Es schreibt: Václav Smyčka

(1. 2. 2017)

Die moderne europäische Gesellschaft hat sich angewöhnt, ihren Ursprung in der Zeit der Aufklärung zu suchen. Michel Foucault fand darin die Wurzeln der dezentralisierten (Bio)Macht, Jürgen Habermas die Anfänge der kritischen Öffentlichkeit und Niklas Luhmann die Grundlagen einer funktional differenzierten Gesellschaft. Welches „Bild“ dieser Epoche bietet heute der Literaturhistoriker Steffen Martus, der Autor der beinahe tausendseitigen Monografie Aufklärung, das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild?

 

In erster Linie muss man sagen: ein farbenreiches, spannendes Bild. Martus komponiert seine Arbeit keineswegs nur als einen weiteren theoretischen Beitrag zum Thema, sondern als literarisch gelungene, fesselnde Schilderung einer Epoche. Er zeigt die Aufklärung anhand vieler kleiner Geschichten, die ineinander verflochten sind und sich wie in einem gut geschriebenen Roman ergänzen. Er schildert verschiedene Strategien im Streben nach Einfluss am Brandenburger Hof (S. 23–90), Auseinandersetzungen ehrgeiziger Professoren, pietistischer und lutherischer Geistlicher an den Universitäten in Halle und Leipzig (S. 92–154) wie auch Scharmützel des Stadtpatriziats in Hamburg um die Vorherrschaft in der Stadt und die Stellung in der Reichspolitik (S. 155–262). Detailliert verfolgt er die Laufbahn prominenter Schriftsteller und Philosophen wie Christian Wolff (S. 263–283) oder Johann Christoph Gottsched (S. 290–300), die verzwickte Vetternwirtschaft unter Gelehrten (S. 301–339) und die sog. „Radikalaufklärung“ jener Autoren, die aufgrund ihrer Ansichten mit den bestehenden Institutionen und der Öffentlichkeit in Konflikt gerieten (S. 400–461). Er nimmt aber auch solche Äußerungen der Aufklärung wahr, die mit der traditionellen Vorstellung der Geburt des modernen Rationalismus nicht im Einklang stehen. Er beschreibt esoterische Strömungen in der scheinbar rein empirischen Wissenschaft (S. 340–375), schildert die Entwicklung der Ästhetik, die die Schönheit im Inneren der menschlichen Psyche ansiedelt, und die Entdeckung der Tiefe sentimentaler Gefühle (S. 525–579) wie auch ihre Nutzbarmachung zur Mobilisierung breiter Volksmassen für Staatsinteressen (S. 580–762). Schrittweise dringt Martus bis zu der Erfahrungsseelenkunde vor, die ihre Aufmerksamkeit auf die am wenigsten rationalen Seiten des Menschen wie Verbrechen und Wahnsinn lenkte.

 

Martus bleibt jedoch nicht bei der Detailschilderung unzähliger Schicksale ehrgeiziger Hofdichter, verzankter Universitätsprofessoren und berechnender Reichsfürsten stehen. Der Wert seiner Arbeit liegt vor allem darin, dass es ihm gelungen ist, diese „kleine Geschichte“ mit einer ganzen Reihe grundsätzlicher theoretischer Thesen und allgemeinerer Aussagen sensibel zu verbinden, ohne die es wohl nicht möglich wäre, ein einheitliches „Bild“ der Epoche zu zeichnen. Unter der Oberfläche seiner dramatisch erzählten Geschichten verbergen sich die anspruchsvollsten theoretischen Ansätze, wie z. B. Luhmanns Systemtheorie, Foucaults Modelle der Geburt der Biomacht oder die Temporalisierung der Zeit, wie sie Reinhard Koselleck entwarf. Vor dem Hintergrund der Schilderung des höfischen Lebens im Königreich Preußen kann man ohne unnötige Ausführungen und Verweise das unauffällige Drama des Übergangs von einer stratifiziert differenzierten zu einer funktional differenzierten Gesellschaft (hauptsächlich S. 53, 206f.) sowie die Geburt der modernen Biomacht im Denken der brandenburgischen Hohenzollern (vor allem Kap. Politik der Newtonianer, S. 463–491) beobachten. Neben diesen „Klassikern“ stößt man aber auch auf zahlreiche Thesen Aleida Assmanns oder Jonathan I. Israels, die Martus seinen sorgfältig ausgewählten Geschichten elegant einverleibt.

 

Enthält Martus’ leicht geschriebenes Werk auch eigene Thesen, oder ist es lediglich eine handwerklich gut gemeisterte Sammlung kleinerer Geschichten, mit denen die theoretischen Konzeptionen seiner anerkannten Vorgänger illustriert werden? Vermittelt es dem Leser einen bestimmten spezifischen Blick auf die deutsche Aufklärung? Betrachtet man das Durcheinander der kleinen Geschichten, bemerkt man im Hintergrund eine relativ klare große Geschichte der Abkehr von der Tradition, die sich jedoch im Laufe des 18. Jahrhunderts immer mehr in eine Skepsis gegenüber menschlichen Fähigkeiten und der Möglichkeit, jene versprochene Befreiung erreichen zu können, verwandelte. Alle Bemühungen, den Menschen von seinen sozialen, religiösen und kulturellen Bedingungen zu emanzipieren, münden laut Martus im 18. Jahrhundert in die Enthüllung seiner noch größeren Abhängigkeit von der Tradition und seiner Unfähigkeit, mit ihr zu brechen. Paraphrasiert man mit Martus Kants bekannte Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung“, dann stellt diese einen Versuch dar, sich von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu befreien, die den Menschen jedoch zur Erkenntnis eines noch größeren Maßes an „Unmündigkeit“ führt, als er bis dahin überhaupt ahnen konnte.

