Aktuelles im IPSL

Petr Brod schreibt über Das deutschsprachige Prag (8. 11. 2017)

Der neue Beitrag des deutsch-tschechischen E*forums befasst sich mit dem Band Das deutschsprachige Prag (DP), der Ende letzten Jahres vom Adalbert Stifter Verein herausgegeben wurde, im Kontext mit der tschechischen Publikation von 2014 Německy mluvící Praha. Galerie osobností (NMP). [Das deutschsprachige Prag. Eine Galerie der Persönlichkeiten.] „Das NMP ist ein kollektives Werk von etwa fünfzig Schülerinnen und Schülern des Prager Gymnasiums Na Zatlance, die sich unter Anleitung ihres Lehrers Radek Aubrecht längere Zeit mit der Rolle der Deutschen in der tschechischen Gesellschaft ab dem 18. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges beschäftigt haben. Aus den gewonnenen Erkenntnissen erarbeiteten sie Texte, die sie in der zweigeteilten Publikation zusammenfassten: zum einen in einem dreißigseitigen narrativen Einleitungskapitel über Das Leben der deutschen Gemeinschaft, zum anderen im 220-seitigen Biografischen Lexikon. Herausgegeben wurde der Band vom Gymnasium selbst, in Kooperation mit dem Prager Franz-Kafka-Verlag [Nakladatelství Franze Kafky] und mit finanzieller Unterstützung einiger Geldgeber, unter anderem des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.“

Michal Topor schreibt über zwei Bücher zu Robert Musil (25. 10. 2017)

Der aktuelle Beitrag des deutsch-tschechischen E*forums soll „auf zwei 2014 vom Kitab-Verlag Klagenfurt-Wien herausgegebene Bücher aufmerksam machen: zwei Untersuchungen, welche die bisher weniger reflektierten Hintergründe sowie die Residuen von Musils Schaffensbahn aufdecken, dazu noch – vor allem im ersten Fall – mit einem böhmischen, bzw. mährischen Schwerpunkt.“ Es handelt sich um Karl Corino: Begegnung dreier Berggipfel. Alfred, Alois a Robert Musil und Regina Schaunig: Der Dichter im Dienst des Generals. Robert Musils Propagandaschriften im Ersten Weltkrieg.

Michal Topor zum neuen Direktor des IPSL ernannt (17. 10. 2017)

Neuer Leiter des Instituts für Literaturforschung ist seit kurzem der Literaturhistoriker und Herausgeber Michal Topor. Mit dem Institut arbeitet er schon seit seinen Anfängen zusammen, er bereitete in seinem Rahmen die Monografie Berlínské epizody (Berliner Episoden, 2015) und die Anthologie Čtení o Jaroslavu Vrchlickém (Lesung über Jaroslav Vrchlický, 2014) vor, z. Z. beendet er eine Monografie über Arne Laurin. Als Direktor des IPSL löst er Eva Jelínková ab, die das Institut seit seiner Gründung im Jahre 2010 führte. Der Verwaltungsrat des IPSL nahm den Rücktritt der bisherigen Direktorin an und ernannte Michal Topor am 2. Oktober 2017, seinem Versammlungstag, zum neuen Direktor.

Martina Niedhammer schreibt über Leopold Kompert und seine „Ghettogeschichten“ (11. 10. 2017)

Im neuesten Beitrag des deutsch-tschechischen E*forums widmet sich Martina Niedhammer der Dissertation von Ingrid Steiger-Schumann Jüdisch‑christliche Liebesbeziehungen im Werk Leopold Komperts. Zu einem Zentralmotiv des böhmisch‑jüdischen Schriftstellers (1822–1886). „Steiger-Schumanns Ansatz, Komperts Umgang mit interreligiöser Partnerwahl und Ehe und damit Fragen nach dem Wandel jüdischen Selbstverständnisses in das Zentrum ihrer Studie zu rücken, war Anfang der 1980er Jahre äußerst innovativ. Die Notwendigkeit dieser und ähnlicher Forschungsfragen unterstreicht nicht zuletzt ein Brief Gershom Sholems an Steiger-Schumann vom Oktober 1981. Darin erteilt er einer positiven Deutung des Kompertschen Lebensmodells, wie es Ingrid Steiger-Schumann aus dessen Texten heraus entwickelt – eine Annäherung an die nichtjüdische Umgebung bei gleichzeitigem Fortbestehen einer jüdischen Bindung –, aus der Perspektive der Shoah freilich eine Absage.“

Symposium zu Arnošt Kraus (5. 10. 2017)

In der Zeit vom 5. bis 6. Oktober findet in den Räumlichkeiten der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Prag unter Mitwirkung von Herder Forschung Marburg, dem Institut für Germanische Studien der Karlsuniversität Prag, dem Institut für Musikwissenschaft Weimar–Jena sowie dem Institut für tschechische Literatur AV ČR ein dem Leben und Werk des Literaturhistorikers, Kritikers und Übersetzers Arnošt Kraus gewidmetes Symposium statt. Die einführenden Vorträge bestreiten Steffen Höhne, Václav Smyčka und Ludger Udolph, während des Symposiums werden u. a. auch Lucie Merhautová, Václav Petrbok und Michal Topor mit Beiträgen vertreten sein. Mehr hier.

Jana Dušek Pražáková: Die Kurorte als ein Theater, in dem jeder gleichzeitig Schauspieler und Zuschauer ist (4. 10. 2017)

Das deutsch-tschechische E*forum konzentriert sich in seinem dieswöchigen Beitrag auf das Buch Literarischer Reiseführer Böhmisches Bäderdreieck. Karlsbad, Marienbad, Franzensbad (2016) der Autoren Roswitha Schieb und Václav Petrbok. „Aus dem Text wird deutlich, warum Karlsbad, Marienbad und Franzensbad zum Magnet auch für einen bestimmten Teil der intellektuellen Elite wurden. Das Buch ist nämlich konzipiert als multiperspektivische Darstellung des Genius loci einer der bemerkenswertesten Regionen Europas der damaligen Zeit, einer Region, in der alle zusammenkamen, die hier einerseits ihre körperlichen Leiden heilen, andererseits das Geheimnis der Orte ein wenig lüften wollten, über die man überall so viel redete.“

Der Ackermann und der Tod in Prag (25. 9. 2017)

Am Samstag, den 14. 10 2017 wird ab 20 Uhr in der Prager St.-Antonius-Kirche die Vorstellung Der Ackermann und der Tod von Johannes von Tepl zu sehen sein. Dieses mittelalterliche Streitgespräch wird in Form einer szenischen Lesung mit Orgelmusik von Dr. Wolfgang Schwarz, Kulturreferent für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein, in Zusammenarbeit mit der Repräsentanz des Freistaats Bayern in der Tschechischen Republik veranstaltet. Die Vorführung findet in deutscher Sprache statt; mehr hier.

Václav Šmidrkal schreibt über zwei Publikationen zu Edvard Beneš (20. 9. 2017)

Im neuesten Beitrag des deutsch-tschechischen E*forums präsentiert Václav Šmidrkal zwei Forschungsergebnisse des Masaryk-Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, zum einen die von Ota Konrád und René Küpper herausgegebene, auf Deutsch verfasste Monografie Edvard Beneš. Vorbild und Feindbild (Göttingen, 2013) als Sammelband zu einer internationalen Konferenz, zum anderen eine dreiteilige Ausgabe von Dokumenten zur Persönlichkeit E. Beneš in fünf Bänden: Edvard Beneš, die Deutschen und Deutschland. „Für das Verständnis von Beneš‘ Politik, seinem politischen Denken und Stil in der nationalen Frage sowie den deutsch-tschechischen Beziehungen versammelt diese Quellenedition zweifelsohne an einer Stelle die bislang größte Menge an Schlüsseltexten zu der Zeit, die den radikalen Entscheidungen der 1940er Jahre voranging. Ich bin davon überzeugt, dass die Quellen dieses Forschungsprojekts langfristig die Erforschung der Person Beneš, seiner Politik und im weiteren Kontext auch der politischen Geschichte Mitteleuropas zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beeinflussen werden.“

J. L. Fischer schrieb über T. G. Masaryk die Glosse Der einsame Findling (13. 9. 2017)

In dem außerordentlichen Beitrag des neuen deutsch-tschechischen E*forum widmen sich Luboš Merhaut und Lucie Merhautová der Glosse Der einsame Findling, die J. L. Fischer über T. G. Masaryk schrieb, und die Teil des Buches Čtení o T. G. Masarykovi [Lektüre über T. G. Masaryk] mit dem Untertitel Literatura – člověk – svět (1910–1938) [Literatur – Mensch – Welt (1910–1938)] ist, welches das IPSL als zehnten Band der Edition Antologie gerade herausgegeben hat. „Zum achtzigsten Geburtstag Tomáš Garrigue Masaryks (7. 3. 1850 – 14. 9. 1937) veröffentlichte der Philosoph und Soziologe, Analytiker und Kultursynthetiker Josef Ludvík Fischer (1894–1973) die metaphorische Glosse Der einsame Findling (Čin 1, 1929/30, Nr. 19, 6. 3. 1930, S. 448–449), in der er betonte, dass Masaryks Einzigartigkeit eine Schwierigkeit für seine Nachfolger sei.“

Otokar Fischer und Pavel Eisner schrieben über die Zukunft der tschechischen Germanistik (30. 8. 2017)

In dem neuen deutsch-tschechischen E*forum bringt Štěpán Zbytovský zwei Antworten auf die Frage „Was soll mit der tschechischen Germanistik geschehen?“, der sich zwei bedeutende Persönlichkeiten der tschechischen Literatur und Übersetzungswissenschaft widmeten, und zwar Otokar Fischer („[Německá literatura] Dramaturgické problémy“ [(Deutsche Literatur) Dramaturgische Probleme], 1919) und Pavel Eisner (K nové české germanistice [Zur neuen tschechischen Germanistik], 1946). „Die Antworten beider Akteure auf die Frage „Was soll mit der tschechischen Germanistik geschehen?“ gehen schließlich über den üblichen Rahmen der deutsch-tschechischen Beziehungen hinaus und zeigen, dass Fischer und Eisner die Germanistik gerade in diesen Momenten u.a. auch als Mittlerin der Reflexion über die tschechische Kulturgeschichte und über die Rolle der tschechischen Wissenschaft weltweit verstanden haben. Dies scheint besonders bedeutsam angesichts der „Pflege“ eines negativen Bildes von Deutschland und der Geschichte der deutschen Kultur in den Böhmischen Ländern durch manche tschechische Politiker – sowie angesichts der tschechischen Germanistik, die in ihrer Tätigkeit Eisners Wunsch immer noch nur aspektweise erfüllen konnte.“

Lena Dorn schreibt über Übersetzungsprozesse in Kakanien (16. 8. 2017)

Diesmal widmet sich das E*forum der Arbeit Die vielsprachige Seele Kakaniens: Übersetzen und Dolmetschen in der Habsburgermonarchie 1848–1918 (Wien: Böhlau, 2012), in der Michaela Wolf versucht, durch die Analyse von Übersetzungsprozessen gesellschaftliche Machtverhältnisse in der Habsburger Monarchie im Laufe der letzten 70 Jahren ihrer Existenz sichtbar werden zu lassen. „Wolf interessiert sich […] für das Übersetzen ins Deutsche, aus prinzipiell allen anderen Sprachen. Das Konzept des Buches stellt Übersetzungen aus dem Italienischen ins Zentrum der Aufmerksamkeit, zugleich ist es aber ein Anspruch der Arbeit, Aspekte der Übersetzungskultur herauszuarbeiten, die den gesamten habsburgischen Raum betreffen und ihn dadurch auch charakterisieren können. Es geht also für Michaela Wolf immer wieder um die Frage: Wie hängen Übersetzungstätigkeiten und die Identifikation von Kulturen zusammen?“

Ingeborg Fiala-Fürst über Gertrude Urzidil (2. 8. 2017)

Der neue Beitrag zum deutsch-tschechischen E*forum stellt eine Biografie Gertrude Urzidils aus der Feder von Christiana Puschak und Jürgen Krämer vor – das Buch, das an die kleinen Bildmonografien aus dem Rowohlt-Verlag erinnert, erschien unter dem Titel „Ein Herzstück blieb in Prag zurück. In Amerika leb ich auf Reisen“ – Ein Lebensbild der Dichterin Gertrude Urzidil (1898–1977) zwischen Prag und New York (Wien: Praesens Verlag, 2016). „Dem eingangs formulierten Versprechen, ‚den Menschen in seinen Zeitverhältnissen dar[zu]stellen‘, tragen Puschak und Krämer Rechnung, indem sie sowohl die Kulisse des deutsch-jüdisch-tschechischen Prags, als auch des multinationalen New York skizzieren und darüber hinaus immer wieder kurze Medaillons der nächsten Weggefährten der Urzidils einschalten (Friedrich Thieberger, Friedrich Adler, Robert Weltsch, Hedda Sauer, Ernst Sommer, Ludwig Winder, Winifred Ellerman-Bryher, Mimi Grossberg, Hertha Pauli u. a. m.), so dass ein wertvoller und darüber hinaus amüsant zu lesender, kleiner Beitrag zur Geschichte der Prager deutschen und der österreichischen Exil-Literatur entstand.“

Kristýna Solomon über tschechische Übersetzungen des deutschen Prosaromans (19. 7. 2017)

Der heutige E*forums-Beitrag beschäftigt sich mit Jan K. Hons Monografie Übersetzung und Poetik. Der deutsche Prosaroman im Spiegel tschechischer Übersetzungen der Frühen Neuzeit (Heidelberg: Winter, 2016). Das Buch widmet sich der Poetik eines Genres, das im Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts florierte, und versucht sich ihr mithilfe der Analyse tschechischer Übersetzungen deutscher Vorlagen anzunehmen – die Monografie positioniert sich also an der Grenze zwischen tschechischer und deutscher Mediävistik. „Vor dem Hintergrund moderner narratologischer Theorien (Bachtin, Lugowski, Stierle) fragt der Autor nach der Rolle der Übersetzungen der deutschen Romane im Verhältnis zur Poetik der Zielform, der Gattung Prosaroman. Zu den Merkmalen des modernen Romans gehört die Emanzipation des Erzählers (und die damit verbundene Unterscheidung zwischen der auktorialen Stimme und der Erzählerstimme), eine klare Trennung zwischen der Ebene des Textes (deixis) von der der Paratexte sowie eine offene Semantik, welche die Lesenden zu einer eigenständigen Interpretation des Textes auffordert. Der Vergleich zwischen den Vorlagen und den Übersetzungen bringt Hon zu einer interessanten Feststellung: Am wenigsten hätten die Übersetzer in Texte eingegriffen, die im höchsten Maße die erwähnten Merkmale aufwiesen und sich somit auf dem Weg zum modernen Roman am progressivsten bewegten. [...] Und eben im innovativen Zugang zur Poetik der Übersetzung liegt der größte Beitrag dieser Studie: Die Übersetzungen als tendenzielle Randphänomene haben eine wichtige Aussagekraft in Bezug auf das Verständnis des Kerns, also der Ausgangstexte und ihrer Poetik. Sie haben das Potenzial, die Gattung zu (de)stabilisieren, die Norm zu verankern (oder entankern) oder eben die Gattung mehr in Richtung der Zielform zu bewegen (oder sie daran zu hindern).“

Tilman Kasten und Václav Petrbok zum Otokar-Fischer-Preis (12. 7. 2017)

Im heutigen E*forum stellen wir die Reden vor, die Tilman Kasten und Václav Petrbok bei der feierlichen Vergabe des Otokar-Fischer-Preises am 29. Juni 2017 im Kampa-Museum Prag hielten. Der deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftler Tilman Kasten wurde für sein Buch Historismuskritik versus Heilsgeschichte – Die Wallensteinromane von Alfred Döblin und Jaroslav Durych (Böhlau 2016) mit dem Otokar-Fischer-Preis ausgezeichnet. Wir veröffentlichen die Rede des Autors mit kurzen Ausschnitten aus seinem Buch sowie die Laudatio von Václav Petrbok. Weitere Informationen zum Otokar-Fischer-Preis und der ausgezeichneten Arbeit finden Sie unter www.ipsl.cz/ofp.

