Es schreiben Libuše Heczková und Eva Jelínková

(7. 6. 2017)

Der F. X. Šalda- und der Otokar-Fischer-Preis 2017

 

Zum 21. Mal wird im Juni 2017 der F. X. Šalda-Preis für außergewöhnliche Publikationsleistungen auf dem Gebiet der tschechischen Kunstkritik verliehen. Die Geschichte des Preises und seiner 20 bisherigen PreisträgerInnen, zu denen u. a. Josef Vohryzek, Jiří Cieslar, Lubomír Dorůžka, Karel Kraus, Karel Thein, Zdeněk Vašíček, Jiří Opelík, Jiří Brabec, Hana Rousová, Milena Bartlová, Petr Rezek und Terezie Pokorná gehören, wird in Kürze in einer kleinen Ausstellung des Stiftungsfonds der F. X. Šalda-Gesellschaft vorgestellt werden, die im Gebäude der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität zugänglich ist (vgl. auch das tschechische Echo vom 29. 6. 2016).

 

Gemeinsam mit dem F. X. Šalda-Preis wird erstmals auch feierlich der Otokar-Fischer-Preis für deutsche BohemistInnen vergeben, der einen ähnlichen Wert auf „einen durchdringend tiefen Blick, auf Bewertungsgabe, die Fähigkeit ein Problem zu sehen und zu stellen, das Umschmelzen der Imagination, die Erhebung und Vergegenständlichung einer Stimmung“ legt (Otokar Fischer in Na rozhraní [Am Scheidepunkt], 1914). Der Preis gilt herausragenden Taten der auf Deutsch verfassten Bohemistik und umfasst die breiten Gebiete der tschechischen Literaturgeschichte, Sprachwissenschaft, Kunstgeschichte, Architektur, Theater, Musik oder Film. Eine besondere Aufmerksamkeit wird germanobohemistischen Arbeiten zuteil, welche die Beziehungen zwischen der tschechischen und der deutschen Kultur auf dem Gebiet der böhmischen Länder erforschen. Der Otokar-Fischer-Preis wird erstmals symbolisch im 150. Geburts- und 80. Sterbejahr F. X. Šaldas verliehen.

 

Die Jury des F. X. Šalda-Preises, Petra Ježková (Theatergeschichte und -kritik), Matěj Kratochvíl (Musikgeschichte und -kritik), Zdenka Kalnická (Philosophie), Martina Mašínová (Literatur und Verlagspraxis), Jana Pelouchová (für das gastgebende Kampa-Museum), Miloslav Topinka (Lyriker und Essayist) sowie Tomáš Winter (Kunstkritik und Kunstgeschichte) haben für das Jahr 2016 folgende Finalisten ausgewählt:

 

Ivan Klimeš: Kinematografie a stát v českých zemích 1895–1945 [Die Kinematografie und der Staat in den böhmischen Ländern 1895–1945]. Prag: Filozofická fakulta Univerzity Karlovy, 2016, 575 S.

 

Das Buch widmet sich der Beziehung von Film und tschechischer Staatsmacht, zeigt aber sehr klar auf, wie die tschechische Realität mit dem mitteleuropäischen Kontext in Verbindung stand. Es handelt sich hierbei nicht um eine zusammenhängende Monografie, sondern um kritische Einblicke in die Filmwelt, in der sich von Anfang an Technologie, Ökonomie, Politik, Unterhaltung und mitunter auch Kunst überschneiden. Das Buch setzt ein mit der Vorstellung der Gebrüder Lumière und der Čechoslavischen ethnographischen Ausstellung 1895, auf der Edisons Kinetoskop ausgestellt wurde, und endet mit der Verstaatlichung der Filmindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg. In mehreren Einblicken erklärt der Autor klar und gelehrt, wozu Film dienen konnte und weiterhin dient.

 

Lucie Merhautová:  Paralely a průniky. Česká literatura v časopisech německé moderny (1880–1910) [Parallelen und Überschneidungen. Die tschechische Literatur in den Zeitschriften der deutschen Moderne (1880–1910)]. Prag: Masarykův ústav a Archiv AV ČR, 2016, 480 S.

