Tilman Kasten und Václav Petrbok zum Otokar-Fischer-Preis

(12. 7. 2017)

Im ersten Jahr seiner Vergabe geht der Otokar-Fischer-Preis an Tilman Kasten für sein Buch über die Wallensteinromane von Alfred Döblin und Jaroslav Durych (Historismuskritik versus Heilsgeschichte, Böhlau 2016). Der Preis wurde gemeinsam mit dem F. X. Šalda-Preis feierlich am Donnerstag, dem 29. Juni 2017 im Kampa-Museum Prag verliehen. Wir veröffentlichen hier Tilman Kastens Dankesrede mit kurzen Ausschnitten aus seinem Buch sowie die Laudatio, die der Verfasser Václav Petrbok selbst vorgetragen hat. Weitere Informationen zu der mit dem Otokar-Fischer-Preis ausgezeichneten Arbeit unter www.ipsl.cz/ofp.

 

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Tilman Kasten zu und aus seinem Buch

 

Sehr geehrte Juroren,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

es ist mir eine Freude, heute den Otokar-Fischer-Preis für meine Arbeit entgegennehmen zu dürfen. Diese ist „nur“ eine Untersuchung zweier Romane; gewissermaßen eine literaturgeschichtliche Fallstudie. Im Unterschied zu den experimentell arbeitenden Wissenschaften kann diese natürlich keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben; dass sie auf die zukünftige Erforschung der tschechisch-deutschen Literaturbeziehungen befruchtend wirkt, hoffe ich gleichwohl. Anhand einer kurzen Passage über die Geschichte der deutschen Übersetzung von Durychs Bloudění möchte ich verdeutlichen, worin ein möglicher Beitrag unter anderen bestehen könnte.

 

„Bereits 1927, also schon zwei Jahre vor der Publikation des tschechischen Originals, hatte Pavel/Paul Eisner die Initiative für eine Übersetzung ergriffen. Die Übersetzung erschien im Herbst des Jahres 1933 im Münchner Piper Verlag in einer Auflage von 4.000 Exemplaren. Ihr folgte im Jahr 1934 die Übersetzung der kleineren Trilogie Die Kartause von Walditz. Beide Übersetzungen waren Produkt der unermüdlichen Vermittlungsbemühen Pavel/Paul Eisners und keine gewöhnlichen Auftragsarbeiten. Sein Interesse an Durychs Roman […] geht weit über die Fertigstellung der Übersetzung hinaus und zeugt von einer starken Identifikation mit dem Text. […] Auf Verlagsseite traf Eisner u.a. auf den aus Böhmen stammenden jüdischen Teilhaber Robert Freund (1886–1952), der sich seit 1926 im Piper Verlag engagierte […]. Freund nutzte seine Kontakte in die Tschechoslowakei um dem Verlag und Durychs Text auch zu Ansehen zu verhelfen“ (S. 380–381).

 

Eisner verband mit seiner Übersetzung von Beginn an große Hoffnungen. So sah er im historischen Roman des katholischen Schriftstellers Durych eine Alternative zu der von ihm als rationalistisch kritisierten Werke eines Jaroslav Hašeks oder eines Karel Čapeks. Diese prägten Eisners Ansicht nach das Bild der tschechischen Literatur in Deutschland, und damit der tschechischen Nation insgesamt. Mit seinem „Anti-Švejk“ wollte Eisner einen übersetzungsliterarischen Gegenkanon initiieren, der dem Ausland ein anderes, nämlich spiritualisiertes Bild der tschechischen nationalen Identität vermitteln sollte.

Die Geschichte des deutschen Durych-Roman führt also mitten hinein in die Debatten um die Identitätsproblematik des sowohl deutsch- als auch tschechischsprachigen Prager Juden Pavel/Paul Eisner. Doch nicht nur das: Sie berührt auch die damalige Literatur- und Kulturpolitik, die Diskurse über Literaturvermittlung und -übersetzung.