Der Sieger des Otokar-Fischer-Preises in der Rezension (28. 6. 2017)

Tilman Kastens Historismuskritik versus Heilsgeschichte (Böhlau 2016) ist eine komparatistische Arbeit von einer Art, von der man sich im tschechisch-deutschen Kontext noch viele weitere wünschen würde“, schreibt Kathrin Janka im E*forum über das Buch, für das Kasten den Otokar-Fischer-Preis erhält. Der Autor stellt seine Monografie, in welcher er zwei monumentale historische Romanwerke vergleicht – Alfred Döblins Wallenstein (1920, tschechisch 1931) und Jaroslav Durychs Bloudění (1929, deutsch unter dem Titel Friedland 1933) –, heute im Prager Goethe-Institut vor; die feierliche Verleihung des Otokar-Fischer-Preises findet morgen im Kampa-Museum statt (weitere Informationen hier).

Der Gratias-Agit-Preis für Jürgen Serke (21. 6. 2017)

Der deutsche Schriftsteller und Publizist Jürgen Serke (geb. 1938) befasst sich in seinem gesamten Werk mit verfolgten und lange Zeit übergangenen Künstlern. Moderne tschechische Autoren (im Buch Die verbannten Dichter, 1982) wie auch deutschsprachige Schriftsteller aus den böhmischen Ländern (Böhmische Dörfer, 1987, tschechisch 2001) nehmen hierbei einen wichtigen Platz ein. Jürgen Serke wird am Freitag, dem 23. Juni 2017, mit dem Gratias-Agit-Preis zur Förderung des Ansehens der Tschechischen Republik im Ausland geehrt. Serkes Bücher und Artikel haben vielen Menschen den Weg zu wichtigen literarischen wie auch persönlichen Begegnungen und Entdeckungen eröffnet. Von einer solchen Begegnung erzählt der von Serke für das E*forum verfasste Text über den Schriftsteller und Ivan-Blatný-Übersetzer Frank-Wolf Matthies, den wir an dieser Stelle veröffentlichen.

Verkündung des F. X. Šalda-Preises und des Otokar-Fischer-Preises (20. 6. 2017)

Die feierliche Verleihung des F. X. Šalda-Preises sowie des Otokar-Fischer-Preises 2016, ausgerichtet vom Stiftungsfonds der F. X. Šalda-Gesellschaft bzw. dem Institut für Literaturforschung IPSL, findet am Donnerstag, dem 29. Juni 2017, um 17h im Kampa-Museum, U Sovových mlýnů 2, Prag 1, statt (eine Einladung finden Sie hier; wir bitten um eine Teilnahmebestätigung an fischer@ipsl.cz). Am Vortag, dem 28. Juni 2017 um 18h, werden Kateřina Svatoňová (F. X. Šalda-Preis: Mezi-obrazy. Mediální praktiky kameramana Jaroslava Kučery [Zwischen-Bilder. Die medialen Praktiken des Kameramanns Jaroslav Kučera]) und Tilman Kasten (Otokar-Fischer-Preis: Historismuskritik versus Heilsgeschichte – Die Wallensteinromane von Alfred Döblin und Jaroslav Durych) ihre preisgekrönten Bücher im Goethe-Institut Prag vorstellen. Weitere Informationen über die Monografie Tilman Kastens finden Sie hier, das Programm des Abends hier

Der F. X. Šalda- und der Otokar-Fischer-Preis 2017 (7. 6. 2017)

Gemeinsam mit dem F. X. Šalda-Preis wird erstmals auch feierlich der Otokar-Fischer-Preis für deutsche BohemistInnen vergeben, der einen ähnlichen Wert auf „einen durchdringend tiefen Blick, auf Bewertungsgabe, die Fähigkeit ein Problem zu sehen und zu stellen, das Umschmelzen der Imagination, die Erhebung und Vergegenständlichung einer Stimmung“ legt (Otokar Fischer in Na rozhraní [Am Scheidepunkt], 1914). Im E*forum stellen wir heute die FinalistInnen beider Preise vor: Für den F. X. Šalda-Preis wurden Monografien von Ivan Klimeš, Lucie Merhautová und Kateřina Svatoňová vorgeschlagen, in der engeren Auswahl für den Otokar-Fischer-Preis sind Bücher von Urs Heftrich, Tilman Kasten und Evelyn Reitz.

Václav Smyčka über eine Arnošt Kraus-Auswahl (24. 5. 2017)

Im E*forum widmen wir uns heute einer unlängst erschienenen Edition mit Texten von Arnošt Kraus, dem ersten germanistischen Literaturwissenschaftler an der Prager tschechischen Universität; unter dem Titel Arnošt Vilém Kraus (1859–1943) a počátky české germanobohemistiky [Arnošt Vilém Kraus (1859–1943) und die Anfänge der tschechischen Germanobohemistik] wurde sie von Václav Petrbok für den Academia Verlag besorgt. Die umfangreiche Anthologie umfasst Kraus‘ frühe Texte zu Werken mittelalterlicher Dichter an den böhmischen Fürsten- und Königshöfen, spätere Artikel zur Literatur an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert sowie Kraus‘ literaturhistorische Synthesen, welche seine Studien zur deutschen Literatur auf dem Boden der Tschechoslowakischen Republik bis 1848 [Německá literatura na půdě Československé republiky do roku 1848] dominieren, welche in der Reihe Československá vlastivěda [Tschechoslowakische Heimatkunde] noch in der Ersten Republik erschienen (1933). Václav Smyčka entwirft anhand von Kraus‘ Texten eine Reihe von Fragen, zum Beispiel, „ob er für das heldenhafte Bemühen, die nationalen Konflikte und mit ihnen das tschechische wie auch das deutsche romantische Modell von Literaturgeschichte zu überwinden, nicht einen zu großen Preis bezahlte, indem er kein eigenes, konzeptuell wirklich innovatives Modell von der Koexistenz der tschechischen und deutschen Literatur in den böhmischen Ländern entwickelte. Wie hätte Kraus’ ahistorisch veranlagter und gegenüber der Literatur oberflächlich gebliebener Tschechoslowakismus die Basis für eine Literaturgeschichte bieten können, die auch für die Deutschböhmen attraktiv gewesen wäre und einem Fachpublikum die Entwicklung ästhetischer Werte in der Zeit aufgezeigt hätte?“

Arnošt Kraus über die Erforschung tschechischer Literatur (10. 5. 2017)

Im E*forum veröffentlichen wir heute Auszüge aus dem ausgedehnten wissenschaftlichen und kritischen Werk der Gründerfigur der tschechischen Germanobohemistik Arnošt Kraus (1859–1943). Sie belegen sein Interesse an einem gründlichen Studium der deutsch-tschechischen Literatur- und Kulturbeziehungen am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Schon seit den Anfängen der tschechischen Germanistik ist diese komparatistische Dimension praktisch bei allen Forscherinnen und Forschern omnipräsent und hängt zweifellos mit dem unmittelbaren Erleben und der kritischen Bewertung der deutsch-tschechischen „Konfliktgemeinschaft“ (Jan Křen) und Nachbarschaft zusammen. 1888 schrieb Kraus: „Solange die Geschichte unseres Geisteslebens bei der Erforschung tschechisch geschriebener Werke endet, wird es unmöglich sein, sich ein befriedigendes Bild über das Erwachen der tschechischen Literatur am Beginn unseres Jahrhunderts zu machen. Zur tschechischen Literatur gehört mit Sicherheit auch die vorangehende deutsche, besonders insoweit sie die provinzielle Richtung beschreitet, die ein Vorläufer der nationalen Richtung bei uns wie anderswo ist. Diese Literatur ist unsere Literatur; die spätere deutsche Literatur in Böhmen ist bloß eine von zwei Strömungen, in welche sich die frühere patriotische Literatur aufgeteilt hat. Zu dieser Zeit der Vorbereitung, für uns mindestens so wichtig wie die in lateinischer Sprache verfasste Literatur, ist nur allzu wenig gearbeitet worden, und es ist Aufgabe dieser Arbeit, die Aufmerksamkeit unserer Literaturgeschichtsschreiber auf diese Quellen unserer neuen nationalen Literatur zu lenken.“

Murray G. Hall über Schriftsteller im Dienste der Ersten Weltkriegs-Propaganda (26. 4. 2017)

Im E*forum kehren wir heute zurück zu jenen Veröffentlichungen, die anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erschienen sind; besprochen wird das Buch Des Kaisers Literaten von Elisabeth Buxbaum über diejenigen Institutionen und Schriftsteller, die in den Jahren 1914–1918 kriegspropagandistisch in Erscheinung getreten sind (Wien: Edition Steinbauer, 2014). „Sie hat immer eine oberste moralische Instanz dabei, nämlich Karl Kraus, der die einzelnen Kriegspropagandisten gehörig kritisiert hat“, so der Autor des Beitrags, der weiter die Ausführungen zu den „Kriegsliteraten Franz Karl Ginzkey und Stefan Zweig (den die Autorin als ‚Drückeberger‘ beschreibt)“ hervorhebt. „Über Rudolf Hans Bartsch ist bislang vielleicht weniger bekannt gewesen. Seine Kriegsromane und seine Neigung zum Staackmann Verlag lassen Schlüsse über seine Weltanschauung zu. Alfred Polgar wiederum wird als ein Typ beschrieben, der am liebsten gar nichts mit der Kriegspropaganda zu tun haben wollte. Ganz anders der ‚Vielschreiber‘ und Kriegsfanatiker Felix Salten, der ebenfalls unter den KPQ-Literaten war und von dem es heißt: ‚Er produzierte patriotisch-nationalistische Texte am laufenden Band‘.“

Lucie Antošíková über die Kulturpolitik der Nazis im Protektorat (12. 4. 2017)

Der neue Beitrag zum E*forum widmet sich der umfangreichen Studie, die Volker Mohn unter dem Titel NS-Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren, Konzepte, Praktiken, Reaktionen (Essen: Klartext, 2014) vorgelegt hat. Der Autor beschreibt „die einzelnen Akteure, d. h. die deutschen und tschechischen Behörden und Institutionen mit der Kulturabteilung im Amt des Reichsprotektors an der Spitze, die ihnen zum Erreichen ihrer Ziele verfügbaren Mittel wie auch die entstehenden paradoxen Situationen und Hürden, welche die Besatzer in ihrem Streben nach Beherrschung des tschechischen Gebiets überwinden mussten. Die Mehrzahl dieser Hürden entsprang jedoch einem zugrundeliegenden politischen Interesse: Den Okkupanten war in erster Linie daran gelegen, dass im Protektorat Ruhe herrschte und die hiesige Produktion (insbesondere die Waffenindustrie) reibungslos weiterlief. Daher nahmen sie eine scheinbar autonome Verwaltung unter Führung einer tschechischen Regierung in Kauf und steckten so das Kräftefeld ab, in dem sich das Alltagsleben, einschließlich sämtlicher kultureller Ereignisse, abspielte.“ Das Buch gehört zu den Titeln, die für den Otokar-Fischer Preis 2017 nominiert wurden.

Bremer Professur für tschechoslowakische Kulturgeschichte bedroht (6. 4. 2017)

Die Universität Bremen plant die Streichung einer erst unlängst eingerichteten Professur zur „Kulturgeschichte Ostmitteleuropas mit Schwerpunkt Geschichte der ČSSR“, der einzigen derart spezialisierten Arbeitsstelle in der Bundesrepublik Deutschland – mit dem Hinweis darauf, dass sie viel zu wenig zur Profilierung der Universität beitrage. Wir sind der Meinung, dass die Universität Bremen durch die Einrichtung der Professur für eine ganze Region zu einem Ort mit einem klaren Profil geworden ist, welches den Mut der Universitätsleitung bezeugte, den für kleine geisteswissenschaftliche Fächer unheilvollen Tendenzen des Wissenschaftsmanagement eben durch eine durchaus unselbstverständliche, umso wertvollere Exzellenz-Professur mit eindeutiger Ausrichtung die Stirn zu bieten. Durch die Streichung der Professur könnte die Universität  genau das Gegenteil von dem erzielen, was sie wünscht: Sie verlöre ihr unverwechselbares Profil. Das IPSL hat in diesem Sinne einen offenen Brief an die Universitätsleitung gerichtet; die Aufrechterhaltung der mit Prof. Martina Winkler besetzten Professur kann in einer auf Change.org zugänglichen Petition unterstützt werden. Das IPSL kooperiert mit Prof. Winkler im Rahmen des Otokar-Fischer-Preises.

Libuše Heczková über Lucie Merhautovás Buch zu deutsch-tschechischen „Parallelen und Überschneidungen“ (5. 4. 2017)

Der neue E*forums-Beitrag beschäftigt sich mit der Monografie Lucie Merhautovás Paralely a průniky. Česká literatura v časopisech německé moderny (1880–1910), die „Parallelen und Überschneidungen“ im deutsch-tschechischen Literaturtransfer untersucht (Prag: Masarykův ústav a Archiv AV ČR, 2016). Das Buch beobachtet von Beginn der 1880-er Jahre bis zum Vorkriegsjahrzehnt fünf deutsche Zeitschriften, ebenso deren Herausgeber und Vermittler, die über tschechische Literatur schrieben, ihre Übersetzer und Übersetzerinnen. Die historische Interpretation wird um eine Anthologie von Artikeln zur tschechischen Literatur aus diesen Zeitschriften ergänzt, selbstverständlich fehlt auch nicht eine detaillierte Bibliografie sowie die umfangreiche Auflistung von Quellen und verwendeter Literatur. Lucie Merhautová konzentriert sich auf „ein mehrschichtiges Problem der Vermittlung, nämlich um den Transfer zwischen Sprachen, die zu einem bestimmten historischen Moment (aus damaliger Sicht) nicht gleichwertig sind, topografisch aber nebeneinander existieren, wobei gleichzeitig die eine vielfach über ihren Platz hinausgreift, die andere wiederum mit dem Raum dieses historischen Gebiets auf fatale Weise verbunden ist.“ Es gelingt der Autorin, „die Lage der in sprachlicher Hinsicht tschechischen Kultur innerhalb der deutschen zu erklären, ebenso die Wege der Überwindung dieser Marginalität; auf der anderen Seite beleuchtet sie die Entstehung einer neuen deutschen Kultur, der so genannten Heimatkultur, in der auch die Zugehörigkeit zur böhmischen Region weitaus stärker akzentuiert wurde“.

Nominierungen für den Otokar-Fischer-Preis 2017 (30. 3. 2017)

Der Otokar-Fischer-Preis für deutsche Bohemistinnen und Bohemisten, vom Institut für Literaturforschung (IPSL) seit 2017 ausgelobt, hat seine Finalisten. Eine deutsch-tschechische Jury bestimmte in der ersten Runde für dieses erste Jahr eine engere Auswahl. Unter den sechs auf Deutsch verfassten Büchern, die in den Jahren 2014–2016 veröffentlicht wurden, befinden sich Arbeiten zur Geschichte der tschechischen wie der deutschsprachigen Literatur, zur Kunst- und Kulturgeschichte. Informationen darüber sind auf der Webseite des Preises zugänglich. Der Autor / die Autorin des Siegertitels wird diesen am 28. Juni 2017 im Prager Goethe-Institut vorstellen, am Tag darauf erfolgt die feierliche Preisverleihung im Kampa-Museum.