 

Das Buch verfolgt von Beginn der 1880er Jahre an bis in das Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg fünf deutsche Zeitschriften, deren Herausgeber und die Vermittler, die für sie über tschechische Literatur schrieben, sowie ihre Übersetzer und Übersetzerinnen. Die historische Auslegung wird ergänzt durch eine Anthologie von Artikeln zur tschechischen Literatur aus diesen Zeitschriften und darüber hinaus eine Bibliografie. Lucie Merhautová behandelt das  vielschichtige Problem der Vermittlung, ihr Buch handelt vom Transfer zwischen Sprachen, die in einem bestimmten historischen Moment unausgeglichen sind, die topografisch nebeneinander existieren und von denen eine gleichzeitig ihren Platz um ein Vielfaches überschreitet, während die andere mit dem Ort dieses historischen Gebiets auf fatale Weise verbunden ist. Das Buch erhellt die Stellung der sprachlich tschechischen Kultur innerhalb der deutschen Literatur und die Arten, diese Marginalisierung zu überwinden, auf der anderen Seite erhellt es die Entstehung einer neuen deutschen Kultur, der sogenannten Heimatkultur, in welcher die Zugehörigkeit zur tschechischen Region viel stärker akzentuiert war. Mehr dazu in dem E*forums-Beitrag vom 5. 4. 2017.

 

Kateřina Svatoňová: Mezi-obrazy: Mediální praktiky kameramana Jaroslava Kučery [Zwischen-Bilder. Die medialen Praktiken des Kameramanns Jaroslav Kučera]. Prag: Filozofická fakulta UK, Národní filmový archiv, MasterFilm 2016, 368 S.

Jaroslav Kučera ist bekannt als progressiver Kameramann, der die visuelle Gestalt einer ganzen Reihe tschechischer Filme begründete (u. a. Démanty noci, Sedmikrásky, Ovoce stromů rajských jíme, Všichni dobří rodáci oder Adéla ještě nevečeřela, Jáchyme, hoď ho do stroje) wie auch von Vorstellungen in der Laterna Magika (z. B. Odysseus). Das Buch von Kateřina Svatoňová gründet auf dem umfangreichen Nachlass, der es ihr ermöglichte, eine Monografie über die Profession des Kameramannes und zugleich über ein künstlerisches Experiment und ein Leben zur Zeit des Sozialismus zu verfassen. Das Buch erforscht das „Denken durch das Bild“, es nähert sich mit einem einheitlichen Blick dem fotografischen und filmischen Schaffen, den ästhetischen wie technologischen Aspekten von Kučeras Kamerapraktiken. Am Schnittpunkt dieser vielgestaltigen Blicke entsteht ein ungewöhnliches kritisches Portrait sowie mögliche Methoden, wie man die Eigentümlichkeit der Kunst und des Kamerahandwerks allgemein begreifen kann.

 

 

Die deutsch-tschechische Jury des Otokar-Fischer-Preises, die sich aus VertreterInnen deutscher Universitäten (Irina Wutsdorff, Alfrun Kliems, Marek Nekula, Martina Winkler) sowie aus VertreterInnen des ausrichtenden Instituts für Literaturforschung (Libuše Heczková, Eva Jelínková, Petr Málek, Václav Petrbok) zusammensetzt, nominierte für die engere Auswahl folgende Bücher:

 

Heftrich, Urs (Hg., Ü.) / Opelík, Jiří (Hg.): Josef Čapek: Gedichte aus dem KZ. Wuppertal: Arco 2015, 192 S.

