Es schreibt: Lucie Antošíková

(12. 4. 2017)

Die Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren gehört noch immer zu den wenig erforschten Zeiträumen der tschechischen Literaturgeschichte. Die umfangreiche Studie NS-Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren, Konzepte, Praktiken, Reaktionen aus der Feder des Düsseldorfer Historikers Volker Mohn (Essen: Klartext, 2014) leistet hierzu einen wertvollen Beitrag, und dies insbesondere durch die Form ihrer Darstellung, die auf sorgfältiger Recherche einer Vielzahl deutscher wie tschechischer Quellen basiert.

 

Der erste Teil des voluminösen Bandes ist zunächst dem Kontext – der Kulturpolitik in den einzelnen Ländern des besetzten Europas – gewidmet, er skizziert in Grundzügen die tschechische Kulturlandschaft der Zwischenkriegszeit und befasst sich zudem mit der Definition (und Geschichte) der Begriffe „Kollaboration“ und „Widerstand“. Ist die Darstellung des tschechischen Kulturlebens in der Zwischenkriegszeit für tschechische Leser eher eine Zusammenfassung von allgemein Bekanntem (eine Ausnahme bildet hier vielleicht die Schilderung der deutsch-tschechischen Kulturbeziehungen vor dem Münchner Abkommen und höchstwahrscheinlich die Darstellung der offiziellen deutschen Perspektive), so ist sie dem deutschen Publikum sicherlich eine willkommene Einführung in die Thematik. Neue Erkenntnisse bietet ein Vergleich der Kulturpolitik in anderen besetzten Ländern mit der Situation im Protektorat. Dieser zeigt, dass das Vorgehen der Nazis im Protektorat von Anfang an eher an die nazistische Kulturpolitik in Norwegen, Dänemark und den Niederlanden erinnert als an die Kulturpolitik in den besetzten Gebieten Mittel- und Osteuropas. Während nämlich in west- und nordeuropäischen Ländern – um den Schein der Normalität zu wahren – finanzielle Mittel in die Förderung kultureller Ereignisse flossen, war die Kultur im besetzten Polen ähnlich wie seine Bewohner von Anfang an zur Vernichtung bestimmt.

 

Mohn arbeitet mit tschechischen wie deutschen Quellen, die er geschickt kombiniert. Sein Buch ist somit auch Lesern von Nutzen, die mit dem Thema schon besser vertraut sind. Im Anmerkungsapparat führt er allgemeine wie auch problembezogene Fachliteratur in beiden Sprachen an und verweist auf die unerschöpfliche Fülle an Archivmaterial. Er bietet dem Leser eine bis ins Detail verfolgbare Darstellung mit weiteren themenübergreifenden Exkursen. So verweist er zum Beispiel, wenn er über die nazistische Kulturpolitik in Norwegen spricht, nicht nur auf historische Quellen, sondern auch auf die Theatergeschichte und ergänzt dies mit zahlreichen interessanten kulturhistorischen Fakten.

 

Die Nutzung einer großen Zahl disparater Quellen ist allerdings gleichzeitig Mohns Schwachpunkt: Durch die detaillierte Aufarbeitung eines breiten Spektrums miteinander verquickter Themen wächst das Buch auf einen Umfang an, der für durchschnittliche Leser schwer verdaulich ist. Da helfen auch die regelmäßigen Zusammenfassungen wenig. Wissenschaftlich denkbar wäre hier eventuell auch eine mehrbändige Ausgabe gewesen – oder eine energischere Redaktion.

 