Jakub Raška über eine kurze Biografie Alfred Meißners (29. 3. 2017)

Der neue deutsch-tschechische E*forums-Beitrag widmet sich der allerersten Monografie über den deutsch schreibenden Schriftsteller Alfred Meißner (1822–1885), gebürtig aus Teplice / Teplitz; sie stammt aus der Feder des amerikanischen Germanisten Jeffrey L. Sammons. Nach Urteil des Rezensenten gibt der Autor eher eine kommentierte Werkübersicht, während er grundlegenden Forschungsfragen zu Meißner größtenteils ausweicht: „Mit nur einem Satz tut er Meißners Auseinandersetzung mit der Beziehung der Deutschen und Tschechen ab, oder dessen erfolglosen Versuch, eine gemeinsame Koalition beider Ethnien während der Revolution 1848 zu bilden, der jedoch von den tschechischen Nationalliberalen mit František Palacký an der Spitze abgelehnt wurde. Dabei war Meißner kurz vor seiner Emigration nach Leipzig einer der Stammautoren der Prager Zeitschrift Ost und West, die sich außer den unbestrittenen intellektuellen Qualitäten gerade um die Brückenbildung zwischen dem deutschen und tschechischen Ethnikum in Böhmen bemühte. Meißners Einstellung zum aufkommenden Nationalismus der Mitte des 19. Jahrhunderts verdiente eine eigene Analyse.“

Martin Hořák über die Deutschböhmische Ausstellung in Liberec 1906 und 2016 (15. 3. 2017)

Die sogenannte Deutschböhmische Ausstellung, die im Jahre 1906 in Liberec / Reichenberg stattfand, sollte „den Beweiß liefern, daß gerade das deutsche Volk Böhmens der vornehmste Träger der wirtschaftlichen Wohlfahrt des Reiches ist“ und dadurch „die Berechtigung der darauf fußenden politischen und nationalen Forderungen unseres deutschböhmischen Volkes erhärtern“. Der neue deutsch-tschechische Beitrag zum E*Forum behandelt zwei 2016 veranstaltete Reichenberger Ausstellungen und insbesondere die Publikation Německočeská výstava Liberec 1906 / Deutschböhmische Ausstellung Reichenberg 1906 (Hg. Anna Habánová), die diesem Ereignis gewidmet waren. Laut des Autors der Rezension kann man in der Ausstellung 1906 „eine repräsentative und authentische Darstellung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation sehen, in der ein wichtiger Teil der deutschsprachigen Bevölkerung Böhmens in der letzten Dekade vor dem Ersten Weltkrieg lebte. Bei der aktuellen Auseinandersetzung mit der damaligen Ausstellung ist aus fachlicher Perspektive besonders der Erkenntnisgewinn über die deutschböhmische Kunstszene an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert bis hin zur Zwischenkriegszeit hervorzuheben. Zur Erforschung dieser Szene haben in den letzten Jahren vor allem die Kunsthistoriker Anna Habánová und Ivo Habán beigetragen, deren erster Beitrag die Ausstellung ‚Junge Löwen im Käfig‘ / ‚Mladí lvi v kleci‘ im Jahre 2013 war.“

Alfred Endler über Paul Leppin (1. 3. 2017)

Mit einem kurzen Artikel aus dem Jahre 1921 stellen wir heute im E*forum den aus Liberec / Reichenberg stammenden Alfred Endler (1897 – ?) vor. Als Schriftsteller von Prosa und Dramen trugt er mit literarischen Ausschnitten und Kritiken zur Prager Presse, dem Prager Tagblatt und der Halbmonatsschrift Wahrheit bei, arbeitete höchstwahrscheinlich jedoch auch für den Berliner Börsen-Courier. Leppins Werk stelle, so Endler, eine Übergangsform dar, nämlich „zwischen Décadence und Expressionismus. Wenn der Décadent ‚sehr‘ vor das Adjektiv setzt, so ist dies weder Kalligraphie, noch Pose. Es ist einfache, sachliche Feststellung seines Gefühlsbetonungs-Grades, seiner Wahrnehmungs-Intensität. Er schreibt ‚sehr‘, weil er sehr sieht, hört oder entzückt wird, oder verletzt. Dies ist die Definition des Décadent: ein Maximum an Senkung der Reizschwelle. Er sieht dort noch, wo andere nichts mehr sehen. Er wird dort betäubt, geblendet und übererregt, wo andere ‚normal‘ wahrnehmen und gleichgültig bleiben. [...] Bis endlich die Wende eintritt vom Décadent zum expressionistischen Menschen, von der Willensschwäche zum Reizhunger, vom ‚Gartenglück‘ zur Unterdrückung, aber dadurch Rettung des Herzens im Exzeß.“

Der Otokar-Fischer-Preis für deutsche BohemistInnen (24. 2. 2017)

Das Institut für Literaturforschung vergibt ab diesem Jahr einen Preis für eine in außergewöhnlichem Maße einträgliche deutsche Arbeit zur Geschichte der tschechischen Literatur, Sprache und Kultur. Das Ziel des Preises, der sich an Deutsch schreibende BohemistInnen richtet, ist es, die bedeutendsten deutschsprachigen und in Deutschland herausgegebenen Facharbeiten mit tschechischer Thematik auszuzeichnen und sichtbar zu machen. Der Preis, der nach dem bedeutenden Bohemisten, Germanisten und Förderer der sogenannten „Germanoslavica“ Otokar Fischer benannt ist, wird in Anwesenheit des Preisträgers / der Preisträgerin im Juni 2017 im Prager Kampa-Museum feierlich überreicht werden, gemeinsam mit dem renommierten F. X. Šalda-Preis für Kunstkritik. Mehr Informationen unter www.ipsl.cz/ofp, eine Pressemitteilung finden Sie hier.

Neuerscheinungen: Echa 2016 und Echos 2016 (16. 2. 2017)

Das IPSL bringt soeben den 6. Jahrgang der Echa und den 3. Jahrgang der Echos als e-Bücher heraus. Beide Sammlungen von Original-Artikeln bieten kritische Reflexionen der aktuellen Literaturwissenschaft und Rezensionen von Fachpublikationen, und zwar mit Ausrichtung auf Bohemistik (Echa) und Germanobohemistik (Echos). Mit Jahresbeginn 2017 hat das literaturwissenschaftliche E*Forum für (Germano)Bohemistik online die beiden bislang getrennten Reihen der Echa und der Echos miteinander verknüpft. Das E*forum ist auf eine territorial verstandene Bohemistik ausgerichtet und berücksichtigt stärker auch die ältere Literatur. Die Jahrbücher Echa und Echos 2016 umfassen außer den eigentlichen Texten der beiden Rubriken „Es schreiben“ und „Es schrieben“ kurze Biografien der AutorInnen und RedakteurInnen, ein Verzeichnis der rezensierten Bücher sowie ein Namensregister. – Echa 2016 sowie Echos 2016 sind kostenlos erhältlich auf der IPSL-Webseite sowie bei den tschechischen Distributoren.

Nikola Mizerová über experimentelle Lyrik (15. 2. 2017)

Der neue deutsch-tschechische Beitrag zum E*forum nähert sich dem Sammelband Experimentelle Poesie in Mitteleuropa (Hg. Klaus Schenk, Anne Hultsch, Alice Stašková; Göttingen: V&R, 2016). „Der große Gewinn des Bandes ist die im Vorwort erwähnte Eröffnung  einer mitteleuropäischen Perspektive. Diese ist in dem Fall schon deshalb relevant, weil die mitteleuropäischen Länder, in denen das literarische Experiment in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch das kommunistische Regime aus politischen Gründen unterdrückt wurde, Anregungen gerade aus dem deutschsprachigen Umfeld schöpften, wodurch es zu einer engen Verbindung zwischen den Ländern des Ostblocks auf der einen und der BRD und Österreich auf der anderen Seite kam.“ Laut Rezensentin eine Entdeckung für die Bohemistik ist insbesondere der Beitrag Alice Staškovás, der sich mit der umfangreichen Korrespondenz der tschechischen Pioniere des Experiments Bohumila Grögerová und Josef Hiršal mit Helmut Heißenbüttel, Reinhard Döhl und Friederike Mayröcker beschäftigt.

Václav Smyčka über die Aufklärung und das deutsche 18. Jahrhundert (1. 2. 2017)

Der neue deutsch-tschechische e*Beitrag beschäftigt sich mit der umfangreichen, wenngleich gut lesbaren Monografie Steffen Martus‘ über die deutsche Aufklärung: seine Arbeit Aufklärung, das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild (Berlin: Rowohlt, 2015) komponierte er „keineswegs nur als einen weiteren theoretischen Beitrag zum Thema, sondern als literarisch gelungene, fesselnde Schilderung einer Epoche. Er zeigt die Aufklärung anhand vieler kleiner Geschichten, die ineinander verflochten sind und sich wie in einem gut geschriebenen Roman ergänzen. [...] Betrachtet man das Durcheinander der kleinen Geschichten, bemerkt man im Hintergrund eine relativ klare große Geschichte der Abkehr von der Tradition, die sich jedoch im Laufe des 18. Jahrhunderts immer mehr in eine Skepsis gegenüber menschlichen Fähigkeiten und der Möglichkeit, jene versprochene Befreiung erreichen zu können, verwandelte. Alle Bemühungen, den Menschen von seinen sozialen, religiösen und kulturellen Bedingungen zu emanzipieren, münden laut Martus im 18. Jahrhundert in die Enthüllung seiner noch größeren Abhängigkeit von der Tradition und seiner Unfähigkeit, mit ihr zu brechen.“

Ladislav Futtera über die Polzenblumen (18. 1. 2017)

Der heutige deutsch-tschechische Beitrag im E*Forum behandelt die neueste zweisprachige Anthologie deutschsprachiger Schriftsteller aus dem Gebiet der heutigen Verwaltungsregion Liberec: Der Band Ploučnické květy / Polzenblumen wurde Ende 2015 von Marek Sekyra, Otokar Simm und Tomáš Cidlina in der Regionalen wissenschaftlichen Bibliothek (Krajská vědecká knihovna) Liberec herausgegeben. Es handelt sich bereits um den vierten Band einer Reihe, in der zuvor die Jeschken-, Iser- und Friedländer Blumen erschienen. „Ein so umfassender Überblick über deutschsprachige Schriftsteller aus einer konkreten Region Böhmens ist wirklich einzigartig. […] Durch sämtliche Bände defiliert eine bunte Mischung aus äußerst produktiven Schriftstellern und längst vergessenen sporadischen Verseschmieden. So begegnen sich allein in den Polzenblumen der berühmte Dichter Hugo Salus, der Drehbuchautor Ludwig Nerz, der Liberecer Bürgermeister und Gelegenheitsdramatiker Karl Kostka, die Gräfin Christiane Thun-Hohenstein (deren Erzählungen um die Wende zum 20. Jh. auch ins Tschechische übersetzt wurden) und der umfangreiche Autorenkreis der Heimatkundezeitschrift Mitteilungen des Nordböhmischen Excursions-Clubs aus Česká Lípa.“  

IPSL eröffnet das E*Forum (4. 1. 2017)

Das literaturwissenschaftliche Online-Forum IPSL ändert ab dem neuen Jahr seine Gestalt und seinen Namen: die Beiträge, die bislang nach Themen geordnet in zwei unterschiedlichen Rubriken der Echa und Echos erschienen sind (geleitet von eigenständigen Redaktionsteams), werden ab Januar 2017 unter gemeinsamer redaktioneller Leitung an einem Ort veröffentlicht. Unter der Adresse des E*forums versammelt werden sämtliche Beiträge zur Bohemistik, welche in einem breiteren, territorialen Sinn verstanden wird: Neben Artikeln zu den Forschungsergebnissen zur modernen, auf Tschechisch verfassten Literatur wird das Forum einen stärkeren Fokus auf die oft übergangene ältere Literatur und vor allem auch auf die deutschsprachige Literatur der böhmischen Länder legen, bzw. auf die deutsch-tschechischen Literatur- und Kulturkontakte. – Mit der Frage, wie die literaturwissenschaftliche Bohemistik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem fremdsprachigen bohemikalen Schrifttum umging, beschäftigt sich der Aufsatz Jakub Sicháleks, den wir als ersten diesjährigen e*Beitrag bereitstellen.

Joseph Roth zum Tod Karel Čapeks (27. 12. 2016)

Als letztes deutsch-tschechisches Echo im Jahre 2016 veröffentlichen wir den Nachruf auf Karel Čapek, den Joseph Roth in der Zeitung der deutschen Emigranten, der Pariser Tageszeitung, am 27. Dezember 1938 veröffentlichte, an eben dem Tag, an dem auch in der tschechischen Presse die ersten Nekrologe erschienen. Das elegische Ausklingen des Nachrufs und sein zorniger Pathos sind unvermeidlich mit den fatalen Ereignissen des Jahres 1938 verbunden, vor allem mit dem „Anschluss“ Österreichs im März und dem Münchner Abkommen der vier Großmächte über die Abtretung der tschechoslowakischen Grenzgebiete an den „preußischen Stiefel“. Roth schreibt: „Wir beklagen die edlen Opfer einer Pest, die offenbar nicht allein durch die Bazillen tötet, aus denen sie besteht, sondern auch noch mittelbar durch Schmach und Schande. Treubruch-Wortbruch-Verrat-Erzeugung. Die Scham über eine träge Welt, die ihren Untergang durch Ehrlosigkeit beschleunigt, unter dem Vorwand, ihn aufzuhalten, ist zu groß, als daß sie diesen Edlen nur die Röte ins Gesicht triebe: Sie treibt ihnen vielmehr den Tod in die Brust.“

Stefan Michael Newerkla über eine Analyse von Kafkas Literatursprache (12. 12. 2016)

Mit Boris Blahaks Monografie über Franz Kafkas Literatursprache. Deutsch im Kontext des Prager Multilingualismus (Köln – Weimar – Wien, Böhlau 2015) liegt eine Arbeit vor, die – so das neue deutsch-tschechische Echo – „bisherige, vielfach vorgefasste und oft jahrzehntelang tradierte Ansichten zur Literatursprache Kafkas, zu dessen ‚allerpersönlichstem Hochdeutsch‘ in Frage stellt, relativiert und teilweise sogar revidiert“. Das Buch gewährt „nicht nur einen Überblick über den sprachsoziologischen Kontext, den Einfluss des Schreibprozesses auf die verwendete Sprache sowie die Textgestalt und Kafkas individuelle sowie zeit- und raumgebundene Einstellung zu den Komplexen ‚Standard‘ bzw. ‚Schriftsprache‘ und ‚Substandard‘ bzw. Dialekt. Blahak bringt vor allem auch eine äußerst detaillierte, korpusbasierte Analyse der Regionalismen in Kafkas literarischem Deutsch, gleichsam eine ‚Fehlergrammatik‘ seiner Literatursprache auf phonetischer und morphosyntaktischer Ebene.“

Bernd Hamacher über den Briefwechsel Scherers mit Sauer, Seuffert und Werner (28. 11. 2016)

Die kommentierte Edition des Briefwechsel Wilhelm Scherers mit August Sauer, Bernhard Seuffert und Richard Maria Werner aus den Jahren 1876 bis 1886 kann – so das neue deutsch-tschechische Echo – für die Wissenschaftsgeschichte der Germanistik Modellcharakter beanspruchen. Der Band mit dem Titel Disziplinentwicklung als community of practice, herausgegeben von Hans-Harald Müller und Mirko Nottscheid (Stuttgart: Hirzel 2016), belegt, dass die Neuere deutsche Literaturgeschichte sich als Fach deutlicher konstituierte erst im Rahmen der Scherer-Schule, und zwar  in der „community of practice“  der Seminare Scherers und des Netzwerks seiner Schüler. „Eine genuine Leistung des Bandes – und damit auch die Berechtigung, mit Scherers Tod eine Grenze zu ziehen – liegt darin, dass sich in dem knappen Jahrzehnt zwischen 1876 und 1886 ‚wesentliche Konturen eines »typischen« Profils der Literaturhistoriker aus Scherers Schule heraus[bildeten]‘, die auch über die wissenschaftlichen Biographien der drei behandelten Persönlichkeiten hinaus von Bedeutung sind. Hierzu gehört u. a. die der akademischen Etablierung folgende ‚Suche nach einem »Lebensdichter«‘“.