 

Damit hängt Martus’ Skepsis gegenüber der Gesamteinheit und ideellen Transparenz der Aufklärung als eines sozialen und kulturellen Phänomens zusammen. Er lehnt die Vorstellung der Aufklärung als intellektuelles Projekt ab, das sich teleologisch von der „Unmündigkeit“ des Feudalismus zur modernen säkularisierten und rationalen Gesellschaft entwickelt habe. Im Gegenteil zeigt er die Aufklärung als ein fast ungewolltes Ergebnis der Auseinandersetzung vieler gegensätzlicher Interessen, die durch verfeindete Gesellschaftsgruppen artikuliert wurden. Nicht das Aufwachen und die Absicht der Aufklärer, sondern das Gleichgewicht blinder Konflikte führte zur Herausbildung eines modernen Staates, der Idee der Toleranz, aber auch eines modernen Buchmarktes, auf dem die unterschiedlichen Ansichten formuliert werden konnten, ohne dass ihr Konfliktpotenzial zu physischer Gewalt eskaliert wäre. Gerade Kant, der nicht nur die Befreiung des Menschen von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ verlangte, sondern auch diese grundlegende Rolle des gesellschaftlichen Konflikts – der „ungeselligen Geselligkeit“ – erkannte, wird von Martus die zentrale Position in seiner Arbeit beigemessen. Kant und den brandenburgischen Kurfürsten, den späteren preußischen König Friedrich III., mit dessen selbstbewusster Krönung in Königsberg im Jahre 1700 das Buch beginnt, erwählte Martus zu Hauptbegleitern seiner Ausführungen.

 

Deshalb überrascht es nicht, wenn Martus schon im Titel des Werks signalisiert, dass er vom „deutschen 18. Jahrhundert“ erzählt. Wie ist aber Martus’ Auffassung von „Deutschland“, das für ihn eine so gewichtige Rolle spielt, dass er es als Attribut der Epoche für den Titel seiner Arbeit wählt? Martus’ Geschichten stammen in überwiegender Mehrheit aus dem Umfeld der Berliner und Leipziger Gesellschaft oder vom Berliner oder Dresdner Hof, aus der Stadtverwaltung Hamburgs und dem Universitätsmilieu in Halle und Leipzig. Er unternimmt nur kurze Exkurse in das intellektuelle Umfeld Zürichs und ausnahmsweise die katholische Umgebung der fürstlichen Bischofsresidenz in Würzburg und des kaiserlichen Wiens. Das Deutschland, von dem Martus hier spricht, ist also vorwiegend protestantisch und sprachlich homogen. Es ist das Land der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichteten fortschrittlichen Universitäten, der entwickelten Staatsbürokratie und einer kritischen Öffentlichkeit, die schon am Anfang des 18. Jahrhunderts entstand. Dieser Blick zeigt uns jedoch nur einen Teil der um 1700 als „Deutschland“ bezeichneten Gebiete. Auf der Strecke bleiben weiträumige Gebiete des katholischen Südens und die Mehrheit des Habsburgerreiches, wo sich die von Martus beobachteten Gesellschaftsveränderungen mit deutlicher Verspätung erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchzusetzen begannen.

 

Martus spricht also auch nicht über jenen Teil der Habsburgermonarchie, der sich im 18. Jahrhundert oft selbst zu „Deutschland“ in der vagen damaligen Abgrenzung bekannte und die Leser der Echos wohl am meisten interessieren dürfte: die böhmischen Länder. Wollte Martus auch diese, damals als ein Teil „Deutschlands“ wahrgenommenen Gebiete in seine Ausführungen einschließen, könnte er den Schwerpunkt seiner Auslegungen nicht auf die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts legen, sondern müsste ihn um ein halbes Jahrhundert nach vorne schieben (Martus schließt mit der bereits erwähnten Antwort Kants auf die Frage „Was ist Aufklärung“). In seine Geschichten fand deshalb etwas unerwartet nur eine einzige Persönlichkeit aus den böhmischen Ländern Einlass – Christian Heinrich Spieß, Autor von Erzählungen über Wahnsinnige und Selbstmörder, der jedoch nicht im Kontext des spezifischen kulturellen Umfelds, in dem er schrieb (Prag und Bezděkov u Klatov / Besdiekau bei Klattau), erwähnt wird. So bleiben die Unterschiede zwischen dem katholischen und protestantischen Milieu, sowie die komplizierte ethnisch-sprachliche Problematik der Habsburgermonarchie außerhalb von Martus’ Interesse.

 

Abschließend kann man deshalb feststellen, dass Martus, obwohl es ihm gelingt, eine Reihe rückwirkender Projektionen modernistischer teleologischer Auslegung zu überwinden, bei der Wahl der Szenerie seines Erzählens weniger konsequent ist. Trotz dieser Verflachung des geografischen Rahmens halte ich seine Arbeit dank ihrer literarischen Qualitäten und der Fähigkeit, am konkreten Beispiel grundlegende theoretische Konzepte zu zeigen, für einen außerordentlich inspirierenden Text; er bietet ein wahres Leseerlebnis.

 

Übersetzung: Katka Ringesová

 

 

Steffen Martus: Aufklärung, das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild. Berlin: Rowohlt, 2015, 1033 S.


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