Es schrieb: Leopold Silberstein

(25. 7. 2016)

Die folgende Passage über Masaryks Leipziger Universitätsschulung war ein Teil des Vortrags Die Verwirklichung der Philosophie in der Politik: T. G. Masaryk und Dr. Edvard Beneš, den der deutsche Philosoph, Soziologe und Literaturwissenschaftler jüdischer Herkunft Leopold Silberstein (28. 8. 1900 Berlin – 23. 7. 1941 Tartu) im Jahre 1936 während einer Vortragsreise durch das Baltikum und Finnland hielt. Silberstein gehörte zu den zahlreichen deutschen Intellektuellen im Exil, die nach 1933 in der Tschechoslowakei unter äußerst schwierigen legislativen und materiellen Bedingungen eine umfangreiche publizistische und fachliche Tätigkeit entfalteten und somit die intellektuelle und kulturelle Basis des tschechoslowakischen Umfelds erweiterten. Leben und Werk dieser heute fast unbekannten Persönlichkeit lassen sich dank Konrad Herrmann und seiner systematischen Forschung in tschechischen, estnischen und deutschen Archiven gut rekonstruieren – diese bildet die Grundlage der informativen Broschüre Leopold Silberstein – Ein Berliner Slawist (2014), der umfangreichen Monografie Leopold Silberstein. Slawist und Philosoph (2015) und schließlich des Bandes Kämpfende Vernunft: Leopold Silbersteins Vortragsreise 1936 (2014), welchem der abgedruckte Ausschnitt entstammt. Erwähnt werden muss auch Herrmanns Pflege des schriftlichen Nachlasses seiner Mutter Jenny, Leopold Silbersteins erster Frau. Neben der Herausgabe ihrer Dissertation über Mirabeau (2013) bereitete er auch ihre Memoiren (Jennys Leben, 2012) zum Druck vor, eine wichtige Quelle nicht nur der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik, sondern auch Prags unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

 

Leopold Silberstein wurde in Berlin in eine bürgerliche Familie (mit galizischen und polnischen Wurzeln) geboren und legte 1917 an dem angesehenen Kaiser-Friedrich-Gymnasium sein Abitur ab. An der Berliner Universität studierte er Philosophie, slawische (vor allem Russisch, Polnisch und Tschechisch) und baltische Sprachen sowie Geschichte und Kultur Russlands, 1922 wurde er durch die Verteidigung seiner Arbeit Černyševskij als Belletrist Doktor der Philosophie. Dank des Familienbesitzes konnte er als Privatgelehrter wirken, befasste sich mit russischer und polnischer Literatur und Folklore (eine ausführliche Bibliografie seiner Beiträge wird in der Monografie von 2015 auf S. 371–377 widergegeben) und veröffentlichte ungewöhnlich umfassende, aufgeklärte Rezensionen aus verschiedenen slawistischen Bereichen in führenden deutschen Zeitschriften. Ab 1929, als er am Ersten Internationalen Kongress der Slawisten in Prag teilnahm, nehmen auch seine Publikationen in der Slavischen bzw. Prager Rundschau zu. Von seiner Habilitation über die Entstehung der Tschechoslowakei, für die er auch in Prager Archiven geforscht hatte, konnte er jedoch lediglich den ersten, einer Analyse von Edvard Beneš' Memoiren gewidmeten Teil herausgeben.

 

Nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 ging er mit seiner Frau Jenny und der einjährigen Tochter in die Tschechoslowakei, im Sommer des gleichen Jahres war er gezwungen, den Familienbesitz in Berlin zu verkaufen. Da er wie andere Emigranten keine Arbeitsgenehmigung erhielt, war er in Prag auf Honorare für publizierte Rezensionen und Nachrichten angewiesen (regelmäßig informierte er z. B. über die Treffen des Prager Linguistischen Zirkels, der Literarisch-historischen Gesellschaft und über andere Vorträge in der Prager Presse, s. die Bibliografie in der oben aufgeführten Monografie auf S. 377–380), forschte jedoch weiter (Mitglieder des Prager Linguistischen Zirkels wurden er und seine Frau im Jahr 1936). Das thematische Verzeichnis seiner Publikationsaktivitäten ist breit gefächert – neben einer Studie zur philosophischen Terminologie im Tschechischen und einigen Beiträgen zur „Soziologie des Wissens“, die die Theorie Karl Mannheims auf die Kulturgeschichte anwandten, bildete sich immer stärker sein Interesse für politisch brisante Themen heraus wie z. B. in der umfangreichen Studie Vývoj rasových teorií (Entwicklung der Rassentheorien, 1937) und der Monografie Výstavba národnostní kultury v SSSR (Aufbau der Nationalitätskultur in der UdSSR, 1937, beide kamen auf Tschechisch im Prager Orbis-Verlag heraus). Den neuzeitlichen Antisemitismus deutete er dabei als vereinfachende Interpretation von Mendels Vererbungslehre kombiniert mit dem Absolutheitsanspruch der sozialen und kulturellen Unterschiede in der Bevölkerung.