Hans-Harald Müller über eine Monografie zu Franz Janowitz (14. 11. 2016)

Der ersten Fachbiografie zum kurzen Leben und zum nur in Teilen erhaltenen Werk von Franz Janowitz (1892–1917) soll das neue deutsch-tschechische Echo gewidmet sein. Jaromír Czmero gab seinem Buch den vielsagenden Titel Der bekannteste Unbekannte der Prager deutschen Literatur: Janowitz „gehört nicht zu den ‚mit Unrecht vergessenen‘, sondern zur Klasse der – im 20. Jahrhundert nicht seltenen – halb bekannten, beinahe kanonisierten Autoren, die einen sicheren, fest umrissenen Platz in der Literaturgeschichte (noch) nicht gefunden haben. Unbekannt konnte Janowitz nicht bleiben, weil er schon zu Lebzeiten zu den peer-groups des Prager und Wiener Literaturlebens – u. a. mit Max Brod, Franz Werfel, Willy Haas, Karl Kraus – in Beziehungen stand. Einen Platz in der Literaturgeschichte konnte Janowitz unter anderem deshalb (noch) nicht finden, weil der Nachlass des Dichters verloren ging und seine überlieferten Texte lange Zeit nicht zugänglich waren.“

Václav Maidl über L. Futteras deutsches Libusse-Lied (31. 10. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo widmet sich der Publikation einer unserer Beiträger, die 2015 unter dem Titel Německá píseň o Libuši. Obraz českého dávnověku v české a německé literatuře 19. století (Das deutsche Lied von Libussa. Das Bild der frühen böhmischen Geschichte in der tschechischen und deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts) bei Pistorius & Olšanská in Příbram erschienen ist. „Der Autor sammelte im komparativen Rahmen bekannte und weniger bekannte Texte mit der Figur der Libuše, die er analysiert und miteinander vergleicht; er kann sie aus dem Entstehungskontext heraus erklären und auch mit anderen Kontexten verbinden, was einen gewissen Aspekt der Entwicklung in seine Forschung bringt. [...] Künstlerische Werke, die das genannte Thema auf Seiten der tschechischen Sprache artikulieren, bleiben im Hintergrund, wie das, was allgemein als bekannt vorausgesetzt wird (Die Kosmas- und die Hájek-Chronik, die Königinhofer und Grünberger Handschrift, Smetanas Libuše, Zeyers Vyšehrad, die Symbolik der Malereien im Nationaltheater), und den Schwerpunkt seiner Arbeit legt er auf literarische Werke mit Libuše-Thematik in deutscher Sprache.“

Lucie Merhautová über eine Monografie zu Sacher-Masoch (17. 10. 2016)

Thematisch angebunden an den letzten deutsch-tschechischen Beitrag in der Rubrik „Es schrieben“ veröffentlichen wir ein neues Echo zur Biografie Sacher-Masoch (18361895) des französischen Historikers für Mitteleuropäische Geschichte Bernard Michel (Praha, Dybbuk 2015). Die tschechische Übersetzung erschien über 25 Jahre nach dem französischen Original – nicht einmal ins Deutsche ist sie bislang übertragen worden. Auf Deutsch existiert freilich im Gegensatz zum tschechischen Umfeld eine Reihe von Fachmonografien und Studien. „Bei Zitaten aus Sacher-Masochs Werken bedient sich Michel sowohl des deutschen Originals wie auch der dreibändigen französischen Prosaausgabe, diese und andere Editionen verwendete dann auch Gilles Deleuze für seine berühmte Studie Présentation de Sacher-Masoch. Le froid et le cruel. Deleuzes sado-masochistische Lesart beeinflusste eine ganze Reihe anderer Interpretationen. Doch Michel versucht sich davon zu emanzipieren und betont die historische Perspektive: ‚Um ihn verstehen zu können, muss man vor allem die Habsburger Monarchie des 19. Jahrhunderts sehr gut kennen, nicht nur die deutsche Welt, sondern auch die slawische: die ukrainische, polnische und tschechische, inklusive ihrer Sprachen, Bräuche und Gesellschaftsrituale‘“.

Leopold von Sacher Masoch schrieb an Svatopluk Čech (3. 10. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo berichtet über die Aktivitäten Leopold von Sacher Masochs im Zusammenhang mit der Leipziger Zeitschrift Auf der Höhe (1881–1885), dem seinerzeit einzigen Periodikum in Deutschland, welches das zeitgenössische Geschehen in der tschechischen Literatur gezielt vermittelte. Dessen Herausgeber Sacher Masoch wandte sich damals wegen tschechischer Beiträge an den angesehenen Schriftsteller Svatopluk Čech mit einem Brief, der hier veröffentlicht wird. Die in Kürze geschilderte Geschichte einer der Zeitschriften, denen das neue Buch Lucie Merhautovás Paralely a průniky (Parallelen und Überschneidungen, MÚA AV ČR 2016) gewidmet ist, zeigt die Bedingungen für ein erfolgreiches Vermitteln tschechischer Literatur in deutschen Zeitschriften auf – Bedingungen, „die Auf der Höhe allesamt erfüllte: ein internationales, nicht nur an großen Literaturen ausgerichtetes Zeitschriftenprogramm, das Interesse der Redaktion an kleineren slawischen Literaturen, Kontakte zu entsprechenden Literaturmittlern mit gutem Überblick über die aktuelle tschechische Literatur, die außerdem bereit wären, auf Deutsch zu referieren oder ins Deutsche zu übersetzen – am besten beides und regelmäßig“.

Jakub Sichálek über die Reflexion alter Literatur aus den böhmischen Ländern (19. 9. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo handelt von den Veränderungen und den Problematiken der literaturhistorischen Reflexion über die deutschsprachige Literatur, die im Mittelalter in den böhmischen Ländern entstand, bzw. von der Reflexion dieser deutsch-tschechischen Literaturkontakte im 20. Jahrhundert. Das Ende jener bedeutenden Zeit der 1920er und 30er Jahre, für die in Hinblick auf die Geschichte der böhmischen Literatur des Mittelalters die Eingliederung des kirchenslawischen, lateinischen und des deutsch-bohemikalen Schrifttums in die Geschichte der tschechischen Literaturgeschichte charakteristisch war, „markierten am Vorabend des Zweiten Weltkriegs Konrad Bittner und dessen markantester Opponent Roman Jakobson mit ihren Standpunkten bezüglich der deutsch-tschechischen Kontakte: Der Deutschmähre Bittner, einer der führenden Slawisten der Prager deutschen Universität, [...] sah eine Abhängigkeit der tschechischen Literatur von der deutschen sowie deutsche literarische Einflüsse auch da, wo sie nicht waren. Der russische Slawist Jakobson hingegen wollte sie – in Reaktion auf Bittner und auf die Kriegsereignisse – selbst dort nicht sehen, wo es sie tatsächlich gab.“ Fortgesetzt wird dieses Echo im kommenden Jahrgang.

Václav Smyčka über die Geschichte Tschechiens von J. Bahlcke (5. 9. 2016)

„Das Verfassen einer mehrbändigen Gesamtdarstellung zur Geschichte eines Landes ist für einen Historiker eine der größten intellektuellen Herausforderungen. Das Verfassen eines Geschichtswerks für fachunkundige Leser und auf dem begrenzten Raum eines einzigen schmalen Bandes scheint mir jedoch ein noch gewagteres Unterfangen. Ein Versuch einer solch konzentrierten Gesamtdarstellung der tschechischen Geschichte auf minimalem Raum ist das in der Edition Wissen des Münchener Verlags Beck (2014) erschienene Buch Geschichte Tschechiens, dessen Verfasser Joachim Bahlcke als Professor für Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität Stuttgart tätig ist. Wie im Untertitel des Buches angekündigt, hat sich der Autor zum Ziel gesetzt, dem Leser auf bloßen hundertzwanzig ca. oktavheftgroßen Seiten die tschechische Geschichte ‚vom Mittelalter bis zur Gegenwart‘ darzustellen.“ Wie J. Bahlcke die Klippen eines solchen Vorhabens umschifft, davon handelt das neue deutsch-tschechische Echo.

Štěpán Zbytovský über das Groteske in der Literatur (22. 8. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo widmet sich der Dissertation Nikola Mizerovás Das Groteske in der deutschen Literatur aus den böhmischen Ländern 1900–1930 (Arco 2014), welche die in der Literatur zum Gegenstand häufig wiederholte These überprüft, nach der insbesondere die Prager deutsche Literatur auf spezifische Weise mit der Kategorie des Grotesken verbunden sei. „Mizerová zeigt an einem umfassenden Textkorpus von Autoren aus Prag, dem böhmischen Grenzland und Mähren sowie an der Geschichte der Gattungsbezeichnung ‚Groteske‘, wie sie Karl Hans Strobl als einer der ersten verwendete, dass die Popularität des grotesken Stils wie auch der Gattung Groteske in den ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts in keiner Weise von den Tendenzen im gesamten mitteleuropäischen Kontext abweicht, sondern vielmehr von einer engen Vernetzung der hiesigen Literatur mit diesem breiteren Kontext zeugt.“

Jan Budňák über das Bild der Provinz in der tschechisch- und deutschsprachigen Literatur (8. 8. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo analysiert das auf Tschechisch erschienene Buch Der tschechische und der deutsche Bauer im Spiegel der Belletristik 1848–1948. Ein Diskurs zwischen Historiographie und Literaturwissenschaft zum Thema des Bauern- und Grenzlandromans (hg. von Eduard Kubů, Jiří Šouša und Aleš Zářický; Dokořán und Universität Ostrava 2014, 745 S.). Der Rezensent drückt seine Zweifel gegenüber der vorgebrachten Meinung aus, nach der „die tschechische Literatur bloß einige wenige kämpferische Grenzlandtexte abseits des ‚Hauptstromes der Nationalliteratur‘ hervorgebracht habe, wo das ländliche Milieu sonst mehr oder weniger ästhetisch wertvoll und ideologisch gemäßigt geschildert wird, während in der ‚sudetendeutschen‘ ruralen Prosa der aggressive Grenzlandfokus überwiege.“ Er fügt hinzu, „dass hier Ungleiches verglichen wird. Die Dorfprosa, so wie sie von Stašek oder Rais gepflegt wurde, entspricht typologisch viel eher den Texten von Ebner-Eschenbach, J. J. David, G. Leutelt oder etwa Fritz Jurditsch (Ein Dorfbürgermeister, 1927) als den auf nationalen Konfrontationskurs gehenden Grenzlandtexten.“

Leopold Silberstein über T. G. Masaryk (25. 7. 2016)

Der deutsche Philosoph, Soziologe und Literaturwissenschaftler jüdischer Herkunft Leopold Silberstein (1900 in Berlin – 1941 in Tartu) „gehörte zu den zahlreichen deutschen Intellektuellen im Exil, die nach 1933 in der Tschechoslowakei unter äußerst schwierigen legislativen und materiellen Bedingungen eine umfangreiche publizistische und fachliche Tätigkeit entfalteten und somit die intellektuelle und kulturelle Basis des tschechoslowakischen Umfelds erweiterten.“ Das neue deutsch-tschechische Echo ist dieser heute fast unbekannten Persönlichkeit gewidmet, deren Leben und Werk sich dank der systematischen Forschungen des Berliners Konrad Herrmann gut rekonstruieren lassen; in der Rubrik „Es schrieben“ stellen wir einen Ausschnitt aus einer Vorlesung über T. G. Masaryk vor, die Silberstein im Jahre 1936 auf einer Vortragsreise durchs Baltikum und Finnland hielt, die vom tschechoslowakischen Staat finanziert wurde.

Lenka Penkalová über Milena Jesenská-Biografien (11. 7. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo begutachtet zwei Herangehensweisen an eine mögliche Biografie Milena Jesenskás; beide erschienen 2015 in revidierten Ausgaben: Alena Wagnerovás Milena Jesenská im Prager Verlag Argo sowie Jaroslava Vondráčkovás Kolem Mileny Jesenské (Um Milena Jesenská) bei Torst. „Beide Bücher bearbeiten das gleiche Thema auf ganz unterschiedliche Weise, ohne miteinander zu konkurrieren, eher ergänzen sie sich. Die eine Autorin wählt einen persönlichen Ton, der auf eigenen Erinnerungen und Gesprächen mit Zeitzeugen basiert, die andere bemüht sich um einen objektiven Blick, wenn auch das Ergebnis eine sehr spezifische psychologisierende Interpretation der Persönlichkeit Milena Jesenskás ist, ein Roman, in dem der Journalistin die Rolle der Heldin zuteilwird.“ Lenka Penkalovás Analyse zeigt, „dass es selbst auch bei solch berühmten Persönlichkeiten wie Milena Jesenská immer noch etwas zu entdecken gibt“.