 

Die Auswahl aus diesen 1942–1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen entstandenen Gedichten Josef Čapeks wurde für ein deutsches Publikum (in deutscher Übersetzung und faksimiliertem Original) von dem Heidelberger Slavisten Urs Heftrich in Zusammenarbeit mit Jiří Opelík besorgt. Die wertvolle Ausgabe gründet sich auf jenes Werk des anerkannten, aber in Deutschland wenig bekannten Autors, welches Literatur und Gedächtnis, Literatur als Inbegriff menschlichen Ringens um die Wiedergewinnung verlorener Werte berührt. Den mehr als 40 Gedichten (von den rund 120 erhaltenen) haben die Herausgeber Čapek-Briefe aus dem Konzentrationslager beigesellt, in denen der Autor seiner Frau in Chiffren von seiner innerlich befreienden Arbeit an den Gedichten berichtet. Für die deutsche Ausgabe, die von einem literaturhistorischen Nachwort Jiří Opelíks begleitet wird, zeichnet der bedeutende deutsche Bohemist, Herausgeber und Übersetzer tschechischer Literatur Urs Heftrich verantwortlich. Vgl. das tschechische Echo vom 9. 12. 2015.

 

Kasten, Tilman: Historismuskritik versus Heilsgeschichte – Die Wallenstein-Romane von Alfred Döblin und Jaroslav Durych . Köln / Weimar / Wien: Böhlau, 2016 (Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 11), 492 S.

 

Der Wallenstein-Stoff war Grundlage einer beträchtlichen Menge literarischer Texte, Tilman Kastens Buch beschränkt sich jedoch mit gutem Grund auf zwei von ihnen: Alfred Döblins Wallenstein sowie Jaroslav Durychs Bloudění (auf Deutsch unter dem Titel Friedland) wurden fast zur selben Zeit (1920 bzw. 1929) veröffentlicht und in Deutschland und der Tschechoslowakei in Beziehung zueinander rezipiert (zumal wurden beide kurz nach Erscheinen in die jeweils andere Sprache übersetzt). In ihrer Behandlung der Figur des böhmischen Adligen und Feldherren Albrecht von Wallenstein sind beide Werke Ausdruck einer radikalen Absage an konventionelles historisches Erzählen. Während Durych seinen Text jedoch in das Genre des nationalen historischen Romans einreiht, betreibt Döblin eine radikale Dekontextualisierung. Durych bearbeitet den Stoff zudem mit einer sichtbaren Betonung auf dem Heilsgedanken. Die Dissertation des Slavisten und Germanisten Tilman Kasten zeigt, dass beide Bücher nicht nur Ausdruck einer parallelen, wenn auch verschiedenen Entwicklung des Literaturgenres des historischen Romans in der tschechischen und deutschen Literatur sind, sondern zugleich lässt sich an ihnen sehr fruchtbar die Rezeption im Rahmen des deutsch-tschechischen Literaturtransfers nachverfolgen.

 

Reitz, Evelyn: Discordia concors: kulturelle Differenzerfahrung und ästhetische Einheitsbildung in der Prager Kunst um 1600. Berlin / Boston, Mass.: De Gruyter 2015 (Ars et Scientia, Bd. 7), 644 S.

 

Die Dissertation der deutschen Kunsthistorikerin Evelyn Reitz nimmt die vielgestaltige und in ihrer Gesamtheit kaum greifbare rudolfinische Kunst aus der Perspektive kultureller Differenzerfahrung in den Blick, wie sie für den Künstlerkreis um den Hof Rudolfs II. in Prag um 1600 bezeichnend war. Das Thema der Monografie ist das durch Migration und Exil beeinflusste Schicksal einer elitären Gruppe von Künstlern, zu denen Joris Hoefnagel, Bartholomäus Spranger, Adriaen de Vries und Hans von Aachen gehörten: Das Konzept der kulturellen Verschiedenheit aus der postmodernen Kulturtheorie und Soziologie ermöglicht es der Autorin, den Einfluss der persönlichen Erfahrungen der Künstler auf die rudolfinische Kunst zu untersuchen. Sie eröffnet dabei bislang unbeachtete Aspekte der Entwicklung jenes Stils, Aspekte, die einerseits als Reaktion auf die Erfahrungen kultureller Verschiedenheit aufgefasst werden und zugleich als Ausdruck des Bemühens, die kulturellen und religiösen Unterschiede zu überwinden und ästhetische Einheit zu erreichen.

 

Übersetzung: Martin Mutschler


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