Es schreibt: Ladislav Futtera

(18. 1. 2017)

Ende 2015 gab die Regionale wissenschaftliche Bibliothek (Krajská vědecká knihovna) Liberec unter der editorischen Leitung von Marek Sekyra, Otokar Simm und (dem neu hinzugekommenen) Tomáš Cidlina den bereits vierten Band einer zweisprachigen Anthologie deutschsprachiger Schriftsteller aus dem Gebiet der heutigen Verwaltungsregion Liberec heraus. Nach dem Band Ještědské květy / Jeschkenblumen (Liberec: Krajská vědecká knihovna v Liberci, 2008), der sich auf Schriftsteller aus Liberec (Reichenberg) selbst beschränkte, den Jizerské květy / Iserblumen (2011), die auf Autoren aus der Umgebung von Jablonec (Gablonz) und Semily (Semil) ausgerichtet waren, und den Frýdlantské květy / Friedländer Blumen (2013) kam nun mit den Ploučnické květy / Polzenblumen (2015) der letzte Bezirk der Region Liberec, Česká Lípa, an die Reihe. Der Garten wird jedoch noch um eine Blumenart reicher: Aufgrund des umfangreichen Materials konnte in den Polzenblumen nur der südliche Teil des Bezirks von Mimoň (Niemes) über Česká Lípa (Böhmisch Leipa) bis Žandov (Sandau) berücksichtigt werden. Mit dem nördlichen Teil des Bezirks Česká Lípa wird sich der in Vorbereitung befindliche Band Lužické květy / Lausitzer Blumen befassen.

 

Es handelt sich also, wie man sieht, um ein langfristiges und umfangreiches Projekt. Umso mehr, als Biogramme der einzelnen Schriftsteller nebst Leseproben aus ihrem Werk in der Übersetzung Otokar Simms bereits in den Jahren 2004–2012 in der Zeitschrift Světlik, dem Bulletin der Liberecer Bibliothek, erschienen sind. Für die Buchausgabe wurden die Porträts überarbeitet, erweitert und um zusätzliche Textauszüge, um Bildmaterial, vor allem aber um eine deutschsprachige Version ergänzt. Neben der Vermittlung der Biogramme an ein nicht-tschechisches Lesepublikum bietet sich somit nun auch die Möglichkeit, die tschechische Übersetzung der literarischen Texte mit dem deutschen Original zu vergleichen. Diese zweisprachige Lektüre zahlt sich insbesondere im Falle der vielen im örtlichen Dialekt verfassten Textauszüge aus. Ein so umfassender Überblick über deutschsprachige Schriftsteller aus einer konkreten Region Böhmens ist wirklich einzigartig und vielleicht nur mit dem fortlaufend erweiterten Webprojekt Kohoutí kříž (‘s Hohnakreiz) vergleichbar, das sich mit deutschsprachigen Schriftstellern aus dem Böhmerwald befasst und von Jan Mareš von der Südböhmischen wissenschaftlichen Bibliothek (Jihočeská vědecká knihovna) České Budějovice geleitet wird.

 

Obschon deutschsprachigen Autoren aus der Region Liberec bislang keine detailliertere Aufmerksamkeit zuteilwurde, „wollen und können“ – wie Gregor Schröer, ehemaliger DAAD-Lektor an der Universität Liberec, in seinem Vorwort zu den Jeschkenblumen darlegt – „Marek Sekyra und Otokar Simm […] diese Lücke nicht schließen, sie sehen dieses Buch als eine bescheidene Materialbasis, die sehr heterogene Texte aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einbezieht. Gerade diese Heterogenität sollte ihrer Intention nach wahrgenommen werden. Die Anthologie Jeschkenblumen bleibt dabei ein Lesebuch, keine historisch-kritische Ausgabe zu den Werken und Autoren“ (S. 13–14). Dieser Intention werden die Autoren tatsächlich gerecht: Durch sämtliche Bände defiliert eine bunte Mischung aus äußerst produktiven Schriftstellern und längst vergessenen sporadischen Verseschmieden. So begegnen sich allein in den Polzenblumen der berühmte Dichter Hugo Salus, der Drehbuchautor Ludwig Nerz, der Liberecer Bürgermeister und Gelegenheitsdramatiker Karl Kostka, die Gräfin Christiane Thun-Hohenstein (deren Erzählungen um die Wende zum 20. Jh. auch ins Tschechische übersetzt wurden) und der umfangreiche Autorenkreis der Heimatkundezeitschrift Mitteilungen des Nordböhmischen Excursions-Clubs aus Česká Lípa. Die Konzeption der Ausgabe als Lesebuch regionaler Autoren wird zudem durch die Wahl der Textauszüge untermauert, in denen lokale Themen überwiegen.