Michal Topor über eine Eduard Albert-Monografie (27. 6. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo beschäftigt sich mit der Monografie Eduard Albert (1841–1900). Český intelektuál ve Vídni [Ein tschechischer Intellektueller in Wien] von Helena Kokešová, die 2014 im Prager Verlag Academia erschienen ist. Der prominente Chirurg, der zunächst in Innsbruck, dann in Wien tätig war, außerdem Hofrat, Mitglied des Herrenhauses und Vermittler der tschechischen Literatur im deutschsprachigen Umfeld, bleibt für die Autorin „‚ein tschechischer Intellektueller in Wien‘. […] Mit einigen weiteren Zeugnissen (inklusive einiger Selbstcharakterisierungen des Hauptakteurs) untermauert die Autorin zwar weiterhin das Bild eines listigen Wiener Taktikers, der nach außen hin wie ein ‚Österreicher‘ auftrat, sprich: neutral und solide, der sich (auch sprachlich) etablierte und dann, ausgehend von dieser Grundlage, wo nur möglich und dennoch unauffällig, die ‚tschechische Sache‘ unterstützte. Doch in weiteren Teilen der Darstellung bricht sie zum Glück selbst mit diesem Bild [...].“

Zuzana Jürgens über K. Kovačkovás „Figuren der Anderen“ (13. 6. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo behandelt Kateřina Kovačkovás Dissertation, die den auf Deutsch verfassten Romanen Josef Holubs, Gerold Tietz' und Johannes Urzidils gewidmet ist. Unter dem Titel Figuren der Anderen in der deutschböhmischen Exilliteratur erschien sie 2015 im Münchner Rogeon-Verlag. Laut Zuzana Jürgens war „der Ausgangspunkt der ganzen Dissertation die Begegnung mit [Tietz'] literarischem Werk“, welches die Autorin „bezaubert hat und das sie sehr hoch schätzt. […] Man kann nur vermuten, warum sie – anstatt sich nur ihm zu widmen – sich entschied, ihr Forschungsgebiet zu erweitern. Das Ergebnis ist leider ein Schweifen von einem Thema zum anderen, dem auch durchaus anregende Beobachtungen zum Opfer fallen.“

Ladislav Futtera über Kurt Krolops Ludwig Winder (30. 5. 2016)

Das heutige deutsch-tschechische Echo analysiert eine Monografie über das Frühwerk Ludwig Winders: Kurt Krolops 1967 im ostdeutschen Halle verteidigte Dissertation erschien im vorigen Jahr in Olmütz und wurde zum letzten Werk, das zu Lebzeiten des Autors (1930–2016) publiziert wurde. Die Ausgabe des Buches Ludwig Winder. Sein Leben und sein erzählerisches Frühwerk. Ein Beitrag zur Geschichte der Prager deutschen Literatur (Univerzita Palackého v Olomouci, 2015) wurde von Jörg Krappmann und Jaromír Czmero anlässlich des 85. Geburtstags Krolops vorbereitet. Bei der Herausgabe der mehrere Duzend Jahre alten Arbeit handelt es sich, so der Verfasser des Echos, „weniger um einen Akt des Respekts gegenüber dem Autor als um die begrüßenswerte Bereitstellung eines sonst schwer zugänglichen Textes für Interessenten der deutschböhmischen Literatur. Zu bedauern ist lediglich, dass das Buch nicht für die übliche Distribution freigegeben wurde und dem Leser nur in einigen wenigen wissenschaftlichen Bibliotheken zur Verfügung steht. Schade umso mehr, da Krolop sich hier als äußerst bewanderter Fachmann erweist, der den Leser souverän durch die verwinkelten Pfade von Winders Leben und Werk geleitet, ohne dazu ein Opus von mehreren Hundert Seiten zu füllen“.

K. Krolop über K. Čapek, E. Jelínková über K. Krolop (16. 5. 2016)

In der Rubrik „Es schrieben“ stellen wir heute einen frühen Artikel Kurt Krolops (1930–1916) vor, in dem er seine Aufmerksamkeit erstmals einem tschechischen Autoren widmete. Die Hymne „Solche Erfolche erreichen nur deutsche Molche“ aus Čapeks Roman Der Krieg mit den Molchen weist Krolop als Beleg einer produktiven Rezeption von Karl Kraus und dessen satirischen Zitiermethode aus. – Mit den (germano)bohemistischen Themen in den Arbeiten Kurt Krolops und einigen Aspekten seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt sich das begleitende Echo Eva Jelínkovás. „Krolops Kenntnis der zeitgenössischen Prager, Wiener und Berliner Literaturlandschaft, verbunden mit seiner Bereitschaft, unermüdlich eine Reihe scheinbar marginaler Daten und Phänomene zu notieren, zeigt nicht selten die Lücken in den Resultaten langjähriger literaturgeschichtlicher Forschungen und kollektiver Editionsprojekte auf, die unter ganz anderen institutionellen Bedingungen entstanden als jenen, unter denen er selbst arbeitete. Krolop war notgedrungen ein Einzelgänger, rückblickend wohl aber auch aus Veranlagung. Seine ruhige Konzentration auf das Detail offenbart nicht nur die prinzipielle Unabgeschlossenheit – und damit auch Hinterfragbarkeit – der Quellenbasis als großes Forschungsrisiko, sondern zeugt auch von den unendlichen Möglichkeiten des Fragens und des Suchens nach Antworten.“

Jahrbücher Echa 2015 und Echos 2015 (10. 5. 2016)

Eben erschienen sind zwei Jahrbücher des IPSL: der 5. Jahrgang der bohemistischen Reihe Echa und der 2. Jahrgang der germanobohemistischen Echos, beide als E-Books. Beide Jahrbücher umfassen außer den veröffentlichten Beiträgen kurze Biografien der Echo-AutorInnen und -RedakteurInnen, ein Verzeichnis der rezensierten Bücher sowie ein Namensregister. Die tschechischen Echa 2015 sowie die deutsch-tschechischen Echos 2015 sind kostenlos auf den Seiten des IPSL sowie bei den tschechischen Distributoren (z. B. Kosmas) erhältlich.

Václav Maidl über Kurt Krolop (2. 5. 2016)

Drei aufeinanderfolgende deutsch-tschechische Echos werden sich dem deutschböhmischen Germanisten Kurt Krolop (25. 5. 1930 Kravaře/Graber – 22. 3. 2016 Praha) widmen. Als erstes veröffentlichen wir eine Erinnerung von Echos-Redaktionsmitglied Václav Maidl, der seit den 1990er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Kurt Krolop in Kontakt war. „Einmal fuhren wir mit KK in seine Heimat, er wollte uns zeigen, woher er stammte. Wir gingen durch Litoměřice (Leitmeritz), wo er das Gymnasium besucht hatte, fuhren in seinen Geburtsort Kravaře (Graber) und gelangten mit unseren Autos in das Dorf, wo noch das Schulzenhaus aus dem 17. Jahrhundert stand, mit Gewölben, die von einem einzigen Pfeiler getragen wurden – der einstige Sitz des Schulzen Krolop. Stolz zeigte er es uns (die neuen Eigentümer gewährten uns den Einlass), und man sah sofort: Er war stolz auf das Haus ebenso wie auf seinen Vorfahren, den Schulzen. Das hat er nie in Worten ausgedrückt, aber es war klar, dass er ein Lokal- und allen historischen Hindernissen zum Trotz auch ein Landespatriot war. Kurz ein Deutschböhme.“

Manfred Weinberg schreibt über Reiner Stachs Kafka (18. 4. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo stellt Reiner Stachs Kafka. Die frühen Jahre vor, den ersten Band einer dreiteiligen Kafka-Monografie, der als abschließender Teil 2014 im Fischer-Verlag erschienen ist. „Eine besondere Qualität ist, dass Stach ganz anders als die zwischenzeitlich erfolgreichere Biographie von Peter-André Alt Franz Kafka. Der ewige Sohn nicht einem monokausalen Erklärungsmuster folgt: Für Alt leitet sich alles im Leben (und Werk) Kafkas aus dem Verhältnis zu seinem Vater ab, was zuletzt nicht überzeugt. Eine weitere Qualität resultiert aus der mangelnden Quellenlage [zur frühen Phase von Kafkas Leben], die Stach durch eine gründliche Auseinandersetzung mit den soziokulturellen Verhältnissen des damaligen Prag kompensiert, welche in anderen Kafka-Biographien regelmäßig zu kurz kam. Stach schreibt zurecht: ‚Keine intellektuelle Biographie, die sich vor den Kulissen der böhmischen Metropole entfaltet, ist verständlich ohne die Geschichte dieser Stadt und ihrer Region‘. [...] Leider verliert er diesen Punkt in seinen Annäherungen an Kafkas Texte wieder aus den Augen. Sein Prag-Bild ist zudem stellenweise zu einfach geraten, weil er ganz dem Erklärungsmodell eines bloßen Gegeneinanders von Tschechen und Deutschen folgt.“

Ingeborg Fiala-Fürst über L. A. Frankl (4. 4. 2016)

Das neue tschechisch-deutsche Echo beschäftigt sich mit einem Band mit Artikeln über Ludwig August Frankl (1810–1894), der als als zehnter Band der Reihe „Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhunderts“ im Verlag Böhlau erscheint. L. A. Frankl war eine „polyphone“ Persönlichkeit „zwischen Okzident und Orient“, so die Autorin des Echos mit Verweis auf den Untertitel des von Louise Hecht herausgegebenen Buchs, „Jude zwischen Orthodoxie und Assimilation, Dichter deutscher Zunge und österreichischer Patriot zwischen Deutschen und Tschechen, Journalist und Herausgeber zwischen Revolution und konservativer Restauration, Historiker zwischen Dichtung und Wahrheit, eine Gestalt, an deren breitgefächerten Aktivitäten und reichem Schrifttum fiktiver sowie non-fiktiver Art fast die gesamte Problematik des 19. Jahrhunderts abzulesen ist.“

Kurt Krolop verstorben (24. 3. 2016)

Am Dienstag, den 22. März, ist der deutschböhmische Germanist Kurt Krolop gestorben. Der im nordböhmischen Kravaře (Graber) geborene deutschsprachige Literaturhistoriker und Herausgeber verband seine wissenschaftliche Laufbahn vor allem mit der sog. Prager deutschen Literatur und dem Werk Karl Kraus‘. Krolop zählt seit den frühen 1960er Jahren zu den ersten und weiterhin bedeutendsten Forschern, die sich in Prag auf den breiteren Bereich der deutschsprachigen Literatur aus den böhmischen Ländern konzentriert haben. In Karl Kraus, so Jiří Stromšík in seinem Festvortrag anlässlich des 85. Geburtstags des Forschers, habe Krolop „die überzeugendste Verkörperung kritischen Denkens“ gefunden – „eines Denkens, das sich von keinen Klischees oder Stereotypen täuschen, aber auch von keinen Glaubenssätzen oder Ideologien verführen läßt, sondern stets bemüht ist, unter die Oberfläche des Textes vorzudringen, um dort eine neue, von anderen bisher unerkannte Wahrheit zu finden. Etwas unterscheidet allerdings Krolop von Kraus wesentlich: Der Kritizismus des Ersteren ist nicht von Angriffslust, um nicht zu sagen Aggressivität des Letzteren getragen (und schon gar nicht von dessen richtendem, ekstatischem Moralismus) – Krolops Kritizismus will den Gegenstand der Kritik nicht ‚demolieren‘, sondern besser verstehen.“ Für das tschechische Publikum wird derzeit unter der Leitung Jiří Stromšíks eine umfangreiche Auswahl von Krolops wissenschaftlichen Arbeiten vorbereitet (im Prager Verlag Triáda; vgl. auch das Echo zur Publikation O pražské německé literatuře). In den germanobohemistischen Echos kommen wir zu der Persönlichkeit Kurt Krolops bald wieder zurück, u. a. mit einer Besprechung seiner neulich erschienenen Arbeit über Ludwig Winder.

Hana Šmahelová über die Große Geschichte Böhmens (21. 3. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo erforscht die Auffassung der tschechischen Nationalen Wiedergeburt im Rahmen der mehrbändigen Velké dějiny zemí koruny české [Große Geschichte der böhmischen Kronländer] (Bd. XIa und XIb). Die Autorin kritisiert die mangelnde Reflexion der Schlüsselbegriffe und das nahezu konsequente Ausblenden des kulturellen und insbesondere des literarischen Charakters der National- bzw. Emanzipationsbewegung, wobei ihr gemeinsames Konzept gerade „in der intellektuellen Sphäre“ entstand, „in der Welt der Wissenschaft (der Geschichtsschreibung, der Philologie) und insbesondere der Literatur, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts stets offen für die europäische Kultur, inklusive der deutschen, war. Dieses Milieu formulierte nicht nur die ideelle Grundlage der tschechischen Nationalbewegung, es lieferte ihr auch die Mittel, die eine Kommunikation innerhalb der Gesellschaft ermöglichten.“ Der Ansatz der tschechischen HistorikerInnen verhindert es in der Folge, ein zusammenhängendes und inhaltlich kohärentes Bild dieser Bewegung zu entwerfen: „Die Darstellung der Nationalbewegung basiert [...] hauptsächlich auf einer Beschreibung von Einzelheiten, die mit einer bestimmten allgemeinen Vorstellung über die verschiedenen patriotisch motivierten Aktivitäten zur Rettung (‚Auferstehung‘) der tschechischen Literatur, zur Anstachelung eines tschechisch-deutschen Antagonismus und zur Betonung alles Tschechischen korrespondieren.“

Ladislav Drůbek über deutsche Literaten in der ČSR (7. 3. 2016)

Als neues deutsch-tschechisches Echo veröffentlichen wir den Artikel Wer ist führender Dichter der tschechoslowakischen Deutschen?, den Ladislav Drůbek (1883–1968) im Jahre 1926 verfasste. Der heute ziemlich unbekannte Publizist, Übersetzer aus dem Deutschen und Gymnasiallehrer war zunächst in Prag, später in Liberec (Reichenberg) tätig. Drůbeks Artikel, ursprünglich auf Tschechisch in der Zeitung Lidové noviny erschienen, umreißt die damals vorherrschende Spannung zwischen der kosmopolitisch denkenden Enklave der Prager deutschen Literaten und ihren national orientierten „Landsleuten aus den deutsch besiedelten Grenzregionen“: „Es mangelt nicht an Belegen zur Bestätigung der Tatsache, dass zwischen Prag, wo sich insbesondere im Umfeld der Hochschulen die Elite des deutschsprachigen Kulturlebens konzentriert, und der deutsch besiedelten Provinz, welche gern stärker ihr sudetendeutsches Nationalbewusstsein und ihre Kompromisslosigkeit betont, nicht nur eine Entfremdung, sondern oftmals eine regelrechte Feindschaft herrscht, die – wie immer – mit völliger gegenseitiger Unkenntnis und einem systematischen gegenseitigen Totschweigen verbunden ist. Der deutsche Provinzjournalismus ignoriert systematisch die Produktion der Prager Literaten, auch wenn sie keine Semiten sind, wie z. B. der hervorragende Lyriker R. Maria Rilke, der dieses Jahr unlängst anstelle einer Feier zu seinem 50. Geburtstag feierlich aus dem deutschen Volk ausgeschlossen wurde, weil er einige französische Gedichte verfasst hatte.“

Lukáš Pěchula über die „Heimkehr“ Joseph Wechsberg (22. 2. 2016)

Das neue deutsch-tschechische Echo stellt den gebürtigen Ostrauer Joseph Wechsberg (1907–1983) und seinen auf Englisch verfassten Roman Homecoming vor, der neu ins Deutsche übertragen wurde (Heimkehr, Wien, Arco 2015). Laut Rezensent handelt es sich bei der Hauptfigur nicht um einen „typischen Heimkehrer“, er passe nicht zu den Prototypen der damaligen Literatur, die, unfähig, erneut ein Zuhause und ihren Platz in der Welt zu finden, aus dem Krieg heimgekehrt waren: Wechsbergs Heimkehr trage „eine völlig andere Botschaft, nämlich die des Zur-Ruhe-Kommens, der Versöhnung und Heimatfindung. Das ganze Werk ist durchdrungen von einer Poetik der Entfremdung, welche die Atmosphäre der Leere und Nichtzugehörigkeit noch verstärkt. […] Dies ermöglicht den Prozess des Loslassens, denn nur ein freier Held kann verstehen, wo sich seine wahre Heimat befindet: Die physische Realität der unmittelbaren Nachkriegszeit in Ostrava bedeutet dem Protagonisten des Buches nicht mehr viel, sein genius loci ist verloren gegangen, die Orte in seiner Geburtsstadt sind ihm keine Heimat mehr, sondern nur eine Ruine der Vergangenheit, in der der Mensch nicht leben kann, sonst vergäße er, überhaupt zu leben.“

Marek Fapšo über eine Anthologie Eva Hahnovás (8. 2. 2016)