 

Die permanente existenzielle Unsicherheit veranlasste Silberstein dazu, (mit Hilfe der Freunde Jan Opočenský und Otokar Fischer) das Auswärtige Amt um die Finanzierung einer Vortragsreise zu bitten. In dreizehn Vorträgen vom 5. 3. bis zum 4. 4. 1936 sprach er in Tartu, Tallinn und Helsinki vor einem relativ zahlreichen Publikum auch über den Rationalismus und Irrationalismus in der Philosophiegeschichte, die Frauenfrage oder die moderne tschechische Literatur. Einige dieser Vorträge, die einen deutlichen Ausdruck der Sympathie und Dankbarkeit eines überzeugten, demokratisch gesinnten Intellektuellen gegenüber dem Gastgeberland darstellen, erschienen ein Jahr später unter dem Titel Kämpfende Vernunft in Prag. Der Erfolg dieser Mission ermöglichte es ihm, sich an der Universität Tartu auf die Stelle des Lektors für „tschechoslowakische Sprache und Literatur“ zu bewerben, die er nach nicht unbedeutenden Hindernissen (er musste u. a. die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft beantragen) im Oktober 1937 bekam.

 

Neben den obligaten Tschechischkursen hielt er im estnischen Tartu Vorlesungen zur Geschichte der Tschechoslowakei, der Literaturkritik und der tschechischen Literatur. Nach der unbezahlten Ausübung dieser Stelle bis Oktober 1938 nahmen jedoch die innerpolitischen Ereignisse in der Tschechoslowakei rasch ihren Lauf – im November 1938 besuchte Silberstein noch einmal Prag (er traf u. a. den bereits kranken Karel Čapek), nach der Errichtung des Protektorats wurde im März 1939 die vorübergehend erfolgte Zahlung seines Gehalts eingestellt. Nach Kriegsausbruch ließ er sich aus Angst vor der Rassenverfolgung der Kinder von seiner Frau scheiden, unterhielt jedoch mit seiner Prager Familie auch weiterhin eine intensive Korrespondenz. Kurz darauf heiratete er die estnische Rechtsanwältin Malka Schliefstein. Wieder war er existenziell bedroht und auf Unterstützung seiner estnischen Freunde angewiesen (u. a. unterrichtete er deutsche Literatur am jüdischen Gymnasium in Tallinn). Nach der Besetzung Estlands durch die Rote Armee im Juni 1940 wurde er als Lehrer der russischen Sprache und Philosophie zurück an die Universität berufen. Nach dem erneuten Überfall Estlands, diesmal durch die deutsche Wehrmacht, wurde er nach einem formellen Verhör von Einheiten der estnischen SS und des Selbstschutzes ermordet.

 

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Die Verwirklichung der Philosophie in der Politik: T. G. Masaryk und Edvard Beneš

 