Der zweite Teil des Buches befasst sich direkt mit dem Forschungsgegenstand, der nazistischen Kulturpolitik. In sechs Kapiteln beschreibt Mohn die einzelnen Akteure, d. h. die deutschen und tschechischen Behörden und Institutionen mit der Kulturabteilung im Amt des Reichsprotektors an der Spitze, die ihnen zum Erreichen ihrer Ziele verfügbaren Mittel wie auch die entstehenden paradoxen Situationen und Hürden, welche die Besatzer in ihrem Streben nach Beherrschung des tschechischen Gebiets überwinden mussten. Die Mehrzahl dieser Hürden entsprang jedoch einem zugrundeliegenden politischen Interesse: Den Okkupanten war in erster Linie daran gelegen, dass im Protektorat Ruhe herrschte und die hiesige Produktion (insbesondere die Waffenindustrie) reibungslos weiterlief. Daher nahmen sie eine scheinbar autonome Verwaltung unter Führung einer tschechischen Regierung in Kauf und steckten so das Kräftefeld ab, in dem sich das Alltagsleben, einschließlich sämtlicher kultureller Ereignisse, abspielte. Die tschechischen Behörden wiederum deckten Äußerungen von Widerstand, verfolgten diese nur inkonsequent und setzten nicht alle bestehenden Anordnungen in die Tat um. Zudem bestanden Unklarheiten hinsichtlich der Kompetenzverteilung. Die dadurch herrschende Unsicherheit ließ Raum für eine relative Freiheit entstehen. Die Herausgabe eines bestimmten Buches, die konkrete Reaktion auf einen konkreten Protestakt des Publikums oder ein konkret verhängtes Strafmaß resultierten somit letztlich aus dem Konflikt zwischen dem von verschiedenen Seiten her Notwendigen, Gewollten und Möglichen. Der Autor verweist jedoch in seiner Darstellung immer wieder darauf, dass die Zeit des Protektorats in sich differenziert war und das Verhalten und Vorgehen der Besatzungsmacht gegenüber den Bewohnern des okkupierten Gebietes Brüche aufwies.

 

Ebenfalls Gegenstand des zweiten Teils sind die Aktivitäten im Exil und die Bemühungen, in das Geschehen im Protektorat einzugreifen (z. B. die Londoner Radiosendung Hovory s domovem [Gespräche mit der Heimat] oder die Herausgabe von Exilzeitschriften). Darüber hinaus versucht Mohn, ein Bild vom Verhalten des tschechischen Kulturpublikums zu zeichnen. Der am Ende stehende Verweis auf die enorm steigenden Einnahmen deutscher Eigentümer in der Filmindustrie wie auch auf den Einfluss der Propaganda revidiert den sonst üblichen Blick auf den „Widerstand des tschechischen Publikums durch den Besuch (tschechisch-) nationaler Kulturveranstaltungen“. Zu dem an dieser Stelle konstatierten Fakt, dass der antisemitische Film Jud Süß beim tschechischen Publikum ein Kassenschlager war, stellt Mohn jedoch z. B. keine weiteren Überlegungen an. In dieser Hinsicht hält er sich generell etwas zurück: Er registriert und belegt mit großer Genauigkeit Einzelheiten der Realität im Protektorat und lässt aus diesen ein Bild möglicher Beziehungen und Funktionsweisen entstehen, erlaubt sich jedoch keinerlei theoretische Erwägungen. Mohns „Geschichte über das Protektorat“ bleibt so trotz ihrer detaillierten Ausarbeitung in gewisser Weise fragmentarisch.

 

Der dritte Teil des Buches ist in vier Kapitel gegliedert: Literatur, Musik, Theater und Film. Wie Mohn selbst in der Einleitung zu diesem Teil schreibt, verfolgte die Okkupationsmacht in verschiedenen künstlerischen Bereichen unterschiedliche Ziele – gerade ein Vergleich der verschiedenen Überwachungs- und Lenkungsmaßnahmen kann daher die verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten und Lösungen der Akteure verdeutlichen (S. 213). War es für das Regime z. B. schwierig, das in Form von „Live“-Vorstellungen stattfindende Theater, das sich auf die Tradition des Nationalitätenkampfs stützte, vollständig zu kontrollieren, so boten Filmproduktionen Raum für Propaganda-Arbeit, und dies nicht nur mittels der genehmigten Filme, sondern auch durch die Ausstrahlung filmischer Wochenschauen. Die musikalische Produktion interessierte die Nazis als solche nicht besonders, ihr Prestige ließ sich jedoch nutzen. Die Literatur unterlag seit der Einsetzung August Ritter von Hoops 1940 in der Kulturabteilung der Regierung dessen strenger Kontrolle und seinem Bestreben, die Richtung der literarischen Entwicklung vorzugeben – und dies nicht nur im Sinne einer amtlichen Kontrolle, sondern auch, was den literarischen Geschmack betraf. Dazu bediente er sich verschiedenster Machtinstrumente, von Bibliotheksverordnungen, Papierzuteilungen, Zensureingriffen und Sanktionen bis hin zur Übernahme bedeutender Verlage. Die detaillierten Beschreibungen des Protektoratsalltags enthalten etliche dem tschechischen Publikum mehr oder minder geläufige Namen. Sind z. B. das Verhalten Jakub Demls, Jaroslav Durychs oder die Gründung der Gruppe 42 für tschechische Leser nichts Neues, so sind Person und Einfluss August Ritter von Hoops oder auch die Namen kollaborierender Dichter (Václav B., Jindra Cink, Zdeněk Dufek) im tschechischen kulturellen Gedächtnis kaum präsent. Jedes der vier Kapitel zu den einzelnen kulturellen Teilgebieten beginnt daher mit einem kontextualisierenden Überblick über das künstlerische Schaffen bis 1939, woraufhin in allen Kapiteln eine ähnliche Linie verfolgt wird: Art und Umfang der Kontrolle, die darauffolgende Reaktion der Künstler oder Institutionen, die Reaktion des Kulturpublikums und schließlich eine konkrete Fallstudie.