Das neue tschechisch-deutsche Echo analysiert die Veröffentlichung Od Palackého k Benešovi [Von Palacký zu Beneš], für welche Eva Hahnová eine Vielzahl deutschsprachiger Texte über Tschechen und Deutsche ausgewählt und kommentiert hat und die sie einem tschechischen Publikum in der Übersetzung vorlegt (Praha, Academia 2014). Laut Autor der Rezension „hinkt“ die Anthologie in erster Linie auf methodologischer Ebene: „Hahnovás Buch enthält eine Vielzahl bemerkenswerter Texte. Es spielt jedoch mit dem Leser kein faires Spiel. Auf den ersten Blick erweckt es den Eindruck einer authentischen Darbietung von Texten, welche scheinbar augenfällig eine – von der Autorin letztendlich nicht angezweifelte – ‚Richtung‘ in der Geschichte aufzeigen. Tatsächlich wird der Leser jedoch durch die einzelnen Kommentare und Kapitelüberschriften in diese Richtung gelenkt.“

Marie Rakušanová über ein leuchtendes München der (25. 1. 2016)

In Zusammenhang mit der gelungenen Ausstellung im Rahmen des Projekts Pilsen – Kulturhauptstadt Europas vom vergangenen Jahr behandelt das neue deutsch-tschechische Echo die zweisprachige begleitende Publikation München. Leuchtende Kunstmetropole 1870–1918 (Hg. Aleš Filip und Roman Musil, Plzeň – Lomnice nad Popelkou 2015). Sie stellt die Frage auf, warum sich das München des 19. Jahrhunderts die Bezeichnung Kreuzung der Europäischen Kultur verdient hat, tschechische wie deutsche KunsthistorikerInnen tragen Antworten dazu bei. „Der heutige Besucher der reservierten bayerischen Metropole würde es kaum vermuten“, so Marie Rakušanová, „doch an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert handelte es sich um ein kosmopolitisches, vor Leben brodelndes Zentrum der Kultur. KünstlerInnen aus Böhmen, Polen, Russland, der Slowakei, Ungarn, Slowenien und vielen anderen Ländern kamen unter anderem deshalb nach München, weil die liberale Politik der Wittelsbacher hier günstige Bedingungen für ein Aufblühen der internationalen Kulturszene schuf . […] Die Münchener Schule, ob auf der Kunstakademie oder einer der privaten Schulen, übertraf in ihrer Attraktivität Berlin, Dresden und Wien. Die Künstler Mitteleuropas sahen in München eine ebenbürtige Alternative zum Studium in Paris oder verstanden Münchener Erfahrungen mindestens als natürliche Vorstufe zur Destination Paris.“ Das Buch richtet sich im Besonderen auch auf das kulturelle Klima Münchens und den Status des Künstlers im täglichen Kultur- wie Stadtbetrieb aus und überwindet laut Autorin „Gedanken einer hegemonialen Kunstgeschichte, die den von den Zentren zur Peripherie ausgehenden Einflüssen nachspürte“.

Jitka Ludvová über die Kritiken Oskar Baums (11. 1. 2016)

„Obgleich Oskar Baum dem ‚engeren Prager Kreis‘ um Max Brod zugerechnet wird und ihn eine lebenslange Freundschaft mit Franz Kafka verband, gehört er – anders als die beiden Genannten und einige weitere Prager deutsche Autoren der Zwischenkriegszeit – zu jenen Persönlichkeiten, die heute einer expliziten Vorstellung bedürfen“ – so schreibt die Autorin des neuen deutsch-tschechischen Echos über den blinden Romanschriftsteller und Musikkritiker. Eine Auswahl aus Baums kritischen Texten zur Musik und Literatur aus den Jahren 1922–1938 versammelt der 2014 erschienene Band Oskar Baum. Der Blinde als Kritiker (Hg. von Wolfgang Jacobsen und Wolfgang Pardey, München, Richard Boorberg Verlag). Dass bislang unzugängliche Texte erschlossen werden, begrüßt Jitka Ludvová, wundert sich jedoch über die mangelnde Annäherung an die Kontexte ihrer Entstehung und über die dürftigen, ja unbefriedigenden Anmerkungen zu konkreten Realien, die in den Kritiken aufscheinen. Die Musikkritiken, welche die Anthologie versammelt, ermöglichen es freilich,„das ‚ästhetische Profil‘ Oskar Baums als Musiker [zu] rekonstruieren“, außerdem bemerkt Ludvová: „Mit Neid sieht der heutige Leser, wie viel Raum die Tagespresse der Zwischenkriegszeit der ‚Hochkultur‘ einräumte.“

Bernd Hamacher über ein Buch Jindřich Manns (28. 12. 2015)

„Begrüßen Sie sich doch in Prag! […] Schreiben Sie einen Brief. Heißen Sie sich darin in Prag herzlich willkommen,“ rät ein Münchner Hotelportier dem mit einer Rückkehr in die besetzte Tschechoslowakei im Jahre 1968 hadernder Erzähler. Jindřich Manns Prag, poste restante (in der tschechischen Ausgabe von 2012 nur Poste restante) erschien 2007 bei Rowohlt mit dem präzisierenden Untertitel Eine unbekannte Geschichte der Familie Mann. „Doch die Familiengeschichte des Heinrich-Mann-Enkels“, so der Autor des letzten deutsch-tschechischen Echos in diesem Jahr, „ist nur eine Ebene des Buches, das durchaus als Roman bezeichnet werden kann und als solcher dem in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur populären Genre der Autofiktion angehört. […] Jindřich Mann verarbeitet in seinem Buch nicht nur faktuale Erinnerungen und Familiendokumente, sondern komponiert diese um Träume und kontrafaktische Imaginationen herum, die meist von Prag ausgehen, und zwar von bestimmten Gebäuden und der Topographie der Stadt. […] Das Adjektiv ‚unbekannt‘ im Untertitel der Familiengeschichte bedeutet also nicht nur, dass bislang unbekannte Fakten aufgrund neuer Dokumente und Archivfunde präsentiert würden. Mindestens so wichtig ist der Aspekt, dass das Unbekannte an der Geschichte auch ihre Fiktionalität ist. So entsteht Literatur als ambivalente Struktur von Stein und Seele, Wirklichkeit und Traum, Normalität und Phantastik, Ordnung und Anarchie.“

Jan Mareš über Waic (21. 12. 2015)

Das neue deutsch-tschechische Echo stellt Marek Waic' Arbeit Tělovýchova a sport ve službách české národní emancipace (Sport und Sporterziehung im Dienste der tschechischen nationalen Emanzipation, Praha, Karolinum 2013) vor, die sich mit dem tschechischen Sportverein Sokol und den tschechischen Sportaktivitäten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt. Das Thema mit seinem bedeutenden Potential, Erkenntnisse über die Herausbildung nationaler Stereotypen zu gewinnen, bleibt dabei laut Autor der Rezension unausgeschöpft: „Der Studie mangelt es an der reflexiven oder dialogischen Dimension, die für eine wissenschaftliche Arbeit unentbehrlich ist. Die Deskription überwiegt die Interpretation, oft wird diese sogar von jener komplett überlagert. […]Es entsteht also der Eindruck, als wäre schon alles gesagt (und beschrieben) worden und es bestehe keine Notwendigkeit, das komplizierte Verhältnis zwischen nationaler Emanzipation und Sport zusammenzufassen oder zumindest mögliche Fragestellungen für weitere Forschung zu skizzieren. […] Hätte Waic […] die Entstehung nationalistischer Argumentationen und ihrer (Nicht)Erfüllung in der konkreten Politik verfolgt – oder die Presseplattformen systematisch vorgestellt, die die Sporterziehung, den Sport, aber auch die nationale bzw. Sportöffentlichkeit beeinflusst haben, wäre die Studie zweifellos ein gewichtiger Beitrag zur (tschechischen) Geschichtswissenschaft geworden. Stattdessen hat er jedoch eine Abhandlung über die Sportgeschichte in Zeiten des Nationalismus vorgelegt, die aus den verwendeten Quellen die nationalistische Betrachtungsweise übernommen hat, ohne sie einer kritischen Reflexion zu unterziehen.“

M. Špirit über den deutsch-tschechischen J. Čapek (9. 12. 2015)

Das neueste – rein tschechische – Echo stellt eine deutsch-tschechische Auswahl der Lyrik Josef Čapeks vor. Die Texte, die der Autor für seine Mitgefangenen im KZ Sachsenhausen zwischen Juni 1942 und Februar 1945 verfasste, haben sich erhalten (J. Čapek verstarb wahrscheinlich in Bergen-Belsen im April 1945) und wurden 1946 herausgegeben. Die Auswahl Gedichte aus dem KZ besorgten nun Jiří Opelík, der auch das Vorwort schrieb, und der Übersetzer Urs Heftrich; der Verlag Arco gibt sie mit der Jahresangabe 2016 als 10. Nummer seiner Reihe Bibliothek der Böhmischen Länder heraus. „Die Publikation ist in mehrererlei Hinsicht außerordentlich. Nach den Zwischenkriegsübersetzungen von Povídání o pejskovi a kočičce (Geschichte vom Hündchen und vom Kätzchen, veröffentlicht unter dem Titel „Schrupp und Schlipp“, 1933) und Stín kapradiny (Schatten der Farne, 1936) ist dies die erste eigenständige Buchveröffentlichung Josef Čapeks auf Deutsch. Es handelt sich um eine zweisprachige Ausgabe, die bahnbrechend für die deutsche wie die tschechische Öffentlichkeit ist. … Die Auswahl nahmen Opelík und Heftrich in Hinblick auf ein deutsches Publikum vor, sie kann jedoch auch für ein tschechisches Publikum reizvoll sein. … Die Originale der Blätter mit Čapeks Gedichten werden als farbige Faksimiles abgebildet. Die Handschrift ist gut leserlich und die Bedeutungen der unter wachsender Lebensbedrohung verfassten Verse werden so verstärkt durch die physische Gestalt der Schrift, die nicht nur dem Muttersprachler gut zugänglich ist, sondern durch ihre Sparsamkeit, ihre klaren Züge und ihr Streben nach der bestmöglichen Platzierung einiger Ausdrücke auch dem verständlich, der kein Tschechisch spricht.“

Paul Leppin über die Prager Bohème (7. 12. 2015)

Mit seiner 1921 in der Prager Presse abgedruckten Erinnerung an die Prager Bohème erinnern wir in einem neuen Echo an den Prager deutschsprachigen Schriftsteller Paul Leppin (1878–1945). Der Prosaschriftsteller und Lyriker „suchte Zeit seines Lebens Kontakt zu tschechischsprachigen Kollegen, schon in jungen Jahren hatte er begonnen, für deutsche Blätter tschechische Literatur zu rezensieren, wagte selbst Übersetzungen (z. B. ein Gedicht von Otokar Březina) und war u. a. Mitarbeiter der Moderní revue. Es widerstrebte ihm, dass ‚sich die deutsche Schriftstellerkolonie auf dem feindlichen Boden der slawischen Stadt in spleeniger Eigenbrötelei [begrub]‘.“ Über die – nicht ausschließlich deutschsprachige –Prager Bohème  schreibt er: „Es war eine rauhbeinige Gesellschaft, die damals in den Kneipen und Weinschänken Altprags die Nächte vergeudete. Ohne die Zusammenhänge starker Prinzipien, ohne Zugehörigkeit, ohne gemeinsames Kunstmaß fanden sich alle in einer Art ekstatischer Lebensbejahung, die ihre unbürgerlichste Tugend war. Der Humor, der zum guten Teile in der Frechheit der Jugend wurzelte, lieh den Zusammenkünften Folie und Programm, der Dalles, ihr unentrinnbarer Begleiter, hielt abenteuerliche Radaulust auf einer erträglichen Linie.“

Tilman Kasten über Adler, Canetti und Steiner (23. 11. 2015)

Das neue deutsch-tschechische Echo stellt den Sammelband Literatur und Anthropologie vor, der sich der Londoner Zeit und den Beziehungen zwischen H. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner widmet (Hsg. Jeremy Adler u. Gesa Dane, Göttingen: Wallstein Verlag, 2014). Den engeren historischen Kontext der Sozialanthropologie und der Ethnologie berücksichtigt dabei laut Rezensent nur eine Reihe von Studien. Der Sammelband wird beschlossen durch zwei Artikel, die sich mit der Prager Welt befassen: „Hans Dieter Zimmermann rekapituliert Aspekte der Sozialgeschichte des Milieus der Prager deutschsprachigen jüdischen Literatur und vertritt [...] die These, dass ein „anthropologische[r] Blick“ (S. 256) erst in der Prager Generation von H. G. Adler und Steiner [...] zu erkennen sei; Vertreter der älteren Generationen seien hingegen ästhetischen, philosophischen, theologischen und politischen Überlegungen nachgegangen.“ T. Kasten fordert zu einer systematischeren und tieferen Reflexion dieser Fragen auf: „Berührt etwa Max Brods und Felix Weltsch’ Anschauung und Begriff nicht auch anthropologische Aspekte im weitesten Sinne? Ließen sich nicht gerade in Kafkas Werken anthropologische Interessen als zentrales Moment ausmachen?“

Jan Budňák über eine deutsch-mährische Anthologie (9. 11. 2015)

Jan Budňák stellt im neuen deutsch-tschechischen Echo zur Anthologie der deutschmährischen Literatur (Hg. Lukáš Motyčka u. Barbora Veselá, UP Olomouc 2014) die Frage auf, „ob Anthologien gänzlich an kanonischen Texten vorbei konzipiert werden können“, und nähert sich den Strategien des vorgestellten Bandes an: „Durchaus, lautet die hier vorgelegte Antwort, nämlich als Anthologien ‚unter dem Kanon‘, als Archäologie neuer Namen, und zugleich ‚über dem Kanon‘, als Freilegung neuer, vielleicht ästhetisch gehaltvoller Dimensionen bekannter Namen.“ Die zweisprachige Ausgabe, die an der Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur in Olomouc entstand, umfasst kürzere Prosatexte von fast dreißig AutorInnen, unter ihnen etablierte Namen wie Robert Musil, aber beispielsweise auch den fast unbekannten Eduard Kulke. – Der Autor des Echos Jan Budňák hält morgen, am 10. 11., einen Vortrag über die „Brünner Romane der ‚mährischen Moderne‘“ im Österreichischen Kulturforum Prag.

