Es schrieb: Alfred Endler

(1. 3. 2017)

In seinem Buch Historismuskritik versus Heilsgeschichte über die Wallenstein-Romane Alfred Döblins und Jaroslav Durychs hat Tilman Kasten (in einer Fußnote, S. 336) unlängst auf Alfred Endler als einen der Interpreten von Döblins Roman verwiesen. Als Geburtsdatum und Geburtsort Endlers gibt Kasten – mit Bezug auf einen Artikel im Deutschen Literatur-Lexikon (Bd. 7, 2005, S. 448–449) – den 25. Juli 1897 in Reichenberg (Liberec) an.

 

Von Frühjahr 1919 bis in die Anfangsmonate des Jahres 1920 studierte Endler an der philosophischen Fakultät der Deutschen Universität Prag (wo er vor allem Germanistikvorlesungen bei Sauer und Lessiak besuchte). Als er ein Jahr darauf, im Frühjahr 1921, begann, literaturkritische Beiträge (und später auch Gedichte und Artikel zum Reichenberger Theatergeschehen) für die neu gegründete Prager Presse zu schreiben, war sein Name bereits mit dem Reichenberger Domizil assoziiert. Mehr als auf gründliche Argumentation setzte der Kritiker Endler auf die schillernde Wirkung flüchtig hingeworfener Thesen oder großzügiger, jedoch etwas oberflächlicher literarischer, bildkünstlerischer und historisch-philosophischer Vergleiche (so betont er z. B. das polemische Wesen der Kunst gegenüber der Macht des „bürgerlichen Rationalismus“ oder dem Anspruch der „Normalität“).

 

1922 nahm Otto Pick Endlers Prosa Die große Stille in seine Anthologie Deutsche Erzähler aus der Tschechoslowakei auf; 1923 erschienen Endlers Texte u. a. in dem Reichenberger Sammelband Der neue Roman (Red. Friedrich Jaksch) und in der Wiener Wochenschrift Die Muskete (der Essay Illustrationen). In den nachfolgenden Jahren schrieb Endler für die Prager Zeitschrift Die Wahrheit (hier erschien auch der „kleine Roman“ Piave), darüber hinaus arbeitete er als Rezensent mit der Redaktion des Prager Tagblattes zusammen.

Anfang September 1927 nahm der Intendant des Mannheimer Nationaltheaters Endlers Drama Demetrius Jakymovicz. Zwölf Bilder aus Österreich 1918 zur Inszenierung an. Im Zeitschriftenformat erschienen Auszüge aus seinem Stück Belsazar. „Der junge erfolgreiche Reichenberger Dramatiker“, wie Endler am 19. Oktober 1928 von einem Reporter der Reichenberger Zeitung betitelt wurde, war damals zudem durch seine Beiträge für den Berliner Börsen-Courier bekannt.

 

Im August 1935 offerierte Endler, der sich als einstiger Mitarbeiter des Berliner Tagblattes vorstellte, (von Reichenberg aus) dem Chefredakteur der Prager Presse Arne Laurin – angeblich in Absprache mit dem Berliner Legationsrat Camill Hoffmann – eine Sammlung von Artikeln und Kommentaren zur politischen Lage in Europa (diese sollten unter Pseudonym veröffentlicht werden; LA PNP, F. A. Laurin). Über Endlers weitere Laufbahn ist nur wenig bekannt: Das Deutsche Literatur-Lexikon führt als seinen Aufenthaltsort im Jahr 1945 Wiepersdorf bei Jüterborg an, 1947 erschien in Döblins Monatsschrift Das goldene Tor Endlers Text Dante als Emigrant.

 

Als Beispiel einer frühen literaturkritischen Arbeit Endlers veröffentlichen wir hier eine Rezension zu Paul Leppins Erzählband Das Paradies der Andern (Prager Presse 23. 4. 1921, Abendausgabe).

 

mt

 

 

Ein neues Buch von Paul Leppin

 

Eine bestimmte nerven- und sinnesphysiologische Artung beherrscht eine Kunstepoche, um in der nächsten ihren Platz an eine andere Weise und Intensität, an ein anderes Tempo der Reizbarkeit abzutreten. Der beständige Wechsel des gesellschaftlich gipfelnden Typus Mensch oder daher die unaufhörliche Neuprägung des Begriffes Niveau, nicht nur für den Grad, sondern ebenso für die Art des Könnens, der Wandel in den dominierenden Instinkten, Zielen und Bedürfnissen, der eine entsprechende Veränderlichkeit auch der Wertschätzungen bedingt: – dies ist der eigentliche Inhalt aller Kunstbetrachtung. Und ihre größten, am Ende unlösbaren Rätsel: die Übergangsformen.

