Es schreibt: Václav Smyčka

(24. 5. 2017)

Die Anfänge der tschechischen Germanobohemistik?

 

Die Tätigkeit tschechischer Institutionen, die sich mit den deutsch-tschechischen Literatur- und Kulturbeziehungen in Böhmen und Mähren beschäftigen, zeugt in den letzten Jahren vom wachsenden akademischen Interesse für dieses Thema. Es ist deshalb bezeichnend, dass dieses Forschungsfeld seine eigenen Anfänge in den Blick nimmt. Mit der umfangreichen Edition Arnošt Vilém Kraus (1859–1943) a počátky české germanobohemistiky vermittelt Václav Petrbok den heutigen Leserinnen und Lesern das Werk Arnošt Kraus’ und die Anfänge der tschechischen Germanobohemistik (Prag: Academia, 2016). Dass gerade Kraus, der erste germanistische Literaturwissenschaftler an der Prager tschechischen Universität, herausragender Mitgestalter des Kulturprogramms von Masaryks Realistischer Partei, unermüdlicher Verfechter des Tschechoslowakismus und Opfer des Nationalsozialismus, ein geeigneter Kandidat für den Ehrenplatz des Gründervaters ist, liegt auf der Hand. Wie steht es also um diese „Anfänge der tschechischen Germanobohemistik“?

 

Kraus, geprägt von der Berliner positivistischen Schule Wilhelm Scherers und dessen Kollege, begann seine Forscherkarriere mit dem traditionellen Studium der mittelalterlichen Dichter und der für die Höfe böhmischer Fürsten und Könige belegten Stoffe, später widmete er sich jedoch neuerer Literatur von der Wende zum 19. Jahrhundert. Eben diese Themen, Mittelalter und Aufklärung, betreffen die Texte, die Václav Petrbok im ersten Teil seiner Edition zugänglich macht. Wir finden hier Kraus’ frühe Arbeit zum alttschechischen Tandariuš und zu dessen deutschem Gegenstück Tandarios, eine Studie über den populären spätaufklärerischen Autor und Professor für Ästhetik an der Prager Universität August Gottlieb Meißner, eine einzigartige Fallstudie über die Entwicklung des Blaník-Mythos, einen Text über die kontroverse Person Alois Uhles, eine Studie über das älteste in Böhmen gesungene deutschsprachige Lied und ein Porträt des „deutschen Mácha“ Josef Emanuel Hilscher. Während in den Texten zum Mittelalter und zum Blaník-Mythos der in Berlin erworbene philologische Scharfsinn zutage tritt und die biografischen Beiträge zu Meißner und Hilscher seine historische Erudition beweisen, zeigt sich Kraus in der Studie über den unglücklichen Uhle und seine „Verwirrungen“ am deutlichsten als politisch engagierter Philosoph des masarykschen Realismus.

 

Gerade dieser Text ist ein Paradebeispiel für Kraus‘ Fähigkeit, sein Interesse an scheinbar entlegenen literaturgeschichtlichen Themen mit aktuellen Problemen zu verknüpfen. Uhle, der bekannte „kosmopolitische“ Antipode Josef Jungmanns in der Polemik um den Sinn nationaler Agitation und später selbst ein Aktivist der Wiedergeburtsbewegung, erscheint bei Kraus als Denker des prinzipiellen Paradoxons der „kleinen Nationen“, also der Frage, ob es sich lohne, sämtliche Anstrengungen auf ein national-emanzipatorisches Programm zu richten, oder ob es nicht vernünftiger sei, sich (in einer Fremdsprache) an der Entwicklung universalistischer Werte zu beteiligen. Im Geist eines realistischen Programms fordert Kraus Offenheit gegenüber solchen „ketzerischen Fragen“ und schlägt zugleich für seine Zeit einen Ausgleich von Machtgefällen durch die Zusammenarbeit zwischen mehreren „kleinen Nationen“ vor.