Ladislav Futtera über böhmische Bibliografie (26. 10. 2015)

Das neue germanobohemistische Echo erfasst das Potenzial der umfangreichen kommentierte Bibliografie mit dem Titel Die böhmischen Länder in den Wiener Zeitschriften und Almanachen des Vormärz (bisher 3 Bde., Wien, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2011–2014), die von Gertraud Marinelli-König vorbereitet wurde. „Die Arbeit gibt unter einem bislang kaum beachteten Aspekt Einblick in die Zeit der Verfeinerung und allmählichen Emanzipation der einzelnen Nationalkulturen, die jedoch im Vielvölkerstaat der Habsburgermonarchie bis dahin nicht abgegrenzt nebeneinanderstanden, sondern durchlässig füreinander waren. Aus den Quellen wird deutlich, dass es zwischen Wien und den böhmischen Ländern rege kulturelle Kontakte gab: Die Wiener Zeitschriften nahmen unter anderem regelmäßig Notiz vom Programm der Prager Theater und veröffentlichten auch Rezensionen zu tschechischsprachigen Aufführungen. Gleiches gilt in Bezug auf die kulturelle Durchdringung der beiden in Böhmen beheimateten Landessprachen.“

Michal Topor über Studien zu Sprache und Nation (12. 10. 2015)

Das neue deutsch-tschechische Echo stellt den Sammelband Sprache, Gesellschaft und Nation in Ostmitteleuropa vor (Hg. Klaas-Hinrich Ehlers, Marek Nekula, Martina Niedhammer und Hermann Scheuringer, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2014). „Dem allgemeinen, im Titel nur geographisch auf das Gebiet des östlichen Teils Mitteleuropas abgegrenzten Thema wird die tragende Dialektik durch den Untertitel (Institutionalisierung und Alltagspraxis) gegeben: Die Sprache, bzw. Sprachsituation und -praxis, werden beobachtet als Gegenstand ideell und politisch motivierter amtlicher oder anderer Pläne und Interventionen, mutmaßlich optimierender, kultivierender oder standardisierender Reglementierungen.“

Fritz Mauthner über Berlin (29. 9. 2015)

Das neue deutsch-tschechische Echo stellt einen der „Berliner Briefe“ vor, mit denen Fritz Mauthner (1849–1923) nach seiner Übersiedelung von Prag nach Berlin zur Prager Tageszeitung „Bohemia“ beitrug. Obgleich die Tatsache von Mauthners damaligem Ortswechsel bekannt ist und oft erinnert wird, blieb der Kontakt mit Böhmen, den der Schriftsteller und Philosoph aus dem ostböhmischen Hořice (Horschitz) mithilfe dieser „Briefe“ noch anderthalb Jahre (bis Anfang 1878) aufrecht erhielt, auf wundersame Weise bislang unbeachtet. Teil des Echos, das wir kurz vor der Ausrichtung des Symposiums Fritz Mauthner im deutsch-tschechischen Kontext (Ústí nad Labem, 16.–17. 10. 2015) veröffentlichen, ist die bibliographische Zusammenstellung jener Artikel.

Manfred Weinberg über Johannes Urzidil (14. 9. 2015)

In der renommierten Reihe Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert, die der Böhlau-Verlag herausgibt, erschien mit dem Untertitel Ein „hinternationaler“ Schriftsteller zwischen Böhmen und New York ein Johannes Urzidil gewidmeter Band (Hg. Steffen Höhne, Klaus Johann und Mirek Němec, 2013). „Urzidil war mit Max Brod und schließlich Lenka Reinerová ein spät Zeugnis ablegender Zeitgenosse der ‚Prager deutschen Literatur‘, und er hat so deren Bild mitgeprägt. In Zeiten, in denen sich die Forschung um eine neue Profilierung dieser Literatur bemüht, wäre es somit entscheidend, diese Rolle Urzidils noch einmal zu befragen“, schreibt der Autor des neuen deutsch-tschechischen Echos, und konstatiert jedoch: „Es ist schon bemerkenswert, dass die klarsten Worte, die sich im Band dazu finden, Zitate von Peter Demetz aus dem Jahr 1999 (!) sind.“

Martin Vavroušek über die Prager jüdische Moderne (31. 8. 2015)

Das neueste deutsch-tschechische Echo informiert über einen Workshop zu den Prager Figurationen jüdischer Moderne, der im Februar diesen Jahres in Tübingen abgehalten wurde. Das Treffen, das vom Slavischen Seminar der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Germanische Studien der Prager Karlsuniversität ausgerichtet wurde, widmete sich einigen Aspekten der jüdischen Moderne in Prag, der Verknüpfung und Beeinflussung der tschechischen Literatur durch den deutschen kulturellen Kontext in Böhmen um 1900 herum ebenso wie der Analyse und dem Transfer charakteristischer Stoffe und Motive in den tschechoslowakischen Underground und die tschechische Gegenwartsliteratur. In der Diskussion klang an, „dass der Einfluss des technischen, wirtschaftlichen und ökonomischen Aufschwungs in der damaligen Tschechoslowakei auf die tschechische und die jüdisch-deutsche Kultur in Böhmen in der Forschung oft unterschlagen wird. Erst eine möglichst vollständige Rekonstruktion des zeitspezifischen Kontextes, in dem die Akteure agierten, ermögliche es, die Spuren der Denkfiguren, wie auch die Stellungen der Juden zwischen der deutschen und der tschechischen Kultur angemessen beurteilen zu können“.

Marie Rakušanová über Sawickis „Osma“-Monografie (17. 8. 2015)

Das neue germanobohemistische Echo widmet sich den deutsch-tschechischen Aspekten des Buches Na cestě k modernosti (Auf dem Weg zur Moderne, Prag, FF UK 2014), in dem sich der US-amerikanische Historiker und Kunsttheoretiker Nicolas Sawicki mit der Künstlervereinigung Osma auseinandersetzt, die im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts moderne europäische Strömungen ins tschechische Umfeld einführte. „Am spannendsten sind die Passagen“, so Rakušanová, „in denen Sawicki mit der Wissbegier eines Ausländers historische Zusammenhänge des kulturellen Lebens in Prag und den böhmischen Ländern jener Zeit offenlegt, als die Künstler der Gruppe Osma die Szene betraten. Seine ausführlichen Analysen der kulturellen Beziehungen zwischen Tschechen, Deutschen und Juden schildern detailliert ein Milieu, zu dem das Neuerertum von Osma in scharfem Kontrast stand. Die tschechische Kunstgeschichtsforschung nimmt die Ergebnisse ähnlicher Analysen als etwas Selbstverständliches hin, Sawicki zeigt jedoch, dass es Sinn macht, herkömmliche Vorstellungen zu überprüfen. […] Sawicki führt [...] anhand eingehender Analysen künstlerischer Werke wie auch zeitgenössischer Rezensionen und Polemiken anschaulich vor Augen, wie wenig selbstverständlich die deutsch-tschechisch-jüdische Gemeinschaft von Osma in der Prager Kulturszene des beginnenden 20. Jahrhunderts war.

Václav Maidl über Skripte zur deutschen Literatur (3. 8. 2015)

„Was ist besser? Eine nur einem Teil entsprechende Information, oder gar keine Information?“ fragt sich angesichts von Jaroslav Kovářs Hochschulskripten zuAutoren und Werken der Deutschsprachigen Literatur seit 1933 bis zur Gegenwart (2014) der Verfasser des neuen deutsch-tschechischen Echos. Die für HörerInnen der Brünner Germanistik gedachte Abhandlung versucht auf 70 Seiten, „in kurzen übersichtlichen Kapiteln den Studenten die jeweiligen für bestimmte Zeitabschnitte charakteristischen Strömungen der deutschsprachigen Literatur“ näherzubringen („z. B. für die Zeit 1933–45 Entartete Kunst – Blut-und-Boden-Literatur – ‚innere‘ Emigration – Exilliteratur“), und bemüht sich hierbei, „die Unterschiede in der Literatur der einzelnen Länder herauszuarbeiten (Deutschland, Österreich, Schweiz, die Literatur der DDR)“. Ein eigenes Kapitel ist den auf Deutsch schreibenden Autoren der böhmischen Länder gewidmet. Die notgedrungen selektive und lückenhafte Auslegung hat laut V. Maidl seine Berechtigung, da „tschechische Studierende mit Beginn ihres Germanistikstudiums eigentlich erstmals mit deutschsprachiger Literatur in Berührung kommen. Der Autor will mit seinem Skript ein allererstes Grundraster bilden, erste Ecksteine abstecken auf dem unübersichtlichen, bzw. für Studenten bislang unbekannten Feld.“

Hans Natonek über das Gespenstische Prag (20. 7. 2015)

Eine Serie von deutsch-tschechischen Echos über Hans Natonek wird abgeschlossen durch den Essay Gespenstisches Prag, den der Prager deutsche Autor Anfang Mai 1939 in dem in Paris erscheinenden Exilblatt Österreichische Post publizierte. Julia Hadwiger weist in ihrer Einleitung auf die zahlreichen Abweichungen im Wortlaut des Textes hin, wie er in der Auswahl aus Natoneks Publizistik Letzter Tag in Europa enthalten ist. Natonek erinnert in seinem Text an die Atmosphäre Prags mit seiner tschechisch-deutsch-jüdischen Literatur und erhellt die weitreichende Veränderung dieser Atmosphäre mit der Besetzung der Tschechoslowakei durch die deutsche Armee: „Der 15. März 1939 war der Todestag dieser Literatur; buchstäblich. Von Angst gejagt, stürzten sich Tausende: Antiquare, Buchhändler, Sammler und Leser in ein freiwilliges Autodafé dieser und aller »suspekten« Literatur. Kein Goebbels brauchte zu kommen, um Bücher zu verbrennen. Sie brannten von selbst. Tausende Oefen qualmten zur gleichen Morgenstunde; die Kessel der Zentralheizungen bekamen literarische Nahrung. Tausende Klosetts waren von zerrissener Literatur verstopft. Es stank zum Himmel, es war der 15. März ... Mit dem Einmarsch öffnete sich die Kloake, und die Panikbesessenen schütteten ihre Vergangenheit, ihr Selbst in die Abort-Schüssel. Nachher hatten die Installateure zu tun. So sieht der Schrecken aus, der diesen Eroberern vorangeht.“

Jiří Stromšík über Kurt Krolop (6. 7. 2015)

Als neuestes deutsch-tschechisches Echo erscheint der Festvortrag, den Jiří Stromšík bei der Eröffnung der Kurt Krolop Forschungsstelle für deutsch-böhmische Literatur anlässlich Krolops 85. Geburtstag hielt. Der deutschböhmische Germanist, zu dessen Ehren das neue Zentrum benannt ist, das sich für die die Forschung zur Prager deutschen Literatur bzw. der deutschsprachigen Literatur aus Böhmen im Kontext der mitteleuropäischen Kulturgeschichte einsetzt, beteiligte sich in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts an der Einrichtung einer systematischen Erforschung der deutschsprachigen Literatur der böhmischen Länder. Daneben widmete sich Kurt Krolop ein Leben lang dem Werk von Karl Kraus – Jiří Stromšík schreibt: „Karl Kraus stellte und stellt für Kurt Krolop offensichtlich die überzeugendste Verkörperung kritischen Denkens dar – eines Denkens, das sich von keinen Klischees oder Stereotypen täuschen, aber auch von keinen Glaubenssätzen oder Ideologien verführen läßt, sondern stets bemüht ist, unter die Oberfläche des Textes vorzudringen, um dort eine neue, von anderen bisher unerkannte Wahrheit zu finden. Etwas unterscheidet allerdings Krolop von Kraus wesentlich: Der Kritizismus des Ersteren ist nicht von Angriffslust, um nicht zu sagen Aggressivität des Letzteren getragen (und schon gar nicht von dessen richtendem, ekstatischem Moralismus) – Krolops Kritizismus will den Gegenstand der Kritik nicht ‚demolieren‘, sondern besser verstehen.“

Tilman Kasten schreibt über das Buch von K. Lahl (22. 6. 2015)

Zu der Debatte um die Aufweichung der Dichotomie von einer Prager und einer regionalen, „sudetendeutschen“ Provinzliteratur zugunsten einer einzigen deutschsprachigen Literatur Böhmens und Mährens bietet Kristina Lahls Dissertation Das Individuum im transkulturellen Raum einen neuen Beitrag; sie ist mit dem Untertitel Identitätsentwürfe in der deutschsprachigen Literatur Böhmens und Mährens 1918–1938 im Bielefelder Verlag Transcript erschienen (2014). Tilman Kasten argumentiert in seinem deutsch-tschechischen Echo: „Die angestrebte Betrachtung der Prager sowie der ‚sudetendeutschen‘ Literatur im Kontext einesterritorialen literaturgeschichtlichen Zugriffs erscheint prinzipiell sinnvoll, doch die Art und Weise, wie Lahl die Zugehörigkeit der Texte zu jenem Raum (und so die Kongruenz der zu einer Literaturlandschaft gehörenden Texte) begründet, ist weniger überzeugend“. Bei sehr verschiedenen Texten von AutorInnen mit verschiedenem Bezug zum Raum der böhmischen Länder gelinge es Lahl nur mit Mühe, „allein anhand des abstrakten inhaltlichen Aspekts der Individualitätsproblematik und unabhängig vom Auftreten böhmischer oder mährischer Realien“ das postulierte Spezifikum des Raums zu erhellen. 

Štěpán Zbytovský schreibt über Kafkas Rätsel (8. 6. 2015)

Das neue deutsch-tschechische Echo analysiert Gerhard Riecks Buch Kafkas Rätsel (Würzburg, Königshausen & Neumann 2014), das laut Untertitel zu Leben, Werk und seiner Interpretation nicht nur Fragen, sondern zugleich auch Antworten anbietet. Die Publikation des österreichischen Publizisten und freien Kafkologen neigt mit der Ambition einer komplexen und ganz originären Leistung „zum Konstrukt der Schriftsteller-Psyche als zentraler Bezugsgröße“ der Auslegung: Kafkas angebliches „Trauma der Entfremdung gegenüber den Eltern, das Trauma der Sexualität [...] und die daraus hervorgehenden Spannungen zwischen Über-Ich und Ich sowie die sadomasochistische Dialektik von Kafkas Neigungen“ bringen in die Texte mittels „therapeutischer Sublimierung praktisch alle denkbaren Konstellationen und Charaktere der Figuren [ein]: Asketismus, Inzest, homoerotische Andeutungen, und K. wird zur Chiffre für Christus und zum Ventilder traumatischen Beziehung zu den eigenen jüdischen Wurzeln.“ Abschließend bemerkt Štěpán Zbytovský: „Dass ein Verlag, der als kompetent im Bereich der Geisteswissenschaften gilt, dieses Buch in sein Programm aufgenommen hat, lässt sich als eine sichtbare Folge der massiven Reduktion von Lektoratsarbeit bei vielen Verlagen erklären.“

I. Fiala-Fürst schreibt über Prag und Provinz (25. 5. 2015)

In den Beiträgen des Sammelbands Prag – Provinz , der die Relevanz der tradierten Grenzen zwischen dem Prager Zentrum und den böhmisch-mährischen Provinzgebieten auf den Prüfstand stellt, findet die Autorin des neuen deutsch-tschechischen Echos wertvolle Ansätze einer ‚Neubestimmung‘der deutschböhmischen Literatur (die Prager deutsche inbegriffen) als Forschungsgegenstand“. Ingeborg Fiala-Fürst sieht den Band, der Beiträge einer 2011 in Liberec ausgerichteten Konferenz versammelt (Arco Verlag, 2014), als Teil einer Diskussion, in der sich in den letzten Jahren die „Verlegung, Aufweichung oder gar Beseitigung der Grenzen zwischen ‚der‘ Prager deutschen und der umliegenden ‚provinz-deutschen‘ Literatur der böhmischen Länder“ realisiere; zugleich belegt sie anhand des Bands die „Bereicherung der Forschungsmethoden um kulturgeschichtliche, literatursoziologische, rezeptionsästhetische, medienspezifische Fragestellungen“ und die „maßgebliche Erweiterung des Korpus‘ der behandelten Texte.“

J. Budňák schreibt über die Tschechen und Die Zeit (11. 5. 2015)

Das neue germanobohemistische Echo nähert sich zwei komplementär gefassten Publikationen, die sich den Beziehungen zwischen der Wiener modernistischen Zeitschrift Die Zeit und der tschechischen bzw. mitteleuropäischen Moderne annähern: Als HauptautorInnen und -herausgeberInnen verantwortlich für die Bücher von 2011 und 2013, die den ersten Teil des Titels Die Wiener Wochenschrift Die Zeit (1894–1904) gemein haben, zeichnen Lucie Merhautová und Kurt Ifkovits. „Die Frage des Transfers, um die es hier geht“, so Budňák in seinem Echo, „verstehen die Herausgeber nicht nur als ein literarisches Problem, sondern im breiten, auch politischen und weltanschaulichen Sinne, als ein kulturelles Problem. […] Merhautová und Ifkovits erliegen aber nicht der idealisierten Vorstellung von reibungsloser Übertragung von Kulturgut zwischen Zentren und Provinzen, zwischen verschiedenen Nationalkulturen oder zwischen dominierenden und progressiven Diskursen. […] Missverständnisse, unterschiedliche Erwartungen und daraus resultierende Enttäuschungen, das Auseinandergehen und Zurückkehren wie auch das gegenseitige bewusste Ausnützen und das Finden eigener Strategien sind für den Vermittlungsprozess oft symptomatischer als der Wille zur Annäherung im Sinne des Pathos der Vermittlung.“

Die germanobohemistischen Echos als Buch (28. 4. 2015)

Als E-Book erschienen sind die Echos 2014: Das Buch bündelt den ersten Jahrgang der Rezensionsbeiträge und Artikel zu den deutsch-tschechischen Literatur- und Kulturbeziehungen. Das Institut für Literaturforschung arbeitet bei der Herausgabe der Echos mit dem Institut für germanische Studien der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Prag sowie mit dem Österreichischen Kulturforum Prag zusammen. Die germanobohemistischen Beiträge, die im Verlauf des vergangenen Jahres auf Tschechisch und Deutsch auf den Seiten des Instituts für Literaturforschung erschienen sind, widmen sich vornehmlich den wissenschaftlichen Anstößen zur Problematik der deutschsprachigen Literatur der böhmischen Länder. – Das Buch ist kostenlos auf den Seiten des IPSL sowie bei den tschechischen Distributoren (z. B. Kosmas) erhältlich.