 

Als die Übersetzung dann im Herbst 1933 unter dem Titel Friedland. Ein Wallenstein-Roman im Münchener Piper Verlag erschien, wurde sie von so manchem Kritiker gar nicht als Übersetzung aus dem Tschechischen wahrgenommen. Der Teil der deutschen Kritik, der keine Kenntnisse der tschechischen Literatur besaß, konnte den Text kaum einordnen. Warum war dies der Fall? Noch einmal darf ich aus meinem Buch zitieren:

 

„Nur angedeutet werden kann an dieser Stelle, dass sich der gesellschaftliche und politische Kontext gleich in mehrfacher Hinsicht auf die Gestalt des Buches auswirkte. So verwendete Eisner etwa konsequent die deutschen Pendants der Namen der fiktiven Protagonisten (Angelika und Georg), er strich mehrere Kapitel, in denen vorrangig Aspekte der tschechischen Geschichte sowie die Kritik am Klerus im Mittelpunkt stehen […]. Schließlich manifestiert sich im Titel Friedland – Ein Wallenstein-Roman eine am deutschen Buchmarkt orientierte Modifikation, da auf diese Weise der Bezug zum ,deutschen‘ Wallenstein-Stoff in den Vordergrund gestellt wird. Dementsprechend warb auch der Verlag mit der besonders farbigen Gestaltung der Ereignisse, ‚die auf deutschem Boden spielen‘. Außerdem ist dem Buch an keiner Stelle zu entnehmen, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Tschechischen handelt. Eisner musste sich aufgrund seiner jüdischen Herkunft hinter dem Pseudonym Marius Hartmann-Wagner verbergen“ (S. 382–383).

 

Vergleicht man die Gestalt und die Rezeption des Friedland mit Eisners Vermittlungsintentionen, so muss man ihm wohl ein Scheitern attestieren. Tatsächlich: Eisners bzw. Durychs „Antišvejk“ konnte Hašeks Roman nicht vom deutschen Buchmarkt verdrängen – denken wir nur an die 2014 erschienene Neuübersetzung des Švejk. Während dessen Vermittlung einer (scheinbar) geraden Trasse bis in unsere Gegenwart folgt, steht Eisners Friedland aus unserer heutigen Perspektive auf einem „toten Gleis“.

 

Versetzen wir uns aber in die Situation Eisners, sagen wir, im Jahr 1929, so wird uns klarer, dass die damalige Situation offen, voller Möglichkeiten war; oder allgemeiner: dass auch Literaturgeschichte keine Abfolge von Notwendigkeiten ist. Nun muss man nicht gleich eine spekulieren, „was wäre geschehen, wenn“. Lehrreich ist es bereits, wenn man sich der Vielzahl der Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten widmet, die sich für die an einer Situation Beteiligten ergaben. Vor deren Hintergrund lässt sich dann nämlich das tatsächlich so Gewordene besser verstehen. Denn, so der Historiker Alexander Demandt: „Das Bild des Möglichen bestimmt die Gestalt des Wirklichen.“ Und so hoffe ich, dass die Geschichte des Friedland, gerade weil sie auf ein „totes Gleis“ führt, ein Licht auf breitere Teile der damaligen tschechisch-deutschen Literaturbeziehungen zu werfen vermag. Man könnte jetzt weiterfragen: Was können wir aus der Geschichte eines zumindest partiellen Scheiterns in Bezug auf die (uns notwendigerweise bekannteren) Vermittlungserfolge lernen?

 

Statt Antworten auf diese und weitere mögliche Fragen zu entwickeln, möchte ich schließen. Ich schließe mit einem Dank für Ihre Aufmerksamkeit sowie für die große Ehre, die mir in Form des Otokar-Fischer-Preises zuteilwird. Mein Dank fällt umso herzlicher aus, als ich ihn in dem Bewusstsein formuliere, dass die Geschichte meiner Arbeit so, oder aber eben auch ganz anders hätte verlaufen können.