Masaryks Doktordissertation „Das Wesen der Seele bei Platon“ und seine Broschüre „Platon als Patriot“ bedeuten den Abschied Masaryks von der Welt des Altertums, deren Erhabenheit er sich bisher verbunden fühlte, die aber doch der unmittelbaren Aktualität entriet. Mehr und mehr fühlte er sich dazu getrieben, die brennenden Tagesfragen seiner eigenen Gegenwart unter die philosophische Lupe zu nehmen. Die Projizierung der Philosophie in die menschliche Gesellschaft und die Ableitung philosophischer Schlüsse aus konkreten sozialen Tatsachen – das ist die Aufgabe eines damals noch jungen Wissenschaftszweiges, der durch Auguste Comte den Namen Soziologie erhalten hat. Zur Erlangung der Habilitation an der Wiener Universität unterbreitete Masaryk der philosophischen Fakultät ein soziologisches Werk unter dem Titel „Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der modernen Civilisation“. Die erste Fassung dieser Schrift war ein Kind der Eile. Masaryk hatte seine guten Gründe dazu. Nach dem Doktorexamen hatte er nämlich sich für mehrere Monate in Leipzig – damals ein geistiges Zentrum ersten Ranges – niedergelassen, wo er u. a. mit dem ehrwürdigen Theoretiker des psychophysiologischen Parallelismus und des Panpsychismus, Gustav Theodor Fechner, ferner mit dem jungen Wilhelm Wundt und schließlich mit den Schöpfern der modernen protestantischen Theologie zusammentraf. Dort in Leipzig machte er nun auch die Bekanntschaft einer jungen Amerikanerin, Miss Charlie Garrigue, Musikerin von Beruf, die aber daneben eine hervorragende Begabung für mathematische Fragen und eine besonders lebhafte Anteilnahme an religiösen Problemen bekundete. Die Notwendigkeiten des in Aussicht gefaßten Ehestandes bildeten den Hauptgrund, weshalb Masaryk es mit der Habilitation so eilig hatte; Folge dieser Überstürzung war jedoch, daß er seine Schrift einer Umarbeitung unterziehen mußte. Das Endergebnis dieser doppelten Arbeit durfte er aber als reiche Entschädigung für die aufgewandte Mühe betrachten. Bis heute zählt dieses Buch von Masaryk zu den umfassendsten Untersuchungen des Selbstmordproblems; darüber hinaus aber können wir heute feststellen, daß es bereits alle seine späteren historiosophischen Konzeptionen in nuce vorgebildet enthält. Masaryk häuft die verschiedensten Methoden, um das beunruhigende Phänomen zu erklären und so gleichzeitig zu seinem Verschwinden beizutragen. Er untersucht die Faktoren Klima, Geschlecht, Nationalität, Jahreszeit. Den Mittelpunkt seiner Forschungsarbeit bildet aber das religiöse Problem. Ihn frappierte die Tatsache, daß die ausgesprochen katholischen Länder (die orthodoxe Kirche hier miteingerechnet) damals weit weniger Selbstmorde aufzuweisen hatten als die protestantischen. Nur diejenigen katholischen Länder, wo der Einfluß der Kirche im Abnehmen begriffen war, nämlich Frankreich und Österreich, machten von dieser Regel eine Ausnahme, während in protestantischen Ländern mit sehr lebendigem religiösen Bewußtsein wie z. B. Schottland die Ziffern wiederum günstiger waren. Masaryk gelangte also zu dem Schluß, daß die Schwächung der religiösen Bindung einen Ausfall an moralischer Festigkeit im Gefolge hat, welcher das Leben in häufigerem Maße als früher unerträglich erscheinen läßt. So zugänglich Masaryk für jede Errungenschaft der modernen Zivilisation war, so scharf ist die Kritik, der er sie in dieser Schrift unterwirft. Besonders beklagt er, daß sie ein Ansteigen der Halbbildung verursache, das er besonders in Deutschland wahrzunehmen glaubt. Diese Halbbildung bedeutet aber keine wirkliche Festigung des Menschen: sie steigert nur seinen Hochmut und macht ihn desto empfänglicher für den Rückschlag einer tödlichen Enttäuschung; wer noch fest in der Kirche verwurzelt ist, bleibt dieser Gefahr weit weniger unterworfen.

 

Ein jeder, der den Gedankengang so weit verfolgt hat und Masaryk nicht kennt, würde an dieser Stelle die Konklusion erwarten; also denn – zurück zum Katholizismus! Aber in dem Lexikon von Thomas Garrigue Masaryk (so nennt er sich seit seiner Eheschließung) existiert das Wort „Zurück“ nicht. Wir wissen im Gegenteil, daß er um dieselbe Zeit, als er von den soeben geschilderten Gedanken bewegt war, zum Protestantismus übertrat, und können mit Sicherheit behaupten, daß die Rücksichtnahme auf seine Gattin hierbei durchaus nicht die Hauptrolle spielte. Die Auflösung dieses anscheinenden Paradoxons ist die folgende: Masaryk, der zwar weit entfernt war, die Dialektik Hegels zur Kenntnis zu nehmen, hatte sich doch eine Vorstellung von der religiösen Entwicklung der Menschheit gemacht, die man als dialektisch bezeichnen könnte. Gegen die These der ehemaligen unerschütterlichen Religiosität war die Antithesis ihrer Entartung aufgestanden; um beides aufzuheben, benötigen wir die Synthesis, und zwar eine neue lebendige Religiosität nicht mehr auf der Grundlage des überlieferten Dogmas, sondern vielmehr einer unmittelbaren Beziehung jedes Einzelindividuums zur Transcendenz, wobei wohlverstanden keinerlei Mystizismus hineinzuspielen hat. – Im Zusammenhang dieser Kulturkritik hat Masaryk auch eine Reihe kritischer Einwendungen gegen Frauenbewegung und Sozialismus gemacht, denen er in der Folge sich so sympathisch gegenüber gestellt hat. Daß Masaryks philosophisches Interesse ein primäres und kein abgeleitetes ist, hat kaum schlagender bewiesen werden, als durch diese unparteiisch-kritische Haltung auch solchen Bestrebungen gegenüber, die ihm gefühlsmäßig nahestehen. Hätten wir es mit einem rein politischen Menschen zu tun, so könnten wir erwarten, daß die zu beziehende Position von vornherein willensmäßig festgelegt ist. Masaryk aber entwickelt die sachlichen Antinomien in all ihrer Schärfe, und erst wenn die Schwierigkeiten unentwirrbar geworden zu sein scheinen, wird eine willensmäßige Entscheidung herbeigeführt.

 

 

Übersetzung der Einleitung: Katka Ringesová

 


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