 

Leppins Werk stellt eine solche dar. – Zwischen Décadence und Expressionismus. Wenn der Décadent „sehr“ vor das Adjektiv setzt, so ist dies weder Kalligraphie, noch Pose. Es ist einfache, sachliche Feststellung seines Gefühlsbetonungs-Grades, seiner Wahrnehmungs-Intensität. Er schreibt „sehr“, weil er sehr sieht, hört oder entzückt wird, oder verletzt. Dies ist die Definition des Décadent: ein Maximum an Senkung der Reizschwelle. Er sieht dort noch, wo andere nichts mehr sehen. Er wird dort betäubt, geblendet und übererregt, wo andere „normal“ wahrnehmen und gleichgültig bleiben. Sein „Lebensoptimum“ ist die gewählte, vom Standpunkte des „Normalen“ reizarme Umgebung, grundsätzliches Fernhalten aller erregenden, d. h. lebenswichtigen Sachinhalte und alles Groben, Plumpen und Grellen in der Form. Bis endlich die Wende eintritt vom Décadent zum expressionistischen Menschen, von der Willensschwäche zum Reizhunger, vom „Gartenglück“ zur Unterdrückung, aber dadurch Rettung des Herzens im Exzeß. „Die böse Sehnsucht nach den Schmerzen und dem Vergeuden des Lebens“ wird Tat. Worüber der Literatur-Bürger billig zwischen Grinsen und sittlicher Entrüstung oszillieren darf.

 

Leppin erreichte diesen Übergang zur spezifisch expressionistischen Einstellung schon 1905 im Daniel Jesus. Also lange vor deren erklärter Hegemonie. Der Vorahner der Heutigen konnte nicht Überbieter werden. Er blieb hier stehen. Eine Stärke, kein Zurückbleiben bedingt den konservativen Zug seiner Darstellungsziele: Selbstzweck des Formalen und Farblichen, doch ohne Verstümmlung des Gegebenen. Leppin ist der Whistler der Sprache. Nicht ihr Marc – wie Däubler. –

 

Dilletanten und Zettelkästner übersetzen „Technik“ unter allen Umständen mit „Mache“. Sie glauben einen Satz schon verstanden zu haben, wenn ihnen Bau und Wortschatz keine Schwierigkeiten mehr bieten. Und sie hatten diese rein grammatikalische Mitteilbarkeit für die allein mögliche und ehrliche. Der Philister versteht nicht mehr, wo er aufhört genau zu sehen – sagte Whistler. Die Erkenntnis ist leider noch immer nicht Gemeingut, daß auch in der Literatur ein rein Malerisches, Vokalistisches vom Literarischen zu unterscheiden ist. Daß man eine Dichtung nicht erfaßt hat, solange man in ihr lediglich den Bericht sieht.

 

Inhalt und Form sind häufig discrepant bei Leppin. Konflikte à la Bartsch stehen manchmal da. Aber sprachtechnisch ebenbürtig neben Vielem von Rilke oder Maeterlinck. Das Sujet darf nie als Vorwurf dienen. Nur Abstraktoren und Schematiker überschätzen Sachinhalte – gleichgültig ob sie von Korstens oder Pechstein, von Rom oder Assur herkommen! Das Sentimentale ist ebensowenig ein Einwand gegen Leppin wie das Kinohafte gegen Edschmid und Russolo. Denn nur am Banal-Hastigen, Zusammenhanglosen sind die Formprobleme des gesteigerten Tempos lösbar, weil sie nur hier überhaupt vorhanden sind. Das Feinste und Heimlichste steht notwendig hart neben offenbarem Stimmungs-Zirkus – wo wäre sein eigenstes Aroma ohne solche Nachbarschaft des Gegenstandes?! –

 

Der slavische Mensch ist Thema, die Empirie Dostojevskys. Aber vereinfacht aus Wille zur Form. Oft verkindlicht beinahe, an Vogeler-Worpswede anklingend. Dann jäh umschlagend: – Rops, Kubin. Daniel Jesus ist Watts‘ Mammon.

 

Kritik ist Unterscheidung. Man kann diese Ziele der Darstellung nicht überall bejahen. Das dazu verwendete Können – immer!

 

Übersetzung der Einleitung Ilka Giertz 


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