 

 

Václav Petrbok über Tilman Kasten

 

Lieber Tilman, liebe Kateřina, sehr geehrte Damen und Herren,

 

dafür, dass wir uns heute, als das zusammengewürfelte „Pack“, das wir sind, zur Vergabe des Otokar-Fischer-Preises getroffen haben, müssten wir einer schier allgegenwärtigen „Frau ohne Gesicht“ dankbar sein – die wir doch alle kennen. Ihre Stimme spricht zu uns in den Prager Trambahnen und Bussen... und nicht nur dort, zum Beispiel auch auf den tschechischen Postämtern: auch die Durchsagen für Blinde stammen von ihr. Wer ist sie? Dagmar Hazdrová, die sich im Tschechoslowakischen Rundfunk, im Studio von Hradec Králové, an den Ausstrahlungen gegen die Besatzer im August 1968 beteiligte. Nachdem das Prager Rundfunkstudio geschlossen worden war, war eben jenes Königgrätzer Studio dank Radio Free Europe, das damals in München saß und ihm einen Sendeplatz und Ausstrahlungsfrequenzen bereitstellte, noch in Betrieb. Für diese Weitergabe von Informationen über das aktuelle Geschehen jener Augusttage musste Frau Hazdrová weitere 20 Jahre Pullover stricken und unter falschem Namen technische Dokumentationen übersetzen. „Nie zuvor habe ich allerdings so viele liebenswürdige, anständige Menschen getroffen“, fügt sie hinzu.

 

Und gerade der laut jubilierende Ausruf der Haltestelle „Svatoplukova“ aus dem Mund jener Dame verzauberte vor nunmehr wohl 16 Jahren unseren heutigen Preisträger. Es handelt sich um eine vielgenutzte Tramhaltestelle unter der Nusle-Brücke, umgeben von weiteren nach Fürsten benannten Straßen, Fürsten, real oder aus der Sage, aus böhmischen wie mährischen Landen. Dort befand sich ein Hotel, vorübergehendes Domizil einer Gruppe Erfurter Studenten, die in Prag auf Studienreise verweilten. Sva-to-plu-ko-va. Und dabei ist Tschechisch doch angeblich eine Sprache voller Dissonanzen! Liegt es an der wiederholten Silbe -va- am Anfang und am Ende dieses klingenden slavischen Namens? Und über die Sprache, ihre Melodie, ihren Tonfall, womöglich auch die Etymologie – Pavel Eisner, hörst du? – kam es zur Annäherung zwischen dem Studenten und der Stadt und ihren Menschen. Und der Kultur, der gegenwärtigen wie der vergangenen. Tilman Kasten kam aus Thüringen ins Zentrum Vorderösterreichs, zu seiner zukünftigen Frau Amelie, und dies auch, weil die Dinge mit größerem Abstand stärker zu fesseln vermögen. Die Neigung sowie den Vorsatz, über deutsch-tschechische Kulturbegegnungen, auch die verfehlten, zu schreiben, hatte er schon im Gepäck. Unwillkürlich tauchte auch eine bis dahin kaum je erwähnte Familiengeschichte auf, und zwar die Jahre, welche seine Großmutter im Krieg und davor in Mährisch Trübau verlebt hatte. Oder Moravská Třebová, wenn Sie mögen. Jene Jahre und die anschließende Vertreibung. Dieser weitere Aspekt hat Tilmans Interesse an tschechischen Angelegenheiten gleichfalls stimuliert, während auf der anderen Seite sein allmähliches Durchdringen der tschechischen Sprache und Literatur ihm half, auch das Umfeld seiner deutschsprachigen Vorfahren zu verstehen, unserer ehemaligen Landsleute. Also auch einen Teil von sich selbst...