 

Die Anthologie umfasst Informationen zu Autoren, die während des „langen“ 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrieben. Als klare, alle Bände abschließende Zäsur wurde das Jahr 1945 gewählt. Nur vereinzelt wurden auch Erinnerungstexte aufgenommen, die nach der Abschiebung der deutschen Bevölkerung entstanden sind. Eindeutige Bedingung für die Aufnahme eines Autors war jedoch, dass er bereits vor Ende des Zweiten Weltkriegs zu publizieren begann. Daher fehlt hier u. a. auch der sicher berühmteste Liberecer Schriftsteller Otfried Preußler. Preußlers Familie ist in der Anthologie überhaupt recht wenig präsent. Ein Porträt seines Vaters Josef Syrowatka wurde zwar, einschließlich einer Übersetzung des Gedichts Abschied vom Dörfchen, in der Zeitschrift Světlik 2/2006 gedruckt, in den Jeschkenblumen, wohin er seinem Wohnort nach gehören würde, ist er jedoch als einer der Autoren, „die sich durch ihr zugespitztes, antitschechisch orientiertes, nationalistisches Engagement diskreditiert haben“ (S. 22), nicht vertreten.

 

Wenngleich also einige interessante Namen unberücksichtigt bleiben, ist der Abschluss der Anthologie mit dem Jahr 1945 mehr als logisch. Kleine Zweifel weckt hingegen die regionale Beschränkung. Aufgrund der Ausrichtung der Liberecer Regionalbibliothek deckt sich das untersuchte Gebiet genau mit der heutigen Verwaltungsregion Liberec bzw. den in dieser enthaltenen Bezirken – was etwas anachronistisch ist. In den Iserblumen sind dadurch Schriftsteller aus dem Bezirk Jablonec, einem ehemaligen Kerngebiet deutscher Besiedlung, aber auch aus dem eher peripheren Bezirk Semily vertreten. (In dem betreffenden Kapitel begegnet uns zudem nur ein recht ungleiches Paar: die Dichterin und Übersetzerin aus dem Tschechischen Marie Kwaysserová, die aus Semily stammte, jedoch den Großteil ihres Lebens in Smržovka / Morchenstern bei Jablonec verbrachte, und Heinrich Möchel, ein Eisenbahnbeamter aus dem von der deutschen Besiedlung um Tanvald / Tannwald komplett isolierten Rokytnice nad Jizerou / Rochlitz an der Iser.) Über das Problem der Zuordnung eines Autors zu einer bestimmten Region ist sich auch Marek Sekyra bewusst, der bereits in der Zeitschrift Světlik 5/2005 auf die Schwierigkeiten der „Regionalität“ eines Schriftstellers hingewiesen hat. Positiv zu bewerten ist daher, dass die Herausgeber in den geplanten Band Lausitzer Blumen neben dem Gebiet um das nordböhmische Česká Lípa auch Teile der Mikroregion Šluknovsko (Schluckenauer Zipfel) und eventuell auch der Zittauer Gegend aufnehmen möchten.

 

Im Unterschied zu dem bereits genannten Webprojekt Kohoutí kříž / ‘s Hohnakreiz, das kontinuierlich um neue Autorenporträts erweitert wird, mussten Sekyra und Simm eine definitive Auswahl an Schriftstellern treffen (die in den nachfolgenden Bänden bestenfalls ergänzt wird). Der Band Jeschkenblumen umfasst dabei Autoren, die mindestens ein belletristisches Werk verfasst und mindestens ein eigenständiges Werk publiziert haben. In den nachfolgenden Bänden wurden diese klar definierten Kriterien gelockert und auch Autoren von Gelegenheitsgedichten oder Sammler von Sagen aufgenommen, die ihre Werke in Jahrbüchern, Almanachen und Zeitungen veröffentlichten. Grundlegendes Kriterium bei allen Schriftstellern war jedoch, dass sie ursprünglich aus der Stadt Liberec (Reichenberg) stammten. Die Friedländer Blumen enthalten Autoren aus dem restlichen Bezirk Liberec, wobei allerdings etliche in die Region zugezogene Schriftsteller fehlen. So z. B. der aus Tirol stammende, jedoch langjährig als Gymnasialprofessor in Liberec tätige Paul Rainer. Dieser huldigte seiner neuen Heimat 1930 mit dem Märchen Die Stadt an der Neiße, einem von Liberecer Realien schier überquellenden Text (der als Město nad Nisou / Die Stadt an der Neiße, Liberec: Bor, 2010, auch in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen ist). Und auch Karl Kostka, der letzte Zwischenkriegsbürgermeister der Stadt, ist – da in Mimoň (Niemes) bei Česká Lípa geboren – erst in den Polzenblumen präsent. In die Iserblumen wurde, vielleicht u. a. aufgrund ihres geringeren Umfangs, auch ein Kapitel mit nicht in der Region gebürtigen Autoren aufgenommen. Die nachfolgenden zwei Bände beschränken sich allerdings wieder auf Schriftsteller, die aus der jeweiligen Region stammen. Ein nützliches Hilfsmittel ist hier (zumindest für die Liberecer Gegend) abermals die Zeitschrift Světlik, die in knapper Form auch nicht in der Region geborene Autoren vorstellt. Es ist daher ein wenig bedauerlich, dass für die Buchausgabe vielleicht etwas zu einschränkende Kriterien gewählt wurden.

