mit deren berühmten Brüdern, Gertruds Engagement im Klub jüdischer Frauen und Mädchen und für ostjüdische Flüchtlinge während des Ersten Weltkriegs, das Kennenlernen mit Johannes Urzidil „am 14. Juni 1918 im Café Arco“ (S. 64) – wo denn sonst? –, die ertrotzte Heirat mit diesem katholisch getauften „Halbjuden“ am 4. April 1922, die auf Jahre den Abbruch jeglichen Kontaktes zur Mutter und zum Bruder verursachte, die italienische Hochzeits- und Bildungsreise auf den Spuren Goethes, die erste Veröffentlichung Gertrude Urzdils in der Bohemia am 30. 1. 1927, bis hin zu den Seitensprüngen der Eheleute Urzidil (Trude Eger einerseits, Willy Haas andererseits), die die Ehe gefährdeten, aber doch nicht zerstörten, da die Gefahr einer viel tieferen, ja endgültigen Zerstörung heraufzog und die Eheleute wieder zusammenbrachte.

 

Am 30. 6. 1939 verließen die Urzidils „das besetzte Prag […] in allerletzter Minute“ (S. 102) und erreichten via Italien und England am 12. 2. 1941 die USA, ihr Heimatland für den Rest ihres Lebens. (Die Rückkehr nach Böhmen nach 1945 war für die Urzidils zwar immer ein sehnlicher Wunsch, doch sie wurde bewusst immer in den Bereich des Irrealen gestellt; vgl. S. 119.) Die Exilwege und die ersten recht harten Existenzerfahrungen in Amerika werden nur kurz skizziert – mit dem Hinweis auf deren häufige Bearbeitung in Johannes Urzidils Oeuvre –, desto mehr Platz wird den vielen Helfern, den ebenfalls vom Exulanten-Schicksal betroffenen Freunden und Korrespondenzpartnern gewidmet, die ab jetzt die neue Welt der Urzidils bevölkerten und bewohnbar gemacht haben.

 

Das vorletzte Kapitel der romanhaften Vita Gertrude Urzidils ist eng an die späten schriftstellerischen Erfolge ihres Mannes gebunden, da 1956 mit der Herausgabe seines Erzählbandes Die verlorene Geliebte „sein unaufhaltsamer Weg zu einem vielbeachteten Autor im deutschsprachigen Raum“ (S. 128) begann und das Leben der Eheleute sich danach zwischen ausgedehnten Europa-Lesereisen und Bergen von Korrespondenz, die dann nach der Rückkunft in New York auf sie warteten, bewegte. Das letzte Kapitel, sprechend mit „Weiterleben“ betitelt, berichtet dann von den sieben Jahren, die Gertrude Urzidil nach dem plötzlichen Tode ihres Mannes in Rom 1970 noch zur Verfügung standen, welche sie mit der Pflege sowohl seines Nachruhms als auch des Nachruhms der gesamten Prager deutschen Literatur auffüllte.

 

Nicht nur das Leben Gertrude Urzidils ist hiermit lückenlos – auch anhand von neu eingesehenen und ausgewerteten Quellen – festgehalten: Die gewissenhafte Vertiefung der Autoren in die Materie mündete u. a. in Korrekturen einiger tradierter Fehler und Ungenauigkeiten früherer Darstellungen (S. 17, 91: Thuneke, S. 30: Bauer, S. 102: sogar Trapp), führte aber leider nicht zur Erstellung einer kompletten Bibliographie der gedruckten und sich im Nachlass befindenden Werke Gertrude Urzidils, was eine missliche Unterlassung ist, da eine solche Bibliographie vielleicht zur weiteren Beschäftigung mit der Autorin führen könnte.

 

Dem eingangs formulierten Versprechen, „den Menschen in seinen Zeitverhältnissen dar[zu]stellen“ (S. 9), tragen Puschak und Krämer Rechnung, indem sie sowohl die Kulisse des deutsch-jüdisch-tschechischen Prags, als auch des multinationalen New York skizzieren und darüber hinaus immer wieder kurze Medaillons der nächsten Weggefährten der Urzidils einschalten (Friedrich Thieberger, Friedrich Adler, Robert Weltsch, Hedda Sauer, Ernst Sommer, Ludwig Winder, Winifred Ellerman-Bryher, Mimi Grossberg, Hertha Pauli u. a. m.), so dass ein wertvoller und darüber hinaus amüsant zu lesender, kleiner Beitrag zur Geschichte der Prager deutschen und der österreichischen Exil-Literatur entstand.

 

 

Christiana Puschak, Jürgen Krämer: „Ein Herzstück blieb in Prag zurück. In Amerika leb ich auf Reisen“ – Ein Lebensbild. Die Dichterin Gertrude Urzidil (1898–1977) zwischen Prag und New York. Wien: Praesens Verlag, 2016, 198 S.


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