 

Tilmans Neigung, seine Vorsätze und Bemühungen blieben, sie haben überdauert und ich bin überzeugt, dass sie auch trotz nicht geringer Hindernisse weiterhin bestehen werden. Davon zeugt auch die heute ausgezeichnete Dissertation, ebenfalls eine Erzählung vom heroischen (und in Teilen tragikomischen oder paradoxen) Versuch, einen Einklang zwischen der Autorenintention und ihren Übersetzern auf der einen Seite und den Wortführern einer literarischen und kulturellen Öffentlichkeit jener Zeit auf der anderen Seite zu finden.

 

Kritiker zu beiden Seiten der administrativen, sprachlichen, politischen, mentalen Grenze forderten eine immer noch deutlichere, heroischere, gewichtigere Auslegung von Werk, Mensch, Welt. Nur fand jeder das Heroische anderswo. Wie wäre es auch anders möglich gewesen, wo es doch „nur“ um die tschechische Geschichte und um ihre Aktualisierung in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einem deutsch-tschechischen Kontext ging? Überlegungen zum latenten oder tatsächlichen (kulturellen) Nicht-Verstehen, wiederum mit einem Anteil von Paradox beziehungsweise Ironie, lese ich, lieber Tilman, auch in deinen Studien über Božena Němcová und ihre positiv besetzten Slowakei-Bilder zur Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Oder in der tiefschürfenden kulturhistorischen Analyse des Phänomens öffentlichen Schauringens in den 1950er Jahren mit den fast detektivischen Verwicklungen um den exotischen „Mann mit der Maske“, dem ehemaligen tschechischen Faschisten František Křivinka aus Brünn.

 

Wie wir sehen, ist die kulturelle Vermittlung und ihr Studium keine völlig unschuldige Angelegenheit und kann es nicht sein. Sie verlangt Geschmack, Konzentration, Ausdauer, fachliches wie gesellschaftliches Engagement. Und nicht wenig Empathie. Die Tätigkeit führt uns letzten Endes zu uns selbst, zur Erhellung der eigenen Position. Und jenes Zuhören, erst darauf folgend die Bereicherung – und sicherlich auch Ablehnung – der Gedanken jenes anderen, freien Menschen, mit dem ich allerdings nicht umgehen darf wie mit einer Sache – wie Martin Buber es bezeichnete. Es ist vonnöten, den Anderen anzusprechen und zu warten, was er mir selbst über sich sagt. Täuschen wir uns nicht – in unserem Fall geht es um eine neue, historische, kontextualisierte Lektüre, um einen Dialog mit allen, die der Prozess dessen, was wir Literaturtransfer nennen, betrifft: mit Autor, Übersetzer, Verlagsagent, Verleger, Kritiker, mit der Leserschaft und, wie ich bereits bemerkt habe, letztlich auch mit sich selbst, mit den eigenen Haltungen und Vorurteilen über andere und sich selbst...

 

Danke, Tilman, für die Möglichkeit zu dieser Introspektion, für den Blick von nebenan, den bekannten und doch anderen Blick. Ich glaube, wir können Dir nicht ausreichend danken für das Anzweifeln der vermeintlichen (Selbst)Gewissheit, wir sähen in diesen Dingen schon klar. Jener, nach dem der Preis benannt wurde, deren erster Träger Du bist, wusste das nur zu gut. So lesen wir in seinem Gedicht Kritik [Der Kritiker]:

 

Být rozprouděn jak řeka;

a klenout přes sebe most.

Být v prorvách doma i v horstvech;

a všude se tvářit jak host.

V poznatků sluje se vrývat;

a nemít na žádném dost.

A jedno jediné neznat:

blaseovanost.

 

[Im Fließen wie ein Fluss sein; / und über sich die Brücke wölben. / Zuhause sein in Klüften, im Gebirg; / und überall sich geben wie ein Gast. / Und in die Grotte der Erkenntnisse sich ritzen; / dabei genug von keiner haben. / Hierin ein einziges nicht kennen: /Blasiertheit.]

 

Ich gratuliere Dir und wünsche Dir und den Deinen alles Gute.

Und Ihnen, werte Anwesende, danke ich für die Aufmerksamkeit.

 

Übersetzung der Laudatio: Martin Mutschler

 


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