 

Im zweiten Teil, der literarischen Synthesen gewidmet ist, dominiert Kraus’ Abriss der Geschichte der deutschsprachigen Literatur Böhmens bis 1948, welcher 1933 im siebten Band der repräsentativen Československá vlastivěda [Tschechoslowakische Heimatkunde] erschien. Äußerte sich bereits in der Studie über den „ersten Philosoph des nationalen Selbstmords“ Uhle Kraus’ realistisches Programm, so tritt in dieser Synthese am deutlichsten seine staatsrechtliche Spielart zutage, die charakteristisch ist für die Gruppe von Masaryk-Anhängern um die „Burg“ in der Ersten Republik. Die Hauptachse von Kraus’ Text ist die Beziehung des jeweiligen Werks, Autors oder der literarischen Strömung zur tschechischen bzw. böhmischen Staatlichkeit. Auf diese Weise aktualisiert Kraus sogar die entlegensten Episoden der Geschichte der deutschsprachigen Literatur auf dem Gebiet der Tschechoslowakei und setzt sie implizit mit der zeitgenössischen Situation wachsender nationalistischer Konflikte in Beziehung. Während er solcherart in der Loyalität der mittelalterlichen Minnesänger zu den böhmischen Königen das Beispiel für eine angemessene Verbindung der kosmopolitischen deutschsprachigen Kultur mit den Interessen des „kleinen Staats“ sieht, stellt die Entwicklung der Reformation in Joachimsthal/Jáchymov zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die sich eher an das lutherische Meißen als an das hussitische Prag anlehnte, für Kraus das historische Pendant zur zeitgenössischen Illoyalität der deutschsprachigen Bevölkerung gegenüber dem tschechoslowakischen Staat dar. Kraus’ Vorschlag, die Joachimsthaler reformierte Kultur nicht als Bestandteil der deutschen Literatur Böhmens, sondern als fremdes Element zu betrachten, zeigt die Grenze dieses staatsrechtlichen Modells einer literaturgeschichtlichen Synthese auf.

 

Der Essay Německá literatura na půdě Československé republiky do roku 1848 [Deutsche Literatur auf dem Boden der Tschechoslowakei bis 1848] wird im letzten Teil der Edition passend ergänzt durch zwei kritische Rezensionen ähnlicher Versuche Josef Nadlers und Rudolf Wolkans. Während Kraus Nadlers Deutsche Geschichte auf dem böhmischen Boden vor allem wegen ihres unselbständigen Charakters und ihrer technischen Unzulänglichkeiten bemängelt – Nadler kompilierte seine Geschichte aus einschlägigen Passagen seiner eigenen Geschichte der gesamten deutschsprachigen Literatur –, so kritisiert er an Wolkans Studie sowohl faktografische Fehler wie auch das „koloniale“ Verständnis deutscher Kultur in Böhmen. Gerade in den polemischen und kritischen Texten kommen Kraus’ berüchtigte Ironie und sein Sarkasmus zum Tragen, seine Vorliebe für Zweideutigkeiten und nur halb ausgesprochene Anspielungen. Bezeichnend für den Wissenschaftler Kraus ist, dass dieser ironische Ton voller beiläufiger Verweise auf den zeitgenössischen Kontext auch in den Fachtexten nie ganz verstummt.

 

Dies ist ein Grund dafür, dass Kraus’ Texte für das heutige Lesepublikum außerordentlich anspruchsvoll sind. Petrbok hat sie deshalb mit detaillierten Anmerkungen und einem wertvollen Kommentar versehen – die auf Deutsch verfassten Texte sind übrigens im Original wie auch in tschechischer Übersetzung abgedruckt. Die Anmerkungen erläutern zum einen beiläufig erwähnte Autoren, Titel und Orte, zum andern entschlüsseln sie auch zahlreiche ironische Wendungen und witzige Anspielungen. Der Kommentar führt zudem neueste einschlägige Literatur an und würdigt diese teilweise auch kurz. An einigen Stellen weist Petrbok auf das positivere Bild gewisser Persönlichkeiten in der heutigen Literaturwissenschaft hin (beispielsweise Dambecks Ästhetik) und relativiert so Kraus’ schroffes Urteil. Ebenso wertvoll ist die einführende Studie, in welcher Petrbok nicht nur Kraus’ wissenschaftliche Laufbahn, sondern auch den Hintergrund seines Realismus und Tschechoslowakismus beleuchtet sowie die positivistische Ausrichtung und den ironischen und sarkastischen Schreibstil charakterisiert.