 

Als attraktivster Teil der Anthologie können sicherlich die Übersetzungen der belletristischen Texte gelten. Nicht wenige Autoren sind jedoch lediglich mit Biogrammen vertreten. Allein in den Polzenblumen ist bei 14 der insgesamt 46 Autoren keine Leseprobe angeführt. Marek Sekyra nennt die Gründe: Entweder habe man in keiner Bibliothek Werke der betreffenden Autoren gefunden oder es sei „nicht gelungen, die Werke von ausländischen Bibliotheken zu erwerben“, beziehungsweise der Autor werde zwar in der Sekundärliteratur „als Belletrist bezeichnet“, es sei jedoch „kein konkretes Werk bekannt“ (S. 8). Überraschenderweise sind den Herausgebern dabei offenbar die einheimischen Bibliotheken entgangen. So sind z. B. Exemplare der Brünner Dorfzeitung, die im Jahr 1900 in Fortsetzung die Erzählung Schwedenkreuz des Lehrers Josef Langhammer druckte, in der Wissenschaftlichen Bibliothek (Vědecká knihovna) Olomouc verfügbar. In der tschechischen Nationalbibliothek (Národní knihovna) wird die Zeitschrift Deutsche Arbeit aufbewahrt, in der Christiane Thun-Hohenstein ihre Gedichte veröffentlichte. Die Fonds dieser Bibliothek enthalten zudem eine Novellensammlung der Gräfin mit dem Titel Der neue Hauslehrer und andere Novellen. Weder Langhammer noch Thun-Hohenstein sind jedoch in den Polzenblumen mit Textauszügen präsent. Sekyra weist in allen Bänden darauf hin, dass die Anthologie in erster Linie unter Berücksichtigung des Sudetika-Fonds der heimatlichen Liberecer Bibliothek zusammengestellt wurde, was ganz und gar nicht mit der Behauptung korrespondiert, es sei unmöglich gewesen, bestimmte Werke zu beschaffen. Und so ist es vielleicht das Beste, auf den Einleitungstext der Jeschkenblumen zurückzukommen, in welchem die Herausgeber einräumen, dass eine tiefergehende prosopografische Recherche wie auch das Zusammentragen weiterer belletristischer Textauszüge eventuell eine Aufgabe für nachfolgende Forscher sei, „die sich dazu durch die Lektüre möglicherweise herausgefordert fühlen“ (S. 23). Abschließend sei jedoch gesagt, dass die Anthologie nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Bereicherung ist. Trotz einzelner kritischer Anmerkungen bieten nämlich sämtliche Blumen eine unerschöpfliche Skala sonst schon jahrzehntelang vergessener Farben und Düfte. Es handelt sich daher zweifellos um ein Projekt, das nicht nur im regionalen Maßstab Beachtung verdient.

 

Übersetzung: Ilka Giertz

 

 

Marek Sekyra – Otokar Simm: Ještědské květy. Antologie libereckých německy píšících autorů (19. století a 1. polovina 20. století) / Jeschkenblumen. Anthologie deutschsprachiger Autoren aus Reichenberg (19. Jahrhundert und 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts). Liberec: Krajská vědecká knihovna v Liberci, 2008, 216 S.

 

Marek Sekyra – Otokar Simm: Jizerské květy. Antologie německy píšících autorů z Jablonecka a Semilska (19. století a 1. polovina 20. století) / Iserblumen. Anthologie deutschsprachiger Autoren aus der Umgebung von Gablonz an der Neiße (Jablonec nad Nisou) und Semil (Semily) (19. Jahrhundert und 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts). Liberec: Krajská vědecká knihovna v Liberci, 2011, 192 S.

 

Marek Sekyra – Otokar Simm: Frýdlantské květy. Antologie německy píšících autorů z Frýdlantska a Liberecka (19. století a 1. polovina 20. století) / Friedländer Blumen. Anthologie deutschsprachiger Autoren aus Friedland, Reichenberg und Umgebung (19. Jahrhundert und 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts). Liberec: Krajská vědecká knihovna v Liberci, 2013, 224 S.

 

Marek Sekyra – Otokar Simm – Tomáš Cidlina: Ploučnické květy. Antologie německy píšících autorů z Českolipska (19. století a 1. polovina 20. století) / Polzenblumen. Anthologie deutschsprachiger Autoren aus Böhmisch Leipa und Umgebung (19. Jahrhundert und 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts). Liberec: Krajská vědecká knihovna v Liberci, 2015, 188 S.


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