 

Diese bezieht sich im Theaterkapitel auf das deutschsprachige Theaterleben, im Falle der übrigen Kulturbereiche befasst sich Mohn mit bedeutenden Persönlichkeiten der damaligen Zeit – im Musikkapitel erzählt er die Geschichte Václav Talichs, des Dirigenten der Tschechischen Philharmonie, im Bereich Film schildert er die widersprüchliche Persönlichkeit des „Komikerkönigs“ Vlasta Burian, bezüglich der Literatur befasst er sich mit dem Schriftsteller František Kožík, Autor des Bestsellers Největší z pierotů [dt. Der größte der Pierrots]. Auch hier kann man von der zweisprachigen Kompetenz und den präzisen Recherchen des Wissenschaftlers profitieren. So belegt Mohn z. B. im Falle Kožíks, wie der schöpferische und erfolgreiche Schriftsteller sich während der sog. „Heydrichiade“ (den Vergeltungsmaßnahmen nach dem Attentat auf R. Heydrich) mit einem persönlichen Brief an den Protektoratsminister Emanuel Moravec wandte und sich daraufhin ein komplexes Netz der Kollaboration entspann, das seitens der Machthaber die Förderung von Kožíks Karriere (eine Stelle beim Prager Rundfunk) und im Gegenzug (in Form von Rundfunk-Sketchen) die Beteiligung Kožíks an der nazistischen Propaganda zur Folge hatte. – Eine öffentliche Benennung der Sowjetunion als dem Schuldigen des Massakers von Katyn habe Kožík allerdings nicht über sich gebracht. Mohn liefert darüber hinaus eine Interpretation der regimetreuen Initiative Kožíks, welche die Ausnahmesituation im Jahr 1942 wie auch die Persönlichkeitszüge des Schriftstellers berücksichtigt. (Angemerkt sei hier nur, dass speziell das Kapitel über Kožík eine tschechische Redaktion durchlaufen sollte.)

 

Mohns umfangreiches Buch basiert auf einer erfolgreich verteidigten Dissertation im Fach Geschichte, was sowohl seine Grenzen als auch seine Stärken bedingt. Die beachtlichen fast fünfhundert Textseiten, die präzise ein bislang unerforschtes Thema aufarbeiten, wie auch die beigefügten Register und nicht zuletzt das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis lassen die Publikation zu einem unentbehrlichen Bestandteil wissenschaftlicher Bibliotheken werden. Das unkomplizierte Deutsch und der Stil des Autors machen sie dabei auch (ausländischen) Lesern zugänglich, die sich an deutsche Klassiker im Original nicht heranwagen würden. Demnächst soll übrigens im Verlag Prostor auch eine tschechische Übersetzung erscheinen.

 

Übersetzung: Ilka Giertz

 

 

Volker Mohn: NS-Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren. Konzepte, Praktiken, Reaktionen. Essen: Klartext (= Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, 45), 2014, 512 S.


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