 

Petrbok erfüllt zwar damit die Pflichten des Herausgebers in höchstem Maße, dennoch würde man sich als wissbegieriger Leser wünschen, Kommentar und Anmerkungen möchten über den Anspruch der Texterklärung hinausgehen und den Versuch wagen, Kraus’ Thesen mehr im Zusammenhang zu sehen und damit auch die grundlegenden Grenzen seiner Position im zeitgenössischen Kontext aufzuzeigen. Einer Neubetrachtung könnte man manches unterziehen, sei es zum Beispiel der Widerspruch zwischen Kraus’ Apologie der tschechischen gegenüber der großdeutschen Position einerseits und seinem Bedauern über die Emanzipationsbewegung der Slowaken andererseits, seine Unfähigkeit eines eigenständigen literaturwissenschaftlichen Blicks auf die Entwicklung literarischer Quellen oder sein Unwillen, sich von dem ideologischen Blick eines Anhängers der böhmischen Staatsrechtstradition auf das Mittelalter und die geliebte Aufklärung zu lösen.

 

Konkret bin ich beispielsweise der Ansicht, dass man die Stilisierung zweier ausgesprochen heterogener Gruppen in die Rolle der konservativ-„österreichischen“ Richtung der Aufklärung – die „Seibtianer“ einerseits – und in die Rolle der progressiven, landespatriotischen und für die nationale Wiedergeburt entscheidenden Richtung – die „Bornianer“ andererseits – kritischer sehen muss, bezogen sich doch erstere viel eher auf das protestantische Sachsen und die Lausitz, wogegen sich letztere programmatisch (Voigt lobt an Sonnenfels, er habe das Licht der Aufklärung nach Böhmen gebracht) und biografisch viel eher an Wien orientierten, zumal im Falle Dobners und Voigts an einem relativ veralteten, frühaufklärerischen Verständnis von Geschichtswissenschaft.

 

Kraus’ Balanceakt zwischen der unmittelbaren politischen Instrumentalisierung und einem philologischen, zur Anhäufung disparater Fakten neigenden Zugang zeigt schließlich auch die Falle, in welche dieser „Anfang“ der tschechischen Germanobohemistik geriet und aus welcher er nicht mehr zu einer eigenständig poetologischen (formalistischen, strukturalistischen, phänomenologischen) oder soziologischen (bzw. marxistischen) literaturwissenschaftlichen Position finden konnte. Dass Kraus, der sich mit seinem ganzen Schaffen gegen die nationalistische Tradition der romantischen und idealistischen Literaturgeschichtsschreibung (auf tschechischer wie auf deutscher Seite) stellte, in der Darstellung des besagten historischen Feldes zu bewusster Fragmentierung und Nivellierung neigte, ist offensichtlich. Anders als Kraus’ ‚Bohemarius’ Uhle können wir uns jedoch fragen, ob er für das heldenhafte Bemühen, die nationalen Konflikte und mit ihnen das tschechische wie auch das deutsche romantische Modell von Literaturgeschichte zu überwinden, nicht einen zu großen Preis bezahlte, indem er kein eigenes, konzeptuell wirklich innovatives Modell von der Koexistenz der tschechischen und deutschen Literatur in den böhmischen Ländern entwickelte. Wie hätte Kraus’ ahistorisch veranlagter und gegenüber der Literatur oberflächlich gebliebener Tschechoslowakismus die Basis für eine Literaturgeschichte bieten können, die auch für die Deutschböhmen attraktiv gewesen wäre und einem Fachpublikum die Entwicklung ästhetischer Werte in der Zeit aufgezeigt hätte? Man kann sich freilich auch fragen, ob gerade Kraus’ fragmentierender, sozusagen konsequent positivistischer Zugang, der im Kern viel radikaler als bei Scherer ist und stellenweise in ein impressionistisch gestimmtes Verzeichnen isolierter Fakten übergeht, nicht doch Ansätze eines grundlegend neuen Verständnisses von Literaturgeschichte in sich birgt. Nähert sich Kraus nicht gerade in den Studien, die aus Collagen von Textfragmenten „trivialer Autoren“ bestehen und zuweilen an beiläufige Exzerpte erinnern, dem Verfahren eines Walter Benjamin in dessen berühmtem Passagen-Werk? Diese und ähnliche Fragestellungen würden vermutlich die Wirkung der herausgegebenen Texte verstärken, den Lesenden mehr Distanz verschaffen und Kraus’ Werk in einen größeren literaturwissenschaftlichen Kontext einordnen.

 

Übersetzung: Georg Escher

 

 

Václav Petrbok (Hg.) Arnošt Vilém Kraus (1859–1943) a počátky české germanobohemistiky. Praha: Academia, 2016 (Prameny k dějinám českého literárního dějepisectví, Bd. 6), 548 S.


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