Lucie Merhautová schreibt über Rilke und Vrchlický (27. 4. 2015)

Explizite Belege für das Verhältnis R. M. Rilkes zu Jaroslav Vrchlický gab es bisher nur zwei: ein Gedicht, das den Dichternamen im Titel trug und in der Sammlung Larenopfer (1895) erschien sowie ein Brief Rilkes vom Januar 1896. Lucie Merhautová legt im neuen germanobohemistischen Echo aus der Reihe Es schrieben einen dritten vor, ein Sonett Rilkes nämlich, das in der Gesamtausgabe fehlt und bisher in der Sekundärliteratur vermutlich unberücksichtigt blieb –  es war als Widmung in das Exemplar der Larenopfer eingetragen, das Rilke an Vrchlický zusammen mit einem Brief schickte. In einem eigenständigen Echo stellt Merhautová die positive Rückmeldung auf Vrchlickýs Lyrik von Seiten deutschsprachiger AutorInnen und KritikerInnen und die wachsende Distanzierung der tschechischen Kritik einander gegenüber: „Rilkes Stilisierung als dankbarer Lehrling verfehlte gänzlich die Haltung der Vertreter der tschechischen literarischen Moderne gegenüber Vrchlický. […] Im gleichen Jahr, in dem Rilke Vrchlický ein Exemplar seiner Larenopfer schenkte, lehnte etwa F. X. Šalda [...] den Vergleich mit Goethe ab […] Šaldas Kritik hatte weitreichende Folgen, sie stand in direktem Widerspruch zu Alberts Bemühungen, das hohe Niveau tschechischer Literatur bzw. Kultur einem deutschsprachigen Publikum gegenüber unter Beweis zu stellen. Vrchlickýs Eklektizismus lehnte Šalda ab, nicht nur als ein ästhetisches, sondern hauptsächlich als ein moralisches Problem (als ‚geistige Prinzipienlosigkeit‘), das die ganze tschechische Gesellschaft betreffe.“

Jahresbericht des IPSL für 2014 (24. 4. 2015)

Die Tätigkeit des Instituts für Literaturforschung im vergangenen Jahr fasst der soeben veröffentlichte Jahresbericht zusammen. Das IPSL schloss 2014 erfolgreich ein Forschungsprojekt ab, das zu Jahresbeginn in die Publikation der Monografie Berliner Episoden mündete; seine Reihe literaturwissenschaftlicher Anthologien wuchs im vergangenen Jahr um zwei neue Bände zu Jaroslav Hašek und Jaroslav Seifert. Neben dem bereits traditionellen bohemistischen Forum Echa, dessen Beiträge weiterhin auf der Internetseite des IPSL in wöchentlichem Turnus veröffentlicht werden, erschienen die ersten drei Jahrgänge der Beiträge bereits in Gestalt von E-Books. Hinzu kamen die eigenständigen germanobohemistischen Echos, die auf Deutsch und Tschechisch herausgegeben werden und sich an der Problematik der deutschsprachigen Literatur in den böhmischen Ländern orientieren.

Julia Hadwiger noch einmal über Hans Natonek (13. 4. 2015)

In einem weiteren Hans Natonek gewidmeten Echo nähert sich Julia Hadwiger einer Auswahl an publizistischen Schriften des Autors aus den Jahren 1933 bis 1963, nach einem seiner bekanntesten Essays Letzter Tag in Europa (Leipzig, Lehmstedt 2013) betitelt. Die von der Herausgeberin nach streitbaren Kriterien erfolgte Auswahl bevorzugt Texte zur damaligen Politik, Texte zur Literatur hingegen nur selektiv. In beiden Abteilungen ist (insbesondere in den Jahren 1933–1938) oft von der böhmischen Heimat bzw. Prag die Rede: „Natonek setzt sich darin außer mit der politischen Lage und den Eigenheiten der Stadt auch mit der Auswanderungsproblematik auseinander: ‚Viel hat die Republik verloren, aber im Kern ist sie intakt geblieben. Die Deutschen, die zu ihrer unteilbaren böhmischen Heimat standen, haben dagegen alles verloren; das letzte, was ein Mensch verlieren kann: die Heimat. Sie können jetzt das Lied singen, das erschütterndste, das je aus dem Herzen eines vielgeprüften Volkes kam: Kde domov můj? Wo ist meine Heimat?‘“

Der zweite Band mit Studien O. Fischers erschienen (7. 4. 2015)

Im Verlag der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Prag erscheint der zweite Band ausgewählter Studien Otokar Fischers. Der Band Literární studie a stati II (Literarische Studien und Aufsätze II) umfasst germanistische (Goethe, Nietzsche, Wedekind u. a.) und komparatistische Arbeiten, Aufsätze zu Übersetzungen sowie Artikel über andere Literaturen (z. B. Shakespeare, romanische und nordische Literaturen), des weiteren Studien zu Fragen der literarischen Form und persönlicher aufgeladene Artikel und Erinnerungen. Für die Bearbeitung der Übersetzungen von Fischers Texten, die ursprünglich auf Deutsch und Französisch verfasst wurden, zeichnete das IPSL verantwortlich. Der Inhalt der Bände kann hier bzw. hier abgerufen werden.

Veronika Tuckerová über Kafka-Übersetzungen (30. 3. 2015)

Im Fokus des neuen deutsch-tschechischen Echos stehen ältere und neuere Übersetzungen Franz Kafkas von Milena Jesenská, Willa Muir, Mark Harman und Michael Hofmann, über welche die Anglistin Michelle Woods in ihrer Veröffentlichung Kafka Translated (New York, Bloomsbury, 2014) schreibt. Dabei verhandelt sie weniger das Gelingen dieser Übersetzungen oder die Berechtigung konkreter übersetzerischer Vorgänge, sondern gibt ihren Autoren „Raum, macht sie sichtbar und lässt sie über ihre übersetzerischen Herangehensweisen und Entscheidungen berichten“. U. a. versucht Woods, die allerersten Übersetzungen Kafkas in eine andere Sprache aus der Feder Milena Jesenskás mit Verweis auf ihre „Offenheit gegenüber dem literarischen Experiment und stilistischer ‚Transgression‘“ zu rehabilitieren. Laut V. Tuckerová lässt Woods jedoch „die lange Tradition der Übersetzung aus dem Deutschen ins Tschechische außer Acht, mitsamt ihrer spezifischen stilistischen und syntaktischen Problemen, und mit klarer Sympathie für Jesenská bewertet sie ihre Übersetzung mit heutigen Maßstäben, die Genauigkeit fordern“.

Olga Zitová über T. Pavlíčková (16. 3. 2015)

Im neuen deutsch-tschechischen Echo stellt Olga Zitová eine Veröffentlichung zur Entwicklung des Nationalitätenkonflikts in der Znaimer deutschen Presse 1850–1938 vor. Dabei weiche die Monographie Tereza Pavlíčkovás über die regionalen Periodika während eines verhältnismäßig langen Zeitraums oftmals von ihrem eigenen Thema ab: In ausführlichen Teilen konzentriere sie sich auch auf Bereiche, „die ursprünglich von der Forschung ausgeblendet (die tschechische Presse) oder als marginal bezeichnet (Volkskalender, Vereinspresse) wurden. […] Raum und interpretatorische Anstrengungen, die Pavlíčková für die genannten Bereiche aufbringt, hätten besser in das abschließende Kapitel Eingang finden können, das sie den Jahren der Ersten tschechoslowakischen Republik widmet. […] Die Untersuchungen konzentrieren sich im Unterschied zu den Jahren 1850 bis 1919 nur noch auf ein Periodikum […].“

Arne Novák als Student der deutschen Philologie (2. 3. 2015)

Das neue germanobohemistische Echo erinnert an den Literaturhistoriker und -kritiker Arne Novák, dessen Geburtstag sich heute zum 135. Mal jährt. Der spätere Professor für tschechische Literatur in Brünn (2. 3. 1880 – 26. 11. 1939) richtete sein Prager und Berliner Hochschulstudium in erster Linie auf die „germanische“ Philologie aus (wenngleich er bereits damals Vorlesungen zur tschechischen Literatur besuchte und in Rezensionen die tschechischsprachige Literaturproduktion kommentierte); aufgeschlossen gegenüber dem deutschen Schrifttum (auch böhmischer und mährischer Provenienz) sowie germanobohemistischen Zusammenhängen blieb er auch in den darauffolgenden Jahrzehnten. In der Rubrik „Es schrieben“ veröffentlichen wir einen Brief, den Novák als 20jähriger Student aus Berlin der Schriftstellerin Růžena Svobodová schickte, der Lebenspartnerin F. X. Šaldas. Voller Bewunderung für „Wachstum und Entwicklung der deutschen Philologie“ schreibt er: „Und genau dies fehlt uns in Böhmen: Uns fehlt eine Wissenschaft, welche die tschechische Kultur als solche erfasst und reproduziert, welche einheitlich und im Ganzen ein Bild unseres geistigen Lebens vermittelt, welche die große Persönlichkeit der Nation hinter allem sieht, als mächtiges Movens.“

Neuerscheinung mit Arbeiten Otokar Fischers (19. 2. 2015)

Nach Jahrzehnten verschwindend geringer wissenschaftlicher Rezeption sowie überraschender editorischer Untätigkeit ist auf Tschechisch kürzlich im Verlag der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität der erste von zwei Bänden mit Literarischen Studien und Aufsätzen Otokar Fischers (1883–1938) erschienen. Vom Institut für Literaturforschung (IPSL), das 2013 eine internationale Konferenz zu Fischers Vermächtnis mit ausrichtete, wurden für die Edition Übersetzungen von Texten in Auftrag gegeben, die Fischer ursprünglich auf Deutsch oder Französisch verfasst hatte. Der Band Literarische Studien und Aufsätze I umfasst neben Studien zu allgemein literaturwissenschaftlichen Fragen Fischers bohemistische Arbeiten und Studien mit tschechisch-deutscher Thematik; man findet hier beispielsweise auch Fischers Aufsätze Vom Unsagbaren, Die Geschichte des Doppelgängers oder Die Träume des Grünen Heinrich.

Michal Topor über ausgewählte Werke M. Brods (16. 2. 2015)

Im Zentrum des neuesten Echos steht Max Brod, dessen Ausgewählte Werke der Wallstein Verlag seit 2013 sukzessive herausgibt. Im letzten Jahr neu erschienen sind u. a. Über die Schönheit häßlicher Bilder. Essays zu Kunst und Ästhetik sowie der Roman Stefan Rott oder Das Jahr der Entscheidung. Brod, so die These in Lothar Müllers Vorwort, habe gerade durch seine Zeitungsprosa, die der erste Band in einer Auswahl zeigt, zwischen Scharfblick und lockerer Schreibhand einen neuen Typus des (großstädtischen) Schriftstellers mit etabliert. Topor deutet hier auf eine Lücke in der Aufarbeitung von Brods Einfluss gerade in der Prager sprachübergreifenden Kultur vor dem Ersten Weltkrieg hin und findet Ungereimtheiten in der Frage, ob Brod tatsächlich eine „gesamte deutschsprachige Öffentlichkeit“ mit seinem Schreiben im Sinn gehabt habe, wie Müller es nahelegt. Trotz der begrüßenswerten Neuerscheinung bleibt das Bedauern über die Zufälligkeit der Auswahl und ihre mangelnde wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit.

Neuerscheinung des IPSL (3. 2. 2015)

Soeben auf Tschechisch erschienen ist Michal Topors Buch „Berlínské epizody“ (Berliner Episoden). Die Monografie mit dem Untertitel „Ein Beitrag zur Philologiegeschichte in Böhmen und Mähren 1878–1914“ skizziert anhand von originalem und bislang weitgehend unveröffentlichtem Archivmaterial (Universitätsregister, Korrespondenzen, Aufzeichnungen o. ä.) die Berlinreisen und -aufenthalte tschechisch- wie deutschsprachiger Studenten und Wissenschaftler aus Böhmen und Mähren. Angehörige beider Gruppen konnten in Berlin Karl Müllenhoff, Wilhelm Scherer, Erich Schmidt, Karl Weinhold, Gustav Roethe und anderen begegnen. Überaus attraktiv für Philologen waren in Berlin auch die universitäre Lehre und die Wirkstätten der Orientalistik und der klassischen Philologie, verkörpert durch namhafte Gelehrte wie Hugo Winckler, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff oder Friedrich Delitzsch. Gerade dank der Zeugnisse tschechischer Studenten und Wissenschaftler liefert das Buch einen grundlegenden Beitrag zur Erkenntnis über die Anfänge der philologischen Fächer in den böhmischen Ländern wie auch im universitären Milieu Berlins, und das zur Zeit ihrer wesentlichen Umwandlung, ihres Suchens und Findens moderner methodologischer Ansätze.

Julia Hadwiger über Hans Natonek (2. 2. 2015)

Das neue deutsch-tschechische Echo erinnert an Hans Natonek (1892 in Prag – 1963 in Tucson, Arizona), der das Schicksal vieler im Dritten Reich exilierter Autoren teilt, in der Nachkriegszeit nicht neu verlegt worden und in Folge in Vergessenheit geraten zu sein. Der Leipziger Lehmstedt-Verlag macht sich um die Wiederentdeckung dieses jüdischen Schriftstellers verdient, und Steffi Böttger, Autorin der Biografie Für immer fremd (2013), gelingt laut Julia Hadwiger ein spannender, frischer Blick auf Natoneks Leben. Zu bemängeln sei jedoch manche Ungenauigkeit, beispielsweise blieben Lücken „in Bezug auf den familiären Hintergrund in der Biographie [...]. Diese Fehlstelle hätte sich durch Recherchen in tschechischen Archiven vermutlich leicht schließen lassen, wie z. B. durch die Konskriptionslisten der Prager Polizeidirektion, die im Nationalarchiv in Prag aufbewahrt werden und mittlerweile digitalisiert und online zugänglich sind“.